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Das dritte Quartal

Was war los auf diesem Blog im abgelaufenen Quartal? Ein paar Zahlen.

Im dritten Quartal 2012 verzeichnet Google Analytics für den Wirtschaftswurm 20.531 Besuche. Das sind 8,1% mehr als im Vorquartal. Die Zahl der Seitenaufrufe stieg sogar um 8,9% auf 31.326. Bei einer gleich bleibenden Zahl neuer Artikel (nämlich 18) konnte ich damit wie in jedem Quartal wiederum Steigerungen verzeichnen. Der Anteil der Besuche aus Deutschland war mit 86,7% etwas höher als im Vorquartal.

Wie bereits zuvor wurde der Februar-Artikel „Sollen Frauen sich die Brüste vergrößern lassen (dürfen)?“ am meisten aufgerufen: 3980-mal. Auf den Plätzen zwei bis zwölf folgen:

  1. Zusammenbruch der Eurozone – ja und? (vormals auf Platz 3)
  2. Die zehn gefährlichsten Blogger Deutschlands (neu)
  3. Olaf Storbeck gegen Hans-Werner Sinn – nächste Runde (neu)
  4. Wie man die Eurozone verlässt – Grundlagen (neu)
  5. Deutschland ist nun verpflichtet, die Eurozone zu verlassen (neu)
  6. Wie man die Eurozone verlässt – Der Ablauf und die erforderlichen Maßnahmen (neu)
  7. Wirtschaftswachstum mal langfristig (vormals auf Platz 2)
  8. Vermögensabgabe als realistische Alternative (neu)
  9. Die unbeschränkte Haftung durch den ESM (vormals auf Platz 4)
  10. Unendliche Risiken? Zur Anhörung vor dem Bundesverfassungsgericht (neu)
  11. Blogparade: Ist der Finanzsektor zu groß? (neu)

Das Thema „Ausscheiden aus der Eurozone“ findet sich in verschiedenen Varianten gleich viermal in den Top 12.

Die wichtigste Besucherquelle war die Google-Suche (8142 Besuche, -5,1%). 4007 Besuche (+14,6%) fanden direkt und ohne Verweis zum Wirtschaftswurm. Weitere wichtige Besucherquellen waren Links auf folgenden Seiten:

  1. Cashkurs.com, die Seite von Dirk Müller
  2. Google-Dienste neben der Suche
  3. Twitter bzw. sein Kurz-URL-Dienst
  4. Net-News-Express
  5. Wirtschaftsfacts.de
  6. Rivva.de
  7. Facebook

Die Plätze 1 bis 5 sind dabei unverändert zum Vorquartal.

Das Potenzial von Facebook als Besucherquelle habe ich sicherlich noch nicht ausgeschöpft. Darum habe ich mir vor Kurzem eine eigene Facebook-Seite zum Blog eingerichtet. Hier erscheinen nun Hinweise auf neue Blogartikel und andere interessante Nachrichten.

Ist der Finanzsektor zu groß? Die Blogparade

„Ist der Finanzsektor zu groß?“, hatte ich vor gut einem Monat die Wirtschaftsblogger gefragt und damit eine Blogparade gestartet. Sieben Blogger haben Antworten gegeben, zum Teil sogar mehrere Artikel zum Thema geschrieben. Das sind mehr als ich erwartet habe. Auch die Qualität der Beiträge ist beachtlich. Im Folgenden nun ein mit meinen eigenen Wertungen gemischter Überblick über die Beiträge der Wirtschaftsblogger.

Interessanterweise drücken gleich vier der sieben Blogger, nämlich Benjamin Schäfer, Dirk Elsner, Wirtschaftsphilosoph und Patrick Seabird, Vorbehalte gegen meine Fragestellung aus. Am schärfsten formuliert hier Benjamin: Die Frage sei unpräzise, unwissenschaftlich und dazu noch suggestiv.

Nun, Suggestion habe ich nicht beabsichtigt, eine gewisse Unschärfe allerdings schon. Ich wollte den Bloggern Freiraum lassen, die Frage selbst zu präzisieren, selbst zu überlegen, welcher Aspekt des Finanzsektors wichtig ist.

Patrick Seabird hat noch andere Bedenken: Beantwortet man „Ist der Finanzsektor zu groß?“ pauschal mit Ja, könnte man auf gefährliche Ideen kommen. Er verweist auf Kambodscha, die Roten Khmer. Die hatten in den 70er Jahren gemeint, die Städte sind zu groß, und die Städter mit äußerster Brutalität und verheerenden ökonomischen Konsequenzen aufs Land getrieben und zu Landarbeit gezwungen.

Patricks Einwand mahnt eindringlich Bankenkritiker zu einer differenzierten Betrachtung. „Auch der Finanzsektor ist produktiv.“ Das stimmt. Andererseits reicht mir Patricks „Wir haben ihn so groß gemacht“ nicht als Rechtfertigung. Nicht alles, was geschaffen wurde, war wirklich so gewollt. Man denke an Dr. Frankenstein.

Zu große Komplexität etwa kann dazu führen, dass der Finanzsektor nicht mehr steuerbar ist, beginnt, ein Eigenleben zu führen und Wucherungen zu treiben. Das ist das Thema von sowohl Acemaxx Analytics als auch Mathias Taege. Als J.P. Morgen 2 Milliarden $ Handelsverluste einfuhr, habe das Managementteam der eigenen Bank „Wochen gebraucht, um die Verluste zu verstehen und zu beziffern„, so Acemaxx Analytics. Was tun? „Mit einfachen Regeln … schafft man nicht nur sehr stabile Banken, sondern man schafft es auch, die aufgeblasenen Finanzmärkte zurück zu führen, die nur deshalb so aufgeblasen sind, weil man annahm, dass man sich gegen alles Absichern kann …„, so Mathias Taege.

Für Dirk Elsner sind dagegen die staatlichen Rettungsgarantien für die Banken das Hauptproblem. Auf sie gestützt konnten zumindest einzelne Institute ins Ungesunde wachsen. Ob damit der Finanzsektor insgesamt eine ungesunde Größe erreicht hat, lässt Dirk allerdings offen.

Für Wirtschaftsphilosoph ist diese Frage dagegen klar. Finanzblasen (und die ihnen folgenden Krisen) beweisen hinreichend, dass der Finanzsektor zu groß ist.

Das leuchtet ein. Niemand wird heute bestreiten, dass bis 2007 Hauskredite in den USA zu billig waren, ergo zu viele Kredite vergeben wurden, wodurch die Banken wuchsen. Die Frage ist nur, ob wir heute immer noch Blasen haben. Eine Finanzblase lässt sich ja erst nach ihrem Platzen eindeutig belegen.

Während Acemaxx, Mathias, Dirk und Wirtschaftsphilosph indirekt ableiten, dass der Finanzsektor wahrscheinlich zu groß ist, präsentiert Stefan L. Eichner in zwei Artikeln zahlreiche interessante Daten. So wuchsen in den USA die Spitzeneinkommen im Finanzsektor seit 1979 mit am stärksten, sowohl was ihre Höhe als auch ihre Anzahl betrifft. Interessant finde ich dabei die parallele Entwicklung zum Immobiliensektor, bei dem die Blasenbildung wohl unbestritten ist. Dieses Einkommenswachstum resultierte dabei fast ausschließlich aus dem Investmentbanking (Wertpapiere, Derivate usw.).

Die Artikel der sieben Blogger zeigen: Die Blogparade war ein voller Erfolg. Das ermutigt mich, nun regelmäßig eine solche Parade zu veranstalten, jeden zweiten Monat. Meine nächste Blogparade findet also im November statt.

Peter Bofinger und die Frage: Braucht Deutschland den Euro?

Nach Sarrazin also nun Peter Bofinger. „Zurück zur D-Mark? Deutschland braucht den Euro“ betitelt Bofinger sein Buch über die Eurokrise und macht es schon damit zum Anti-Sarrazin. „Die Welt“ hat nun einen Auszug aus dem Buch veröffentlicht, der nicht ohne meinen kritischen Kommentar auskommen kann.

Hauptthema des Buchauszuges ist die wahrscheinliche Aufwertung einer neuen D-Mark. Dabei kann man bereits Zweifel daran haben, dass eine wiedereingeführte D-Mark extrem aufwerten wird, denn die Fluchtgelder aus Südeuropa sind ja schon hier. Welches Kapital soll nach einem Euroaustritt zusätzlich nach Deutschland strömen und für Aufwertungsdruck sorgen?

Peter Bofinger

Peter Bofinger, Buchautor, Mitglied der fünf Wirtschaftsweisen

Vor allem taugen Bofingers abschreckende Beispiele wenig. Er nennt Japan, China und die Schweiz; Länder, die angeblich durch einen Aufwertungsdruck leiden. Nun, zwei der drei Länder, nämlich China und auch die mit Deutschland besser vergleichbare Schweiz, hatten in den letzten 10 Jahren ein höheres Wirtschaftswachstum als Deutschland. So schlecht lebt es sich also mit einer im Wert steigenden Währung keineswegs.

Und schauen wir uns einmal Japan genauer an. Der Langfristchart Euro (vormals ECU)/Yen zeigt zunächst einmal keine durchgehende Aufwertungstendenz des Yen (bzw. Abwertungstendenz des Euro/ECU). Es gab vor allem zwei längere Aufwertungsphasen, von 1990 bis 1993 und nun seit 2008. Die erste Phase war zudem zunächst eine Gegenreaktion zur vorangegangenen drastischen Abwertung nach dem Platzen der Immobilienblase 1989.

Noch wichtiger: Die Aufwertungsphasen haben den japanischen Export nicht ernsthaft behindert. Japan hatte erst 2011 zum ersten Mal seit 1980 ein Leistungsbilanzdefizit. Das Defizit 2011 war aber zu einem großen Teil durch den Produktionsausfall nach der Tsunami-Katastrophe verursacht. In all den anderen Jahren lieferte der Außenhandel einen Beitrag zum japanischen Wirtschaftswachstum. Wenn Japan Probleme hat, dann liegen sie woanders.

Folgt man Bofinger, mussten Chinesen, Japaner und Schweizer Devisen ankaufen, um dem üblen Aufwertungsdruck ihrer Währungen zu begegnen. Und indem sie sich damit Dollar- und Euroanleihen beschafften, gingen sie eine Haftungsgemeinschaft mit den USA und der Eurozone ein. Auch ohne Euro, so Bofingers Argument, ist also eine Mithaftung nicht zu vermeiden.

Doch die Devisenkäufe der drei Länder waren nicht ohne Alternative. Sie waren vor allem Lobbypolitik für die Exportindustrie. Daher ist auch die Mithaftung durch den Kauf fremder Staatsanleihen nicht zwangsläufig.

Mir erscheint es schizophren, einerseits die Eurozone in der jetzigen Größe und Ausdehnung zu verteidigen, andererseits aber gegen die einseitige Exportausrichtung der deutschen Wirtschaft zu wettern. Die Währungsunion ist nichts anderes als eine Subvention für die deutsche Exportindustrie, allerdings eine Subvention, die uns teurer zu stehen kommt, als anfangs gedacht.

Im Übrigen könnte man die Leistungsfähigkeit der Devisenmärkte auch durch kluge Regulierung statt durch punktuelle Ankäufe verbessern. Leider hat sich die Wirtschaftswissenschaft mit diesem Thema (zumindest meines Wissens nach) nur wenig beschäftigt. Ich glaube, dass es auf diesem Feld nicht unbedingt um besonders umfangreiche Einschränkungen auf den Devisenmärkten geht, sondern um wenige, aber effiziente. Kontrollen des internationalen Kapitalverkehrs sollten kein Tabu mehr sein.

Oskar Lafontaine und die Lohnnebenkosten

Oskar Lafontaines Rede letzte Woche auf der Tagung „Real World Economics“ beweist (einmal mehr), dass der Saarländer wieder in alter Frische da ist. Deswegen eine kritische Anmerkungen zu seinem Vortrag „10 Jahre Agenda 2010“, den man sich auch als Video im Netz ansehen kann.

Oskar Lafontaine

Oskar Lafontaine 2005

Lafontaine geht auf den Begriff Lohnnebenkosten ein und mit Hinweis auf den Ordoliberalen Alexander Rüstow sagt er: „Lohnnebenkosten gibt es überhaupt gar nicht.“

Nun, in der Buchhaltung der Unternehmen gibt es natürlich die Lohnnebenkosten, nämlich in Form der Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialversicherungen mit Kranken- und Rentenversicherung als größte Brocken. Richtig ist aber, dass für die Unternehmen die Aufteilung der Lohnkosten in Bruttolohn und Lohnnebenkosten keine Rolle spielt. Entscheidend ist nur die Summe. Durch sie sind die Aufwendungen des Unternehmens für einen Arbeitnehmer benannt.

Unter der Annahme vollkommen flexibler Arbeitsmärkte ist diese Summe darüber hinaus völlig unabhängig von den Lohnnebenkosten. Denn jede Senkung der Lohnnebenkosten führt zu einer entsprechenden Erhöhung des Bruttolohns und umgekehrt, so dass die Lohnkosten als Summe gleich bleiben. Warum? Nun, bei vollkommen flexiblen Arbeitsmärkten führen fallende Lohnnebenkosten sofort dazu, dass die Nachfrage nach Arbeit steigt, und dies führt sofort dazu, dass die Arbeitsanbieter mit höheren Bruttolohnforderungen reagieren.

Nun haben wir keine vollkommen flexiblen Arbeitsmärkte und Oskar Lafontaine wünscht sie sich auch gar nicht. Die Lohnkosten steigen mit steigenden Lohnnebenkosten und sinken mit fallenden Lohnnebenkosten. Das macht die ganze Sache kompliziert.

Lafontaine kritisiert die Arbeitgeber, weil sie bloß ihre Aufwendungen für die Arbeitskräfte senken wollen, wenn sie eine Senkung der Sozialversicherungsleistungen fordern. Aus einer anderen Perspektive könnte man aber genauso gut die Arbeitnehmer krisitisieren. Ihnen geht es vielleicht nur darum, den für sie aufgewendeten Anteil am Volkseinkommen zu erhöhen, wenn sie eine Erhöhung der Sozialversicherungsleistungen fordern.

Durch den Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungen wird die Entscheidung über die Sozialversicherungsleistungen auch immer zur Spielwiese für Verteilungskämpfe zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Diese Verquickung macht sachgerechte Lösung aber nicht einfacher. Ich meine, dass unsere Welt schon komplex genug ist und dass die Politik sie nicht noch komplexer machen sollte, indem sie willkürliche Verbindungen zwischen zwei Problembereichen herstellt.

Warum trennen wir also nicht die Frage nach der Höhe von Sozialversicherungsbeiträgen und -leistungen von der Frage nach der Höhe der Löhne bzw. Lohnkosten. Schaffen wir den Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungen ab und kompensieren die Arbeitnehmer dafür, dass sie nun die gesamte Sozialversicherungslast tragen müssen, mit einer einmaligen Erhöhung der Bruttolöhne, so dass sich die Nettolöhne nicht ändern!

Karlsruher Urteil zum ESM: Der Höllenmaschine wurde die Bazooka genommen

Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum ESM fand man in einigen Netzmedien dumme Kommentare zum Thema. Tatsache ist: Dass eine Haftungsobergrenze nun eindeutig festgeschrieben wird, ist nicht belanglos. Zum Thema der gerichtlichen Immunität der ESM-Organmitglieder hätten die Karlsuher Richter aber mehr liefern müssen.

Zum gestrigen Karlsruher ESM-Urteil gabe es kluge und dumme Kommentare. Zu den dümmeren zählte der von Peter Ehrlich in der FTD. Nach Ehrlichs Auffassung hat Karlsruhe nur klargestellt, was eh schon klar war.

Tatsächlich hat das Bundesverfassungsgericht aber festgestellt, dass der ESM-Vertrag zweideutig ist. Einerseits legt er zwar ausdrücklich eine Haftungsobergrenze von 190 Milliarden € für Deutschland fest, andererseits schafft er aber auch die Möglichkeiten, diese Haftungsobergrenze zu umgehen. Und wer die lange Diskussion um den Aufbau einer Euro-Bazooka mit unbegrenzter Feuerkraft kennt, ahnt, dass die Zweideutigkeit durchaus Hintergedanken hatte.

Gut also, dass nun zumindest eine Haftungsobergrenze von 190 Milliarden festgezurrt werden soll. „Schallende Ohrfeige für Wolfgang Schäuble“, so hätte man darum gestern durchaus schreiben können. Denn Schäubles Ministerium war auf deutscher Seite für den zweideutigen Vertragstext verantwortlich. Doch nur Leo Hänel auf Carta macht sich diesen Aspekt zu eigen.

Die Festschreibung der maximalen Haftungssumme erfolgt übrigens nicht durch eine bloße „Mitteilung“ an die anderen ESM-Partner, wie Peter Ehrlich schreibt. Die Erklärung zur Haftungsobergrenze muss laut Bundesverfassungsgericht völkerrechtlich verbindlichen Charakter bekommen. In der Wirkung wird auf diesem Wege der ESM-Vertrag ergänzt und damit geändert. Das gilt genauso für die zweite von Karlsruhe geforderte Erklärung, die die Unverletzlichkeit der ESM-Unterlagen und die Schweigepflicht der ESM-Organmitglieder wieder einschränkt.

Die anderen ESM-Partner könnten der deutschen Ergänzung des ESM-Vertrages widersprechen, so könnte der ESM immer noch scheitern. Man wird es wohl nicht darauf ankommen lassen; aber die Festschreibung der Haftungsobergrenze birgt schon Konfliktpotenzial. Müssen die anderen Länder mehr haften, wenn für Deutschland bei spätestens 190 Milliarden € Schluss ist?

Es ist auf jeden Fall sinnvoll, wenn die Karlsruher Richter in dem Zusammenhang eine Refinanzierung des ESM durch die Notenbank ausgeschlossen haben. Auch auf diesem Wege wird es keine Bazooka geben. Gut auch, wenn das Verfassungsgericht im Hauptsacheverfahren die Anleihkäufe der EZB unter die Lupe nehmen will. Die Verfassungsrichter haben den Vorwurf ernst genommen, die EZB umgehe damit illegal das Verbot, öffentliche Haushalte zu finanzieren. Rettungsfetischisten wie Mark Schieritz bekommen bereits kalte Füße.

Dass die Karlsruher Richter die Höllenmaschine ESM wirklich stoppen könnten, war wohl eine Illusion. An einem Punkt hätten sie aber meiner Meinung nach mehr tun können. Beim Punkt Immunität der ESM-Gouverneure und -Direktoren. Es reicht hier nicht, festzustellen, dass die Kläger kein Recht darauf haben, dass andere gerecht bestraft werden. Im Konfliktfall werden nämlich all die schönen Bestimmungen, mit denen die Rechte des Bundestages gesichert werden sollen, wirkungslos, wenn die ESM-Gouverneure und -Direktoren folgenlos, weil gerichtlich immun, gegen sie verstoßen können. Das Mindeste, was das Bundesverfassungsgericht hätte fordern müssen, wäre, dass der Bundestag die gerichtliche Immunität der ESM-Leute aufheben können muss. Nur so bliebe er allzeit Herr des Verfahrens.

Deutschland ist nun verpflichtet, die Eurozone zu verlassen

Gegen den Draghi-Beschluss, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen, kann man als Staatsbürger nicht klagen. Für Deutschland ergibt sich nun aber das eindeutige Recht und sogar die Pflicht, die Eurozone zu verlassen.

Das Bundesverfassungsgericht bleibt bei seinem Terminplan. Morgen will es darüber entscheiden, ob der ESM in Kraft treten darf oder nicht. Den Zusatzantrag Peter Gauweilers, die Entscheidung zu verschieben, lehnten die Richter ab.

Gauweiler hatte seinen Zusatzantrag mit den Beschlüssen der EZB vom letzten Donnerstag begründet, in Zukunft unbegrenzt Staatsanleihen der Staaten aufzukaufen, die Unterstützung durch die Euro-Rettungsschirme erhalten. Mit diesem Beschluss ändert sich die Bedeutung des ESM. Er wird nicht nur Kredite verteilen, er wird auch für klamme Staaten die Tore zu den Gelddruckmaschinen der Europäischen Zentralbank öffnen. Das Zusammenspiel von ESM und EZB führt so früher oder später zu einer Inflationspolitik. (Ich teile übrigens weitgehend die Einschätzung des Commerzbank-Chefvolkswirts Jörg Krämer zu den Folgen dieser Politik: „Die EZB wird Deutschland zum Absturz bringen.„)

Das juristische Problem: Das Grundgesetz kennt kein Grundrecht auf stabile Währung. Das ist auch gut so, denn in Notsituationen (vergleichbar mit der Zeit nach 1945) ist es wenig sinnvoll, Inflation zu bekämpfen. Damit hat allerdings Gauweilers Zusatzantrag wenig Chancen und kann in der Tat schnell abgelehnt werden.

Die Probleme, die in den Hauptanträgen der Kläger gegen den ESM geschildert wurden, bleiben natürlich: die Unkündbarkeit, die unbeschränkte Haftung, der mögliche Missbrauch der eingeräumten Immunitätsrechte. Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, ob diese Regeln mit dem Grundgesetz vereinbar sind, bleibt spannend.

Aber zurück zur Inflation. Kann man gegen die EZB tatsächlich nichts machen, wie auch Franz Mayer in einem zweiteiligen Artikel im Verfassungsblog glaubt?

Ich meine doch. Sollte Draghi seine Ankündigung unbegrenzter Käufe von Staatsanleihen wahr machen, handelt die EZB außerhalb ihres in den Europäischen Verträgen festgelegten Auftrags, die Preisstabilität zu gewährleisten (Art. 127 AEUV). Gegen die EZB klagen können allerdings nur die Mitgliedsstaaten und die anderen Europäischen Institutionen.

Man braucht allerdings gar nicht den umständlichen Klageweg zu beschreiten. Der Bruch der Europäischen Verträge durch die EZB ist Rechtfertigung genug, gleich aus der Eurozone auszutreten. Auch aus nach der Intention unkündbaren Verträgen wie die zur Europäischen Währungsunion kann man gemäß völkerrechtlichen Grundsätzen aussteigen, wenn sich die Umstände grundlegend geändert haben und eine solche Änderung bei Vertragsabschluss nicht absehbar war. Eine solche (negative) grundlegende Änderung liegt aber mit der neuen EZB-Politik vor.

Deutschland hat allerdings nicht nur das Recht, aus der Eurozone auszutreten, aus dem Grundgesetz ergibt sich sogar eine Pflicht zum Austritt. Denn Artikel 88 GG besagt:

Der Bund errichtet eine Währungs- und Notenbank als Bundesbank. Ihre Aufgaben und Befugnisse können im Rahmen der Europäischen Union der Europäischen Zentralbank übertragen werden, die unabhängig ist und dem vorrangigen Ziel der Sicherung der Preisstabilität verpflichtet.

Die Möglichkeit an einer europäischen Währungsunion teilzunehmen, besteht demnach nur, solange die europäische Notenbank Preisstabilität als ihre erste Pflicht ansieht. Sobald dies nicht mehr der Fall ist, entfällt diese Möglichkeit. Der Bund muss umgehend wieder eine eigenständige Notenbank schaffen und die Bundesbank aus dem EZB-System lösen.

Frau Bundeskanzler, übernehmen Sie!

Eurotopia?

Eurotopia ist eine inzwischen 20 Jahre alte Idee des niederländischen Brauereibesitzers Alfred Heineken. Ist sie inzwischen realistischer geworden? Ralf Keuper hat im Blicklog eine Diskussion dazu angestoßen.

Aber was bedeutet Eurotopia eigentlich?

Heineken entwickelte die Eurotopia-Idee 1992. Demnach sollen die europäischen Nationalstaaten aufgelöst werden und eine dezentrale europäische Republik aus etwa 75 Regionen mit jeweils 5 bis 10 Millionen Einwohnern geschaffen werden.

Karte von Eurotopia mit Regionen

Karte von Eurotopia mit Regionen

Doch wozu?

Heineken sah die großen Nationalstaaten als Quelle von Unfrieden und Instabilität an. Konsequenterweise wollte er sie auflösen.

Heinekens Sicht ist allerdings veraltet. In einem Telepolis-Artikel habe ich mal festgehalten, dass Kriege heute nicht mehr aus Konflikten zwischen Nationalstaaten entstehen.  Fast ausschließlich entstehen sie heute aus innerstaatlichen Konflikten. Und das gilt auch in Weltregionen, in denen es keine Europäische Union gibt. Eurotopia löst also ein Problem, das bereits gelöst ist. Wahrscheinlich ist eher, dass es neue Konflikte schafft. So kann man trefflich über Heinekens Abgrenzung der Regionen streiten (z. B. Südtirol, Baskenland, Nordirland).

Nun verknüpft Ralf Keuper Heinekens Idee mit der Frage der europäischen Währungsunion. Und Detlef Gürtler spitzt das in den Kommentaren auf die Frage zu: „Wie muss ein Europa aussehen, das eine dauerhaft funktionierende gemeinsame Währung hat?“ Eurotopia ist für ihn die Antwort.

Allerdings ist die Fragestellung schon völlig falsch, wie bereits Wirtschaftsphilosoph feststellt. Die gemeinsame Währung, so wurde uns ja erzählt, sollte dazu dienen Frieden und Wohlstand zu sichern. Jetzt, wo sie darin gescheitert ist, kann sie nicht zum Selbstzweck werden, dem alles andere geopfert wird.

Man muss Folgendes sehen: Der Sozialstaat und die Demokratie haben sich historisch aus dem Nationalstaat heraus entwickelt (in Deutschland zugegeben mit einigen Umwegen). Beides ist eine Symbiose mit dem Nationalstaat eingegangen. Es ist daher vollkommen offen, ob und wie beides ohne Nationalstaat überleben kann.  Leute wie Detlef Guertler, die den Nationalstaat abschaffen wollen, werden darum wahrscheinlich am Ende nur die nützlichen Idioten spielen für diejenigen, die Sozialstaat und Demokratie für „sowieso überbewertet“ halten.

Für mich stellt sich inzwischen überhaupt die Frage, ob es Kompetenzen gibt, die sinnvoll auf einer gesamteuropäischen Ebene aufgehoben sind. Klar, vieles lässt sich nationalstaatlich nicht mehr regeln, Klimapolitik z. B. Aber für die Lösung solcher Fragen ist inzwischen selbst Europa zu klein. Sie brauchen eine weltumspannende Antwort.

Blogparade: Ist der Finanzsektor zu groß?

Kaum hat der Wirtschaftsphilosoph eine Idee geboren, schon setze ich sie um.

Denn vorgestern schrieb der Wirtschaftsphilosoph in seinem Blog: „… Konkreter könnte ich mir vorstellen, dass z. B. einmal im Monat oder unregelmäßig alle daran interessierten Blogger zu demselben Thema etwas schreiben, …“ Und eine solch gute Idee sollte man nicht lange anstauben lassen.

Die Frage „Ist der Finanzsektor zu groß?“ kam schon bald nach Beginn der Finanzkrise auf und wird seitdem in Medien und Fachkreisen diskutiert. Ich fand diese Frage immer wichtig, habe mich aber nie wirklich daran getraut. Zu viele Aspekte schien die Fragestellung aufzuweisen, so dass ich gar nicht wusste, wo anzufangen.

Was einer nicht schafft, schaffen aber vielleicht viele. Und darum möchte ich alle Wirtschafts- und Finanzblogger aufrufen, im Monat September über die Frage „Ist der Finanzsektor zu groß?“ nachzudenken und zu schreiben.

Es sollte, so glaube ich, nicht so sehr um die ultimative Antwort auf die Frage gehen. (Aber wer die hat, ich bin gespannt.) Jeder mag sich vielmehr einen Aspekt der Fragestellung herausgreifen, der ihn interessiert, über den er recherchieren möchte oder von dem er etwas versteht. Der Finanzsektor ist ja groß und vielgestaltig.

Wenn man dann die hoffentlich zahlreichen Beiträge liest, so meine Idee, ergibt sich ja vielleicht ein Gesamtbild. Vielleicht existiert Schwarmintelligenz zumindest, wenn Wirtschaftsblogger sich zusammentun. Ein Versuch ist es wert. Die Parade der Wirtschafts- und Finanzblogs möge starten.

Zum Ablauf: Ihr veröffentlicht also im Monat September einen Artikel zum Thema in eurem Blog. Am besten natürlich, ihr sendet durch einen Link in eurem Artikel auf diesen Artikel einen automatischen Pingback. Der wird hier im Kommentarbereich dann veröffentlicht. Ansonsten tut es auch ein manueller Eintrag hier in den Kommentaren mit Link zu eurem Artikel. So werden alle Artikel hier gesammelt.

Anfang Oktober werde ich dann einen (oder wenn nötig auch mehrere) Überblicksartikel hier im Blog veröffentlichen, in denen ich die gesammelten Artikel vorstelle und auf sie eingehe.

Zum Schluss für heute und vielleicht als Ausgangspunkt für euren Artikel ein paar Zahlen. Dargestellt ist in der folgenden Tabelle der Anteil von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen an der Bruttowertschöpfung in den fünf größten EU-Volkswirtschaften. Die Prozentwerte habe ich nach Daten von Eurostat berechnet.

Land \ Jahr 2000 2011
Deutschland 4,36% 4,38%
Spanien 4,61% 4,16%
Frankreich 4,48% 4,66%
Italien 4,79% 5,39%
Großbritannien 5,39% 9,36%

Die Ergebnisse der Blogparade:

Verstehen Ökonomen wirklich nichts von Wirtschaft? – Der Streit aktuell

Die Frage, wie viel die Ökonomen von Wirtschaft verstehen, beschäftigt weiterhin die Wirtschaftsblogs. Ausgangspunkt der Diskussion war bekanntlich ein Wirtschaftswoche-Artikel von Dieter Schnaas.

Joachim Goldberg nimmt nun meiner Meinung nach völlig zurecht die Gruppe der Verhaltensökonomen gegenüber Schnaas in Schutz. Das Verdienst der Verhaltensökonomik („behavioral economics“) liegt eben nicht darin, wie Schnaas höhnt, festgestellt zu haben, dass die Menschen sich oft irrational verhalten. Das wusste man in der Tat vorher. Das Verdienst dieses Forschungszweiges liegt darin, die regelmäßigen Folgen solch irrationalen Verhaltens für das Marktgeschehen aufzuzeigen.

Ich selbst habe mich ja bereits vor zwei Wochen mit Dieter Schnaas beschäftigt („Verstehen Ökonomen wirklich nichts von Wirtschaft?„). Doch meine harte Kritik an Schnaas stieß ihrerseits auf Kritik von Dirk Elsner.

Dirk findet es zu spitzfindig, wenn ich die Widersprüche in Schnaas Artikel herausarbeite. Außerdem findet er, dass man mit einem „akademischen Degen“ nicht Artikel sezieren sollte, die sich ans allgemeine Publikum wenden. Das werde solchen Artikeln nicht gerecht. „Sollen die Nichtfachleute deswegen aufhören zu schreiben oder ihre Meinung zu äußeren (sic!)?“, fragt er polemisch.

Bereits Wirtschaftsphilosoph hat Dirk geantwortet. Aber auch von mir hat Dirk eine gehörige Antwort verdient:

Natürlich nicht. Nichtfachleute dürfen genauso schreiben wie Wissenschaftler. Sie stehen aber auch nicht außerhalb der Kritik.

Um Nichtfachleute angemessen zu kritisieren, ist zu beachten, dass Nichtfachleute in der Standardsprache schreiben, Wissenschaftler dagegen in wissenschaftlicher Fachsprache. Gute Standardsprache strebt nach Lesbarkeit, ist aber häufig unpräzise; gute wissenschaftliche Fachsprache strebt nach Eindeutigkeit und Präzision, ist aber häufig schwer lesbar. Mein Blog Wirtschaftswurm ist übrigens standardsprachlich und richtet sich an alle mit solider Allgemeinbildung und Interesse für Wirtschaft.

Um Aussagen in Standardsprache (wie die von Schnaas) zu beurteilen, ist es nun notwendig, sie zu präzisieren, sie also möglichst in wissenschaftliche Fachsprache zu übersetzen. Ich messe nicht den standardsprachlichen Text an akademischen Maßstäben, das wäre tatsächlich Unfug. Aber den präzisierten, übersetzten Text darf und kann ich sehr wohl an akademischen Maßstäben messen. Und mein Ergebnis kann ich dann (wie hier im Blog) wieder in Standardsprache ausdrücken.

Dies ist ein Verfahren, das Nichtfachleuten wie Wissenschaftlern gerecht wird.

Klar, da die Standardsprache uneindeutig ist, gibt es immer wieder Interpretationsspielraum bei der Übersetzung. Diesen Spielraum sollte man nicht zuungunsten des Autors nutzen.

Konkret zu Dirks Vorwurf: Die Widersprüche, die ich Schnaas vorwerfe, kann man auch mit größter wohlwollender Interpretation nicht unter den Teppich kehren.

Dirk gibt allerdings auch einige wichtige Anstöße in seinem Beitrag:

Ich bin davon überzeugt, dass wir uns zu wenig fragen, nach welchen Mechanismen eigentlich Ideen nach oben geschwemmt und diskutiert werden. Ich glaube, die Qualität einer Idee, eines Modell, eines Lösungsvorschlags oder von was auch immer, ist nur eine Nebenbedingung.

Das gilt sowohl für die Behandlung der Wirtschaftswissenschaften in den Medien als auch in der Politikberatung. Gerade Letzteres ist allerdings auch für mich ein dunkles, unbekanntes Feld. Eins kann ich nur sagen: Wirtschaftsblogs lesen Politiker wohl eher weniger.

Gedanken zur Reichtumsdebatte

Nein, ich habe nicht vor, erneut die Maischberger-Talkshow zum Thema „Der Millionär hat’s schwer“ zu besprechen, dazu gibt es bereits Berichte auf den Seiten der FAZ oder der Süddeutschen. Ich benutze lediglich ein paar Aussagen, die während der Sendung gefallen sind, als Aufhänger für meine eigenen Überlegungen.

Denn zwischen all dem Talkshow-Hin-und-Her schimmerten doch (zugegeben ziemlich schwach) ein paar Grundkonflikte unserer Gesellschaft durch.

Da war zum einen die Aussage der Unternehmerin Claudia Obert: „Der Staat kann nicht mit Geld umgehen.“ Direkt demgegenüber stand die Meinung des Geschäftsführers des Paritätischen Wohlfahtsverbandes Ulrich Schneider. Der Staat müsse mehr für abgehängte Kinder tun und genauso für die Pflege. Hier, so folgt aus Schneiders Rede, würde der Staat sinnvoll Geld einsetzen.

Meine Meinung als Volkswirt: Ja, der Staat geht häufig ineffizient mit Geld um. Aber leider muss man das in Kauf nehmen, denn viele öffentliche Güter kann nur der Staat bereitstellen, ansonsten werden sie gar nicht bereitgestellt. Und auch dort, wo eine Privatisierung von Staatsleistungen möglich ist, steigert sie nicht immer die Effizienz. Nicht gesteigert wird sie in der Regel, wenn auch der private Anbieter keinem wirksamen Wettbewerb ausgesetzt wird (und werden kann).

In unserer heutigen Zeit halte ich jedoch einen zweiten Konflikt für noch wichtiger. Auf der einen Seite steht der Drogerieunternehmer Dirk Roßman mit seiner Angst um die wirtschaftliche Kraft Deutschlands, wenn Investitionen sich durch zu viel Steuerbelastung nicht mehr lohnen. Auf der anderen Seite wieder Schneider mit seiner Angst um den „sozialen Frieden“, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft.

Schneider vermochte allerdings nicht, seiner Warnung besonderen Nachdruck zu geben. Gegen Unruhestifter gibt es schließlich die Polizei. Sein Hinweis ist jedoch weitreichender. Frank Lübberding erkennt dies richtig, wenn er in diesem Zusammenhang schreibt: „Der Kapitalismus sägt … den Ast ab, auf dem er sitzt.

Meine Meinung als Volkswirt: Tatsächlich ist die Konzentration von Vermögen ein wesentlicher Grund für die Wirtschaftskrisen der letzten Jahre. Diese Konzentration schuf nämlich das vagabundierende Kapital, das zunächst Finanzblasen aufbläht und dann beim Platzen dieser Blasen Finanzkrisen schafft. So gesehen in der USA-Subprimekrise oder in der spanischen Immobilienkrise. Und wenn man erst den Südeuropäern billig Kredit gegeben hat und nun nur noch mit Schaudern daran denkt, folgt das demselben Muster.

Auch Unternehmer wie Roßman oder Obert können daran kein Interesse haben.

Verstehen Ökonomen wirklich nichts von Wirtschaft?

Die Kritik des Wirtschaftswoche-Journalisten Dieter Schnaas an den Ökonomen ist entweder nicht neu oder falsch.

Seit Beginn der Wirtschaftskrisen 2008 liest man ja regelmäßig Generalabrechnungen mit den Ökonomen. Und dieses Genre ist nach wie vor populär, das sieht man an den Twitterreaktionen auf den jüngsten Artikel dieser Sorte, „Ökonomen verstehen nichts von Wirtschaft“ von Dieter Schnaas. So ganz kann ich die Beliebtheit allerdings nicht verstehen, insbesondere bei Schnaas. Denn Schnaas Kritik an den Ökonomen ist entweder nicht neu oder falsch.

Schnaas Aufhänger ist der Ökonomenaufruf von Krämer und Sinn, den er als „schrill und radikal“ bezeichnet. Die Schrillheit war allerdings nur zweckmäßig im Politikmedienbetrieb und was die Radikalität anbelangt: Gilt bereits „Keine Sozialisierung von Marktrisiken zulasten von Sparern!“ als radikal? – Legen wir einen solchen Maßstab an, können wir uns in Zukunft die Diskussion über verschiedene wirtschaftspolitische Alternativen sparen!

Aber geschenkt, Schnaas widerspricht sich sowieso laufend selbst. Zwei Absätze weiter kritisiert er, die Ökonomen würden nur „das tagespolitisch Ersichtliche … professoral beglaubigen.“ Das hört sich jetzt gar nicht schrill und radikal an. Dann wieder bemerkt er kritisch, keine Krise der Welt werde „durch Lösungen beendet, die Ökonomen wortgewaltig als Patent anmelden.“ Tja, was denn nun?

Schnaas kommt weiterhin auf das Menschenbild der Ökonomie zu sprechen. Bei aller berechtigten Kritik am „homo oeconomicus“ verkennt er jedoch, dass es in der Volkswirtschaftslehre nicht darum geht, den Menschen zu verstehen, sondern die Wirtschaft. Das ist die Arbeitsteilung in der Wissenschaft. Oder wie der Wirtschaftsphilosph in seiner Kritik an Schnaas schreibt: „Ökonomik ist eben gerade nicht Anthropologie, Psychologie oder Soziologie.“

Überhaupt: „Die“ Ökonomen gibt es heute genauso wenig wie „die Amerikaner“ oder „die Beamten“. Die VWL zeigt sich heute sehr vielgestaltig. Die neoliberale Neoklassik mag immer noch dominieren (vgl. „Zum Versagen der Uni-Ökonomen„), kann aber die vielen anderen blühenden Zweige der Wirtschaftsforschung nicht mehr marginalisieren. Das ist gut so und sollte endlich auch von den VWL-Kritikern anerkannt werden.

Methodenvielfalt ist gefordert. Das schließt die „Öffnung hin zu den Geisteswissenschaften“, die Schnaas verlangt, mit ein. Aber auch die Geisteswissenschaften bieten keinen Königsweg. Das merkt man, wenn Schnaas den Geldbegriff theoretisch aufladen will. Da ist viel heiße Luft drin. Gedankliche Klarheit erreicht man besser, wenn man auch weiterhin von den Grundfunktionen des Geldes als Tausch- und als Wertaufbewahrungsmitttel ausgeht – und vielleicht seine Funktion für einen allgemeinen Wertmaßstab ergänzt.

„Auf die fundamentale Ablehnung der modernen Ökonomik folgt wie so oft nicht eine differenziertere Betrachtung, sondern ein Rückgriff auf viel simplere Vorstellungen.“ So kritisiert der Wirtschaftsphilosoph Schnaas Schluss. Nun, am Ende landet Schnaas tatsächlich bei der guten, alten Ordnungsökonomik, etwa, wenn er eine klar definierte Aufgabenbeschreibung von Staat und Markt will. Und vieles, was Schnaas da andenkt, ist schon längst in der Ordnungsökonomik oder der Institutionenökonomik weitergedacht.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!