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Anstieg der Arbeitslosigkeit: Frankreichs langer, langsamer Niedergang setzt sich fort

Es kommen auch weiterhin keine guten Nachrichten aus Frankreich. Nun wurde bekannt, dass die Arbeitslosigkeit im dritten Quartal um 0,3% auf 10,4% gestiegen ist. Überraschend sind allerdings nur die Stellen nach dem Komma. Denn schon seit 2006 fällt Frankreich wirtschaftlich immer weiter hinter Deutschland zurück. Ein Rückblick.

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Staatsschulden

Ist die Staatsverschuldung doch kein Problem?

Der Oxford-Professor Simon Wren-Lewis weist auf einen wichtigen Punkt hin: Wie sehr die Staatsschulden drücken, hängt weniger von ihrer Höhe als von der Höhe der Zinsen und des Wirtschaftswachstums ab. Wer nun auf dauerhaft niedrige Zinsen und ein dauerhaft hohes Wirtschaftswachstum setzt, sollte allerdings besser gleich Roulette spielen.

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Griechenlands angeblicher Aufschwung

Den Wiwo-Artikel „Griechenland schuftet fürs Comeback“ wie auch einige andere positive Berichte über das Land in letzter Zeit mag ich nicht unkommentiert lassen. Das fängt schon mit der Frage an, wer bitte schön bei einer Arbeitslosenquote von 27% überhaupt noch schuften darf in Griechenland.

Als Wiwo-Schreiber interviewen wir aber besser keine Arbeitslosen, die können wir mit dem Satz abhaken: „Streiks und gewaltsame Proteste sind weitgehend abgeebbt.“ Besser, wir lassen den griechischen Ministerpräsidenten Samaras zu Wort kommen:

Andonis Samaras

Macht seine Arbeit: der griechische Ministerpräsident Andonis Samaras

„Jene, die noch vor einem Jahr auf Griechenlands Abschied vom Euro wetteten, setzen jetzt auf den Erfolg des Landes.“

Okay, Ministerpräsident Samaras macht also seinen Job und zu diesem Job gehört es, optimistische Reden zu halten. Eine Meldung ist das nicht unbedingt wert; zumal die griechische Regierung bereits verstärkt seit Anfang des Jahres versucht, die Lebensgeister der griechischen Wirtschaft zu beschwören. Siehe „Griechenland hofft auf Ende der Rezession“ vom Handelsblatt Anfang April oder „Griechenland hofft auf Wachstum“ von der Süddeutschen im Januar.

Manche vorgetragenen Fakten, die den Optimismus unterstützen sollten, entpuppten sich in der Vergangenheit außerdem als Nullnummer. So berichtete der Tagesspiegel ebenfalls im Januar von stark gestiegenen Agrarexporten 2012. Das erfreute natürlich, dass die Witterung in Griechenland letztes Jahr günstig gewesen war für die Landwirtschaft. Da aber die Bauern nur 4 % zum BIP des Landes beitragen, hatte es nichts genützt. Am Ende schrumpfte die griechische Wirtschaft um 6,4% 2012.

Auch mit den griechischen Arbeitslosenzahlen wurde 2012 getrickst, wie der Blog Querschüsse herausfand. Das macht skeptisch gegenüber neueren Meldung vom Handelsblatt, im März seien 9.000 Arbeitnehmer mehr eingestellt als gekündigt worden. Wahrscheinlich ein bloßer Saisoneffekt angesichts der beginnenden Tourismussaison zu Ostern. Die Arbeitslosenzahlen gelten als Spätindikator und zeigen als letztes einen Konjunkturaufschwung an.

Fakt ist, im ersten Quartal 2013 schrumpfte die griechische Wirtschaft noch einmal um 5,3 % zum entsprechenden Vorjahresquartal. Saisonbereinigten Daten, die aussagekräftige Wachstumsraten zum direkt vorhergehenden Quartal wiedergeben, veröffentlicht das griechische Statistikamt übrigens nicht. Das wird es wohl demnächst vereinfachen, ein paar irreführende Jubelmeldungen über das griechische Wirtschaftswachstum im Sommer 2013 zu verbreiten. Doch im vom saisonalen Tourismus geprägten Griechenland bedeutet ein Sommerboom noch keinen Konjunkturumschwung.

Immerhin, in den fünf Jahren 2008-2012 ist selbst der Sommerboom in Griechenland ausgeblieben. Und ein wichtiger Frühindikator zeigt schon seit längerem gute Stimmung für das Land an: Der griechische Aktienindex hat sich seit dem Tief Mitte 2012 mehr als verdoppelt.

Doch nach einem stetigen Rückgang der Wirtschaftsleistung über bisher 19 Quartale und um kumuliert 28% ist ein Konjunkturaufschwung mehr als überfällig. Erstaunlich wird darum nicht sein, wenn er vielleicht gegen Ende 2013/Anfang 2014 wirklich kommt, erstaunlich ist vor allem, wie lange er ausgeblieben ist. Die griechische Rezession seit Mitte 2008 zählt bereits zu den längsten der Weltgeschichte.

Und nein! Ein Konjunkturaufschwung nach vielleicht 20 Rezessionsquartalen wird wirklich kein Verdienst der Politik sein, auch wenn uns dann die Politiker in Griechenland und Europa genau dies einreden werden wollen. Wirtschaft bewegt sich immer in Wellen, in Auf- und Abschwüngen. Solche Wellen sind unabhängig von den grundlegenden wirtschaftlichen Problemen und Trends; sie können diese aber für eine Weile überdecken.

Der Kater nach dem schnellen Ende des nächsten Aufschwungs wird umso größer sein. Gut möglich, dass die Enttäuschung dann Europa auseinanderreißen wird.

Konsequenzen eines Excel-Fehlers: Revision und Rechtfertigung

Auf meinen Beitrag zum Rechendesaster von Rogoff und Reinhard gab es zahlreiche Reaktionen. Ich möchte auf sie eingehen, in dem ich meine Position weiterentwickle und dadurch hoffentlich klarer mache.

So habe ich unglücklicherweise einen sarkastischen Ausbruch bei Stefan Sasse provoziert:

Staatsschulden machen irgendwann irgendwie irgendwem Probleme, aber wir können keinerlei Aussage darüber machen, wie genau alles zusammenhängt, außer dass es manchmal funktioniert, mit hohen Staatsschulden Wachstum zu generieren, und manchmal selbst mit moderaten Staatsschulden kein Wachstum entsteht? Wahnsinn. … Das sind Erkenntnisse, die geradezu einen Freifahrtschein für alle Ökonomen darstellen. Sie haben einfach immer Recht.

Nein, Stefan, das wollte ich überhaupt nicht sagen. Im konkreten Fall bin ich auch sehr wohl der Meinung, dass Rogoff und Reinhard Unrecht hatten mit ihrer Behauptung, eine Staatsverschuldung von über 90 % des BIPs führe in der Regel zu geringem Wirtschaftswachstum. Diese ihre These wurde nun widerlegt.

Aber man sollte – das ist auch meine Meinung – trotzdem nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Dass eine konkrete wissenschaftliche Hypothese sich als falsch herausgestellt hat, heißt noch lange nicht, dass das übergeordnete wissenschaftliche Paradigma, auf dem diese Hypothese aufbaute, falsch ist.

Was meine ich damit?

Um das zu erklären, kann ich mich auf Alex Hummels Blogbeitrag stützen. Alex hat meine Thesen nämlich mit dem Standardmodell der Makroökonomen, dem IS-LM-Modell verglichen. Nach diesem Modell hat eine Erhöhung der Staatsausgaben, ohne dass gleichzeitig die Steuereinnahmen erhöht werden, grundsätzlich zwei Effekte: das BIP steigt und das allgemeine Zinsniveau steigt.

Je größer der Einfluss auf die Zinsen ist, desto niedriger ist der Einfluss auf das BIP. In dem einen Grenzfall, nämlich wenn die Zinsen überhaupt nicht auf die zusätzliche Staatsverschuldung reagieren, ergibt sich ein maximaler Multiplikator für das BIP. In dem anderen Grenzfall, wenn die Zinsen nämlich extrem in die Höhe schießen, erhöht sich das BIP nicht. Die zusätzliche Staatsnachfrage verdrängt dann lediglich die private Nachfrage.

Reinhard, Rogoff und viele andere, darunter auch ich, sind nun der Meinung, dass das nicht alles sein kann, zumindest dann nicht, wenn man auch die mittlere und lange Frist betrachtet. Unter bestimmten Bedingungen bringt Neuverschuldung nicht nur keinen positiven Effekt, sondern ist sogar schädlich für die Wirtschaft. Wie könnte es sonst überhaupt zu Staatsbankrotten kommen?

Damit habe ich das wissenschaftliche Paradigma formuliert, das ich meine. Auf diesem Paradigma aufbauend ist es weiterhin sinnvoll, wenn Ökonomen sich auf die Suche nach den Bedingungen machen, unter denen Neuverschuldung mittel- und langfristig schädlich ist.

Die Suche von Reinhard und Rogoff hat offensichtlich keine brauchbaren Ergebnisse geliefert. Doch davon sollten sich Ökonomen nicht demotivieren lassen.

So erscheint es mir naheliegend, neben der Schuldenquote weitere Variable bei der Suche nach den Bedingungen einzubeziehen. Nur in diesem Zusammenhang ist mein Vorschlag aus dem letzten Blogbeitrag zu verstehen, die Höhe der aktuellen Nettoneuverschuldung zu berücksichtigen.

Konsequenzen eines Excel-Fehlers

Zwei prominente Ökonomen, Carmen Reinhard und Kenneth Rogoff, wurden eines Excel-Fehlers in ihrer ebenso prominenten Studie „Growth in a time of debt“ überführt. Und nun?

Kenneth Rogoff, Ökonom und Professor in Harvard

Kenneth Rogoff, Ökonom und Professor in Harvard

Die magische Zahl ist verschwunden, die magischen 90 %. Ab einer Schuldenquote von 90 %, so glaubten Reinhard und Rogoff ursprünglich herausgefunden zu haben, sinke das Wirtschaftswachstum eines Staates. Das lässt sich so nun nicht mehr halten.

Auch für die Medien, die sonst nie über ökonomische Forschung berichten, ist das ein gefundenes Fressen. So steht laut SPON nun Europas Sparpolitik in Frage. Dass sich zudem Keynesianer wie Heiner Flassbeck oder Albrecht Müller ereifern, versteht sich von selbst. Wer glaubt, Schuldenmachen sei ein wichtiges Mittel, um die Wirtschaft zu stimulieren, dem war eine feste Obergrenze wie die 90-%-Quote ein Dorn im Auge.

Dass es magische Zahlen in der Ökonomie nicht gibt, hätte aber auch vor Bekanntwerden des Excel-Fehlers klar sein müssen. Dazu ist Ökonomie zu komplex. Umgekehrt ist staatliche Verschuldung durch den Fehler keineswegs rehabilitiert. Selbst Rogoff-Kritiker Paul Krugman (den die Nachdenkseiten dankenswerterweise ins Deutsche übersetzt haben), gibt zu: „Es gibt eine gewisse Korrelation von hoher Verschuldung und geringem Wachstum …“

Der grundsätzliche Zusammenhang kann also nicht geleugnet werden. Und wenn es keine allgemeinen Obergrenze für die Schuldenquote gibt, bedeutet das nur, dass der Schwellenwert stark von den konkreten Umständen abhängt. Zwar mag manchmal auch eine Schuldenquote von weit über 90 % unproblematisch sein, manchmal aber auch eine von weit unter 90 % zu Problemen führen. Diese neue Unsicherheit sollte die Finanzpolitiker eher zur Vorsicht gemahnen.

Natürlich wird wieder die Debatte geführt, ob nun eine hohe Schuldenquote das Wachstum drosselt oder doch eher ein schwaches Wachstum die Schuldenquote steigen lässt. Vehemenz in dieser Debatte ist aber unnötig, denn natürlich ist beides richtig. Gerade dies macht die Sache gefährlich. Es macht eine Negativspirale, ein Teufelskreislauf durch hohe Verschuldung möglich.

Wichtiger ist allerdings die Frage: Wenn die Schuldenquote das falsche Maß ist, welches ist dann das richtige?

Machen wir uns dazu einmal klar, warum staatliche Schulden überhaupt einen negativen Einfluss auf das Wirtschaftswachstum haben können. Was ist das Bindeglied zwischen beiden? Richtig, der Zins. Braucht der Staat viele Anleihen, erhöht das die Kreditnachfrage und nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage steigen die Zinsen allgemein. Bei hohen Zinsen werden aber die Unternehmen und die Privathaushalte ihre Kreditnachfrage reduzieren. Sie werden dann auch weniger investieren bzw. konsumieren. Dies beeinflusst das Wirtschaftswachstum negativ.

Nicht die Gesamtschuldenquote eines Staates steht demnach im Blickpunkt, sondern seine aktuelle Kreditnachfrage. Relevant ist dabei im Wesentlichen die Nettoneuverschuldung. Die darüber hinausgehenden Schuldenaufnahme für die Tilgung von Altkrediten erhöht zwar auch die Kreditnachfrage, gleichzeitig aber auch das Kreditangebot und spielt per Saldo daher keine Rolle. Die Anleger werden nämlich das durch eine Tilgung erhaltene Geld typischerweise wieder neu anlegen.

Ergänzend zum Thema: “Falsche Prognosen des IWFs – Was folgt?

Mal etwas Optimismus in der Eurokrise

Die letzten Wirtschaftsprognosen der Europäischen Kommission vom letzten Herbst kann man als optimistisch bezeichnen. Doch es spricht meiner Meinung nach einiges dafür, dass im Gegensatz zu bisher nun die Optimisten recht behalten.

Konkret glaubt die Europäische Kommission an ein Wirtschaftswachstum in der Eurozone von 0,1% in diesem Jahr und von 1,4% im nächsten Jahr. Die OECD ist leicht pessimistischer: -0,1% dieses Jahr, 1,3% nächstes Jahr. Für diejenigen, die es interessiert, habe ich zudem die Prognosen für wichtige Einzelländer herausgesucht:

Staat Prognose Kommission 2013 Prognose Kommission 2014 Prognose OECD 2013 Prognose OECD 2014
Belgien +0,7% +1,6% +0,5% +1,6%
Deutschland +0,8% +2,0% +0,6% +1,9%
Finnland +0,8% +1,3% +1,1% +2,2%
Frankreich +0,4% +1,2% +0,3% +1,3%
Griechenland -4,2% +0,6% -4,5% -1,3%
Irland +1,1% +2,2% +1,3% +2,2%
Italien -0,5% +0,8% -1,0% +0,6%
Niederlande +0,3% +1,4% +0,2% +1,5%
Österreich +0,9% +2,1% +0,8% +1,8%
Portugal -1,0% +0,8% -1,8% +0,9%
Slowakei +2,0% +3,0% +2,0% +3,4%
Spanien -1,4% +0,8% -1,4% +0,5%

Tatsächlich deuten inzwischen einige Frühindikatoren an, dass die augenblickliche Rezession in einigen Eurostaaten schon wieder zu Ende geht. Mit den Frühindikatoren meine ich nicht die angeblich gesunkene Arbeitslosenquote in Griechenland. Die Arbeitslosenquote ist nämlich ein Spätindikator und es grenzte schon an ein Wunder, wenn sich eine wirtschaftliche Besserung in der Arbeitslosenstatistik als erstes zeigte. Wie das Blog Querschüsse weiß, sank die griechische Arbeitslosenquote lediglich durch einen neuen statistischen Trick der Griechen.

Aber echte Frühindikatoren wie der der OECD senden ebenfalls positive Signale genauso wie die Börsen. Und ich glaube, dass sie die Entwicklung richtig anzeigen. Ich gebe zu, ich habe hier keine ausgetüftelten makroökonomischen Modelle zur Hand, mit denen ich das begründen kann. Aber das ist vielleicht ganz gut so. Eine begründete Intuition ist manchmal besser. Und meine begründet sich wie folgt:

Wirtschaft bewegt sich in Wellen. Sie ist ein ständiges Auf und Ab. Rezessionen sind meist kurz. Ein Rückgang der Wirtschaftsleistung über sechs Jahre, wie sie Griechenland zur Zeit erlebt, ist absolut außergewöhnlich. Nur ein Totalversagen der Politik zusammen mit tiefgehenden strukturellen Problemen kann das bewirken. Aber irgendwann ist auch in Griechenland der Punkt erreicht, an dem selbst das unsinnige Festhalten am Euro das Anrollen des Wellenbergs nicht verhindern kann.

Eine endlose-Abwärtsspirale, wie sie in keynesianischen Modellen möglich ist, gibt es in der Realität nicht. Jeder Abwärtsschwung läuft mal aus und die stabilisierenden Kräfte einer Marktwirtschaft kommen zum Tragen. Eine stabilisierende Kraft ist z.B. die menschliche Psychologie. Der Mensch (sofern noch geistig gesund) kann meiner Meinung nach nicht dauerhaft in Pessimismus verharren. Irgendwann kommt der Punkt, an dem selbst die Politiker mit ihren hohlen Aufrufe zu Zuversicht es nicht mehr behindern können, dass sich Hoffnung ausbreitet.

Vielleicht ist die Quasi-Falschmeldung zur sinkenden Arbeitslosigkeit in Griechenland nur der Sehnsucht geschuldet, endlich optimistisch sein zu können. Dann wäre sie doch ein Indikator für einen kommenden Wirtschaftsaufschwung.

Ich glaube also, dass bei Ländern wie Griechenland und Portugal, die schon länger in der Rezession sind, ein Aufschwung bald bevorsteht. Pessimistisch bin ich dagegen für Frankreich, bei dem die Krise erst beginnt. In Italien hängt vieles von der politischen Entwicklung der nächsten Monate ab.

Den Aufschwung wird es geben, obwohl grundlegende strukturelle Probleme der Defizitländer nicht gelöst sind. Und darum (hier endet mein Optimismus schon wieder) wird er keine dauerhafte Wende zum besseren einleiten. Abhängig von der Politik der EZB kann er in eine Inflation oder in eine neue Rezession münden. Nicht unwahrscheinlich auch, das man beides zusammen bekommt: Stagflation.