Analyse

Wirtschaftswachstum und Lebenstandard langfristig gesehen (2004-2014)

Artikelbild Lebensstandards

Die Wirtschaftsmedien bombardieren uns mit Quartalszahlen, Monatszahlen und den ständig aktuellen Börsenindizes. Die meisten dieser Daten sind zurecht am nächsten Tag wieder vergessen. Sie bilden nur das Hintergrundrauschen für die wirklich interessanten Entwicklungen. Die vollziehen sich nämlich meistens langsam und langfristig.

Wie hat sich z.B. die Wirtschaft verschiedener Länder über einen langen Zeitraum wie den von 2004-2014 entwickelt? Welche wichtigen Länder sind vorgeprescht? Welche wichtigen Länder sind zurückgefallen? War die Entwicklung in China wirklich so überragend? Wie stehen Deutschland und die EU-Staaten im internationalen Vergleich da?

Im Folgenden Daten und Hintergründe anschaulich aufbereitet.

Anlass für diesen Artikel ist, dass der IWF diesen Monat wieder seinen „World Economic Outlook“ aktualisiert hat. Hier finden sich für die wichtigsten Wirtschaftsindikatoren lange Zeitreihen für fast alle Staaten der Erde. Wie schon im letzten Jahr und in den Vorjahren seit 2010 möchte ich diese Datenbasis für einen Überblick darüber nutzen, wie sich die Wirtschaftsgeografie der Erde in den letzten zehn Jahren, 2004-2014, verändert hat.

Ich konzentriere mich auf die 25 größten Wirtschaftsmächte des Globus. Im folgenden Diagramm sind sie nach dem BIP 2014 geordnet.

Quelle: Eigene Grafik nach Zahlen des IWFs

Gegenüber der Aufstellung für 2013 gibt es ein paar interessante Änderungen.

  • Großbritannien hat sich vor Frankreich auf Platz 5 geschoben. Die Entwicklung, dass Frankreich immer mehr in Richtung Europeripherie abrutscht, ist also nicht gestoppt.
  • Russland ist um zwei Plätze auf Platz 10 gefallen. Die politischen Konflikte haben Russland mehr geschadet, als ich anfangs gedacht habe.
  • Spanien ist nun hinter Südkorea erst auf Platz 14. So viel noch einmal zum angeblichen neuen spanischen Wirtschaftswunder.
  • Nigeria liegt nun vor Schweden auf Platz 21. Das echte Wirtschaftswunder in Afrika war erst kürzlich Thema hier im Blog.
  • Argentinien ist gleich um drei Plätze auf den vorletzten Platz gefallen.
  • Belgien hat Norwegen auf dem letzten Platz der Liste ersetzt. Der gefallene Ölpreis hinterließ Spuren in Norwegens Wirtschaft.

Vor fünf Jahren (für 2009) war Belgien allerdings ebenfalls auf der Liste der 25 Großen und daneben noch Norwegen, Österreich und Taiwan. Statt dieser drei Länder finden wir nun zwei OPEC-Länder, Saudi-Arabien und Nigeria, sowie Argentinien. Ob Argentinien allerdings zurecht zu den 25 größten Wirtschaftsmächten zählt, darf bezweifelt werden. Die argentinischen Behörden weisen die Inflation zu niedrig aus. Dadurch wird das reale BIP zu hoch angesetzt.

Aber nun zu den wirklich langen Reihen: Wie groß war das Wirtschaftswachstum über zehn Jahre, 2004-2014, in den größten Wirtschaftsmächten. Dazu das zweite Diagramm:

Reales Wirtschaftswachstum 2004 2014

Quelle: Eigene Grafik nach eigenen Berechnungen

Beeindruckend sind die großen Unterschiede im Wirtschaftswachstum, wenn man sie nicht nur über ein Jahr, sondern über zehn Jahre betrachtet. China ist tatsächlich trotz jüngster Wachstumsschwäche einsamer Spitzenreiter mit +159%, ähnlich wie bereits vor fünf Jahren für den Zeitraum 1999-2009.

Bei diesen Zahlen kommt immer wieder der Verdacht hoch, dass die chinesischen Daten massiv manipuliert werden. Matthias Müller von der NZZ ist dem einmal nachgegangen. Fachleute sehen seiner Recherche zufolge keinen Beleg für eine systematische Manipulation der chinesischen Zahlen. Trotzdem gebe es einen politischen Spielraum von maximal 0,5% beim jährlichen Wirtschaftswachstum.

0,5% jährlich macht immerhin gut 5% über zehn Jahre. Die chinesische Spitzenstellung ist aber auch dann nicht gefährdet, wenn man diese mögliche Manipulation einbezieht.

Das Schlusslicht unter den größten Wirtschaftsmächten ist Italien, genauso wie schon 1999-2009. Jetzt fällt aber Italien zudem als einzige Wirtschaftsmacht mit einer negativen Entwicklung auf. Die Hintergründe habe ich im Artikel „Italien – Erwachen aus dem Dornröschenschlaf“ aufgezeigt.

Auf den Plätzen zwischen China und Italien gibt es auch einige markante Änderungen. Das russische Wachstum lag 1999-2009 noch auf Platz 3, nun nur noch auf Platz 11. Den größten Absturz erlebte allerdings Spanien. Von Platz 11 in der Wachstumsrangliste fiel es auf Platz 23. Eine relativ schlechte Entwicklung weist auch Südkorea auf. Während es 1999-2009 noch auf Platz 5 stand, war es für 2004-2014 auf Platz 9.

Zwei Länder haben dagegen besonders stark beim langfristigen Wirtschaftswachstum aufgeholt. Es sind zwei Nachbarländer mit gleicher Sprache. Deutschland verbesserte sich vom zugegeben mageren Platz 23 auf Platz 18. Und die Schweiz stieg von Platz 17 auf Platz 13.

Die BIP-Zahlen als Summe, wie in diesem Artikel vorgestellt, sagen einiges über die wirtschaftliche Macht eines Staates aus. Wenn uns allerdings der Lebensstandard der Bevölkerung interessiert, müssen wir uns das BIP pro Kopf ansehen. Das geschieht in Teil 2.

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