Wirtschaftswurm-Blog

Russland – stark oder schwach?

Russische Flagge

Manchmal werden deutsche Journalisten Opfer ihrer eigenen Propaganda. So kursieren über die russische Wirtschaft einige verzerrte Vorstellungen.

Da stellt Marcus Theune, der aus sicherer Entfernung, nämlich aus London berichtet, ein wirtschaftliches Chaos in Russland fest. Und aus Berlin meldet Nikolaus Blome: Russland „ist zurückgeworfen auf den Stand eines Schwellen- oder Entwicklungslandes.

Vielleicht sollte sich Blome, wenn schon nicht aus Berlin, so doch aus seiner Fantasiewelt zurückziehen und sich ein paar reale Daten ankucken. Die Wirtschaft der Eurozone schrumpfte 2012 um 0,7% und 2013 um weitere 0,4%, während die Russlands um 3,4% bzw. 1,5% stieg. Wer wurde also hier zurückgeworfen?

Auch die Sache mit dem Schwellenland ist etwas komplizierter. Mit 15.000$ ist das BIP pro Kopf in Russland immerhin größer als in vier Ländern, die der OECD angehören, also dem exklusiven Klub der reichen Staaten. Das russische BIP pro Kopf ist nämlich höher als in Ungarn, Mexiko, Polen und der Türkei. Und es ist sehr viel höher als in den wichtigsten anderen Entwicklungs- und Schwellenländer: 37% höher als in Brasilien, 128% höher als in China und 959% höher als in Indien.

Aber nicht nur Blome schreibt Quatsch, auch die Handelsblatt-Autoren Jan Malien und Jörg Hackhausen. „Russland ist auf Kapital aus dem Ausland angewiesen“, meinen sie. Aber stopp, gleich wenig später heißt es: „Die Kapitalabflüsse gingen vor allem von Einheimischen aus.“ Ja, was denn nun? Kapitalimporte oder Kapitalabflüsse?

Tatsächlich weist Russland – wie Deutschland – regelmäßig einen Leistungsbilanzüberschuss auf und das heißt auf der anderen Seite, es exportiert netto Kapital. Marcus Theunes oben verlinkter Artikel „Londongrad“ dokumentiert gerade dies.

Nicht ausgeschlossen ist dagegen, dass gerade die politische Krise die Wende einleitet. Aktuell wird nämlich gemeldet, dass russische Unternehmen wie auch die russische Notenbank ihre Gelder aus dem Westen heimholen – aus Angst davor, dass die Konten eingefroren werden.

Sollte die politische Krise eskalieren und es zu weitreichenden Handelssanktionen kommen, dann würden natürlich nicht nur – wie bereits berichtet – die meisten EU-Staaten leiden, sondern auch Russland. Die aktuelle Rubelabwertung wird dagegen die russische Wirtschaft stimulieren. Hier ist der Argumentation von Heiner Flassbeck zu folgen. Flassbeck diagnostiziert Russland die „holländische Krankheit“. Das heißt: Wegen der Öl- und Gasexporte wertete der russische Rubel in der Vergangenheit so stark auf, dass darunter die russische Industrie litt. Ihre Produkte wurden auf den Exportmärkten zu teuer. Und das könnte sich nun ändern.

Selbst weitreichende Handelsanktionen hätten nicht nur einen negativen Einfluss auf die russische Wirtschaft. Man muss das wie Flassbeck so sehen: Die Russen importieren hauptsächlich Maschinen und Fahrzeuge. Investitionen in den Maschinen- und Fahrzeugpark kann man aber auch ohne Probleme ein paar Jahre aufschieben. Und in der Zwischenzeit kann man ungestört die eigenen Industrie so weiterentwickeln, dass sie selbst ein paar Angebotslücken füllen kann.

Die Europäer brauchen dagegen hauptsächlich Gas und Öl und dieser Bedarf lässt sich nicht aufschieben.

17 Kommentare

  1. Und in der Zwischenzeit kann man ungestört die eigenen Industrie so weiterentwickeln, dass sie selbst ein paar Angebotslücken füllen kann.

    Wer soll dieser „man“ sein? Der große Planer?

  2. Häschen sagt

    Es ist geboten bei der Beurteilung anderer Volkswirtschaften nicht unsere Maßstäbe anzulegen. Es gibt einfach Unterschiede. Rohstoffe, geographische Gegebenheiten, Bevölkerungsdichte usw… Es ist nicht überall gleich auf der Welt, man frage die Fische im Wasser.

    Sehr interessante Analyse.

    Deutschland hatte ein GDP per Capita dieser Größenordnung um 1970 herum (weiter reichte die Zahlenbasis, welche ich fand nicht zurück). Nachher ging die Entwicklung stetig nach oben.

    Andere Volkswirtschaften hatten bspw.eine andere Entwicklung des Realwachstums – Japan vs. Mitteleuropa.

    Die Idee sich den sogenannten Reichtum bei anderen herbeizuwünschen entspringt ja auch dem Wunsch Produkte abzusetzen im Rahmen von Exporten. Aus dem Element, dass der Export die Stärke bspw. von Deutschland sei (zurecht kann man darauf stolz sein) kann man nicht ableiten, dass der Erwerb von Produkten eine potentielle Schwäche des Importeurs darstellt. Eilte jener mit Weile, so ist das eher ein Problem des Westens. Jener der langsamer fährt drängelt ja nicht ungeduldig.

    Der Herr Flassbeck sieht die Welt durchaus wie sie andere auch sehen, ein paar Milliarden vermutlich. Was man sich selbst kann erzeugen braucht man nicht erwerben. Es ist nicht immer jener der verkauft auch derjene der produziert. Vom Kaufen wurde noch keiner klüger, sondern abhängig.

    Rohstoffe bilden die Ausnahme. Es gibt halt regionale Differenzen und dass Staaten sich Grenzen gezogen haben und sich damit selbst eingesperrt haben ist mal ein Problem der Staaten. Menschen sollten diese Grenzen im Geiste zumindest lange haben überwunden und Wirtschaft hat diese Grenzen schon lange überwunden.

    Ich finde es allein etwas seltsam, dass sich affenartige Lebewesen auf einem mittelgroßen ungewöhnlich wasserreichen Planten in ihrer kurzen Verweildauer, selbst aus Sicht der Menschheit, gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Zumindest wird es so dargestellt.

    Gemeinsame Freude über das Gefallen von selbst erstellten Produkten bei anderen sollte ja im Vordergrund stehen, der kulturelle Austausch ist ja noch fruchtbringender.

    Es wäre schon etwas kindisch herzugehen und zuerst seine Leistung feilbieten und nachher zu sagen, ‚Ätsch, jetzt bekommst du aber nichts mehr, denn die Mama hat dich nicht mehr lieb‘. 🙂 Das ist die verkürzt wiedergegeben die Argumentation des Herrn Bloome. Jede andere ist stichhaltiger. Wenn der Herr Bloome auf seinen PC schaut – das ist ein eurasisches Produkt inkl. der Software bezogen auf die Kompetenz. Selbst das Design und die Forschung ist international auch in den Nvidia Labs.

    Ein sog. niedriger Lebensstandard ist auch weniger fragil. Es fehlt eher dem Westen an Bodenständigkeit mittlerweile als dem Osten an Flughöhe.

  3. Argonautiker sagt

    Russland – stark oder schwach?

    Als Lebewesen ist es ziemlich dumm, anzunehmen, stark zu sein, wäre das Ziel. Leben findet sowohl in der Ausdehnung, wie auch im sich Zusammenziehen statt. Leben ist also sowohl stark wie auch schwach, und das sogar in annähernd ausbalancierter Weise. So funktioniert die Atmung, so funktionieren die Zellen, so lebt das Leben. Es pulst. Ausdehnung Zusammenziehung,…. Und zwar NUR dann, wenn es BEIDES tut.

    Das Leben also dahin entwickeln zu wollen, beständig stark sein zu wollen, und Stärke als Kriterium und Maßstab zu bemühen, ist vollkommener Schwachsinn. Mehr noch, es ist schlichtweg die Verweigerung des Lebens, und dauernd betrieben führt es zu recht in den Untergang.

    Sowohl Putins wie auch Obamas Gehabe sind nichts anderes als die Auswirkung der Finanzbetreiber, die ihnen die Daumschrauben angesetzt haben, und ihnen mittels ihrer Schulden drohen, ihr System zusammenbrechen zu lassen, wenn sie keine neuen Märkte, und damit Ausdehnung, für sie erschließen. Sie müssen also im Dienste des Zinssystems erobern. Und werden daran natürlich auch zugrunde gehen. Und zwar eben weil das Zinssystem ein System ist, welches nur die Stärke, also das Einatmen, nicht aber die Schwäche, das Ausatmen kennt. Mehr-Mehr-Mehr.

    Also, allein schon Schwäche und Stärke, im Titel als sich Gegenseitig ausschließend zu Polarisieren, zeigt, daß der Autor im gleichen ideologischen Boot sitzt. Warum? Warum Stärke als das Maß der Dinge zu sehen? Ginge es der Schöpfung wirklich um physische Stärke in der Entwicklung des Lebens, dann gäbe es noch Dinosaurier, und wir wären nicht da wo wir sind. Das Gegenteil ist der Fall. Im Leben geht es darum, so wenig stark wie möglich zu sein, aber eben noch stark genug, um dem schwachen Leben den nötigen Raum und Existenz zu sichern.

    Der darwinistische Gedanke der Auslese des Stärkeren stimmt nur, wenn man das Leben kurzfristig betrachtet. Auf lange Sicht ist genau das Gegenteil der Fall.

    Wem es noch nicht aufgefallen ist, das Leben und seine Geschöpfe werden immer sensibler, empfindsamer, weicher,…, und es ist auch nicht umsonst so, das die Schöpfung den physisch schwächeren Teil zur Hüterin und Trägerin des Lebens gemacht hat.

    Was allen Parteien, derzeitig eindeutig fehlt, ist Mut zur Schwäche.

    Gruß aus Bremen

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  5. @Argonautiker „Was allen Parteien, derzeitig eindeutig fehlt, ist Mut zur Schwäche.“ – Das vermisse ich vor allem bei der EU, die auf stetige Expansion Richtung Osten setzt. Die EU ist bereits ein unbeweglicher Koloss, was soll daraus noch werden, wenn sie weiter wächst?

  6. Argonautiker sagt

    @Arne Kuster

    Selbstverständlich trifft das auch auf die EU zu, wobei diese sich eben höchst unselbständig der USA anschließt. Allen Gemein ist das sie sich durch die Finanz gängeln lassen.

    Expansion gen Osten war übrigens schon die Triebkraft zum 2.WK. Damals hatte man einen Banker der City of London, Hernn Schacht nach Deutschland geschickt um Hitler mit den nötigen Finanzen auszustatten um den Osten zu erobern.

    Heute sind die treibenden Kräfte nicht nur in der City of London, sondern in den USA zu suchen. Und wieder lassen sich unsere Deppen darauf ein, und lassen sich vorschieben. Wie blöde kann man nur sein, denn wo wird das Schlachtfeld wohl wieder mal sein? Genau.

    Gruß aus Bremen

  7. Russland war und ist ein Land mittlerer wirtschaftlicher Entwicklung. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es aus welchen Gründen auch immer Wachstumsvorteile durch die Größe des Binnenmarktes, was die beiden Supermächte nutzten. Weiterhin beschreibt das politische System von Russland/Sowjetunion klassische Lebenszyklen, zuerst von 1917 bis 1991, dann mit Jelzin eine Sturm-und-Drang-Zeit, mit Putin eine Zeit der staatlichen Konsolidierung und Wachstum der Realeinkommen, teilweise mit dem Faktor 10 (!). Zugleich wuchs die Abhängigkeit vom Rohöl-und Rohstoffexport. Nun bringt das Wachstumsmodell nichts mehr. Ein klassischer Fall von Ressourcenfluch. Die Situation wird oft mit den 1980-er Jahrn der Breschnewschen Stagnation verglichen und ausländische Abenteuer sind politisch opportun.
    Sobald Putin weg ist, beginnt der dritte Zyklus in 100 Jahren, mit marktwirtschaftlichen Reform, Demokratisierung und einem Modernisierungsschub. Und wenn sich die Lage beruhigt, dann sieht man, dass Putin nackt ist. Merkels Aussage, dass sich Russland selbst schadet, kann man nicht von der Hand weisen.

  8. Bei aller Kritik am russischen Wirtschaftsmodell halte ich die These für völlig falsch, Putin wolle in der Krimkrise von wirtschaftlichen Problemen ablenken. Wie im Artikel dargelegt, sind die wirtschaftlichen Probleme Russlands (noch) nicht akut.

  9. Häschen sagt

    Denke wohl es wäre mal an der Zeit die Ebenen Wirtschaft und Politik losgelöst zu betrachten.

    Ähnlich wäre die Situation bei den Indianern in Bolivien bezüglich des Lithium. Wird spannend was der Westen in dem Fall treibt. Jene die es abbauen, Indianer, wollen den damit erwirtschafteten Wohlstand gerecht verteilen damit alle partizipieren. Bin gespannt ob der Westen bereit ist faire Preise zu zahlen und die Gewinne denjenen zukommen zu lassen, die den Abbau bewerkstelligen.

    Gestern im ZDF, denke ich, wieder mal sehr ernüchternd die gewagte Aussage es sei angedacht in der Ukraine Atomwaffen aufzustellen die gegen den Iran gerichtet wären. Wenn diese Aussage korrekt ist, so stellen sich die Sorgen von Russland zurecht als begründet heraus. Atomkraftwerke werden ja nicht aus Jux und Tollerei betrieben usw… In dem Fall ist irrelevant ob die Wirtschaft kurzfristig leidet.

    Kündigt sich ein Durchhänger an, dann kann man den auch aussitzen. Verlieren tut man eh nicht viel und gewinnen schon gar nicht.

    Wäre die E.U. an dem interessiert das sie vorgibt zu sein, dann sehe E.U. Politik anders aus und auch die Wirtschaftspolitik. Was kratzt Europa die Ukraine? Die E.U. scheinbar mehr. Einzig und allein die NATO hat ein Interesse.

    Ein Haufen Geld für lauter ‚Schaß‘ den noch nie jemand hat gebraucht.

    Der Herr Schäuble hat in einem Punkt schon recht. Wenn Europa respektive der Westen vor der eigenen Türe kehrt, spart man sie viel Ärger und hat trotzdem genug zu tun.

  10. Es ist richtig, die wirtschaftlichen Probleme Russlands nicht akut sind und die Aneignung der Krimkrise im Zusammenhang mit der politischen Situation in der Ukraine steht, nicht mit der innenpolitischen Situation.
    Die wirtschaftliche Situation schafft, besser, das bestehende Wirtschaftsmodell fußt auf einen Konsens, einer spezifischen nationalen Identität, oder, mit den Worten der institutionellen Ökonomie, beschreibt eine Pfadabhängigkeit. Innerhalb dieses Modells der Wahrnehmung hat Putin (Zerfall der Sowjetunion war die größte geopolitische Katastrophe) schnell und martialisch gehandelt. Da er alle Trumpfkarten in der Hand hatte (zerfallende Ukraine, russischsprachige verunsicherte und verarmte Bevölkerung, eigene Stabilität und hohes Wachstum der russischen Realeinkommen in den letzten Jahren), hätte er die EU in der Ukraine vorführen und Katz und Maus spielen können. Nun vereint er die EU gegen sich, was, aufgrund der unterschiedlichen Schwergewichte, seinen Preis haben wird. Putin folgt der Logik dieses Lebenszyklus, dass seinen Höhepunkt überschritten hat und immer weniger in der Lage sein wird, Wachstum zu generieren. Die Integration der Krim ist ein Aufbäumen der politischen Popularität – von nun ab wird es schwieriger. Und die internationale Isolation bedeutet nicht unbedingt verbesserte Rahmenbedingungen für notwendiger wirtschaftliche Reformen. Eher wird der volkswirtschaftliche Preis für den Übergang zur Nach-Putin Ära in die Höhe getrieben.

  11. Warten wir mal ab, wie dauerhaft die Isolation ist. „Ein bisschen“ Isolation würde ja der russischen Wirtschaft sogar guttun, wie im Artikel angedeutet. Aber das ist natürlich eine Gratwanderung.
    Die Krim-Aktion wiederum stand für Putin unter dem Motto „Retten, was noch zu retten ist“. Zufrieden kann er aber mit dem bisherigen Ergebnis nicht sein. Denn das heißt ja, die Krim geht an Russland, der große Rest der Ukraine aber Richtung Westen. Lieber ist ihm wohl eine Regierung in Kiew, die auf ihn hört. So wie ich den Fuchs Putin einschätze, wird es da noch ein paar interessante Schachzüge geben.

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