Wirtschaftswurm-Blog

Russland verstehen

Russische Flagge

Wieso ist Putinversteher eigentlich ein Schimpfwort? Ansonsten wird doch bei jeder Gelegenheit gerne betont, wie wichtig interkulturelle Kompetenz heutzutage ist. Nur in Bezug auf Russland, da ist interkulturelle Kompetenz plötzlich ein Makel?

Machen wir uns besser daran, Russland zu verstehen.

Aber bevor wir Russland verstehen können, müssen wir uns selbst verstehen. So ist das immer mit der kulturellen Kompetenz. Und wir müssen verstehen, was es mit Demokratie und Menschenrechte auf sich hat, zweier wichtiger gesellschaftlicher Errungenschaften.

Man mag sich Demokratie und Menschenrechte für alle Menschen auf der Welt wünschen, da ist nichts Falsches dran. Aber man darf darüber nicht aus dem Auge verlieren, dass Demokratie und Menschenrechte einen Unterbau brauchen. Damit meine ich, dass Demokratie und Menschenrechte sowohl historische als auch wirtschaftliche Voraussetzungen brauchen.

Viele Versuche, Demokratie und Menschenrechte zu etablieren, sind im ersten Anlauf gescheitert. Frankreich nach der Französischen Revolution 1789, Deutschland nach dem I. Weltkrieg 1918. Offensichtlich waren die historischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für Demokratie und Menschenrechte noch nicht da.

Auch in Russland steht es um die historischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für Demokratie und Menschenrechte miserabel.

Die Historie:

In Russland fanden die ersten (halbwegs) freien Parlamentswahlen der Geschichte erst 1990 statt. Demokratische Traditionen sind darum kaum verwurzelt. Die Durchsetzung der Demokratie ging zudem einher mit einem Verfall staatlicher Institutionen und einem Verfall der Wirtschaft. Die durchschnittliche Lebenserwartung fiel in Russland zwischen 1988 und 1994 von 69 ½ Jahre auf 64 ½ Jahre. Eine Seuche hätte kaum verheerender sein können.

Als der Alkoholiker Jelzin sein Präsidentenamt abgab, war die russische Demokratie quasi gescheitert.

Die Wirtschaft:

Die russische Wirtschaft hat in den letzten 15 Jahren einen fast beispiellosen Aufschwung erlebt, dabei haben sich aber die stark ressourcenabhängigen Wirtschaftsstrukturen kaum geändert. Vor allem der Außenhandel stützt sich auf die Bodenschätze – Erdöl, Erdgas und Mineralien. Ressourcenabhängige Wirtschaftsstrukturen stehen aber demokratische Strukturen oftmals im Wege. Das Phänomen wird auch Ressourcenfluch genannt. Diesen Ressourcenfluch zeigen auch Länder wie Saudi-Arabien genauso wie viele afrikanische Staaten.

Nun zu Putin:

Putins Führungsstil ist autoritär. Und demokratische Verfahren sind für ihn bestenfalls das Sahnehäubchen oben drauf – nützlich, solange er sie mit seiner Medienmacht in der Hand hat. Doch es hätte schlimmer kommen können. Das zeigt das Beispiel der ersten gescheiterten deutschen Demokratie. Russland dagegen ist heute immer noch wesentlich demokratischer und freiheitlicher als vor 25 Jahren.

Was glauben denn die Leute, die Putin lieber heute als morgen weg haben möchten, wer danach käme? Es ist doch naiv zu meinen, ohne Putin würde sich eine Demokratie nach westeuropäsichen Standards quasi von allein etablieren. Viel realistischer ist doch ein neuer, noch autoritärerer Führer.

Die Ukraine macht es vor. Auch die zweite große Revolution (die erste war die Orangene Revolution von 2004) wird am Ende nur das Ergebnis zeitigen, dass die einen Oligarchen durch die anderen Oligarchen ersetzt wurden. Das ist bereits absehbar.

2 Kommentare

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