Euromünzen_und_Scheine

Bargeldverbot – Was steckt hinter den Argumenten?

Eine heftige Diskussion hat Peter Bofinger mit seinem Vorschlag entfacht: Bargeld sei ein Anachronismus, man solle es abschaffen. Aber sind seine Argumente stichhaltig?

Bofingers erstes Argument ist der Zeitverlust, „wenn Leute vor Ihnen an der Ladenkasse nach Kleingeld suchen und die Kassiererin nach Wechselgeld.“ Allerdings gibt es auch Zeitverluste, wenn die Leute ihre Bankkarte suchen oder das Lesegerät sie auf Anhieb nicht akzeptiert. Woher weiß Bofinger, was wirklich schneller ist? Wir wissen es nicht.

Man sollte die entscheiden lassen, die es wirklich wissen, also Einzelhändler und Käufer. Ich halte es für durchaus richtig, dass Dänemark vor kurzem die Pflicht für viele kleine Läden, Restaurants und Tankstellen abgeschafft hat, Bargeld anzunehmen. Es sollte keinen Zwang geben, aber auch kein Verbot. Der Markt sollte entscheiden.

Bofingers zweites Argument: Ohne Bargeld würden die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen austrocknen. Wie allerdings Alexander Dilger richtig festgestellt hat: Von einem Bargeldverbot wird kein Suchtkranker geheilt. Drogenhändler wie Schwarzarbeiter werden neue Wege finden, ihre Geschäfte abzuwickeln. Vielleicht sind diese neuen Wege etwas umständlicher, wodurch sie auch etwas an Attraktivität verlieren. Das wird aber nicht ausreichen, um die Schwarzmärkte auch nur annähernd trocken zu legen.

Man kann auch fragen: Ist Bargeld wirklich so gefährlich wie z.B. Schusswaffen, dass es ein Verbot rechtfertigt?

Bofingers drittes Argument ist dagegen richtig. Es gibt durchaus schwere Wirtschaftskrisen, bei denen es sinnvoll ist, dass die Zentralbank negative Zinsen erhebt. So tragen auch die Gläubiger einen Teil der Krisenlast. Die Existenz von Bargeld erschwert es allerdings der Zentralbanken, negative Zinsen durchzusetzen, da es mit Bargeld ja immer eine zinslose Alternative gibt.

Übrigens haben wir in Deutschland gegenwärtig keine schwierige Wirtschaftskrise, die Negativzinsen rechtfertigt. Die EZB-Politik lässt sich gegenwärtig allein in Hinblick auf Griechenland rechtfertigen. Für die anderen 18 Staaten der Eurozone gilt: Mitgefangen, mitgehangen. So ist das nun einmal in einer Währungsunion.

Aber auch die geldpolitischen Probleme rechtfertigen kein Bargeldverbot. Allenfalls kann man Verbraucher und Einzelhändler etwas in Richtung bargeldloses Bezahlen anstoßen. So kann man die gesetzliche Verankerung des Bargeld als Standardform des Bezahlens abschaffen oder durch eine andere Bezahlform (aber welche?) ersetzen.

Interessant zum Thema übrigens noch der Bericht von Hendrik Mäkeler aus dem bereits fast bargeldlosen Schweden.

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Freiburg im Breisgau

Lasst die Briten nicht über Ordoliberalismus schreiben!

Ich glaube ja, die Briten würden viel weniger über den Ordoliberalismus schimpfen, wenn er nicht aus Deutschland käme. Aber das nur nebenbei zum neuen Rant des „Economist“ über die deutschen Ordoliberalen. Inhaltlich kann man nämlich auch einiges kritisieren.

Aber ich fange vielleicht mal bei dem Punkt an, wo der „Economist“ richtig liegt: Ordoliberale wollen keinen Nachtwächterstaat, sondern eine starke und unabhängige Regierung, die die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft setzt.

Es geht nicht um den freien Markt und auch nicht darum, Schulden zu verteufeln

Nun verwenden Ordoliberale häufig den Begriff „freier Markt“ und das ist falsch, wird aber leider vom „Economist“ nicht kritisiert. Ein Markt ist nie frei, sondern immer abhängig von gesetzlichen und gesellschaftlichen Verhaltensregeln. Wichtig dafür, dass ein Markt funktioniert, ist aber, dass der Preismechanismus nicht manipuliert wird, denn dann können die Preise anzeigen, wo Knappheit und wo Überfluss herrscht. Es geht also um freie Preise, nicht um einen freien Markt.

Der „Economist“ behauptet, Ordoliberale würden Schulden verteufeln. Nein, tun sie nicht. Aber, Stichwort „Haftung“, Ordoliberale verlangen, dass man seine Schulden zurückzahlt. Und das sollte auch für den Staat gelten. Fast immer hat Deutschland jedoch seine Altschulden beglichen, indem es neue Schulden aufgenommen hat.

Apropos Schulden zurückzahlen. Hier übertreiben es Ordoliberale manchmal etwas und das ist vielleicht in der Tat ein deutsches Mentalitätsproblem. Wer eine Pleite hingelegt hat, dessen Ruf ist hierzulande dauerhaft ruiniert. Aber diese Mentalität schreckt ab Neues auszuprobieren und damit Risiken einzugehen. Tatsächlich gehören Insolvenzen zum System soziale Marktwirtschaft zwingend dazu. Und warum nicht auch die Insolvenz von Staaten? Aufgabe der Ordoliberalen kann es nur sein, über die internationalen Rahmenbedingungen nachzudenken, die eine Insolvenz von Staaten möglich machen, ohne dass gleich die gesamte Weltwirtschaft zusammenbricht.

Es ist richtig, dass Ordoliberale in der Politik Regeln gegenüber hektischem Aktionismus bevorzugen. Das heißt aber nun nicht, dass sie mit dem Nachdenken aufhören, wenn einmal eine Regel etabliert ist. Sowohl die Regeln über die Maastricht-Kritereien als auch die Regeln der deutschen Schuldenbremse sind gut gemeint, aber schlecht durchdacht. Die Diskussionen sollten darum weiterlaufen.

Genauso ist es mit der Sparpolitik in den Eurokrisenstaaten. Natürlich muss ein Land wie Griechenland sich einschränken, da es in der Vergangenheit über seine Verhältnisse gelebt hat. Dabei geht es jedoch nicht in erster Linie darum, Staatsausgaben zu kürzen, sondern vielmehr darum, die für Griechenland nicht mehr bezahlbaren Importe zu verringern. Der Königsweg ist hier eine Abwertung der eigenen Währung, die Importe für alle verteuert, so dass man sie weniger nachfragt. Im Fall Griechenlands setzt dies natürlich eine eigene Währung, also den Austritt aus der Eurozone, voraus.

Leistungsbilanzüberschüsse sind nicht ordoliberal

Zum Schluss beschäftigt sich der „Economist“-Artikel auch mit Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss. Die Ordoliberalen würden ihn rechtfertigen. Aber das ist falsch. Es gibt keine ordoliberalen Argumente, nach denen der deutsche Leistungsbilanzüberschuss, zumindest in seiner gegenwärtigen Höhe, gut ist. Was hier häufiger durch deutsche Medien geistert ist eher merkantilistisches Denken.

Der Merkantilismus ist nämlich eine veraltete ökonomische Denkschule aus dem 17. Jahrhundert. Demnach sollte der Staat (damals meist mit dem Fürsten gleichgesetzt) danach streben, möglichst viel Gold im Außenhandel einzunehmen. Das ging nur mit einem Leistungsbilanzüberschuss. Heute bekommt man aber für einen Leistungsbilanzüberschuss kein Gold mehr, sondern meistens nur Schuldpapiere. Und selbst wenn man noch Gold bekäme, inzwischen hat sich herausgestellt, dass man Gold nicht essen kann.

Foto (von Luftfahrer/Wikipedia): Freiburg im Breisgau, Wiege der ordoliberalen Schule

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Bitcoin wird die Welt verändern

Ganz interessante Gedanken von Frank Schäffler zu einer neuen technologischen Revolution:

Ein Denkfehler macht Schäffler aber, wenn er meint, die Blockchain-Technologie könnte sich ganz ohne staatliche Anerkennung durchsetzen. Darum geht’s dann doch nur um eine vollständige Automatisierung von Verwaltungsvorgängen.

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Arbeitslosenquote 2013 der zehn schlechtesten Staaten der EU

Die deutschen Löhne – Konfusion von rechts bis links und unter Ökonomen

Als Hintergrundmusik zur augenblicklichen Streikwelle singt der Ökonom Heiner Flassbeck das schöne Lied auf höhere Löhne. Heiner Flassbeck hat allerdings wie die meisten nicht verstanden, dass die Sorge um Europa und die Sorge um eine niedrige Arbeitslosigkeit im Widerstreit stehen, wenn’s um die Lohnhöhe geht.

Konkret kritisiert Flassbeck Heike Göbel in der FAZ. Die macht sich angesichts um sich greifender hoher Lohnforderungen Gedanken um Deutschlands internationale Wettbewerbsfähigkeit. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Industrieprodukte auf den Exportmärkten ist aber, da bin ich ganz bei Heiner Flassbeck, zur Zeit unsere geringste Sorge. 2014 erzielte Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss von 285 Milliarden Euro. Das sind 7,5% des deutschen BIPs. Und die Worte Überschuss und überschüssig hängen nicht umsonst zusammen. Der hohe Leistungsbilanzüberschuss bedeutet nämlich: Deutschland könnte rein rechnerisch seine gesamte Produktion um 7,5% zurückfahren, ohne dass wir weniger zu konsumieren brauchten.

Auch schon zu Zeiten der Hartz-Reformen war die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands das geringere Problem. In den 90er Jahren hatte Deutschland zwar ein Leistungsbilanzdefizit, das war aber bereits 2001 überwunden. Auch der zweite von Flassbeck kritisierte Artikel, der von der Hans-Böckler-Stiftung stammt, spricht dies an. Niedrigere Löhne waren also aus Sicht der Exportwirtschaft in der ersten Hälfte der Nullerjahre nicht erforderlich – nicht mehr, muss man sagen. Denn wie eine interessante Studie von Christian Dunstmann und anderen, die wir hier im Blog bereits besprochen haben, zeigt, begann die deutsche Lohnzurückhaltung schon ab etwa 1995 und wirkte.

Internationale Wettbewerbsfähigkeit versus niedrige Arbeitslosigkeit

Die Jahre der Hartz-Reformen beweisen dafür eines: Internationale Wettbewerbsfähigkeit muss offensichtlich überhaupt nicht mit einer niedrigen Arbeitslosigkeit einhergehen. Deutschland hatte damals 5 Millionen Arbeitslose!

Aber warum?

Wenn’s nicht am boomenden Export lag, muss es wohl am nicht-exportorientierte Dienstleistungssektor gelegen haben. Der war völlig unterentwickelt.

In den meisten Dienstleistungsbranchen kann man kaum etwas automatisieren.  Entsprechend ist die Produktivität niedrig. Hohe Löhne sind nicht möglich. Erst als durch die Hartz-Reformen ein echter Niedriglohnsektor entstand, wurde eine Ausweitung der Dienstleistungsbranchen möglich. Die Arbeitslosigkeit nahm ab, die Arbeitslosenrate sank.

Die seit den Hartz-Reformen entstandenen Arbeitsplätze sind nun wieder in Gefahr

Was viele Ökonomen, auch Heiner Flassbeck nicht durchschaut haben: es gibt ein Lohnniveau, bei dem außenwirtschaftliches Gleichgewicht herrscht, und ein anderes, weit niedrigeres Lohnniveau, bei dem die Arbeitslosigkeit gering ist. Ein Dilemma. Man kann nur zwischen zwei Übeln wählen.

Flassbeck ereifert sich über “im nationalen Gedankengut verbohrte” Leute, die die negativen Auswirkungen der deutschen Lohnpolitik auf die europäischen Partner nicht berücksichtigten. Wenn allerdings eine europäische Gesinnung bedeutet, in Deutschland die gleiche Massenarbeitslosigkeit einziehen zu lassen, wie sie in Spanien oder Griechenland schon herrscht, dann möchte ich lieber “im nationalen Gedankengut verbohrte” Politiker.

Grafik: Arbeitslosenquoten ausgewählter europäischer Länder 2013

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Hört jemand auf uns Ökonomen?

Justus Haucap und seine Kollegen stellen in einer Untersuchung fest, dass auf Ökonomen durchaus gehört wird:

Das Problem von Ökonomen liege allerdings häufig an ihren unrealistischen Heilsversprechen. Auch beschäftigten sich Ökonomen viel zu häufig mit Fragestellungen ohne gesellschaftliche Relevanz.

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Runde bei Günther Jauch

Gerechte Löhne – eine Debatte auch zum Bahnstreik

Ab heute wollen die Lokführer für mehr Gerechtigkeit streiken. Auch die Erzieher wollen Gerechtigkeit und haben beschlossen zu streiken. Aber was heißt das – gerechte Löhne? Es gibt eine einfache Definition, die aber die meisten Probleme nicht löst.

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Steuererhöhungen: Das wird 2015 alles teurer

Von Andrea Schneider für WIS Steuerberatungs GmbH

Deutsche Bürger sind 2015 erneut von Steuererhöhungen und Verschärfungen betroffen. Änderungen treten nicht nur bei der Grunderwerbssteuer auf, sondern auch bei der Bemessungsgrenze, der Lebensversicherung und sogar bei alten Heizungen. Was die Steuerzahler 2015 erwartet, erfahren Sie hier.

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Warum zahlen die Skandinavier so viel Steuern?

Thomas Straubhaar berichtet über eine Studie, die untersucht, warum die Skandinavier so viel Steuern ohne Murren zahlen:

Das wichtigste: Die Effizienz sowohl beim Geldeinnehmen als auch beim Geldausgeben macht den Unterschied.

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