Analyse

IWF-Studie: Flüchtlinge senken durchschnittlichen Lebensstandard

Containerbau_für_Flüchtlinge_in_Hannover_Linden

Die Flüchtlingskrise wird Deutschland bis Ende 2017 50 Milliarden Euro kosten. Das sagen zumindest die heute in der Presse diskutierte Zahlen des Kölner Instituts für Wirtschaftsforschung. Ungeklärt scheint dabei die Frage, ob diese 50 Milliarden sich langfristig auszahlen, sie also eine gute Investition sind. Doch nun behauptet der IWF in seiner aktuellen Studie zur gegenwärtigen Flüchtlingskrise „Flüchtlinge bringen mehr Wirtschaftswachstum“. Sind damit alle Sorgen beseitigt?

Empirische Studien wie auch theoretische Überlegungen legen zunächst nahe, dass der langfristige wirtschaftliche Effekt der Flüchtlinge für die Einheimischen negativ ist. Warum? Die Wirtschaftsstruktur wird dazu neigen, sich an die geringen Qualifikationen der Flüchtlinge anzupassen. Weniger Hightech, mehr Billigarbeit. Im Artikel „Der Flüchtlingsschock für die deutsche Wirtschaft“ habe ich diesen Effekt geringqualifizierter Einwanderung erklärt.

Doch tatsächlich soll laut IWF die Wirtschaft der drei Hauptaufnahmeländer für Flüchtlinge, Deutschland, Schweden und Österreich, dank Flüchtlingen stärker wachsen. In den deutschen Presseartikeln über die IWF-Studie wird dieser Aspekt der 50-seitigen Studie herausgestellt. So schlagzeilt die „Zeit“:

„Flüchtlinge bringen mehr Wirtschaftswachstum“

Der Effekt beträgt laut Studie zwischen 0,5% und 1,1% – allerdings nicht pro Jahr, sondern für die Jahre 2015-2020 zusammen. Eine aktuelle Meldung ist dies allerdings nicht wert, denn der IWF verwendet für seine Modellberechnung veraltete Zahlen. Nach Deutschland sollen demnach in den Jahren 2015-17 nur 413.000 Personen im Jahresdurchschnitt einwandern. Tatsächlich sind aber allein 2015 1,09 Millionen eingewandert.

Nun beruht das Wirtschaftswachstum durch Flüchtlinge auf einen Nachfrageeffekt (z.B. durch gestiegene Nachfrage nach Wohncontainern) und, sobald die Flüchtlinge selbst anfangen zu arbeiten, auch auf einen Angebotseffekt.

Wer in Wirtschaftsdingen nicht so firm ist, muss sich klar machen: Nachfrage und Angebot beschreiben nur den Anlass für das Wirtschaftswachstum. Tatsächlich muss auf jede Nachfrage immer ein Angebot folgen, damit Wirtschaftswachstum entsteht. Wenn z.B. die Hersteller von Wohncontainern keine freien Kapazitäten haben, um die gestiegenen Nachfrage zu befriedigen, dann gibt es wegen fehlenden Angebots auch keinen Nachfrageeffekt. Die Wohncontainer werden dann importiert oder die Neueinwanderer schlafen erst einmal im Freien. Umgekehrt, wenn sich herausstellt, dass es für ein Angebot keine Nachfrage gibt, dann wird das Produkt wieder sehr schnell vom Markt verschwinden und es gab nur eine vorübergehende Aufblähung des BIPs.

In Zeiten guter Konjunktur wie 2015 wirkt zusätzliche Nachfrage oft nicht, da es einfach keine freien Kapazitäten gibt. In wie weit der IWF das berücksichtigt hat, wird aus der Studie nicht klar.

Flüchtlinge zehren Wirtschaftswachstum gleichzeitig auf

Dem Wirtschaftswachstum steht allerdings ein größeres Bevölkerungswachstum gegenüber. EU-weit soll laut IWF das BIP pro Kopf darum um 0,4% sinken. Die Zahl für Deutschland wird nicht ausdrücklich genannt. Es ist aber zu vermuten, dass sie noch ein ganzes Stück schlechter ist.

Das ist übrigens schon seltsam, wenn der IWF den positiven Effekt auf die Haupteinwanderungsländer herunterrechnet, den negative Effekt aber nur summarisch darstellt. Aber es passt vielleicht zu einigen anderen optimistischen Annahmen, die der IWF-Berechnung zugrunde liegen.

  • So geht der IWF davon aus, dass die Neueinwanderer die ersten beiden Jahre nicht arbeiten, danach aber sofort knapp 80% von ihnen eine Stelle finden. Dies folgt zumindest aus der IWF-Annahme, bei den Flüchtlingen wäre die Arbeitslosenquote anfangs nur 15 Prozentpunkte höher als bei Einheimischen (und würde danach weiter sinken).
  • Der IWF erwähnt, dass gut qualifizierte Einwanderer die Wirtschaftsstruktur eines Landes verbessern können. Hoch qualifizierte russische Einwanderer hätten z.B. den Aufbau der israelischen Hightech-Industrie erleichtert. Dass nach demselben Mechanismus gering qualifizierte Einwanderer Billiglohnproduzenten anlocken und Hightech verdrängen, bleibt dagegen unberücksichtigt.

Fazit: Die „Zeit“ hätte statt „Flüchtlinge bringen mehr Wirtschaftswachstum“ auch anders titeln können: „Flüchtlinge verringern durchschnittlichen Lebensstandard“. Naja, ich hab dies mal für „die Zeit“ übernommen, nur der Vollständigkeit halber.

Es gibt aber ein paar andere bemerkenswerte Daten aus der IWF-Studie, etwa zur Frage, ob die Neueinwanderer Einheimische vom Arbeitsmarkt verdrängen oder zu möglichen Mietpreissteigerungen. All dies folgt allerdings erst im zweiten Teil dieses Artikels: „Flüchtlinge als Konkurrenten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt“.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Foto (von Nifoto/Wikimedia Commons) : Bau von Wohncontainern für Flüchtlinge in Hannover-Lingen

23 Kommentare

  1. Olum sagt

    Die Krankenkassenbeiträge wurden ja schon erhöht…

  2. mistkaeferchen sagt

    DAS KOSTET ALLES VIIIEL MEHR, IST SCHÖNGERECHMNET. WIR BURGER WERDEN UNS NOCH WUNDERN, MAN WIRD UNS AUSZIEHEN BIS AUF HEMT. NEUE GESETZE WERDEN IMMER DANN BESCHLOSSEN, WENN ALLE BÜRGER ABGELENGT SIND MIT FUSSBALL. DAS IST IMMER SO.

  3. Jimmy sagt

    Die Chance war eigentlich sich mit dem Schwinden der Bevölkerung auf das gewagte Experiment Dampfmaschine einzulassen ;). Industrie 4.0 auf gut Deutsch. Scherz beiseite. Der Billiglohn in .de kommt von der Ausrichtung auf manuell anmutende Arbeit … alle haben Arbeit, aber der Lohn ist nicht zu rechtfertigen. Geld hat eben keine Augen solange das Gut die Volkswirtschaftsgrenzen nicht verlässt.

    Wenn ich mich auf die Handstände rund um die angeblich so ehrbaren Absichten von Hartz iV erinnere Menschen wieder in Beschäftigung zu bekommen … Deutschland setzt bestimmt noch immer viel auf manuelle Arbeit. Damit haben zwar alle viel Arbeit :), aber das ist so eine Sache. Möglicherweise im Rahmen von Insourcing um manuelle Arbeitsschritte wieder nach Deutschland zurückzuhohlen mit der Absicht rustikale langlebige Güter auf den Markt zu bringen. Solche Jobs decken sich nicht unbedingt mit der Erwartungshaltung der Ankommenden in jedem Fall.

    Will man der Berichterstattung glauben schenken so kehren eher jene Deutschland den Rücken die eine Erwartungshaltung haben die nach ‚U.S.‘ anmutet. Die akadem. Geblideten wünschen so Jobs wie in den U.S. In den U.S. ist das ‚Amt‘ gerne auch privatisiert. Im Umfeld der privaten Klein- bis mittelständischen Unternehmen finden sich oft sehr zweckgerichtete Jobs bei denen schnell jemand zu einem Computer hingesetzt wird und ‚mach mal‘ oder ein Lagerist der eigenverantwortlich und engagiert zu Werke schreitet ohne auf die Uhr zu schauen.

    Die Ingenieure aus dem Ostblock waren es gewohnt aus wenig Infrastruktur Neues entstehen zu lassen. Ich würde diese Ingenieure eher in das Eck ‚Zuwanderung‘ positionieren. Für die war ja an sich das Problem nicht ihr Wissen oder die Kreativität, sondern die Einschränkung der Möglichkeiten zuvor. Die Investition ist der echte Enabler der das Potential befruchte als das Investitionskapital nach Russland floss oder die Menschen in den U.S. schafften. Mobilität war sowieso gefordert. Effektivität.

    Russland hat viele junge gut ausgebildete Menschen, diese gesellten sich zu den Urgesteinen über die letzen Jahr noch hinzu. Die Produktion war extrem billig bspw. in der IT. Was bei uns ein Spezialist konnte, war dort rund um jedes Hauseck zu finden (sagen wir mal so). So fundamental technisch …

    Die Flüchtlinge haben schaut man auf die Entwicklung des Wanderungssaldos die schlechteren Karten. Wir werden keine Idee von den sich eröffnenden Chancen bekommen, wenn wir nicht wissen was die Ankömmlinge wissen und machen wollen. Möglicherweise ist es besser mit ihnen einen ganzen Industriezweig aufzubauen als sie zu integrieren – Thema Dampfmaschine.

  4. Anthony sagt

    Bei den 50 Milliarden ist NICHT EIN ARZT ODER ZAHNARZT Besuch eingerechnet. SIE KÖNNEN DIE ZAHL VERDOPPELN.

  5. @Jimmy,
    die Sache ist doch einfach die: die Integration unqualifizierter Einwanderer ist nichts, was uns im 21. Jahrhundert wirtschaftlich weiterbringt.
    @Anthony,
    richtig, Gesundheitskosten sind noch nicht inbegriffen.

  6. … [Wegen Beleidigung gestrichen]
    Wie wärs … gleich mit:
    Die Sozialhilfe für Schwerbeninderte schädigt unsere Wirtschaft! Weg mit den Nutzlosen Schädlingen an unserem Wirtschaftssystem!
    Oder vielleicht kommt ein genialer Wirtschaftwissenschaftler sogar auf die Erkenntnis:
    Wenn ich einem Obdachlosen Penner einen Euro gebe dann HABE ICH EINEN EURO WENIGER!

    Lassen wir also diesen nutzlosen Ballast namens Menschlichkeit im Namen des Wirtschaftswachstums gänzlich hinter uns und Erschiessen die die Hilfesuchenden an der Grenze und ersäufen sie im Mittelmeer (was die AFD Vorsitzende Petri offenbar will).

    Übrigens habe ich hier noch keine Stellungnahme zu dem Rechtruck und der klar ausländerfeindlichen Haltung der AFD gelesen.
    Kein bischen schlechtes Gewissen, dass man die AFD hier durchaus hofiert hat?

  7. Jimmy sagt

    @Arne Kuster Ich habe die Lage etwas umschrieben, aber im Kern trifft es das. Ich sehe zwar weniger die Kosten als das Problem, denn der Kredit der den Zugriff auf den Güterpool realisiert verschwindet ja nicht durch die Abbildung des Verbrauchs. Der Verschwindet durch Zins und Profit.

    Es gab ja in Südamerika im Schulwesen Experimente mit speziellen Gutscheinsystemen im Bereich der Bildung ohne offizielle Währung. Ich bin mir relativ sicher, wenn mit den Flüchtlingen keine Geschäft zu machen ist, dann normalisiert sich die Lage schnell wieder.

    Es verschwinden Kinder am Weg nach Deutschland auf europäischem Festland usw… Das Thema wird langsam aufkommen, ich denke im ORF oder im Deutschen Fernsehen wird das Thema bald höher gespielt werden (Kinder ohne Begleitung verschwinden massenhaft).

    Richtig: Das alle Arbeit haben stirbt am Ende an den 1000 Menschen die eine große Grube ausheben vs. dem Vorteil durch den Bagger zu genießen. Die Anzahl der zu integrierenden Flüchtlinge wird im Moment mit Daumen mal Pi über die Entwicklung des Wanderungssaldos + Flüchtlinge = Defizit aus Fertilität kommuniziert. Trend über den 5 Jahresplan :). So cirka. Ich habe mir die Zahl mit so 200k bis 300k festgelegt und gewartet, vor ein paar Wochen in Hart aber Fair war es soweit. Kristina Schröder – Deutschland verkraftet 200 bis max. 300k Zuwanderer, jetzt hat die AfD diese Position auch übernommen. Die Absicht ist den bekannten Weg einfach weiterzugehen … und ob der so richtig ist, das steht auf einem anderen Blatt.

    @AlienObserver So stimmt es nicht ganz. Der Arne Kuster kann auch nur im Kontext des zu Erwartenden Information anbieten. Die Flüchtlinge sind politisch korrekte Kinder :). Das ist wahrscheinlich viel eher die bittere Wahrheit … stellen sie sich vor wieviel Arbeitskraft ausfällt, wenn auf einmal Frauen Kinder würden bekommen. Das passt nicht in das Bild des ‚planvollen‘ Voranschreitens der Planwirtschafter in Deutschland.

    Vor einem Jahr hatte ich mal den Punkt hier eher im Rahmen der Diskussion Binnennachfrage und BIP in Summe in .de vs. Frankreich (Woodstock im Sommer auf deutschen Wiesen und alle machen Putzis). Nach 8 Monaten fehlt die halbe Belegschaft ;). Es war das Mehr an Kindern, das die Nachfrage hat getrieben in Frankreich und später die Ausweitung des BIP der Export … oder so ähnlich.

    Im Prinzip haben sie schon recht, eine ökonomische Beurteilung soll eine Grundlage liefern die Versorgung der Ankommenden so zu gestalten, dass am Ende die bereits in Deutschland Verweilenden keinen Nachteil erleiden und die Ankömmlinge ein Optimum an Chancen wird geboten. In der Deflation vor ca. 150 Jahren waren auch viele Zuwanderer da und als die Münzen im Geldbeutel weniger wurden, so war der Bevölkerung damals ’sonnenklar‘, wie sie sagten, die Münzen die ‚wir‘ nicht der Tasche haben sind im Geldsack der anderen.

  8. @AlienObserver,
    ich hab diejenigen Passagen, die der Diskussionskultur hier stark abträglich sind, gelöscht. Ich möchte, dass wir uns gegenseitig keine niederen Absichten unterstellen, denn dann ist jede Diskussion nutzlos. Das gilt hier im Blog im Kleinen wie auch draußen in der Politik im Großen.
    Parteipolitik soll hier im Blog nicht Thema werden. Das schließt Analyse und Kritik an politischen Konzepten nicht aus. Dass ich mich da eher auf die politischen Konzepte der Mächtigen, also der Regierung einschieße, scheint mir eher linke Tradition.
    Ich habe einmal hier im Blog die AfD hofiert, nämlich als ich kurz vor der Bundestagswahl ein Interview mit Alexander Dilger, damals NRW-Landessprecher der AfD, geführt habe. Da Dilger gleichzeitig Volkswirtschaftsprofessor ist, glaubte ich, dies begründen zu können.
    Und nun kommen wir mal auf die Passage deines Kommentars, wo ich einen sachlichen Hintergrund vermute:
    „Lassen wir also diesen nutzlosen Ballast namens Menschlichkeit im Namen des Wirtschaftswachstums gänzlich hinter uns …“
    Das ist nämlich nicht meine Meinung. Ich bin allerdings ein überzeugter Verantwortungsethiker und kein Gesinnungsethiker. Ich glaube: Wenn aus meinem Tun nur Schlechtes folgt, dann war mein Tun auch schlecht. Da kann ich mich auch nicht mehr auf gute und edle Absichten berufen. Und wenn ich selbst Nichtschwimmer bin, dann springe ich nicht ins Wasser, um einen Ertrinkenden zu retten. Das ist dann nämlich keine gute Tat, sondern einfach nur dumm.

  9. Der Artikel und die Diskussion um BIP und Flucht sind vollkommen Realitätsfern. An den kruden Argumenten einer überkommenen Vorstellung vom ewigen Wachstum wird sowohl von der von Arne kritisierten Seite als auch von ihm die Realität verleugnet. Das einzige was wir entscheiden können ist wie wir mit Flucht umgehen und ob wir unsere Menschlichkeit dabei verlieren oder nicht. Man kann bei diesem Thema Moral, Wirtschaft und Politik nicht getrennt betrachten.

    Wie schon einmal hier bemerkt; So lange 80% der welteit verfügbaren Ressourcen von 10% der Weltbevölkerung verbraucht werden, die auf Kosten der restlichen 90% ihren Lebensstandard sichern wird der Grund für die Flucht nicht verschwinden.

    Wir geniessen die Früchte einer de Fakto imperialen Ausbeutung der Ressourcen in den Ländern in denen Krieg, Hunger und Unterdrückung herrschen. Tatsächlich sind die meisten Fluchtursachen auf die Tatsache zurückzuführen, dass Menschen mit Gewalt zu unserem Vorteil um ihre Ressourcen gebracht werden. Den Wohlstand um den wir hier offenar besorgt sind haben wir, weil die Menschen auf der Flucht ihn nicht haben. Das ist ebenso einfach wie in dem Beispiel mit dem Bettler. Weil wir den Euro in der Tasche haben haben sie ihn nicht.

    Die Menschen im Rest der Welt werden sich aber dieser Tatsache immer mehr bewusst und finden sich nicht mit dieser Situation ab. Es ist angesichts ungleichen Ressourcen und Machtverteilung absurd anzunehmen, dass sich die Lebensstände im Rest der Welt dem Westen angleichen werden. Also müssen sie dorthin gehen wo Wohlstand und Sicherheit locken.

    Damit wir auf Dauer konfliktfrei mit dem Rest der Welt zusammenleben können muss Ressourcenverbrauch, BIP und auch Lebensstandard den wir im Westen geniessen globalisierbar werden.
    Daher wäre es von allen Seiten ehrlich diesen Umstand zuzugeben. Wer glaubt wir könnten BIP, Lebensstandard, und Resourcenverbrauch des Westens um jeden Preis sichern, der wirbt für ein unterdrückerisches, gewaltberreites und autoritäres System, in dem diejenigen die sozialen Ausgleich und eine gerechte Weltordnung einfordern mit Waffengewalt in Schach gehalten werden. Das bedeutet auch eine militaristische und brutale Abschottung unserer Aussengrenzen so wie Frauke Petri sie offen fordert.

    Wer aber wie ich, der Meinung ist, dass wir nicht nur wirtschaftliche sondern auch humanistische und ethische Werte haben, der muss auch dafür eintreten, dass unser Wirtschaftssystem ein globalisierbares Vorbild darstellt. Das heisst, die Angleichung der Lebensumstände muss bei uns anfangen.

    Wer glaubt dieser Kapitalismus schenkt uns allen eine freie und friedliche Zukunft in der wir unseren Lebensstandard und unseren moralischen Anspruch halten können lebt in einer Wahnvorstellung. Die Flüchtlingskrise ist eine der vielen Zeichen des totalen Zusammenbruchs des globalisierten Kapitalismus.

    Die Frage ist was wollen wir statt dessen? Eine Regression in die faschistoide Barbarei für die Petri, LePenn usw stehen, eine die Umwelt und die Menschen verschlingenden Westen der sich hinter Waffenstarrenden Mauern abschottet? Oder wollen wir endlich sozialen Fortschritt wagen und die globalen Probleme in Angriff nehmen?

    In beiden fällen wäre ein „freie, globale, kapitalistische, Marktwirtschaft“ beerdigt. Ein Mitte gibt es nicht mehr. Es ist an der Zeit sich zu entscheiden ob man an der Seite der Hooligans und Nazis oder der Pegida und AFD steht, oder sich dieser aufklommenden Barbarei entgegenstellt.

  10. @AlienObserver
    „Tatsächlich sind die meisten Fluchtursachen auf die Tatsache zurückzuführen, dass Menschen mit Gewalt zu unserem Vorteil um ihre Ressourcen gebracht werden.“ – Das ist deine Theorie, ich habe eine andere: Es sind in erster Linie schlechte Regierungen, die Entwicklung in armen Ländern verhindern. Aber inzwischen haben wir ja selbst in Afrika ein Wirschaftswunder.
    Im Übrigen kann Massenmigration ja nun gerade in deinem Sinne überhaupt keine Lösung des Problems sein. Dass Deutschland alle Armen der Welt aufnehmen kann, glaubst ja wohl selbst du nicht. Und mit jedem erfolgreich integrierten Migrant steigt doch der Resourcenverbrauch weiter und damit muss deiner Ansicht nach der ökologische Kollaps nur schneller kommen.
    Und wer Frauke Petry kritisiert, ist heuchlerisch, wenn er nicht auch fragt: Was glaubt eigentlich Merkel, welche Waffen Erdogen einsetzen lässt, wenn er für uns die Migranten in der Türkei an der Ausreise hindert?

  11. Stefan Rapp sagt

    @Arne Küster
    hab das ganze eben offline geschrieben noch bevor ich deinen Letzten kommentar gelesen habe und sehe das wir einige parallelen bei unsere Argumentation haben aber ich poste das ganze jetzt trotzdem nochmal:

    Auch wenn der BIP pro Kopf sinkt wenn jetzt mehr Menschen nach Deutschland kommt werden wir in absoluten Zahlen mehr Ressourcen verbrauchen zum Nachteil wiederum der Restlichen Welt. Dem Rest der Welt werden dann unverhältnismäßig weniger Ressourcen am Gesamtressourcenverbrauch zu Verfügung stehen. Also kann man nicht auf der einen Seite den Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland verteidigen und anderseits die Ungleichverteilung der Ressourcen anprangern das ist in meinen Augen ein Widerspruch. Wenn mir den bedürftigen der Welt helfen wollen, dann macht es wenig Sinn sich um einige wenige, relativ betrachtet, quasi schon persönlich extrem ressourcenverschwenderisch zu kümmern, während viele anderen gar nicht geholfen wird. Warum diese extrem selektive Unterstützung einiger dann als humanistisch gilt während andere Menschen in der Welt an Unterernährung leiden eben nur weil sie nicht im Focus der öffentlich Rechtlichen Wahrnehmung sind, kann ich nicht nachvollziehen. Wir können im Moment mit den Ressourcen die wir bereit sind abzugeben nicht allen auf der Welt helfen aber wenn dann sollten wir es so effektiv wie möglich tun, damit auch so viel wie möglich Menschen davon profitieren können. Deswegen sollte sich Europa endlich dazu durchringen alle Grenzen dicht zu machen, man muss an Grenzen normalerweise auf niemanden schießen, aber wenn jemand mit Gewalt versucht hier einzudringen, Leib und Leben der Grenzpolizei aufs Spiel setzt, dann muss auch entsprechend angemessen reagiert werden dürfen. In dem ganzen Flüchtlingsstrom welcher durch offene Grenzen entstanden ist, ist mehr leid und elend entstanden als dies auch nur ansatzweise durch geschlossene Grenzen an den Grenzen denkbar wäre.
    Im Gegenzug sollte man sich darauf verständigen das man sich weit mehr als bis her um nachhaltige Entwicklungshilfe bemüht. Mit dieser momentan sehr einseitigen und engstirnigen Unterstützung vergiften wir die Stimmung in Europa und Deutschland nachhaltig und rauben uns der Chancen die Europa der Welt geben könnte.
    Wie die Grenzen effektiv und am humansten geschlossen werden könnte darüber brauchen wir eine gesellschaftliche Debatte.

  12. „Wie die Grenzen effektiv und am humansten geschlossen werden könnte darüber brauchen wir eine gesellschaftliche Debatte.“

    Die Naivität hinter diesem Kommentar ist unglaublich.
    Schaut doch in die USA wie erfolgreich der Milliardenschwere Grenzzaun ist.
    Wer sein Leben riskiert um zu fliehen wird nicht aufzuhalten sein. Dise ganze Debatte wäre sehr müßig.

    Wer sich wie die geschätzten Vorredner nicht mit der eigenen Verantwortung für Flucht und Vertreibung auseinandersetzen will, der kann eben auf keine Lösung kommen.

    Da ist die Frauke Petri ehrlicher. Die macht sich und anderen wenigstens nichts vor.
    Tatsächlich hat sie die Sache anscheinend weiter Durchdacht als Lucke und Konsorten, die die unmenschliche Barbarei in ihrer Haltung nicht erkennen können, ebenso wie die Vorredner die nicht sehen, dass sie sich ausser in der Rethorik von den Barbaren und Hooligans nicht unterscheiden.

    Das ist das was hier nicht kapiert wird. Es gab nie und gibt nie eine gemäßigte AFD. Petri und Lucke unterscheidet nur, dass Lucke offenbar sein eigenes Gedankengut nicht als Rechtsextrem erkennen will.

  13. Dazu auch „The failure of neoliberalism“ John Tirman; executive director and principal research scientist of the MIT Center for International Studies:

    …few are asking why so many are coming. Why are so many traveling at great risk and expense to escape Libya, Syria, Mali, Eritrea, Guatemala, El Salvador, Honduras, Mexico?

    Many attribute the massive exodus into the Mediterranean as a consequence of violent actors. And many do migrate to escape civil war and repression. Likewise, the so-called war on drugs in Latin America has backfired; an illegal drug culture thrives, enforced by violence.

    Much of the migration, however, results from unsustainable livelihoods, the disruption of traditional forms of agriculture, production, and government services that for decades provided adequate — in many cases, barely so — incomes in the developing world. The triumph of neoliberalism has changed all that. And such policies as “freeing” economies for direct foreign investment, movement of capital, deregulation, privatization, and reducing the size of the state were devised in Western capitals, London and Washington most prominently.

    This neoliberal experiment has produced solid growth rates in some places, but the benefits tend to accrue to elites and are not widely distributed, leading to growing inequality — a growth of 11 percent in the income gap in middle- and low-income countries from the 1990s to the late 2000s, according to a UN study. Simultaneous cutbacks in education, health care, clean water availability, and the like, make life even harder for the marginalized. The demands of a globalized economy can have multiplier effects: Lack of employment opportunities for young men in particular can aid recruiters to drug gangs or jihadist organizations. The threats such groups convey is one reason people flee.

    Yet a blithe narrative of free trade rules Washington and European politics, mainly due to the influence of those who benefit most — banks and energy companies, to name a couple. The downside of these policies — stubborn poverty, growing inequality, crime, and emigration — is not so apparent to those living in safety and prosperity. There’s little compassion for the victims of the globalized economy until hundreds are drowned by an overcrowded boat capsizing, or unaccompanied children appear at the border.

    The politicians’ harsh responses — destroying boats or deporting children — are shocking. The impoverished and violent conditions of the migrants in their homelands, however, persist. And, desperate, they won’t stay there for long.

    https://www.bostonglobe.com/opinion/editorials/2015/06/01/the-global-migrant-crisis/cQZsJl2wafcCDvwOIAnCAN/story.html

  14. Stefan Rapp sagt

    @AlienObserver, ich weiß nicht wie du immer auf die Idee kommst, das der Grenzzaun in den USA nicht auch seine Wirkung hätte, meines Wissens ist durch den Bau die Migration von und durch Mexiko erheblich zurückgegangen, dabei darf man nicht die absoluten Migrationszahlen der USA mit dieser Grenzmigration vermischen, die USA hat eine große Zuwanderung die auch gewollt ist aber eben am wenigsten über den besagten Grenzzaun, zumal der Druck von Mexiko aus aufgrund der schlimmen Entwicklungen dort der letzten Jahre ja auch erheblich angestiegen ist.
    Es ist verständlich das natürlich auch niemand das Beispiel der innerdeutschen Grenze anführen will die ja nun mal leider sehr effektiv funktioniert hat birgt der Vergleich doch politische Tretminen ohne Ende. Aber rein Rational betrachtet kann man doch aus der Erfahrungen dieser Mauer aber auch des ganzen Grenzabschnitts zwischen der Nato und des Warschauer Paktes nicht ernsthaft glauben man könne eine Grenze nicht ausreichend dicht machen.
    Wenn man die Grenze nicht schließen will dann soll man einfach zu der Tatsache stehen, diese Meinung kann ich respektieren, aber zu behaupten Grenze geht nicht hat meiner Ansicht nach mit einer ehrlichen Debatte nichts zu tun.
    Stell dir mal vor Deutschland würde im Gegenzug 5 Milliarden Euro jedes Jahr zur Verfügung stellen um damit circa 15 Millionen Kinder zu ernähren, sie zu betreuen, Kleidung, medizinische Versorgung und Schulbindung zu Verfügung stellen. Wenn wir dann die ganze EU davon überzeugen könnten wären vielleicht 45 Millionen Kinder denkbar die ohne Not aufwachsen könnten und durch ihre Qualifikation nachhaltig ihren Ländern helfen könnten. Damit wäre der Welt wirklich mehr geholfen als das was wir jetzt machen.

  15. @AlienObserver,
    die Bildung nimmt zu, der Hunger nimmt ab, die Lebenserwartung steigt, und zwar rund um den Globus. Die Ungleichheiten sind in den einzelnen Ländern größer geworden, zwischen den Ländern aber kleiner. Man kann ja in Frage stellen, ob diese Entwicklung nachhaltig ist, aber man sollte sie nicht leugnen.
    Und es ist richtig, dass die EU-Agrarsubventionen auch entwicklungspolitisch eine Schande sind. Andererseit muss man aber sehen, dass wirtschaftliche Entwicklung immer dazu geführt hat, dass der Agrarsektor schrumpft und immer weniger dort ihr Auskommen finden. Das findet gegenwärtig auch in Afrika statt.

  16. Das Schliessen der Grenzen ist eine Handlung die Auswirkung auf die innere Verfassung eines Landes hat. Es ist ebenso ein Angriff auf die Freiheit wie die Mauer der DDR. Wer für eine Abschottung , einen Grenzzaun oder eine Mauer steht, der will auch ein autoritäres, nationalistisches und faschistoides System, ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Jeder Zaun sperrt sowohl ein als auch aus.

    Wer sich hinter einer Mauer vor „den anderen“ versteckt, der kann das am Ende nur rassistisch legitimieren. Jede Abschottung bedeutet Mord, ob direkt durch einen Schießbefehl oder indirekt durch ertränken im Mittelmeer und unterlassene Hilfeleistung.

    Eine Bekämpfung der Fluchtursachen ist der einzige Weg den Zustrom zu begrenzen. Dies kann nur gelingen durch eine andere globale Wirtschaftspolitik. Nur wenn wir bereit sind die globale und lokale Ungleichheit zu beseitigen und die Vermögenskonzentration durch den Neoliberalismus zu beenden haben wir eine Chance die Fluchtursachen in den Griff zu bekommen. Einen „sanften“ Grenzzaun gibt es nicht.

    PS, Studie der US-Mexikanische Grenzzaun brachte MEHR immigranten:
    http://www.azcentral.com/story/news/politics/immigration/2015/08/30/study-tighter-border-brought-az-mexican-migrants/71442296/

  17. @Arne Kuster:
    Ich vertraue auf das was Flüchtlinge direkt erzählen. Das ist im Grunde auch die einzige Quelle die eine Rolle spielt. Wenn sich die Menschen durch die westliche Aussenpolitik in einer Situation sehen die für sie Aussichtslos erscheint, dann sind Zahlen die irgendetwas anderes behaupten hinfällig. Ich habe einigen Kontakt zu den selbstorganisierten Flüchtlingen die hier für ihre Rechte kämpfen. Diese sagen gradeheraus, dass sie der Meinung sind, dass der Wohlstand hier auf ihren Schultern erwirtschaftet wurde.

    Das stimmt überein mit vielen Sozialstudien vor Ort. Wirtschaftswissenschaftliche Studien sehen eben nur was im Rahmen der Wirtschaftswissenschaft Messbar oder Interessant erscheint.
    Es ist ausserdem unbestritten, dass die Globalisierung bis Anfang der 90er große Fortschritte in vielen Teilen der Welt gebracht hat. Die Situation hat sich allerdings geändert. Die internationale Politik ist nicht bereit auf diese Änderungen zu reagieren, ebensowenig wie die Wirtschaftstheorien die von Weltbank oder WTO umgesetzt werden.
    Die Anzahl der Weltweit arbeitslosen, entrechteten und verarmten Jugendlichen/jungen Menschen ist in der Zeit des Neoliberalismus gewaltig angestiegen. Sie sind die Verlierer der neoliberalen Austeritätspolitik, die ganze Staaten dazu bringt als Schuldknechte der Finanzisnstitutionen zu fungieren. Klimawandel, Umweltzerstörung, steigende Meeresspiegel, die Überfischung der Weltmeere, Landgrabbing etc. tun ihren Teil um die Situation weiter zu verschlimmern.

    Diese Menschen sind es die auf der Flucht sind oder sich dem IS oder andern gewaltbereiten Gruppen anschliessen (die widerum Fluchtbewegung verursachen).

    Was soll ein Beispielsweise Westafrikanischer Fischer Denken wenn europäische Fabrikschiffe den Fischbestand vor den Küsten Afrikas vernichtet haben? Wer ist seiner Meinung nach Verantwortlich für seinen Hunger? Wo soll er hin?

    Die Welt ist Komplex, nichts ist völlig Übel oder Gut, aber die negativen Auswirkungen des globalen Neoliberalismus überwiegen die Vorteile inzwischen bei weitem.

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  19. Jürgen sagt

    „Wer sich hinter einer Mauer vor „den anderen“ versteckt, der kann das am Ende nur rassistisch legitimieren. Jede Abschottung bedeutet Mord, ob direkt durch einen Schießbefehl oder indirekt durch ertränken im Mittelmeer und unterlassene Hilfeleistung. “

    Ah, da ist sie endlich, die Rassismus-Keule auf die ich schon die ganze Zeit gewartet habe. Und falls das noch nicht reicht, deklarieren wir eine Grenzschließung auch gleich noch als Mord. Die typische Argumentationskette von Extremisten, mit dem regelmäßigen Anspruch im Besitz der alleinigen Wahrheit zu sein. Weitere Diskussion ist damit hinfällig. Extremisten wird man niemals mit Argumenten überzeugen – egal ob sie rechtsextrem, linksextrem, religiösextrem oder gesinnungsextrem sind.

  20. @Jürgen
    Jürgen konterte die „Rassimuskeule“ mit der „Extremismuskeule“ und traf sich damit selbst.

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