Analyse

Der Flüchtlingsschock für die deutsche Wirtschaft – Teil 2

Irregular Greenhouse Workers

Heute wurde bekannt: 1,1 Millionen Migranten kamen letztes Jahr nach Deutschland. Ökonomen wie Isabel Ruiz und Carlos Vargas-Silva von der Universität Oxford reden von einem „forced migration shock“ für die Wirtschaft; so in ihrem Überblicksartikel „The Economics of Forced Migration“. Man übersetzt den Begriff heute in Deutschland wohl am besten mit „Flüchtlingsschock“.

Wie wird die deutsche Wirtschaft auf diesen Flüchtlingsschock reagieren? Teil 1 dieses Artikels beschäftigte sich mit den ökonomisch wichtigen Qualifikationen der Migranten und zog einen ersten Vergleich mit dem Flüchtlingsschock nach dem zweiten Weltkrieg durch die Vertriebenen. In diesem zweiten Teil des Artikels beschäftigen wir uns dagegen mit Erfahrungen aus Spanien, die besser auf die heutige deutsche Situation übertragbar sind. Außerdem schauen wir, welche Lehren man aus der volkswirtschaftlichen Wachstumstheorie ziehen kann.

Erfahrungen aus Spanien

Wenn man die jährlichen Einwanderungszahlen im Verhältnis zur Wohnbevölkerung setzt, dann waren einige Regionen an der spanischen Mittelmeerküste zwischen 2001 und 2006 stärker von Einwanderung betroffen als Deutschland heute. Eingewandert sind damals fast ausschließlich Geringqualifizierte.

Zu den Folgen gibt es unter anderem eine Studie von Libertad Gonzalez und Francesc Ortega. Demnach hat die spanische Wirtschaft die Einwanderer gut absorbiert. Regionale Vergleiche zeigen, dass durch die Migranten weder die Arbeitslosigkeit stieg, noch die Löhne sanken. Allerdings gab es in Spanien branchen- und regionsspezifische Mindestlöhne.

Die Unternehmen nutzten die Einwanderung, indem sie massiv Leute für einfache Handlangertätigkeiten einstellten. Die Einwanderer kamen so in der Fertigung, beim Bau, in Hotels und Restaurants und nicht zuletzt in der Landwirtschaft unter. Die Unternehmen reagierten also auf das neue Arbeitskräfteangebot, indem sie ihre Produktionsweise änderten. Statt auf Maschinen und Technologie wurde auf Handarbeit gesetzt. Volkswirte erläutern solche Substitutionen mithilfe von Produktionsfunktionen.

Wir wissen allerdings aus Presseberichten, dass die Arbeitsbedingungen für Einwanderer in Spanien sehr schlecht waren. Erntehelfer hausten in Baracken auf dem Gelände der Gewächshäuser, Arbeitsschutzbestimmungen wurden nicht eingehalten, der Mindestlohn umgangen. In den offiziellen Lohnstatistiken, die Gonzalez und Ortega für ihre Studie verwendet haben, fand das natürlich keinen Eingang. Leider weisen die Autoren nicht auf diesen Mangel hin.

Erfahrungen aus Entwicklungsländern

Die meisten Flüchtlingsschocks gab es bisher in Entwicklungsländern. Und auch dazu gibt es einige Studien. Isabel Ruiz und Carlos Vargas-Silva erwähnen ein paar. So gibt es Untersuchungen aus Tansania, Kolumbien oder dem Darfur, die übereinstimmend von Preiserhöhungen auf den lokalen Märkten berichten. Auch die schulische Bildung der einheimischen Kinder litt in den Gegenden mit Flüchtlingslagern. Beide Effekte sind auch für Deutschland denkbar: Man denke an die Mieten einerseits und an eine Umwidmung von Bildungsmitteln andererseits.

Ableitungen aus der endogenen Wachstumstheorie

Bleibt noch die Wachstumstheorie der Volkswirte. Sie versucht insbesondere Aussagen für den langen Zeithorizont zu machen, den die empirischen Studien bisher nicht erfassen.

Der Schlüssel für ein steigendes Pro-Kopf-Einkommen sind nach modernen Wachstumstheorien, den sogenannten endogenen Wachstumstheorien:

  • Investitionen in die Modernisierung des Kapitalstocks,
  • Investitionen in die Ausbildung und
  • Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Vor dem Hintergrund der spanischen Erfahrungen kommt so gleich Skepsis auf. Die Anreize, in Automatisierung zu investieren, sinken, wenn es genügend Billigarbeiter gibt. Roboter sind eigentlich gegenwärtig ein großes Thema bis hin zu autonomen Autos. Nur in Deutschland vielleicht bald nicht mehr, denn wir haben ja die Flüchtlinge, dann auch als Taxifahrer.

Die theoretischen Überlegungen dahinter sind natürlich etwas komplizierter. Interessant sind in diesem Zusammenhang Modellberechnungen von Young-Bae Kim (University of Surrey) und zwei Kollegen. Demnach ist Migration global gesehen wirtschaftlich unvorteilhaft, wenn die Migranten geringer qualifiziert sind als die Einheimischen des Ziellandes.

Aber auch in den Modellberechnungen gibt es Gewinner aus der Migration Geringqualifizierter: die Migranten selbst zählen dazu und auch die gut Ausgebildeten im Zielland. Der Gesamteffekt im Zielland ist aber eher negativ. Das Durchschnittseinkommen der Einheimischen fällt. Kim und seine Kollegen befürworten darum eine Politik, die die Migration beschränkt. Nur gut Ausgebildete sollen ins Land kommen.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Foto: Illegale Gewächshausarbeiter auf dem Weg zu ihrer Behelfsunterkunft ohne Strom- und Wasseranschluss, von John Perivolaris, Las Norias, Almería, Spanien, 2003

8 Kommentare

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  2. Stefan Rapp sagt

    Ich denke mal das in Spanien die Qualifikationsdifferenz zwischen der einheimischen Bevölkerung und der zugewanderten aus Süd- und Mittelamerika nicht ganz so extrem differierte, wie das jetzt in Deutschland der Fall war. Weiter waren die sprachlichen und kulturellen Differenzen auch nicht so weit auseinander damit war eine Integration natürlich viel einfacher. Dies war ja außerdem auch gerade zu der Zeit in der die Immobilienblase in Spanien entstanden ist.
    Gut qualifizierte Zuwanderung ist sicherlich wünschenswert wenn aber gerade die wenigen qualifizierten Bürger eines unterentwickelten Landes auswandern dann ist dies für dieses weit aus schädlicher als dieses einem modernen Zuwanderungsland von nutzen ist und ob das Geld welches Nachhause geschickt wird diesen Schaden dann ausgleicht ist auch fraglich. Damit entsteht zumindest keine nachhaltige Entwicklung für diese Länder.
    Unsere momentane Realität ist aber leider meilenweit von diesen theoretischen Erwägungen entfernt zumindest was die Flüchtlinge anbelangt, darüber hinaus gibt es ja noch die ganz normale Zuwanderung die momentan im Medienrummel gar keine Beachtung findet.
    Das Beispiel mit den Taxifahren funktioniert vermutlich auch nicht, weil selbstfahrende Autos sicherlich sehr schnell sehr günstig werden dürften, und wir es hier nicht mit einer Technologie zu tun haben bei der zum Beispiel dann ein Taxi erst mal sehr viel Geld kostet und dann wieder durch viele Fahrten amortisiert werden muss, es wird sich preislich von einem normalen Taxi kaum unterscheiden und dadurch das es dann 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche usw. flexibel eingesetzt werden kann ist es unwahrscheinlich das ein Fahrer mit 8,50 Euro Mindestlohn diesen Vorteil wett machen könnte. Selbst wenn er gar keinen Lohn bekäme wäre das selbstfahrende Auto vermutlich trotzdem noch rentabler.
    Aber vielleicht wäre das ja zukünftig doch lohnend weil die Fahrer noch Geld dafür bezahlen das sie das Taxi gleichzeitig als Wohnraum benutzen dürfen. Taxifahren wird dann zum modernen Couchsurfing. 😉

  3. @Stefan Rapp,
    das Bildungsniveau ist in Spanien stark gestiegen, wenn es auch noch nicht deutsches Niveau erreicht hat, siehe z.B. hier: http://ec.europa.eu/eurostat/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tps00065&plugin=1 Und die zugewanderte Bevölkerung kam nicht aus Nord- und Mittelamerika, sondern aus Afrika, Nordafrika und Schwarzafrika. Daher kommen auch viele unserer Zuwanderer. Und das andere große Herkunftsgebiet, Syrien, soll angeblich sogar etwas besser vom Bildungsniveau her sein als Afrika.
    „wenn aber gerade die wenigen qualifizierten Bürger eines unterentwickelten Landes auswandern dann ist dies für dieses weit aus schädlicher als dieses einem modernen Zuwanderungsland von nutzen ist“ – Andererseits gibt es für echte Spezialisten in armen Ländern kaum adäquate Stellen.
    Das Beispiel Taxifahrer war ansonsten sicher nicht das beste. Die Unternehmen haben inzwischen schon viel Geld in die Entwicklung der selbssteuernden Autos gesteckt, sie werden nun alles daran setzen, dass die Entwicklungen sich auch am Markt irgendwann etablieren. Die größere Gefahr besteht meiner Meinung nach eher darin, dass deutsche Unternehmen weniger in moderne Produktionstechnologien investieren.

  4. In diesem Land wird schon langen mit zweierlei Maß gemessen !
    Als Rainer Brüdlere einige lockere Sprüche gesagt hatte, ging
    ein lang anhaltender Schrei 2012 / 2013 durch das Land.

    Wo ist jetzt der Schrei der Feministinnen ? Gilt für Afrikaner
    ein anderer Standart ?

    Einige erhellende Filme zu der rechtswidrigen Flüchtlingssituation.
    Es wird gegen das Schengener Abkommen, gegen das Dublin
    Abkommen, gegen das GG und gegen das Asyl-“Gesetz”
    verstoßen !

    https://www.youtube.com/watch?v=YsRQNu9Jg7k
    Warum Einwanderung NICHT die globale Armut löst!

    https://www.youtube.com/watch?v=A8AFU8FQq4Q
    Warum kein „Flüchtling“ Anspruch auf Asyl in Deutschland hat!

    Wir können nicht 3 – 4 Milliarden Menschen die weniger als 2 Dollar
    am Tag verdienen aufnehmen. Wir können ihnen in ihren Ländern
    helfen!

    https://www.youtube.com/watch?v=Q49UOg8zdyI
    Weihnachtsbotschaft des Präsidenten der Tschechischen Republik Milos Zeman 2015!

    https://www.youtube.com/watch?v=iGbo1gE9sko
    Dr. jur. Helmut Roewer: Das Verschwinden des Rechtsstaats und das Versagen der politischen Elite!
    Ehemaliger Leiter des Verfassungsschutz Thüringen.

    “Der kritische Bürger ist ehrlos gestellt und darf beleidigt werden. Seitens staatlicher Stellen wird die Ausreise anempfohlen. Gleichzeitig wird der (früher) „mündige“ Bürger wie ein zweijähriges Kind behandelt, dem man Sprechverbote erteilt. Die Meinung des Bürgers wird kriminalisiert. Und das deutsche Leitmedienkartell beteiligt sich durch Fälschungen und Ablenkung an diesem Prozeß.”
    “Helmut Roewer nimmt mit Trauer wahr, daß Deutschland kein sicheres Land mehr ist. Die Verfassungsfeinde sitzen in der Regierung. Doch aus seiner Erfahrung ist die positive Botschaft: Die Sicherheitsbehörden aller Bereiche werden niemals gegen das eigene Volk vorgehen. Genau dort ist die Bruchlinie, an der die Regierung scheitern wird.”

    https://www.youtube.com/watch?v=-EeNP9ouu_0

  5. @Amt-Gemeinde Neuhaus i.W.
    danke für die Videohinweise, die sind interessant und jeder kann sich seine eigene Meinung darüber bilden. Den ganzen Reichsbürgerkram habe ich aber selbstverständlich herausgeschnitten. Auch die Zeit meiner Leser ist zu kostbar, um sich mit solchem Unfug zu beschäftigen.

  6. @StefanRapp, noch mal der Vollständigkeit halber auch die Ergebnisse für qualifizierte Auswanderung aus der zitierten Kim-Studie. Damit mir nicht (wie auf Twitter) unterstellt wird, ich würde mir nur den negativen Fall herauspicken. Der negative Fall ist nur halt der aktuell für Deutschland relevante, wie in Teil 1 erläutert.
    https://pbs.twimg.com/media/CYIY6dNWMAAGtbU.jpg

    Qualifizierte Auswanderung aus Ländern mit geringer Produktivität ist global gesehen positiv, aber nur, weil der positive Effekt für die Eingesessenen im Einwanderungsland (IS) den negativen für die Leute im Auswanderungsland (ES) überwiegt. Wenn man Rücküberweisungen der Auswanderer berücksichtigt, kann qualifizierte Auswanderung auch für das Auswanderungsland positiv sein.

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