Analyse

Der Flüchtlingsschock für die deutsche Wirtschaft

Irregular Greenhouse Workers

Mindestens eine Million Migranten werden diese Jahr in Deutschland ankommen. Prognosen wagt aber eigentlich niemand mehr. Was nächstes Jahr wird, weiß auch niemand. Zumindest der Familiennachzug steht noch bevor.

Vielleicht schaffen wir das – zumindest logistisch. Und dann? Ökonomen wie Isabel Ruiz und Carlos Vargas-Silva von der Universität Oxford reden von einem „forced migration shock“ für die Wirtschaft; so in ihrem Überblicksartikel „The Economics of Forced Migration“. Man übersetzt den Begriff heute in Deutschland wohl am besten mit „Flüchtlingsschock“.

Wie wird die deutsche Wirtschaft auf diesen Flüchtlingsschock reagieren? Erfahrungen aus der Nachkriegszeit mit den Vertriebenen könnten einen Anhaltspunkt geben. Allerdings war die Qualität der Einwanderung damals wie heute eine andere.

Zunächst noch eine Erklärung zum Begriff Schock. Der Begriff ist meistens negativ besetzt, es gibt jedoch auch den „heilsamen Schock“. Ökonomen bemühen sich, den Begriff neutral zu verwenden. Schock bezeichnet die Reaktion der Wirtschaft auf ein plötzliches, überraschendes und einschneidendes externes Ereignis.

Wer kommt?

Was den gegenwärtigen Flüchtlingsschock betrifft, liegt ein erstes Problem darin, zu bestimmen, wer überhaupt zu uns kommt. Vor allem: welche Qualifikationen bringen die Einwanderer mit?

Eine Umfrage unter 100.000 Asylbewerbern hat laut FAZ ergeben: 13% haben eine Hochschule besucht, 18% ein Gymnasium, 30 Prozent eine Mittelschule. 24 Prozent waren nur auf der Grundschule und 8% sind ohne Schulausbildung. Schon damit dürfte das Bildungsniveau deutlich unter dem von Einheimischen mit gleicher Altersstruktur liegen. Außerdem sind die Selbstauskünfte mit Vorsicht zu genießen und die Bildungsabschlüsse in den Herkunftsländern der Einwanderer nicht mit den deutschen vergleichbar.

Auch Arbeitsministerin Andrea Nahles geht davon aus, dass 90% der Einwanderer eine Zusatzqualifikation brauchen. Deutschkenntnisse sind ebenfalls kaum vorhanden. Kurz: Es kommen hauptsächlich Geringqualifizierte.

Erfahrungen aus Deutschland

Flüchtlingsschocks sind kein neues Problem und leider auch nicht so selten. Wir können also schauen, wie bisher die Integration großer Einwanderungsströme gelaufen ist und daraus unsere Schlüsse für die heutige Situation ziehen. Wirtschaftswissenschaftliche Studien über Flüchtlingsschocks gibt es allerdings noch nicht so viele. Und leider gibt es laut Isabel Ruiz und Carlos Vargas-Silva keine Studien über die Langzeitfolgen massiver Einwanderung.

Wir können aber zuallererst in die eigene, die deutsche Geschichte schauen. Deutschland selbst musste nach dem zweiten Weltkrieg 12 Millionen Vertriebene aufnehmen. Das hatte massiven Einfluss auf den Arbeitsmarkt. Sebastian Braun und Toman Omar Mahmud zeigen anhand der Arbeitslosenverteilung 1950, dass bei den Qualifikationen und in den Regionen, wo die Konkurrenz durch Vertriebene am größten war, die Arbeitslosigkeit bei Eingesessenen deutlich höher war.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Vertriebene und Eingesessene allerdings ähnliche Qualifikationsniveaus. Beim gegenwärtigen Flüchtlingsstrom müssen dagegen viele Eingesessene keine Angst vor Arbeitslosigkeit haben. Wir sollten uns auch eher Flüchtlingsschocks anschauen, bei denen Massen an Geringqualifizierten kamen. Außerdem sollten wir schauen, was Wachstumstheoretiker zum Problem sagen. Beides allerdings erst in Teil 2 des Artikels.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Foto: Illegale Gewächshausarbeiter auf dem Weg zu ihrer Behelfsunterkunft ohne Strom- und Wasseranschluss, von John Perivolaris, Las Norias, Almería, Spanien, 2003

9 Kommentare

  1. MaRoEn sagt

    Danke für den Artikel. Der erste, den ich bisher gekauft habe 🙂

    Was bedeutet der Begriff „gut Ausgebildete im Zielland“. Die Fachkraft für Gastronomie oder der Restaurantfachmann sind damit wohl eher nicht gemeint, oder? Ab welcher Ausbildung gilt man als gut ausgebildet? Sind kaufmännische Ausbildung sinnvoll? Oder nur technische Berufe? Oder gilt das in Deutschland erst ab dem Studium – mit Ausnahme von weltbewegenden Möglichkeiten wie Soziologie, Philosophie und Germanistik?

  2. @MaRoEn, die Studie, die Young-Bae Kim mit Kollegen gemacht hat, basiert auf Modellberechnungen. Die Annahmen über hohe und geringe Qualifikationen sind in den verwendeten Modellen sehr schematisch und werden nicht näher diskutiert. Kim würde wahrscheinlich sagen, welche Qualifikationen im einzelnen genau betroffen sind, muss noch weiter erforscht werden.
    Aus dem Wirkungszusammenhängen heraus würde ich persönlich schließen, dass vor allem die Qualifikationen, die in Forschung und Entwicklung gebraucht werden, und die Qualifikationen, die allgemein in Branchen gebraucht werden, denen es gelingt, immer wieder neue Produkte zu entwickeln, an Wert auf dem Arbeitsmarkt gewinnen.
    Das ist natürlich jetzt immer noch sehr abstrakt. Und den Mechanismus versteht man vielleicht auch besser, wenn man umgekehrt argumentiert. Die Hochqualifizierten profitieren davon, dass alle anderen an Wert auf dem Arbeitsmarkt verlieren, also Taxifahrer und Putzfrauen nun billiger sind.

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