Analyse

Gegen offene Grenzen – Kritik einer radikalen Ansicht

Philippe Legrain auf der Konferenz "Ökonomie neu denken", 23. Januar 2012

Der Ökonom Philipp Legrain war seiner Zeit nur um ein paar Wochen voraus. Mitte Juli veröffentlichte er bei „Novo Argumente“ eine Streitschrift, in der er vollkommen offene Grenzen für Einwanderer forderte. Was kann man ihm unter dem Eindruck der deutschen Erfahrungen der vergangenen Wochen antworten?

Halten wir erst einmal fest, dass das Konzept der offenen Grenzen ein radikales Konzept ist und zumindest im Übergangsbereich zum Extremismus angesiedelt ist. Das gilt natürlich nicht nur bei Philipp Legrain, sondern auch bei Angela Merkel.

Als extremistisch bezeichnet man heute antidemokratische Einstellungen. Das Konzept der offenen Grenzen gefährdet nun deswegen die Demokratie, da es zwei ihrer Grundpfeiler angreift:

  1. das Staatsvolk und
  2. das Staatsterritorium

Das Staatsvolk ist der Souverän, also so etwas wie der Besitzer des Staates. Aber wer soll zum Staatsvolk gehören und wer nicht? Die Abgrenzung wird bei andauernder Massenmigration schwierig und willkürlich.

Das Staatsterritorium ist das Gebiet, wo das vom Staatsvolk gesetzte Recht gilt. Ohne zuverlässiges Wissen über die ansässigen Menschen kann es jedoch auch keine Kontrolle des Rechts geben. So wird zum Beispiel befürchtet, dass sich unter die Asylbewerber kriminelle Banden aus Georgien und anderswo mischen.

Da kann dann auch Legrains Argument nicht überzeugen, dass Einwanderungskontrollen ihrerseits ein Nährboden für Kriminalität sind. Gemeint sind die Menschenschmugglerbanden.

Bei Philipp Legrains Streitschrift wird dagegen die Offenheit für Extremismus immer deutlich, wenn er von „wir“ spricht. Denn tatsächlich bleibt unklar, an welches „Wir“ Legrain appelliert. Wendet er sich als guter Demokrat an ein Staatsvolk und wenn ja an welches (das Amerikanische?) in welcher Abgrenzung.

Nun zu einigen von Philipp Legrains Argumenten:

„Zum einen ist die Freiheit, ein Land zu erlassen und in ein anderes zu reisen, der beste Schutz gegen Gewaltherrschaft.“

Andererseits haben es die Gewaltherrscher leichter, wenn alle Unzufriedenen einfach ausreisen. Auch das Ende der DDR haben letztlich nicht die Ausreisenden herbeigeführt, sondern die Demonstranten, die bleiben wollten, um zu verändern.

„In den vergangenen zehn Jahren starben mehr Menschen bei dem Versuch, von Mexiko in die USA zu gelangen, als bei den Anschlägen vom 11. September.“

Aber an der in Griechenland kaum noch geschützten EU-Außengrenze sterben ebenfalls viele Menschen. Das gilt gerade in den letzten Wochen, nachdem die Sirenengesänge von „Mama Merkel“ viele Menschen in unsicheren Booten auf das Mittelmeer lockten.

„Regierungen können die Leute sowieso nicht davon abhalten, Grenzen zu überqueren.“

Einen seltsamen Fatalismus trägt Legrain da zur Schau. Derselbe hat sich ja auch in den höchsten Regierungskreisen in Deutschland breit gemacht. Tatsächlich zeigen Australien, Spanien und selbst die USA, dass ein guter Grenzschutz zwar nie alle abhalten kann, aber doch so viele, dass der verbleibende Rest für Polizei und Verwaltung zu bewältigen ist.

Zu Legrains ökonomischen Argumenten möchte ich dann Anfang nächster Woche in einer Fortsetzung kommen. Bis dahin kann (und sollte) man „Der Flüchtlingsschock für die deutsche Wirtschaft“ zum Thema lesen.

PS: Die Fortsetzung findet sich unter dem Titel „Gegen offene Grenzen – Die ökonomischen Gegenargumente“

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Foto: Philippe Legrain auf der Konferenz „Ökonomie neu denken“ 2012

10 Kommentare

  1. Jürgen sagt

    Wenn man sich den Schwachsinn, den Legrains von sich gibt, so durchliest, mag man auf seine ökonomischen „Argumente“ eigentlich schon verzichten. Sinngemäß sagt er sowas wie „alle Kriege und die damit verbundene Opfer hätten vermieden werden können, wenn die Angegriffenen sofort bedingungslos kapituliert hätten“. Ich werde dann künftig wohl darauf verzichten, meine Wohnungstür zu schließen, schließlich kommen die Einbrecher ja sowieso. Am besten vernichte ich auch gleich mein gesamtes Eigentum, denn es wird mir ja sowieso gestohlen.
    Extremismus kann man bei ihm wohl zweifelsohne diagnostizieren.

  2. @Jürgen.
    Ist kein Schwachsinn, sondern ökonomischer Mainstream. In der Neoklassik sind Freihandel und Freizügigkeit austauschbar. Im Übrigen argumentiert Herr Kuster politisch und nicht ökonomisch.
    Gruß, Jens

  3. @Jens,
    zum Ökonomischen wollte ich ja noch nächste Woche kommen. Wer nicht solange warten kann, sollte den unten im Text verlinkten Artikel lesen.

  4. Jürgen sagt

    @Jens: Ich bin überhaupt nicht auf die Argumente von Arne Kuster eingegangen, sondern bezog mich nur auf den Unsinn, den Legrains absondert (ja, ich habe den verlinkten Legrains-Artikel gelesen – auch wenn es mindestens so schwer fällt, wie irgendwelche Chemtrail-Verschwörungstheorien zu lesen). Und nur weil etwas „Mainstream“ ist, heißt das noch lange nicht, dass es richtig ist – das wissen wir ja spätestens seitdem die Theorie, dass die Sonne um die Erde kreist, von Galileo Galilei endgültig wiederlegt wurde.

  5. Stefan Rapp sagt

    „das wissen wir ja spätestens seitdem die Theorie, dass die Sonne um die Erde kreist, von Galileo Galilei endgültig widerlegt wurde.“

    @Jürgen sorry ich will jetzt deine Meinung gar nicht diskreditieren aber dein Argument beschäftigt mich schon länger deswegen will ich mal Folgendes dazu loswerden:

    Die Behauptung das sich die Erde um die Sonne dreht ist ebenfalls eine „Mainstream“ Wahrheit. Sie ist eben wieder so eine sich selbstprophezeiende Aussage die deswegen von vielen als wahr empfunden wird weil sie eben von vielen geglaubt wird. Dabei möchte ich gar nicht mal auf den Aspekt eingehen das der Bewegungsablauf der Erde und Sonne natürlich sowieso viel komplexer ist, aber selbst im Rahmen dieser vereinfachten Sichtweise (Erde bewegt sich um die Sonne oder eben umgekehrt) ist es eben nur ein für die Menschheit praktischer „Point of view“ sich die Welt so zu veranschaulichen. Man könnte genauso gut ein Modell wenigstens Versuchen zu entwerfen in dem die Erde das Zentrum „Der Welt“ ist und alles andere kreist quasi um die Erde. So ein Modell wäre natürlich schrecklich kompliziert, allein schon die „Rotationskräfte“ die sogenannte Corioliskraft in so einem Modell zu erklären wäre mal eine echte Herausforderung. Aber das ist eben kein Argument um zu entscheiden ob etwas nun „wahr“ oder eben „falsch“ ist. Deswegen scheint sich in der vermeintlichen humanoiden „Wahrheit“ offenbar ein Bedürfnis nach Vereinfachung und Harmonie widerzuspiegeln. Auf Paradoxe Art und weiße spiegelt sich ja im vermeintlichen Sonnenuntergang unser ringen mit der Wahrheit wieder. Wir geben unsere gefühlte Wahrheit hypothetisch für eine höher geordnete Wahrheit auf um dort wenigstens das Gefühl der kosmischen Ordnung wieder zu erlangen und akzeptieren das damit unser schönes Bild des Sonnenuntergangs quasi zerstört wird. In Wirklichkeit ist es natürlich nicht zerstört unsere Psyche hat was viel besseren entwickelt. „Die multiple Persönlichkeit“ wir bedienen uns quasi immer genau der Wahrheit die gerade unserem Bedürfnis ,nach welcher Wahrheit auch immer, entspricht. Selbst die Physik lebte und lebt damit (Welle-Teilchen-Dualismus). Hier habe ich jetzt aber auch wiederum willkürlich die Wahrheit als absolute Größe gewählt und unsere Psyche als labil, ich könnte genauso gut unsere Psyche als stabil postulieren und die Wahrheit als wechselhaft, ist eben alles eine Frage des Standpunktes. 😉

  6. Tatsächlich hat man irgendwann im 17. Jahrhundert aufgehört, die Modelle mit der Erde im Zentrum weiterzuentwickeln, weil sie viel zu kompliziert wurden und einige Himmelerscheinungen nur mit unplausiblen Kunstgriffen darin erklärt werden konnten.
    Für wissenschaftliche Wahrheiten gilt Ockhams Rasiermesser. In der Wikipedia-Version:
    1. Von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt ist die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
    2. Eine Theorie ist einfach, wenn sie möglichst wenige Variablen und Hypothesen enthält, und wenn diese in klaren logischen Beziehungen zueinander stehen, aus denen der zu erklärende Sachverhalt logisch folgt.

  7. Pingback: Gegen offene Grenzen – Die ökonomischen Gegenargumente | Wirtschaftswurm

  8. Wenn Sie dann schon Leute, die sich Kaiser Wilhelm zurückwünschen, zum äußersten politischen Rand zählen wollen, passt das. Wäre nur interessant zu wissen, wo Sie dann den NSU verorten würden.

    Insgesamt denke ich aber, auch wenn ich bekanntlich kein Merkel-Fan bin, dass es unterste Schublade ist, Merkel mit Extremisten in einen Topf zu werfen.

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