Zwischenruf

Wein aus Portugal, Tuch aus England, Fleisch aus Deutschland: Lehren für TTIP

Schweine

Werner Vontobel greift für „flassbeck economics“ Grundsatzfragen des internationalen Freihandels auf. Das ist natürlich gerade vor dem Hintergrund der TTIP-Verhandlungen interessant. Eine Stellungnahme.

Ausgangspunkt von Votobels Argumentation ist das 200 Jahre alte Beispiel David Ricardos: Der Handel von Tuch und Wein zwischen Großbritannien und Portugal. Wer das Beispiel nicht mehr im Kopf hat, kann es in einem alten Artikel von mir nachlesen: „Die Mär vom Standortwettbewerb“.

Nun aber zu Vontobel:

„In Punkto Portugal lag Ricardo schon damals voll daneben.“

Vontobel bezieht sich damit darauf, dass Portugal im 19. Jahrhundert ein geringes Wirtschaftswachstum hatte. Zwischen 1820 und 1913 stieg dort das Pro-Kopf-Einkommen geschätzt um 29%, beim Handelspartner Großbritannien von einem schon anfänglich fast 80% höheren Niveau aber um 188%.

Tatsächlich erwies es sich als unglücklich, dass Portugal sich im Zuge des Handels mit Großbritannien auf z.B. Wein spezialisierte. In der Weinproduktion gab es nur sehr wenig technischen Fortschritt, die Produktivität der Arbeiter stieg kaum. Die Tuchindustrie profitierte dagegen als eine der ersten Wirtschaftszweige von der Mechanisierung.

Aber hätte Portugal wirklich an der Spitze der Industrialisierung gestanden, wenn es eine nennenswerte Tuchfabrikation behalten hätte? Dass Know-how hatte sich über viele Jahrzehnte in Großbritannien entwickelt, weil es dort die entsprechenden Anreizstrukturen gab. Deutschland läuft übrigens in der Flüchtlingskrise gerade Gefahr, Anreizstrukturen für technischen Fortschritt außer Kraft zu setzen.

Vontobels nächstes Argument gegen den internationalen Handel:

„Es wächst aber auch die Distanz zwischen Konsum und Produktion. Das Informationsproblem potenziert sich wie beim Turmbau von Babel.“

Das halte ich allerdings für ein rein theoretisches Problem. Durch die Digitalisierung sind auch unsere Informationsverarbeitungskapazitäten enorm gestiegen. Und wer am internationalen Markt vorbeiproduziert, wird auch nicht exportieren.

Das gewichtigste Argument von Vontobel ist aber die meistens mangelhafte Internalisierung der Kosten. Was damit gemeint ist, macht er anhand der Exzesse der deutschen Fleischindustrie deutlich: Antibiotika, Umweltverschmutzung, Ausbeutung osteuropäischer Arbeiter. Deutschland hat 2014 3,9 Milliarden Kilo Fleisch exportiert, aber viele damit verbundenen Probleme werden der Allgemeinheit aufgelastet.

Interessant ist, dass Vontobel die politischen Strukturen in seine Argumentation einbezieht. Gerade, weil die Fleischindustrie durch den Welthandel so gewachsen ist, hat sie auch politischen Einfluss bekommen und kann sich erfolgreich gegen politische Auflagen wehren.

Eine ähnliches Problem kennen wir inzwischen vom VW-Skandal. Auch beim Thema Fernbusse hatten wir eine ähnliche Argumentationsstruktur. Die an und für sich wünschenswerte Liberalisierung muss aufgrund falscher durch die Politik gesetzter Anreize nicht zwangsläufig auch unterm Strich positiv sein.

Ein Dilemma, für das ich keine überzeugende Lösung weiß. Auch in Bezug auf TTIP nicht. Aber wir müssen uns von der Vorstellung, dass es eine allseits zufriedenstellende Lösung geben kann, verabschieden. Und wir sollten den Freihandel nicht allein aus einem Reflex heraus als Erstes opfern.

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Foto (von Maqi): Sau mit Ferkeln im Kastenstand

11 Kommentare

  1. Gregor sagt

    Freihandel & Vertrag sind aber 100% unkompatibel. Richtig müsste lauten – Knebelverträge für alle, damit es keine Freiheit mehr gibt.

    Wenn die starken Gesellschaften profitieren wollen, setzten sie ihren Standard und zwingen die Kleinen dabei zu, Marktanteile zu verlieren. Für das Wohl von Gesellschaften ist es besser Kooperationen zu suchen und eben diese „frei“ bilden zu lassen. Genauso falsch ist es ideologisch zu deregulieren, was nichts anderes bedeutet, als Demokratieabbau.

    TTIP – TISA – CETA sind nichts anderes als Entdemokratisierung zu Gunsten eines Wirtschaftsfeudalismus gesteurt durch eine „Fianzmafia oder Plutokratie“. Ein Selbstbedinungsladen, um Staaten abzuzocken.

    Nein, da lässt man besser die Finger davon und besinnt sich auf kooperative Wirtschaftsformen, welche Gesellschaften weiter bringen.

  2. Man kann ja fragen, ob das Mehr an Freihandel, das TTIP bringt, wirklich relevant ist. Aber „100% inkompatibel“ ist Unsinn.

  3. Mariele sagt

    „Und wir sollten den Freihandel nicht allein aus einem Reflex heraus als Erstes opfern.“

    Es gibt sehr sehr viele Gründe TTIP zu verhindern.
    „Opfern“ ist in diesem Zusammenhang eine unsägliche Frechheit.

    ALLES was in einem freien sozialdemokratischen Land im Geheimen verhandelt wird,
    dazu noch so geheim, dass selbst die, die es verhandeln nicht wissen worum es geht, …
    davon MUSS jeder mit gesundem Menschenverrstand die Finger lassen,
    denn es ist eine Vergewaltigung von Allem,
    wofür wir uns in den letzten Jahrzehnten in diesem Land eingesetzt haben,
    allem voraus der Gesetze und dem Willen des Volkes,
    das am Ende dafür zahlen muss – sei es mit GMOverseuchten Nahrungsmitteln
    oder ausgelaugten Böden, …

    NEIN DANKE, wir gestehen den USA die FREIHEIT zu ihr Leben so zu leben, wie sie es wünschen –
    UND wir gestehen uns selbst das FREISEIN zu
    gesund zu leben in einer gesunden Umwelt mit
    gesunden LEBENsFROHEN Menschen.

  4. Jürgen sagt

    Ich meine, es ist genauso unsinnig den Freihandel reflexhaft jederzeit zu verdammen, wie ihn kritiklos gut zu heißen. Bei TTIP stören mich vor allem die im Vertrag enthaltenen Standgerichte (ne, wie heißen die doch gleich – Sondergerichte? Na ja, irgendwie so). Das unsere Standards denen der Amerikaner überlegen sind, würde ich erstmal in der Schublade „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ ablegen. Man sollte stets sorgfältig und sehr kritisch prüfen, wem solche Vereinbarungen nutzen (nicht selten Großkonzernen, die Lobby-Söldner aus der Portokasse bezahlen können) und was der mögliche Schaden ist.
    Ach ja, das mit dem Wein vs. Tuch finde ich niedlich. Ich stelle mir gerade die Ergebnisse der britischen „Wein“-Produktion vor (findet man im Aldi unter „Essig“ 😉 ) und wie diese gegen richtige Weine aus dem Rheingau, Bordeaux oder Alentejo antreten. 😀

  5. Jürgen sagt

    „Es wächst aber auch die Distanz zwischen Konsum und Produktion. Das Informationsproblem potenziert sich wie beim Turmbau von Babel.“

    *ächz* Das ist jetzt irgendwie typisch VWL 😉 : Ein Pseudoproblem wird postuliert, das in der realen Welt nicht wirklich existent ist.
    Die Distanz zwischen Konsum und Produktion wird seit Jahrtausenden durch logistische Maßnahmen, genannt „Handel & Transport“ gelöst.
    Und ein „Informationsproblem“ haben wohl auch bestenfalls „kritische“ Verbraucher, die ein ruhiges Gewissen daraus ableiten, dass sie ganz genau zu wissen glauben, woher ihr (meist landwirtschaftliches) Produkt stammt. Auch wenn das argentinische Rind trotz langer Transportwege vielleicht 100x umweltfreundlicher lebte (weil es einfach nur in der weiten Pampa graste und kackte) als sein Pendant vom heimischen Ökohof (dessen Mist fast wie Sondermüll entsorgt werden musste). Alle anderen wollen vor allem, dass es schmeckt. 😉

  6. Zustimmung, ich würde allerdings nicht sagen „Ein Pseudoproblem, das in der realen Welt nicht wirklich existiert“ sondern „Ein Pseudoproblem, das in der realen Welt gelöst ist“.

  7. @ Mariele

    „ALLES was in einem freien sozialdemokratischen Land im Geheimen verhandelt wird … davon MUSS jeder mit gesundem Menschenverrstand die Finger lassen,“

    Ich bin mir nicht sicher, ob Du Dich schon mal mit Verhandlungen beschäftigt hast. Praktisch ALLE internationalen Verträge zwischen Staaten werden natürlich vertraulich ausgehandelt. Niemand wird in laufenden Verhandlungen seine Positionen und Ziele aufdecken. Wäre es anders, gäbe es wohl gar keine internationalen Abkommen. Merkwürdigerweise fällt das den Leuten erst jetzt bei TTIP auf. Honi soit qui mal y pense.

    Was Du im Grunde bemängelst, ist aber etwas anderes: die mangelnde Chuzpe unser Parlamentarier. Wenn denen eine internationale Vereinbarung nicht gefällt, dürften sie ihr eigentlich nicht zustimmen. Tun sie aber trotzdem, um auch in der nächsten Wahlperiode ihren Job zu behalten, die Parteiaristokratie läßt grüßen.

  8. @ Jürgen

    „Ich meine, es ist genauso unsinnig den Freihandel reflexhaft jederzeit zu verdammen, wie ihn kritiklos gut zu heißen.“

    Konsequenter Freihandel bedeutet einfach, nicht nach Herkunft zu diskriminieren. Viele, die gegen Freihandel kämpfen, vertreten unbewußt quasi-nationalistische, oft auch neokolonialistische Positionen. Da gibt es eine unappetitliche Melange von Linken und Rechten.

  9. „Wäre es anders, gäbe es wohl gar keine internationalen Abkommen. Merkwürdigerweise fällt das den Leuten erst jetzt bei TTIP auf.“ – Naja, in früheren Zeiten waren internationale Abkommen nicht so weitreichend. TTIP greift dagegen weit in die Kompetenzen des Gesetzgebers ein.

  10. @ Arne Kuster

    Naja … Der Vertrag von Lissabon griff wesentlich weiter in die Kompetenzen der Gesetzgeber ein und ist keinesfalls öffentlich verhandelt worden. Geheimnisse in der Verhandlungsphase sind überhaupt kein Problem, wenn man selbstbewußte Parlamente hat.

  11. Natürlich ist TTIP nicht der erste internationale Vertrag, der wirtschafts- und sozialpolitische Regelungen trifft. Und da ist es problematisch, dass das Parlament einem internationalen Vertrag nur zustimmen oder ablehnen kann, nicht aber, wie in der normalen Gesetzgebung, auch Änderungen anbringen kann. Die Gesetzgebungskompetenz des Parlaments wird damit durch internationale Verträge immer mehr eingeschränkt. Ich glaube nicht, dass die Väter des Grundgesetzes (unter ihnen auch vier Frauen) diese Konsequenz gewollt haben.

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