Wirtschaftswurm-Blog

Die Eurokrise ist tatsächlich beendet – zumindest vorerst

Leistungsbilanzsalden von 7 Eurostaaten, 3. Quartal 2008 bis 3. Quartal 2013, eigene Grafik nach Daten von Eurostat

Seit Beginn der Eurokrise Ende 2009 wird sie auch regelmäßig von Politikern für beendet erklärt. Nun aber, nach vier Jahren, scheint sie wirklich beendet – zumindest vorerst und zu einem hohen Preis.

In meinem E-Book „Die ersten drei Jahre Eurokrise“ (siehe rechts) lässt sich nachlesen, worin der Kern der Eurokrise bestand – nämlich in einer Leistungsbilanzkrise. Er bestand also darin, dass die Südländer dauerhaft mehr Waren und Dienstleistungen in Anspruch nahmen, als sie selbst produzierten. Genau das wurde im Leistungsbilanzdefizit dieser Länder deutlich und bewirkte umgekehrt einen Großteil des Leistungsbilanzüberschusses Deutschlands.

Diese Zeiten sind aber (vorerst) vorbei. Das zeigt folgende Grafik der Leistungsbilanzsalden von sieben Staaten, in der die aktuellesten Daten, die vom dritten Quartal 2013, bereits eingearbeitet sind:

Leistungsbilanzsalden von Deutschland, Frankreich, Griechenland, Italien, Niederlande, Portugal Spanien, 3. Quartal 2008 bis 3. Quartal 2013

Leistungsbilanzsalden von 7 Eurostaaten, 3. Quartal 2008 bis 3. Quartal 2013, eigene Grafik nach Daten von Eurostat

Man kann darin mit bloßem Auge einen Aufwärtstrend für Griechenland, Portugal und Spanien entdecken. Weniger deutlich, aber auch vorhanden, ist der Aufwärtstrend für Italien. Berechnet man für die griechischen Daten eine Trendgerade, so stellt man fest, dass diese im 3. Quartal 2013 die Nulllinie überschritten hat. Auch die entsprechende Trendgerade für Portugal hat im 3. Quartal 2013 die Nulllinie überschritten.

Die Austeritätspolitik wirkt also. Endlich, muss man sagen.

Dass man mit einer strengen Austeritätspolitik irgendwann die Ungleichgewichte in der Eurozone abbauen wird, habe ich übrigens nie bestritten. Mein Punkt war immer, dass eine strenge Sparpolitik zu langsam wirkt und die Wirtschaft eines Landes ruiniert. Beide Punkte finde ich bestätigt und man kann sie anhand der nun vorhandenen Erfahrungen präzisieren.

Nehmen wir Griechenland. Im Mai 2010 begann man dort mit einem rigorosen Sparkurs. In der Leistungsbilanz tat sich jedoch bis auf das für Griechenland typische starke saisonale Zick-Zack vorerst kaum etwas. Den Beginn eines sichtbaren Aufwärtstrends kann man erst mit dem ersten Quartal 2012 ansetzen, also sieben Quartale später. Das waren 1 ¾ verlorene Jahre, in denen die Arbeitslosenquote von 12,1% auf 21,9% stieg. (Inzwischen liegt sie bei 27,6%.)

Die Eurokrise wurde nicht durch einen Aufschwung beendet, sondern durch eine Wirtschaftskrise.

Und auch wenn sich inzwischen die Wirtschaft der Südländer stabilisiert hat und zumindest der Tourismus dank kräftiger Preissenkungen boomt, bleibt zudem die Frage, wie stabil die Leistungsbilanzen von Griechenland, Spanien, Italien und Portugal sind. Die jüngsten Turbulenzen an den Devisenmärkten, die zu einer Aufwertung des Euros gegenüber den Währungen der Schwellenländer führten, könnten schon bald die Wettbewerbsfähigkeit der Eurorandstaaten erneut beeinträchtigen. Konkurrenzprodukte aus Schwellenländern werden ja billiger.

Und dann gibt’s in der Grafik oben noch einen Staat, dessen Leistungsbilanzprobleme anfangs vernachlässigbar schienen, inzwischen sich aber als besonders hartnäckig herausgestellt haben: Das französische Leistungsbilanzdefizit wird bislang größer statt kleiner.

11 Kommentare

  1. Die Eurokrise wurde nicht durch einen Aufschwung beendet, sondern durch eine Wirtschaftskrise.

    Genau darum wäre eine wirklich schnelle und harte Sparpolitik wie in Island auch in Griechenland die beste Lösung gewesen („rigoros“ war der Sparkurs in GR nicht). Das griechische GDP war durch die Zeit des viel zu billigen Geldes um etwa 30-40 % zu hoch. Daß Griechenland in dem Moment wieder zu arbeiten anfängt, in dem diese künstliche Blase ungefähr abgebaut ist, war ja zu erwarten.

    Mein Punkt war immer, dass eine strenge Sparpolitik zu langsam wirkt und die Wirtschaft eines Landes ruiniert. Beide Punkte finde ich bestätigt und man kann sie anhand der nun vorhandenen Erfahrungen präzisieren.

    Nein, eine schlappe Sparpolitik (wie in Griechenland) wirkt zu langsam. Das Vorbild für künftige Krisen dieser Art muß in vielerlei Hinsicht Island sein.

  2. Piefke sagt

    Sagt mal! Lebt ihr denn im Wolkenkuckucksheim!?
    Da ist noch garnichts beendet, und schon gar keine Eurokrise.
    Man soll ALLE Fakten erstmal richtig interpretieren.
    Wie kann man nur so erkenntnisresistent sein.

  3. @Tim,
    „Das Vorbild für künftige Krisen dieser Art muß in vielerlei Hinsicht Island sein.“ – Richtig, vor allem hätte es eine Abwertung der nationalen Währung geben müssen, dann hätte man sich 1 3/4 Jahre der Krise sparen können.
    @Piefke,
    „Man soll alle Fakten erstmal richtig interpretieren.“ – Dann werde bitte mal konkret.

  4. @ Arne Kuster

    Ja, aber über nationale Währungen durfte man ja leider nicht sprechen, weil man dann ja Feind Europas gewesen wäre. 🙂

  5. Andreas sagt

    Ich würde eher sagen: Die Schuldenkrise macht mal wieder Pause und gibt den Verantwortlichen die Gelegenheit, für eine Zeit selbstgerecht die Hände in den Schoß zu legen und die wenigen sinnvollen Maßnahmen – etwa die Bankenunion – bis zur Unkenntlichkeit zu verwässern. Die Austeritätspolitik hat gewirkt? Das ist, bei allem Respekt, albern. Wenn man ein Land plattmacht, wird es danach irgendwann wieder wachsen, aber auf einem sehr viel niedrigerem Wachstumspfad als notwendig gewesen wäre. Simon Wren-Lewis hat mal scherzhaft den Vorschlag gemacht, Griechenland für ein Jahr stillzulegen: Was für phänomenale Wachstumszahlen man dann im Folgejahr beobachten könnte! Das Stilllegen hätte also gewirkt…
    Man muss auch mal die Frage stellen: Wie sollte denn die Austeritätspolitik gewirkt haben? Es wurden doch drei Ziele verfolgt: Das Haushaltsdefizit sollte gesenkt werden, das konnte erreicht werden, aber das war ja nicht das eigentliche Ziel. Ziel war es, die Staatsschuldenquoten auf ein tragbares Niveau zu drücken, und das ist nicht erreicht worden. Im Gegenteil gibt es ja nun einige Studien, die zeigen, dass die Austeritätspolitik sich selbst geschlagen hat und die Schuldenquoten höher sind, als sie bei einer Politik mit etwas mehr Augenmaß hätten sein müssen. Im Ergebnis ist es nun völlig illusorisch, dass Länder wie Griechenland ihre angehäuften Schulden je werden bedienen können. Ein weiteres Ziel war es, die Krisenstaaten durch reale Abwertung Wettbewerbsfähiger zu machen und die Leistungsbilanzdefizite zu senken. Tatsächlich hat es eine nennenswerte reale Abwertung nur in Griechenland gegeben und dort sinkt der Export dennoch weiter und weiter. Ist ja auch nicht wirklich überraschend, wenn die Unternehmen, die exportieren sollen, mittlerweile Pleite sind. Die Leistungsbilanzdefizite sind für den Moment verschwunden, aber hauptsächlich aufgrund dem nachfragebedingt sinkenden Import und, was den Export in einigen Krisenstaaten anbelangt, der Nachfrage aus den Schwellenländern und den USA. Beides wird nicht nachhaltig sein und das ist so absehbar wie fallendes Laub im Herbst. Ein drittes Ziel war es, die enge Verbindung zwischen Staatsschulden- und Bankenkrisen zu durchbrechen. Tatsächlich sehen wir eine Balkanisierung des Kreditgeschäfts und die Banken der Krisenstaaten halten zu einem größeren Teil Anleihen der Krisenstaaten als zuvor, was einen Schuldenschnitt so gut wie unmöglich macht. Und das von einigen als leuchtenden Beispel bejubelte Irland ist wieder auf dem Weg, genau jenes Niedrigsteuer-Finanzkasino zu werden, das es vor der Krise war.
    Kein ausgesprochens Ziel der Krisenpolitik war es, die Arbeitslosigkeit im Euroraum zu senken. Immerhin das ist voll und ganz gelungen.
    Das einzig wirklich positive Zeichen, das ich im Moment sehe, ist, dass man still und heimlich von der Austeritätspolitik abrückt. In Griechenland wird ein Infrastrukturprogramm im Ausmaß von 3% des BIP aufgelegt. Das wird wirken. Und nachhehr wird es heißen, die Austeritätspolitik habe gewirkt. Wir leben wahrlich in einer Bizarro-Welt.

  6. Häschen sagt

    @Andreas Die Maßnahmen waren eindeutig überzogen. Die ganze Wirtschaft läuft an sich einem Phantom hinterher. Wir wissen ja gar nicht welche genialen Produkte wir hätten, hätten wir nicht diese Wirtschaft. Im Mittelalter und schon zuvor, dachte man auch, dass der Pferdewagen schon der Heuler ist. Das Phantom ist das Wachstum und das Phantom wurde mittlerweile zum Gespenst. Das geistert auch in der Grafik des Wirtschaftswurms.

    Konsequenterweise leitet sich aus unserem Geldsystem ab, dass jeder der andere kreditwürdiger macht an sich mit dem größten Geldberg zu bedenken sei. Jeder Superreiche kann sich auf die Schulter klopfen und sagen, ‚Ich habe mitgeholfen viel Kredit zu schaffen‘ und anderen Lasten übertragen, respektive geholfen Lasten zu übernehmen. Brechen dann die anderen unter der Last zusammen, dann stellt man den am Boden liegenden als Deppen hin und den anderen als Vorbild.

    Die Bizarro-Welt unterschreibe ich. Will man das ändern muss sich der Mensch ändern. Ich habe den Prozess schon hinter mir.

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  8. Ich habe ja – früher hier im Blog – wie auch im E-Book drei Aspekte der Krise unterschieden. Die Eurokrise im engeren Sinne, die Staatsschuldenkrise und die Finanz- bzw. Bankenkrise. Die Eurokrise im engeren Sinne ist eine Leistungsbilanzkrise und nur die meinte ich in meinem Beitrag. Die Schuldenkrise schwelt weiter solange es noch Schuldenquoten von über 90% des BIPs gibt. Auch die Bankenkrise schwelt wahrscheinlich weiter, das können aber nur Insider wirklich beurteilen.

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