Zwischenruf

Vom VW-Skandal zum VW-Dilemma – Die ordoliberale Sicht

VW-Werk in Wolfsburg

Für Ordoliberale ist der VW-Skandal keine Überraschung, sondern Folge der übergroßen Macht der Autoindustrie in Deutschland und Europa. Mit einem realistischen und gleichzeitig wirksamen Lösungsvorschlag tun sich Ordoliberale aber schwer.

Die Fakten des Skandals liegen auf dem Tisch: VW hat eine Software eingesetzt, mit der die Dieselabgase in Testsituationen stark gegenüber dem Alltagsbetrieb reduziert wurden. Betroffen sind 11 Millionen Fahrzeuge weltweit, in Deutschland 2,8 Millionen.

Inzwischen weitgehend geklärt ist auch, dass der Einsatz dieser Software nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa illegal ist. Der Staatsanwalt ermittelt.

Noch nicht geklärt sind alle Verantwortlichen. Bei der Suche nach weiteren muss man auch über die Konzerngrenzen hinaus blicken. Die Politik steht im Visier.

Die Bundesregierung hat bis zum 18. September, als der Betrug öffentlich wurde, gewusst, dass es Manipulationssoftware für Abgastests gibt. So recherchierte es Matthias Kamann (Welt). Danach war dieses Wissen erst einmal verschwunden und man tat überrascht.

Umgekehrt verhält es sich mit dem Problembewusstsein. Vor dem 18. September hat man keinen Anlass gesehen zu handeln. Danach kam der große Aufschrei der Politik.

Dabei hatte die Politik nicht nur gewusst, dass es die Manipulationssoftware gibt, sondern auch, dass die Testwerte und die Abgaswerte unter realen Bedingungen meilenweit auseinander liegen. Die Deutsche Umwelthilfe hat auf ihrer Internetpräsenz dokumentiert, wie sie seit September 2007 in Pressekonferenzen, Schreiben und Gesprächen immer wieder auf dieses Problem hinwies. Und dies übrigens nicht nur in Hinblick auf VW, sondern auch in Hinblick auf BMW und Daimler.

Die Politik weigerte sich allerdings, zwei und zwei zusammenzurechnen.

Das wiederum überrascht einen Ordoliberalen überhaupt nicht.

Denn die Autoindustrie in Deutschland (und Europa) hat nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern auch politische Macht. Und sie nutzt sie. Das hat mit dem 18. September nicht aufgehört. So läuft die Autolobby gegenwärtig Sturm gegen neue, realistischere Abgasmessverfahren, die ab Herbst 2018 gelten sollen.

Die politische Macht der Autoindustrie rührt nicht so sehr aus personellen Verflechtungen, wie sie jetzt Organisationen wie Lobby Control anprangern. Solche Verflechtungen sind eher Symptom als Ursache der politischen Macht. Die politische Macht der Autoindustrie rührt einfach aus ihrer wirtschaftlichen Stärke, ihrer Bedeutung als Arbeitgeber und als Steuerzahler.

Das Problem für einen Ordoliberalen ist allerdings, dass die optimale Lösung für das Problem der politischen Macht der Wirtschaft nicht funktioniert. Die optimale Lösung wäre nämlich die Beseitigung auch der wirtschaftlichen Macht, mithin eine Entflechtung der Konzerne und eine Diversifizierung der deutschen Wirtschaft.

Damit würde man allerdings Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit opfern. Ein Dilemma.

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Foto (von HighContrast): VW-Werk in Wolfsburg

10 Kommentare

  1. Häschen sagt

    Ich fände es doch ein wenig übertrieben aus Wolfsburg gleich Detroit zu machen nur da ein paar Partikel mehr anfallen. Richtig ist wohl, dass eine Diversifikation an sich Wirtschaftsräume eher robuster macht. Ein wenig übertrieben war die Werbung mit dem Taschentuch schon.

    Wir können aber in jede Industrie schauen … es ist nirgendwo auf dieser Welt anders. Industrie ist mal eher tendenziell zentralplanerisch. Aber der Fairness halber sei gesagt, Industrien egal wie groß sie sind, versuchen den Nachteil der zentralen Planung zu kompensieren – aber selbst das passiert geplant. Bei sinkenden Preisen wird das auch immer schwieriger, denn zu teuer. Diese Kosten werden indirekt ja sozialisiert. Es sind Konzerne ja nicht die Bösen – was nicht geht geht nicht. So einfach ist die Welt.

    Der Sozialismus spielt dann schon mit, denn der erlaubt halt auch über Gebühr Ressourcen, wenn auch im positiven Sinne mit bester Absicht zu verteilen. The Road To Hell is paved with best intentions.

    Spannend wird die Sache, wenn die Industrialisierung immer mehr wird und immer weiter voranschreitet.

    Im nächsten Schritt *muss* man Abhängigkeiten verankern, denn sonst wackelt der Plan. Entweder im Produkt selbst, über Service oder über Gesezte bspw … Irgendwie denke ich schon.

    Sobald sie einen großen Kunden haben und nach JIT Güter bereitstellen ohne Lager am Ende, dann werden sie Teil dessen Supply Chains. Sie machen mit dem großen Kunden ja keinen Gewinn mehr. Es gibt sehr viele implizite Verquickungen die am Ende aus der Vogelperspektive etwas etwas den Kaiser Wilhelm herausgrinsen lassen aus den Bewirtschaftungsstrukturen.

    Am Ende passiert dann folgendes – jeder muss ein Produkt entlang der Monatsrate erwerben, denn sonst bricht die Wirtschaft zusammen. Dann sind wir in der Planwirtschaft mit einer Bereitstellungsfrequenz, frech gesagt von einem Monat.

    Welcher Plan hat jemals funktioniert?

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  3. Marc sagt

    Die Marktmacht basiert in bei einer auf Massenproduktion basierenden Wirtschaft insbesondere auf den niedrigen Herstellungskosten aufgrund der hohen Stückzahlen. In einem solchen Markt haben es neue Technologien schwer sich durchzustezen, der Unterschied zu einem neuen Produkt mit hohen Entwicklungskosten und niedrigen Stückzahlen ist einfach zu groß. Sollte unter solchen Rahmenbedingungen nicht die Entwicklung neuer Technologien aktiv vom Staat gefördert werden? Das könnte den fehlenden Konkurrenzdruck im Entwicklungsbereich erzeugen. Im Fall der Autoindustrie läge die Alternativen auf der Hand: Elektroautos.
    Diese Strategie würde die Wettbewerbsfähigkeit nicht verringern, höchstens steigern.

  4. Von einer solchen Technologieförderung würden doch in Deutschland auch nur wieder die bekannten Autokonzerne profitieren. Die Marktmacht und die politische Macht der Autokonzerne würde damit eher gestärkt.

  5. Marc sagt

    Ich dachte vielmehr an disruptive StartUps wie Tesla. Entschuldigung, aber ich merke nicht immer, wenn ich den ordoliberalen Schrebergartenhorizont überschreite.

  6. Wenn’s denn solche Gründungen in Deutschland gibt. Presseberichte über sie sind mir noch nicht aufgefallen.

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