Wirtschaftswurm-Blog

Lasst die Briten nicht über Ordoliberalismus schreiben!

Freiburg im Breisgau

Ich glaube ja, die Briten würden viel weniger über den Ordoliberalismus schimpfen, wenn er nicht aus Deutschland käme. Aber das nur nebenbei zum neuen Rant des „Economist“ über die deutschen Ordoliberalen. Inhaltlich kann man nämlich auch einiges kritisieren.

Aber ich fange vielleicht mal bei dem Punkt an, wo der „Economist“ richtig liegt: Ordoliberale wollen keinen Nachtwächterstaat, sondern eine starke und unabhängige Regierung, die die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft setzt.

Es geht nicht um den freien Markt und auch nicht darum, Schulden zu verteufeln

Nun verwenden Ordoliberale häufig den Begriff „freier Markt“ und das ist falsch, wird aber leider vom „Economist“ nicht kritisiert. Ein Markt ist nie frei, sondern immer abhängig von gesetzlichen und gesellschaftlichen Verhaltensregeln. Wichtig dafür, dass ein Markt funktioniert, ist aber, dass der Preismechanismus nicht manipuliert wird, denn dann können die Preise anzeigen, wo Knappheit und wo Überfluss herrscht. Es geht also um freie Preise, nicht um einen freien Markt.

Der „Economist“ behauptet, Ordoliberale würden Schulden verteufeln. Nein, tun sie nicht. Aber, Stichwort „Haftung“, Ordoliberale verlangen, dass man seine Schulden zurückzahlt. Und das sollte auch für den Staat gelten. Fast immer hat Deutschland jedoch seine Altschulden beglichen, indem es neue Schulden aufgenommen hat.

Apropos Schulden zurückzahlen. Hier übertreiben es Ordoliberale manchmal etwas und das ist vielleicht in der Tat ein deutsches Mentalitätsproblem. Wer eine Pleite hingelegt hat, dessen Ruf ist hierzulande dauerhaft ruiniert. Aber diese Mentalität schreckt ab Neues auszuprobieren und damit Risiken einzugehen. Tatsächlich gehören Insolvenzen zum System soziale Marktwirtschaft zwingend dazu. Und warum nicht auch die Insolvenz von Staaten? Aufgabe der Ordoliberalen kann es nur sein, über die internationalen Rahmenbedingungen nachzudenken, die eine Insolvenz von Staaten möglich machen, ohne dass gleich die gesamte Weltwirtschaft zusammenbricht.

Es ist richtig, dass Ordoliberale in der Politik Regeln gegenüber hektischem Aktionismus bevorzugen. Das heißt aber nun nicht, dass sie mit dem Nachdenken aufhören, wenn einmal eine Regel etabliert ist. Sowohl die Regeln über die Maastricht-Kritereien als auch die Regeln der deutschen Schuldenbremse sind gut gemeint, aber schlecht durchdacht. Die Diskussionen sollten darum weiterlaufen.

Genauso ist es mit der Sparpolitik in den Eurokrisenstaaten. Natürlich muss ein Land wie Griechenland sich einschränken, da es in der Vergangenheit über seine Verhältnisse gelebt hat. Dabei geht es jedoch nicht in erster Linie darum, Staatsausgaben zu kürzen, sondern vielmehr darum, die für Griechenland nicht mehr bezahlbaren Importe zu verringern. Der Königsweg ist hier eine Abwertung der eigenen Währung, die Importe für alle verteuert, so dass man sie weniger nachfragt. Im Fall Griechenlands setzt dies natürlich eine eigene Währung, also den Austritt aus der Eurozone, voraus.

Leistungsbilanzüberschüsse sind nicht ordoliberal

Zum Schluss beschäftigt sich der „Economist“-Artikel auch mit Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss. Die Ordoliberalen würden ihn rechtfertigen. Aber das ist falsch. Es gibt keine ordoliberalen Argumente, nach denen der deutsche Leistungsbilanzüberschuss, zumindest in seiner gegenwärtigen Höhe, gut ist. Was hier häufiger durch deutsche Medien geistert ist eher merkantilistisches Denken.

Der Merkantilismus ist nämlich eine veraltete ökonomische Denkschule aus dem 17. Jahrhundert. Demnach sollte der Staat (damals meist mit dem Fürsten gleichgesetzt) danach streben, möglichst viel Gold im Außenhandel einzunehmen. Das ging nur mit einem Leistungsbilanzüberschuss. Heute bekommt man aber für einen Leistungsbilanzüberschuss kein Gold mehr, sondern meistens nur Schuldpapiere. Und selbst wenn man noch Gold bekäme, inzwischen hat sich herausgestellt, dass man Gold nicht essen kann.

Foto (von Luftfahrer/Wikipedia): Freiburg im Breisgau, Wiege der ordoliberalen Schule

8 Kommentare

  1. Tim sagt

    Ich lese den Economist seit vielen Jahren sehr gern, aber wenn er über die Euro-Krise und die (angebliche) Austeritätspolitik schreibt, kann man die Schnappatmung oft geradezu herauslesen. Bei diesem Thema legen die Economist-Autoren meist eine Staatsgläubigkeit an den Tag, die überhaupt nicht zur sonstigen Redaktionslinie paßt.

  2. Glaub mir, sie würden ganz anders schreiben, wenn Großbritannien selbst Mitglied der Währungsunion wäre und mit haftbar gemacht würde.

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 15. Mai 2015 | Die Börsenblogger

  4. Zitat: Der Merkantilismus ist nämlich eine veraltete ökonomische Denkschule aus dem 17. Jahrhundert. Demnach sollte der Staat (damals meist mit dem Fürsten gleichgesetzt) danach streben, möglichst viel Gold im Außenhandel einzunehmen. Das ging nur mit einem Leistungsbilanzüberschuss.

    Nun das ist dann wohl nicht richtig, denn die Merkelpolitik seit >10 Jahren ist genau dieser Merkantilismus oder nennen wir ihn Merkelismus, bei dem Deutschland maximale Exportüberschüsse generiert, und so Wahren und Arbeitslosigkeit exportiert „auf Teufel komm raus“ und im Gegenzug wertlose Schuldscheine in Form von TARGET2-Verbindlichkeiten im Euroraum und schlicht Schulden außerhalb der EU dafür erhält. Denn Deutschland exportiert ja auch Geldvermögen, da es Nettosparer ist. Dieses Sparvermögen kauft dann unsere Maschinen und Autos, anstatt im Ausland für Investitionen zu sorgen, die später als Gewinne und Zinsen zu uns zurückfließen.
    (vgl. dazu diverse Bücher von Prof. Heiner Flassbeck)

    Spannend finde ich die Frage, warum das passiert, warum die restliche Welt und die restlichen Länder dabei mitmachen. Ein Punkt ist sicher die typisch kurzfristige Denke von Politikern wie Schäuble & Merkel, heute hohe Steuereinnamen und weniger Arbeitslosigkeit, dafür erst viel später enttäuschte Sparer und betrogene Rentner.

  5. Dieser Merkelsche Merkantilismus 😉 ist wohl eine Mischung aus Sozial- und Industriepolitik, ähnlich wie die nun auslaufenden, aber gleichfalls unsinnigen Kohlesubventionen. Erinnert euch bitte daran, dass es billiger als die Kohlesubventionen wäre, wenn jeder Kumpel seinen Lohn komplett direkt aus der Staatskasse bekäme. Trotzdem wird lieber eine Industrie subventioniert.
    Die deutschen Exporte werden zum Teil über die Targetkonten subventioniert. Der Exporteur erhält ja für seine Verkäufe vom Bankensystem echte Euros, während die Zentralbanken, über die die Geschäfte abgewickelt werden, nur Target-Euros bekommen, also nur Spielgeld. Heiner Flassbeck thematisiert solche Exportsubventionen allerdings nie, bei ihm geht es immer nur ganz populistisch um die Löhne.

  6. Lilo sagt

    Werter Herr Kuster, ich stimme da mit ihnen überein. Zu Flassbeck muss man sagen, dass er wie andere Ökonomen auch sich bei der EURO-Krise eben nur einen Aspekt herausgreift, analysiert und Lösungen sucht. Prof. Sinn hat sich auf die Targetsalden und die EZB-Politik spezialisiert, Flassbeck auf die unterschiedlichen Inflations- und Lohnstückkostenentwicklungen, Starbatty, Henkel & Lucke auf Arbeitsmarkt und Wertentwicklungen des Euros und viele Politiker auf die Schuldenstände.
    Das mal einer alle Aspekte zusammenführt, passiert nicht, das sieht man auch bei der aktuellen Griechenlanddiskussion sehr schön, jeder redet nur über seinen Aspekt und damit alle aneinander vorbei.

  7. Häschen sagt

    Sie bekommen aber schon noch Kohle aus dem Bergbau. Schon vergessen, es geht um Güter und nicht um Geld allein. Wobei in Österreich Geld auch Kohle heißt, vermutlich in Deutschland auch 🙂 Das schwarze Gold – schön war die Zeit. Die Frage die sich stellt, ob die Bewirtschaftung des Kohlevorrats auf diese Art Sinn macht … und wie weit ein Gewinn in einer linearen Interpretation (mehr ist besser) Sinn macht.

    Zwischen Gewinnabsicht und Optimierung besteht ein großer Unterschied. Der niedrige Preis wird praktisch gesehen als Ausdruck einer hohen Kapitlaumschlagshäufigkeit und die wiederum wird assoziiert mit der Fähigkeit eines Unternehmens abgegebenes Tausch relativ zeitnah wieder zu beschaffen. Eine geringere Marge wird auf Kapital das öfter umschlägt angewendet.

    Der Merkantilismus hat mit der Frau Merkel mal so direkt nichts zu tun und auch nichts mit den Exporte. Ich definiere ja Nationalstaaten im Kontext des E.U. Binnenmarkts als statistische Grundgesamtheiten. Auf der Makro Ebene kann man eher über Chancendenken punkten. Die Strategie im Moment ist eher, sich reduzierende Chancenräume für andere (gesteigerte Wettbewerbsfähigkeit) soweit wie maximal notwendig offen zu halten vs. Chancenräume zu eröffnen so weit wie möglich offenzuhalten. Das ist meiner Meinung nach, was der Herr Flassbeck versucht sehr kompliziert auszudrücken. Das wäre der Freihandel kombiniert mit dem fairen Preis.

    Der Merkantilismus heißt andere Länder zu überfallen die Ernte zu verbrennen, das Gold einsacken und die Güter vom Feld der eigenen Bevölkerung dagegen zu tauschen mit dem Ziel stehende Armen zu finanzieren zu Zeiten als man Wirtschaftswachstum als keine Option ansah, da dieses nicht bekannt war. Das bringt heut nichts mehr. Merkantilismus scheint eine Spielart respektive Vorstufe des Keynesianismus zu sein.

    Die Idee, dass der Markt von gesetzlichen und gesellschaftlichen Regeln beschränkt ist … aus einer liberalen Weltsicht wohl. In Deutschland gilt als andere als eine Diktatur schon als freiheitlich.

    In Deutschland, gestern war wieder eine allseits beleibte Diskussion zur Umverteilung beim G. Jauch zum Thema leistungsloses Einkommen, Erbschaftssteuer von 70% wie zu Zeiten Weimar – wo das hinführte wissen wir – ist der Kommunismus scheinbar wieder salonfähig. Bofinger der sich für Bargeldverbot ausspricht ein weiteres Indiz. Man kann dem Herrn Bofinger anbieten, dass er sich bei uns versteckt und wir sagen, ‚Er wollte die Bevölkerung warnen‘. Sagen wir so. Ganz geheuer ist der Junge nicht.

    Wenn Gesetz und Gesellschaft beginnt zu verschwimmen dann ist DEFCON 2 das Gebot der Stunde.

    Man muss bei der Bewirtschaftung des ‚Geldpools‘ unterscheiden zwischen der Systematik von Forderung und Verbindlichkeit vs. einer rechtlichen Interpretation die aus gedecktem Geld stammt. Die Konsequenz daraus ist, dass der Preis eigentlich nurmehr im Kontext der Tauschtransaktion gilt nicht vorher und nicht nachher. D.h. die Bewertung eines Realgutes mit einem Packerl Geld gleichzusetzen ist Irrsinn. Die Buchhaltung wurde zu einem sehr konkreten Zweck eingeführt. Damals gingen einfach Unternehmen pleite und damit entstand ein Versorgungsengpass. Für mich sind sämtliche Ideen die auf Buchhaltung aufsetzten – gesamte Mainstreamökonomie der Versuch zu erklären warum die Summe über die Bewertungen der Realität nicht entspricht oder der krampfhafte Versuch diese in Übereinstimmung zu bringen …. Dem heutigen Geld fehlen 2 Funktionen … egal wie man das sieht, es wäre mal notwendig sich auf eine Sicht zu einigen.

    Dass ich persönlich eine Geld das nur Zahlen repräsentiert auf beliebigen Zetteln nicht nehme ist ein anderes Thema. Dann verschiebt sich das Engagement in andere Bewirtschaftungsphilosphieren Open Source oder was auch immer. Man muss sich nicht quälen und alles über Arbeitsteilung organisiert über Tausch abzubilden. Wenn der Tausch mit Griechenland keinen Sinn macht, dann kollabieren die Schulden. Das ist so beim Kreditgeld. Es gibt nur Kredit und Zins. Kreditgeld finanziert die Produktion des nächsten Stücks, aber kommt mal der Zeitpunkt zu dem der Kredit ausfällt. Im Moment haben wir eher das Problem, das dieses unifunktionale Geld besichert wird und damit suggeriert werthaltig zu sein.

  8. „Der Merkantilismus hat mit der Frau Merkel mal so direkt nichts zu tun und auch nichts mit den Exporte.“ – Ich habe meine Meinung oben begründet und du behauptest jetzt trotzdem mal dreist und ohne Begründung das Gegenteil.

    PS: Dein Link war übrigens kaputt und nicht mehr rekonstruierbar, darum habe ich deinen zweiten Beitrag gelöscht.

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