Wirtschaftswurm-Blog

Im Schatten Griechenlands: Irland, Ungarn, Portugal und Italien

Über alle griechische Dramatik vergisst man manchmal, dass Hellas nicht der einzige Krisenherd in Europa ist. Als Erinnerungsstütze dient das Schuldenbarometer des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Seine Daten sind nicht nur für Griechenland prekär.

Der Ansatz der Kieler Wissenschaftler ist, den Primärüberschuss zu berechnen, den ein Staat braucht, damit die bisherige Schuldenquote stabilisiert werden kann. Denn klar ist: ein nicht mehr kontrollierbares Wachstum der Schuldenquote muss zwangsläufig in den Bankrott führen. Der Primärüberschuss, auf den es also ankommt, errechnet sich als Staatseinnahmen minus Staatsausgaben ohne die Zinszahlungen.

Der zur Schuldenstabilisierung notwendige Primärüberschuss muss umso größer sein, je größer die Schuldenquote ist, je höher der zu zahlende Zinssatz ist und je niedriger das langfristig zu erwartende Wachstum ist. Selbst in einem ersten, extrem optimistischen Szenario mit 4 % jährlichem Wirtschaftswachstum, errechnen darum die Kieler, dass Griechenland einen Primärüberschuss von 27,58 % und Portugal einen von 9,23 % braucht. Langfristige Erfahrungen aus den OECD-Ländern legen aber nahe, dass selbst Primärüberschüsse von 5 % selten und nur über kurze Zeiträume erreicht werden können. Für beide Staaten ist es damit ausgeschlossen, ihre Schuldenquote zu stabilisieren.

Nun geht die heute vorgestellte Wirtschaftsprognose der EU-Kommission davon aus, dass Portugals Wirtschaft 2012 um 3,3 % schrumpft und Griechenlands Wirtschaft um 4,4 % zurückgeht. Vor diesem Hintergrund entpuppt sich das zweite, angeblich pessimistische Szenario der Kieler Wissenschaftler, das ein langfristiges Wachstum von 2 % unterstellt, als immer noch optimistisch. Diese Einschätzung legen auch meine Berechnungen langfristigen Wirtschaftswachstums nahe: Von den sechs großen Eurostaaten konnte nur Spanien die 2 % im Durchschnitt der letzten zehn Jahre erreichen.

Aber sei’s drum: Im 2-%-Wachstumsszenario bekommen auch Ungarn, Irland und Italien Probleme und müssten einen unrealistischen Primärüberschuss von über 5 % aufweisen. Die Zahl der Pleitekandidaten steigt damit auf fünf. Spanien und Frankreich dagegen brauchen keine Probleme zu befürchten. Im Übrigen: Damit Griechenland mit einem Primärüberschuss von 5 % auskommt, müssten ihm nach den Berechnungen des Instituts für Weltwirtschaft 84 % aller Schulden erlassen werden, nicht nur 53,5 % der Schulden, die von Privaten gehalten werden.

Das Manko der Kieler Berechnungen ist, dass sie von aktuellen Marktzinsen ausgehen. Sinnvoller wäre es, auch eine Prognose der zu zahlenden Zinssätze einzubauen. Grundlage einer solchen Prognose sollte die Überlegung sein, dass der zu zahlenden Zinssatz umso größer ist, je größer der zur Stabilisierung der Schuldenquote notwendige Primärüberschuss ausfällt. Mit einer zusätzlichen Gleichung, die die Entwicklung der Zinsen in Abhängigkeit vom notwendigen Primärüberschuss aufzeigt, bekäme man dann für jeden Staat ein Gleichungssystem mit zwei Gleichungen und zwei Variablen (notwendige Primärüberschuss und zu erwartender Zinssatz), das man mathematisch leicht lösen kann.

Griechenland und Co. sollten aber aus solchen Verbesserungen der Berechnungen keine Hoffnung schöpfen. Berücksichtigt man, dass die Zinsen systematisch höher sind, wenn der benötigte Primärüberschuss höher ist, wird sich wohl die Trennung zwischen Pleitestaaten und Staaten, die gesunden können, eher verschärfen.

Dass nicht nur Griechenland auf der Kippe steht, mag immerhin erklären, warum die EU-Regierungschefs mit dem Irrsinn des Verzweifelten immer mehr Geld nach Griechenland pumpen. Sie hoffen damit, eine Brandmauer für die anderen Pleitestaaten zu errichten. Auf Dauer wird diese Brandmauer jedoch nicht helfen, denn die Glut lodert bereits in Irland, Ungarn, Portugal und Italien selbst.

4 Kommentare

  1. 3-4% Inflation helfen in den Rechnungen oben gegenüber 1 bis 2 Prozent übrigens ungemein …

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 24. Februar 2012 | Die Börsenblogger

  3. Wirtschaftswurm sagt

    @egghat,
    hmm, ja, ich hätte an einer Stelle noch zwischen nominalen und realen Werten unterscheiden sollen. Die Kieler verwenden zur Bestimmung des zur Stabilisierung notwendigen Primärüberschusses in der Tat die Differenz zwischen nominalem Zinssatz und nominalem Wachstum (multipliziert mit der Staatsschuldenquote). Dabei kann man aber doch die Inflationsrate herauskürzen. Sie spielt also keine Rolle mehr.
    Nun sind natürlich drei Pünktchen in einem Kommentar immer extrem interpretationsbedürftig. Wahrscheinlich spielst du damit auf etwas anderes an: Der Realzins mag sinken, wenn die Inflationsrate steigt. Zumindest vielleicht, denn dummerweise sind sich die Volkswirte über diesen Punkt noch immer uneinig.

  4. Interessierter ohne Kentnisse sagt

    Wie ist es um Rumänien bestellt?

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