Wirtschaftswurm-Blog

Anstieg der Arbeitslosigkeit: Frankreichs langer, langsamer Niedergang setzt sich fort

Frankreich Deutschland Wirtschaftswachstum-crop

Es kommen auch weiterhin keine guten Nachrichten aus Frankreich. Nun wurde bekannt, dass die Arbeitslosigkeit im dritten Quartal um 0,3% auf 10,4% gestiegen ist. Überraschend sind allerdings nur die Stellen nach dem Komma. Denn schon seit 2006 fällt Frankreich wirtschaftlich immer weiter hinter Deutschland zurück. Ein Rückblick.

Die Franzosen sind 1999 recht gut in die Euro-Währungsunion gestartet und konnten anfangs weiter profitieren. In den Jahren 1999-2005 lag das französische Wirtschaftswachstum stets über dem deutschen. Im Durchschnitt dieser sieben Jahre wuchs das französische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2,1%, das deutsche dagegen nur um 1,1%. (Die meisten Zahlen in diesem Artikel beruhen übrigens auf Daten des Internationalen Währungsfonds (IWFs) und daraus abgeleiteten eigenen Berechnungen.)

Auch persönlich ging es vielen Franzosen gut. Ein Indikator dafür ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. 2005 betrug das BIP pro Kopf in Frankreich durchschnittlich 28.200€, in Deutschland dagegen nur 26.900€. Ja, die Franzosen waren damals wohlhabender als die Deutschen, auch wenn man beachten muss, dass vor allem die Ostdeutschen den deutschen Schnitt gedrückt haben.

Schon immer ein Problem war allerdings in Frankreich die Arbeitslosigkeit. Aber auch hier zeichnete sich in den ersten Jahren der Euro-Währungsunion und bei allen konjunkturellen Schwankungen eine langsame Entspannung ab. Betrug die französische Arbeitslosenquote 1998 noch 12%, lag sie 2005 nur noch bei 8,9%. Die Entwicklung war damit spiegelverkehrt zu der in Deutschland. Hier stieg die Arbeitslosenquote im selben Zeitraum von 9,4% auf 11,3%.

Irgendwann um 2005/2006 herum wendete sich aber das Blatt. Das war lange vor der Finanz- und Eurokrise. Offensichtlich war die internationale Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs gesunken. Man erkennt das gut daran, dass gerade zu dieser Zeit Frankreich aus dem Lager der Länder mit Leistungsbilanzüberschuss in das Lager der Länder mit Leistungsbilanzdefizit wechselte. Ich habe dies bereits in meiner Analyse des deutschen Warenhandels für die Bertelsmann-Stifung thematisiert. Welche Rolle für die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs die Hartz-Reformen in Deutschland, die Euro-Währungsunion oder das französische Bildungssystem einnahmen, darüber wird noch gestritten.

Während also vor 2006 immer die Franzosen führten, lag nach 2006 das deutsche Wirtschaftswachstum jedes Jahr höher als das französische. Die einzige Ausnahme war 2009, als die exportlastige deutsche Wirtschaft besonders stark von der Weltwirtschaftskrise getroffen wurde.

Insgesamt wuchs die deutsche Wirtschaft 2006-2014 um durchschnittlich 1,4% jährlich, die französische dagegen nur noch um durchschnittlich 0,8%. Insbesondere seit 2012 konnte Frankreich lediglich ein Miniwachstum erreichen.

Frankreich Deutschland WirtschaftswachstumDie Entwicklung ist für Frankreich umso bedenklicher, als dort die Bevölkerung wuchs, während sie in Deutschland schrumpfte. Rechnet man die BIP-Zahlen pro Kopf um, ergibt sich darum: Ein durchschnittlicher Franzose erwirtschaftete 2013 mit 28.400€ kaum mehr als 2005 und sogar weniger als sechs Jahre zuvor. 2007 lag das BIP pro Kopf in Frankreich nämlich bei 29.100€. Die Deutschen dagegen überholten klar die Franzosen und erwirtschafteten 2013 30.800€ pro Einwohner. (Alle Werte in Preisen von 2005 umgerechnet.)

Besonders frappierend ist der Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich, wenn man sich die Entwicklung der Arbeitslosenquote 2005-2014 ankuckt. In Frankreich stieg die Arbeitslosigkeit wieder von 9,3% auf 10,0% (voraussichtlicher Jahresdurchschnitt), in Deutschland dagegen sank sie rasant. Statt 11,3% im Jahr 2005 beträgt sie 2014 nur noch 5,3%.

Präsident Hollande und sein Premierminister Valls versuchen seit Mai, das Ruder herumzureißen. Reichlich spät könnte man sagen, aber offensichtlich reichten die miserablen Wirtschaftsdaten über Jahre hinweg allein nicht, um Frankreichs Politiker zu bewegen. Erst als die miserablen Wirtschaftsdaten sich in miserablen Wahlergebnissen in der Europawahl niederschlugen, reagiert man. Dass ihr Maßnahmenpaket aus Steuersenkungen, Wohnungsbauförderung und verkaufsoffenen Sonntagen aber ausreichen wird, Frankreichs Maladie zu heilen, ist mehr als fraglich.

[Aktualisierte Fassung eines Textes für DWN]

6 Kommentare

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  2. Häschen sagt

    Gemessen an Deutschland wird reagiert werden müssen, erst in den letzten Jahren durch den Alleingang von Deutschland lauf die Kenngrößen auseinander.

    Bis 2012 könnte man das BIP per Capita noch interpretieren als eine Verschnaufpause der Deutschen Volkswirtschaft nach den 90ern.

    Warum das BIP per Capita KKP von Deutschland immer höher war als das von Frankreich …

    Deutschland ist nicht teamfähig, damit hat es in Europa nichts verloren. Das hört sich zwar etwas drastisch an, aber auf das läuft es hinaus. Wir schicken euch die Regierung aus Wien und ihr werdet sehen in 2 Jahren steht Frankreich relativ zu Deutschland wieder prächtig da. So einfach kann das gelöst werden. 🙂

    Interessanterweise ist just in den Zeiten, in denen Deutschland eher erblühte auch die Bevölkerung gewachsen. Während Frankreich ab 2000 kontinuierlich zulegte. Der Hauptunterschied sind die Im- und Exporte ab 2000. Das ist der markante unterschied. (Ich sehe in Google Data nur bis so ca. 2010).

    Einiges kann man mit dem Bevölkerungswachstum erklären. Das Ausruhen der Deutschen Wirtschaft zu Beginn der letzten Dekade … eher ja auf die Art. Aber nicht die Entwicklung der letzten Jahre. Das ist der Export.

    Ich weiß zwar nicht was die Fruchtbarkeitsrate ist, aber das Bevölkerungwachstum verhält sich aber ähnlich. In letzter sind vermutlich die NGPs inkludiert – Never been a German Puzi.

    Aber anscheinend haben die Deutschen vor lauter Arbeiter weniger Zeit zum Kuscheln. Wer heute weniger kuschelt hat morgen weniger Kunden … das ist halt auch ein Faktor. Die Franzosen kuscheln ähnlich wie die U.S. Bürger … Bleibt die Frage nach Ursache und Wirkung.

    Stellt sich die Frage – funktioniert das deutsche Exportmodell mit steigender Bevölkerungszahl genauso?

  3. Häschen sagt

    Daraus folgt aber auch – Wer mehr kuscht als kuschelt exportiert in der Marktwirtschaft mehr.

    Weiters heißt das für die Eurozone, dass der franz. Präsident eine Kuschelverbot oder ein Mäßigungsgesetz müsste erlassen und das wird er politisch nicht durchbringen. Was das für den EURO können wir uns ausmalen. Die Spaltung erfolgt nicht unbedingt in Nord vs. Süd.

  4. Ganz richtig, der Außenhandel macht den Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich. Bei der Binnennachfrage sollten die Franzosen aufgrund ihres höheren Bevölkerungswachstums eher besser dastehen.

  5. Häschen sagt

    Etwas charmant formuliert wird die ansonsten frei werdende Energie in Produkten verpackt an die Regionen geliefert die mehr Nachfrage haben, sprich deren Energie mehr ins häusliche Wohlergehen fließt. (Das war für die ‚Esoteriker‘).

    Wenn aber mehr Kinder da sind und damit mehr Mäuler zu stopfen sind ist es nicht erstaunlich, dass mal Güter zu den Bedarfsträger in anderen Staaten fließen, obwohl weniger wird erwirtschaftet. Wenn man dann die Bedarfe ausmacht an der Bevölkerungszahl unter der Annahme eines gerechten Lohns würde in einer nächsten Phase Deutschland wieder empfangen sowohl Produkte als auch zukünftige Konsumenten. Die Globalisierung flexibilisiert diesen ‚Kapazitätsabgleich‘. Auf dieser Ebene ist Globalisierung an sich nicht gefehlt. In dem Punkt ist die Sicht auf die Nationalökonmie nicht so der Heuler.

    Aber eigentlich müsste man, wenn weniger Menschen mehr produzieren besser zahlen.

    Ein simples Gedankenexperiment. Wir machen nächsten Sommer eine Woodstock Konzert 3 Monate lang in ganz Deutschland und die Deutschen kuscheln im Morast zur Musik von Fleetwood Mac, dann wäre 8 Monate bis ein Jahr ab Sommerbeginn des Vorjahres in Deutschen Unternehmen nicht mehr viel los :), aber der Bedarf kurz nachher würde massiv ansteigen. Es käme vermutlich zu einer Verschiebung von Präferenzen von Ferraris hin zu Windeln und nützlichen Spielzeugen … So schnell kann es gehen.

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