Analyse

Afrika – Armutsflüchtlinge und Wirtschaftswunder gleichzeitig

Nordafrika Satellitenfoto

Die afrikanische Einwanderung nach Europa steht zur Zeit im Schatten des Ansturms aus Syrien. Trotzdem ist die Zahl derjenigen, die aus Afrika in die EU kommen, nach wie vor hoch. Im ersten Halbjahr 2015 stammten 19% aller Asylerstanträge in der EU von Afrikanern. (Berechnungen nach Zahlen von Eurostat.)

Auf der anderen Seite finden sich in den Medien in letzter Zeit vermehrt Berichte über den Wirtschaftsaufschwung in Afrika. Die OECD fasste in ihrem jüngsten Afrikabericht die Wirtschaftsdaten zusammen. 2014 wuchs das BIP des Kontinents um 3,9% und 2015 wird es wahrscheinlich um 4,5% steigen.

Emmigration trotz Wirtschaftsboom? Der Zusammenhang zwischen Armut und Armutsflüchtlingen scheint kompliziert.

Das afrikanische Wirtschaftswunder und seine Tücken

Die Medien sind übrigens reichlich spät mit ihrer positiven Wirtschaftsberichterstattung. Der afrikanische Aufschwung ist nämlich alles andere als ein neues Phänomen. Es gibt ihn bereits seit etwa der Jahrtausendwende. Vor der Weltwirtschaftskrise 2009 waren die Wachstumsraten sogar noch höher. Dann gab es aber drei vorübergehende Wachstumseinbrüche: der erste durch die Weltwirtschaftskrise 2009, der zweite 2011 im Arabischen Frühling und durch den Bürgerkrieg in Libyen, der dritte 2013 durch die erneute Eskalation des Bürgerkriegs in Libyen.

Zum Vergrößern klicken!Immerhin, 2015 gibt es laut OECD neun afrikanische Staaten mit einem Wirtschaftswachstum über 6,5%. Das sind Zahlen, wie sie China vor der gegenwärtigen Krise hatte. Für Libyen ist die positive OECD-Prognose allerdings höchst unsicher. Alles hängt davon ab, ob sich die politische Situation mit zwei rivalisierenden Regierungen und einigen islamistischen Terroristen weiter stabilisiert.

Die anderen acht afrikanischen Wirtschaftswunderstaaten sind:

Land Prognostiziertes reales Wirtschaftswachstum 2015
Tschad 9,0%
Dem. Republik Kongo 9,0%
Äthiopien 8,5%
Elfenbeinküste 7,9%
Mosambik 7,5%
Ruanda 7,5%
Tansania 7,4%
Kongo 6,8%

Aber Afrika ist nicht gleich Afrika. Es gibt das zerfallene Somalia, für das überhaupt keine Statistiken mehr geführt werden und es gibt den Bürgerkrieg im Südsudan. Auch für Sierra Leone geht die OECD von einem Rückgang der Wirtschaft aus – aufgrund der Ebolaepidemie.

Somalia liegt zwar bei der Zahl der Asylbewerber in Deutschland auf Platz 3 unter den afrikanischen Staaten, aus dem fast genauso volkreichen Südsudan gab es aber im ersten Halbjahr 2015 nur 20 Asylanträge. Das zeigt, dass nicht nur der Zusammenhang zwischen Armut und Armutswanderung kompliziert ist, sondern auch der zwischen Krieg und Flucht nach Europa.

Tatsächlich ist es so, dass die Leute, die in der größter Not sind, erst gar keine Möglichkeit haben, bis Europa zu gelangen. Ihnen fehlt das Geld für die Flucht, ihnen fehlt das Wissen über die Fluchtwege und die Gelegenheit. Genauso ist gerade für die Menschen aus den allerärmsten Ländern Auswanderung unerschwinglich. So schreiben es auch Professor Örn Bodvarsson und Professor Hendrik Van Berg in ihrem Werk „The Economics of Immigration“.

Daraus folgt, dass die wirtschaftliche Aufholjagd Afrikas noch für lange Zeit nicht zu einer Verringerung der Auswanderer führen wird. Im Gegenteil, durch die wirtschaftliche Verbesserung gibt es immer mehr Menschen, die sich die Reise nach Europa leisten können. Und gleichzeitig wird das Wohlstandsgefälle zwischen Afrika und Europa weiterhin einen Anreiz zur Auswanderung bilden. Teil 2 dieses Artikels behandelt diesen Aspekt.

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Foto: Satellitenbild Nordafrikas