Gestern tagte der Aufsichtsrat des Verlages Gruner+Jahr. Offizielle Verlautbarungen werden noch erwartet, aber nach allem, was davor und danach durchgesickert ist, wäre alles andere als eine Einstellung der Financial Times Deutschland eine Riesenüberraschung. Beginnt nun eine neue, schwierige Zeit für den Wirtschaftsjournalismus?
Ja, es ist wohl richtig, die FTD war seit ihrem Erscheinen 2000 nie profitabel. Daher ist wohl eher zu würdigen, dass Gruner+Jahr die Zeitung nicht viel früher eingestellt hat. Doch sie war das Flagschiff und Prestigeprojekt des Verlages. Das gilt jetzt wohl nicht mehr.
Zeitungen taugen nicht mehr fürs Prestige. Für die Leser schon lange nicht mehr. Während man sich Mitte der 90er noch hinter einer Zeitung verstecken musste, um als kluger Kopf zu gelten, reicht heute ein iPad. Nun gilt das auch für Anzeigenkunden (sie glauben nicht mehr an die Wirkung von Gedrucktem) und für Verlage. Und plötzlich ist es Allgemeingut, dass die gedruckte Zeitung absterben wird.
Und der Wirtschaftsjournalismus?
Lothar Lochmaier glaubt an die Zukunft der Blogs. Die Bloggerszene, auch die Wirtschaftsbloggerszene, zeigt meiner Meinung nach, dass Qualität durch Nebenbei-Journalismus entstehen kann. Die Stärke der Blogs liegt jedoch vor allem in der Diskussion und Meinungsbildung. Für aufwendige Recherchen dagegen fehlt den meisten Bloggern einfach die Zeit. Hauptberufliche sind hier unverzichtbar.
Trotzdem möchte ich festhalten: Wenn Markus Ziener schreibt, mit dem Verschwinden der FTD sterbe „ein weiteres Stück Vielfalt“ oder wenn Frank Lübberding auf Twitter verkündet, „Mit der Einstellung der FTD verlieren wir in der Wirtspol. Debatte Pluralität“, so ist das einfach Humbug. Wenn ich eine Suchmaschine anwerfe, bekomme ich auch ohne FTD mehr Vielfalt und mehr wirtschaftspolitische Debatten, als ich verarbeiten kann.
Das Problem, wie man Recherchen und Rechercheure im Netz finanziert, bleibt. Starre Abo-Modelle haben meiner Meinung nach keine Zukunft. Inzwischen ist man es gewohnt, täglich aus zig verschiedenen Quellen seine Informationen zu schöpfen. Und da soll man in Zukunft zahlen, um sich gleichzeitig auf eine einzige Quelle zu beschränken? Okay, in Nischen mag das funktionieren, aber Wirtschaftzeitungen wie die FTD und das Handelsblatt haben das Problem, dass sie zwar einerseits Fachblätter sind, andererseits auch Massenmedien.
Funktionieren würden in der digitalen Welt meiner Meinung nach flexible Abos, z.B. ein Prepaid-Abo zu einem vernünftigen Preis: 100 Artikel für 10 €, zeitlich unbefristet und nach freier Auswahl abrufbar, ohne weitere Verpflichtung. Gäbe es solche Abos, ich hätte schon drei oder vier abgeschlossen.
Aber letztlich wird ein Profi-Journalismus wohl nicht ganz ohne das Eingeständnis möglich sein, dass Informationen ein öffentliches Gut sind und darum öffentlich (mit-)finanziert werden müssen, z.B. durch Stiftungen.



