Neueste Artikel

Wirtschaftsjournalismus in Zeiten des Zeitungssterbens

Gestern tagte der Aufsichtsrat des Verlages Gruner+Jahr. Offizielle Verlautbarungen werden noch erwartet, aber nach allem, was davor und danach durchgesickert ist, wäre alles andere als eine Einstellung der Financial Times Deutschland eine Riesenüberraschung. Beginnt nun eine neue, schwierige Zeit für den Wirtschaftsjournalismus?

Titelseite der FTD vom 21. November 2012

Die FTD vom 21. November

Ja, es ist wohl richtig, die FTD war seit ihrem Erscheinen 2000 nie profitabel. Daher ist wohl eher zu würdigen, dass Gruner+Jahr die Zeitung nicht viel früher eingestellt hat. Doch sie war das Flagschiff und Prestigeprojekt des Verlages. Das gilt jetzt wohl nicht mehr.

Zeitungen taugen nicht mehr fürs Prestige. Für die Leser schon lange nicht mehr. Während man sich Mitte der 90er noch hinter einer Zeitung verstecken musste, um als kluger Kopf zu gelten, reicht heute ein iPad. Nun gilt das auch für Anzeigenkunden (sie glauben nicht mehr an die Wirkung von Gedrucktem) und für Verlage. Und plötzlich ist es Allgemeingut, dass die gedruckte Zeitung absterben wird.

Und der Wirtschaftsjournalismus?

Lothar Lochmaier glaubt an die Zukunft der Blogs. Die Bloggerszene, auch die Wirtschaftsbloggerszene, zeigt meiner Meinung nach, dass Qualität durch Nebenbei-Journalismus entstehen kann. Die Stärke der Blogs liegt jedoch vor allem in der Diskussion und Meinungsbildung. Für aufwendige Recherchen dagegen fehlt den meisten Bloggern einfach die Zeit. Hauptberufliche sind hier unverzichtbar.

Trotzdem möchte ich festhalten: Wenn Markus Ziener schreibt, mit dem Verschwinden der FTD sterbe „ein weiteres Stück Vielfalt“ oder wenn Frank Lübberding auf Twitter verkündet, „Mit der Einstellung der FTD verlieren wir in der Wirtspol. Debatte Pluralität“, so ist das einfach Humbug. Wenn ich eine Suchmaschine anwerfe, bekomme ich auch ohne FTD mehr Vielfalt und mehr wirtschaftspolitische Debatten, als ich verarbeiten kann.

Das Problem, wie man Recherchen und Rechercheure im Netz finanziert, bleibt. Starre Abo-Modelle haben meiner Meinung nach keine Zukunft. Inzwischen ist man es gewohnt, täglich aus zig verschiedenen Quellen seine Informationen zu schöpfen. Und da soll man in Zukunft zahlen, um sich gleichzeitig auf eine einzige Quelle zu beschränken? Okay, in Nischen mag das funktionieren, aber Wirtschaftzeitungen wie die FTD und das Handelsblatt haben das Problem, dass sie zwar einerseits Fachblätter sind, andererseits auch Massenmedien.

Funktionieren würden in der digitalen Welt meiner Meinung nach flexible Abos, z.B. ein Prepaid-Abo zu einem vernünftigen Preis: 100 Artikel für 10 €, zeitlich unbefristet und nach freier Auswahl abrufbar, ohne weitere Verpflichtung. Gäbe es solche Abos, ich hätte schon drei oder vier abgeschlossen.

Aber letztlich wird ein Profi-Journalismus wohl nicht ganz ohne das Eingeständnis möglich sein, dass Informationen ein öffentliches Gut sind und darum öffentlich (mit-)finanziert werden müssen, z.B. durch Stiftungen.

Der Bericht der Troika: Griechenland nach 2 1/2 Jahren Reformen und Rettungen

Die Griechen haben geliefert.“ So wird Eurogruppenchef Jean-Claude Juncker diese Woche in allen einschlägigen Medien zitiert. Nun seien die internationalen Geldgeber am Zuge. Auf den Griechenland-Bericht der Troika kann Juncker seine Aussage aber kaum stützen. Im Folgenden ein Überblick über die kritischen Passagen des Berichts.

Doch eines vorweg: Der vollständige Troika-Bericht wurde bislang noch nicht im Netz veröffentlicht. Lediglich der Entwurf ist durchgesickert und auf den stütze ich mich. Ob die großen Presseredaktionen mehr vorliegen haben oder ihre Berichte auch nur auf dem Entwurf fußen, wird nicht ganz klar. Anscheinend verfolgt Juncker die Strategie, zuerst mit seinen eigenen  Interpretationen für positive Stimmung zu sorgen, die unangenehmen Fakten aber später zu veröffentlichen, wenn die Medienaufmerksamkeit wieder abgezogen ist.

Zu den Daten und Fakten: Die griechische Wirtschaft liefert nach wie vor nicht und wird dies auch in den nächsten beiden Jahren voraussichtlich nicht tun. Wirtschaftswachstum ist für die Troika frühestens 2015 in Sicht.

2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Wachstum des griechischen BIPs -0,2% -3,3% -3,5% -6,9% -6,0% -4,0% 0,0%

Damit wird Griechenland 6 Jahre lang in Folge Rezession haben. Ich weiß nicht, ob es eine so lange Rezession schon einmal irgendwo gegeben hat. Am Ende wird Griechenlands Wirtschaft wieder auf dem Level von 2001 angekommen sein.

Auch der griechische Arbeitsmarkt liefert nicht. 2012 wird die Arbeitslosenrate wohl bei 22,4% liegen und auch 2014 mit 21,0% nur wenig besser sein.

Immerhin liefert die griechische Exportwirtschaft, allerdings nur tröpfchenweise. Dieses Jahr werden die griechischen Exporte um 0,8% wachsen. Was sagt uns das, wenn ein solcher Mini-Erfolg im Troika-Bericht groß herausgestellt wird?

Angesichts der desolaten Wirtschaftsdaten verwundert es nicht, wenn auch der griechische Staatshaushalt nicht aus den Miesen herauskommt.

2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
griechisches Staatsdefizit in % des BIPs 9,8% 15,6% 10,7% 9,4% 6,9% 5,4% 4,5%

Als die Griechenlandrettung 2010 begann, hat man gesagt, dass sich die Hellenen in drei Jahren wieder selbst werden finanzieren können. Nun, zweieinhalb Jahre später, wird der vollständige Staatsbankrott nur durch Notmaßnahmen abgewendet.

Man redet jetzt davon, dass Griechenland erst 2022 eine angeblich dauerhaft tragfähige Schuldenlast von 120% des BIPs erreicht. 120% sind allerdings immer noch viel zu hoch für ein Land, das sich quasi in Fremdwährung verschulden muss, und als Fremdwährung ist der Euro in Griechenland zu sehen. Die Anleger werden also auch 2022 keine griechischen Anleihen akzeptieren. Griechenland wird auch danach noch am Tropf der EU hängen.

Ach ja, die internationalen Geldgeber seien am Zuge, meinte Juncker ja. So, als ob von denen noch nichts gekommen sei. Die 148,6 Milliarden € Rettungsgelder, die Griechenland bislang bekommen hat, übergeht er damit.

Wirtschaftswachstum mal langfristig (2001-2011)

Das Netz ist zwar voll mit Zahlen, selten findet man jedoch langfristige Daten aufbereitet. Meine internationalen Vergleiche zum langfristigen Wirtschaftswachstum sind da eine Ausnahme und locken entsprechend viele Nutzer an. Hiermit gibt es eine Neuauflage.

Achtung! Dieser Artikel ist veraltet. Es gibt einen aktualisierten und erweiterten Artikel:

Weiterlesen

Ökonomen-Blogparade: Die Grenzen des Wachstums

Das Thema „Grenzen des Wachstums“ ist viel älter als die bekannte Studie mit diesem Titel aus dem Jahre 1972. Und es bietet viele Aspekte für uns Blogger, im Rahmen der Ökonomen-Blogparade darüber zu schreiben.

Wahrscheinlich waren es die Araber, im Mittelalter die Lehrer der Mathematik, die als erstes die Paradoxien erfassten, die bei fortgesetztem realem exponentiellen Wachstum entstehen. Davon zeugt die Legende vom indischen Erfinder des Schachspiels Sissa ibn Dahir.

Sissa wünschte sich von seinem König als Belohnung ein Weizenkorn auf dem ersten Feld des Schachbretts, die doppelte Menge, also zwei Weizenkörner, auf dem zweiten Feld, wiederum die doppelte Menge, nämlich vier Weizenkörner, auf dem dritten Feld usw. bis zum 64. Feld des Schachbretts. Als die Berater des Königs die Gesamtsumme ausrechneten, kamen sie zum Schluss, dass so viele Weizenkörner wie benötigt (über 18 Trillionen) nie und nimmer im gesamten Königreich beschafft werden können.

Thomas Robert Malthus (1764-1834) warnte als erster vor den Folgen eines unbeschränkten Bevölkerungswachstums. Hunger und Elend seien die zwangsläufige Folge, wenn die Bevölkerung exponentiell wächst, das für die Landwirtschaft verfügbare Land aber nicht ausgeweitet werden kann.

Die Autoren der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ verwendeten bereits 1972 Computersimulationen um das Zusammenspiel zwischen Bevölkerungswachstum, Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung  zu analysieren. Auch sie kamen zu pessimistischen Prognosen und sagten den Kollaps der Weltwirtschaft im Laufe des 21. Jahrhunderts voraus.

Malthus konkrete Prognosen haben sich als falsch erwiesen. Bei den Prognosen aus „Grenzen des Wachstums“ streitet man sich noch darüber, ob sie bereits widerlegt sind. Hier gab es ja mehrere Szenarien.

Immerhin, zumindest in wohlhabenden Ländern wie Deutschland kann ein langfristiges Abfallen des Wachstums beobachtet werden. Darüber hat sich kürzlich auch Patrick Bernau (FAZ) Gedanken gemacht und mögliche Ursachen diskutiert („Sag, wo ist das Wachstum hin?„).

Über die Grenzen des Wachstums ist schon viel geschrieben worden und trotzdem scheint noch alles offen: Gibt es Grenzen des Wachstums? Wenn ja, wo bzw. wie werden sie determiniert? Welche Rolle spielen technologischer Fortschritt und Demografie dabei?

Ein weites Feld für Blogger und darum das Thema der Ökonomen-Blogparade im November.

Wer an der Blogparade teilnehmen möchte, schreibt also einen Blogartikel zum Thema „Grenzen des Wachstums“ und gibt dies in den Kommentaren zu diesem Startbeitrag bekannt (mit Link). Alle vom 1. bis 30. November veröffentlichten Beiträge können an der Parade teilnehmen. Anfang Dezember werde ich dann hier im Blog die Beiträge in einem Überblicksartikel vorstellen.

Heute: „Ökonomen live“ zur Frage „Soll Deutschland in der Eurozone bleiben?“

Heute Abend um 20 Uhr beginnt der Livestream.

Ich werde hier im Artikel das Youtube-Video einbetten, sobald der genaue Link feststeht. Das wird etwa gegen 19 Uhr 30 sein.

Da ist es:

Vor dem eigentlichen Beginn des Livestreams erscheint aber nur ein Hinweis „Der Livestream beginnt in wenigen Momenten“. Gegebenenfalls muss man dann die Seite neu laden, um den Livestream mitzubekommen.

Ich hoffe, dass technisch alles klappt.

Olaf Storbeck, Dirk Elsner und ich werden die Frage des Abends über das Videokonferenztool Hangout von Google-Plus diskutieren. Wer mitdiskutieren will, kann dies über Twitter tun. Bitte das Kennzeichen #Ökonomenlive dabei nicht vergessen! Tweets ohne den Hinweis #Ökonomenlive werden wir nicht finden können.

Mitglieder von Google-Plus können unter dem Eintrag des „Events“ ebenfalls mitdiskutieren. Wer möchte, den laden wir dann auch in die Videokonferenz ein. Ich verweise dazu auf die Hinweise von Dirk Elsner: „Außerdem sollten die an einer direkten Teilnahme Interessierten vorher ihre Technik prüfen. Wenn die Übertragung durch Geräusche gestört werden, schalten wir den Ton ab oder werfen den Teilnehmer raus. Bitte habt Verständnis, wenn wir technische Fragen während des Hangouts nicht klären können.“

Olaf hat seine Position in seinem Blog noch einmal zusammengefasst. Ich selbst habe hier im Blog ja schon viel zum Thema geschrieben. Wer sich einlesen will, dem empfehle ich:

Ökonomen live: Soll Deutschland in der Eurozone bleiben?

Am nächsten Dienstag, 30.10., um 20 Uhr ist es soweit. Olaf Storbeck, Korrespondent beim Handelblatt und bald Kommentator bei Reuters, Dirk Elsner, Gewinner des Finanzblog-Awards 2012, und ich diskutieren über die Frage: Soll Deutschland in der Eurozone bleiben?

Wir nutzen dabei das Google-Plus-Tool Hangout für Videokonferenzen. Unsere Videokonferenz wird live über Youtube gesendet. Für alle die live zuschauen wollen, werde ich etwa eine halbe Stunde vor Beginn hier im Blog den genauen Youtube-Link bekannt geben. Wer am Dienstag Abend keine Zeit hat: nicht schlimm. Natürlich kann man sich unsere Diskussion auch hinterher über Youtube anschauen.

Wer fragen oder Anmerkungen hat, kann die während der Diskussion einbringen, entweder über Twitter oder aber über Google-Plus. Über Twitter kennzeichnet ihr dazu bitte eure Tweets mit #Ökonomenlive. Google-Plus-Nutzer können wir (natürlich nur, falls gewünscht) sogar live dazuschalten.

Meine Position zur Frage des Abends: Seit dem ersten Rettungspaket für Griechenland im Mai 2010 ist die Entwicklung der Eurozone geprägt von Rechtsbrüchen und Fehlentscheidungen, die unseren langfristigen Wohlstand gefährden. So sollten wir nicht weitermachen. Wenn diese Entwicklung nicht rückgängig gemacht werden kann, soll Deutschland aus der Eurozone austreten.

Ist Austeritätspolitik für die Euro-Peripherieländer sinnvoll?

Ist Austeritätspolitik aktuell für die Euro-Peripherieländer (speziell Griechenland, Portugal und Spanien) sinnvoll? Im Rahmen der Blogparade des Wirtschafts-philosophen möchte ich mich mit dieser Frage befassen. Zynismus inklusive.

Demonstranten auf der Puerta del Sol, Madrid, Mai 2011

Proteste gegen die staatliche Austeritätspolitik in Madrid, Mai 2011

Mit Austerität bzw. Austeritätspolitik bezeichnen Volkswirte eine staatliche Sparpolitik. (Für Genaueres kann man die Wikipedia zu Rate ziehen.) Als Folge solcher Sparpolitik herrschen in Spanien und Griechenland 25% Arbeitslosigkeit. Eine junge Generation lebt dort ohne wirtschaftliche Perspektive und begehrt auf. Ganz offensichtlich hat Austerität hier versagt.

Doch mit dem in fünf Jahren Krisen herangereiften Zynismus kann man Austerität trotzdem sinnvoll und gut finden. Zur Begründung finde ich die Unterscheidung zwischen konjunkturellen und strukturellen Problemen hilfreich, wie sie auch der Wirtschaftsphilosoph trifft.

Griechenland, Portugal und Spanien haben strukturelle Probleme. Ihre Wirtschaft ist nicht leistungsfähig genug, ist nicht wettbewerbsfähig in der Eurozone. Solange diese Länder in der Eurozone verbleiben, wird sich daran auch bestenfalls vorübergehend etwas ändern. Der Teufelskreislauf aus mangelnder Wettbewerbsfähigkeit und Abwanderung gut ausgebildeter Arbeitskräfte kommt ja gerade erst in Gange; er wird auch in Zukunft bei jedem Anzeichen wirtschaftlicher Schwäche wieder aufleben.

Machen wir uns also nichts vor. Die Perspektive dieser Südländer in der Eurozone ist null. Wir schaffen gerade an der Peripherie der Eurozone großflächige Verödungszonen. Da ist es natürlich nur folgerichtig, dass sich die staatliche Haushaltspolitik dort darauf einrichtet. Länder wie Kambodscha können sich schließlich auch keine Sozialpolitik leisten. Warum also Griechenland? Der Euro hat halt seinen Preis!

Natürlich, man kann wie der Wirtschaftsphilosoph nun anmerken, dass man bei strukturellen Problemen zunächst versuchen sollte, diese direkt zu bekämpfen, anstatt sich rein passiv an die negativen Folgen anzupassen. Gibt es damit eine nicht-zynische Lösung der Eurokrise?

Nein, denn das strukturelle Problem von Griechenland, Spanien und Portugal heißt Euro. Denn erst, wenn die Peripherieländer die Möglichkeit haben, in Krisen ihre Währung abzuwerten, und durch Abwertung ihre Exporte und einheimische Importsubstitution ankurbeln können, erst dann ist der Teufelskreis keine Bedrohung mehr für sie.

Der Euro aber ist uns hoch und heilig und wichtiger als Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit.

EEG: Professor Haucap und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft auf dem Holzweg

Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) wie auch der ehemalige Vorsitzender der Monopolkommission, der Düsseldorfer Professor Justus Haucap, schlagen Alternativen zum Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vor. Sie wollen es durch ein Quotenmodell ersetzen. Damit befinden sie sich aber auf dem Holzweg.

Immerhin haben die INSM und Professor Haucap einen guten Zeitpunkt für ihren Vorschlag erwischt. Die Förderung erneuerbarer Energien durch das EEG steht aktuell besonders in der Kritik. Anfang der Woche gaben die Netzbetreiber die Erhöhung der EEG-Umlage von 3,6 auf 5,3 Cent bekannt. Heute legten sie mit der Ankündigung erhöhter Netzentgelte für die Stromdurchleitung nach.

Kern des EEG ist bekanntlich eine Absatzgarantie für jede erneuerbar erzeugte KWh Strom in den ersten 20 Jahren des Betriebs einer Anlage zu einem festen Preis. Der Garantiepreis hängt dabei von der Art der Stromerzeugung ab. Für neue Fotovoltaikanlagen liegt er zur Zeit bei bis zu 18,4 Cent/KWh, für Windkraftanlagen auf Land bei 8,9 Cent/KWh. Die Mehrkosten, die den Netzbetreibern durch die Abnahme des grünen Stroms entstehen schlagen sie über die EEG-Umlage auf den Verbraucherpreis auf.

Das von der INSM und Justus Haucap favorisierte Modell sieht stattdessen eine jährlich steigende Quote für grünen Strom vor, die Versorger erfüllen müssen. Ausgehend von 25% 2012 soll die Quote bis 35% 2020 steigen. Der Quotennachweis geschieht über den Kauf von Zertifikaten von Produzenten erneuerbarer Energien.

Die Versorger sind frei darin, wie sie ihre Quote erfüllen. Die Befürworter des Quotenmodells hoffen, dadurch mehr Wettbewerb zwischen den Erzeugern erneuerbarer Energien zu schaffen. Und sie hoffen, durch diesen Wettbewerb sinke der Preis. Nur noch die günstigsten erneuerbaren Energien würden sich rentieren.

Zwei wichtige Sachen übersehen allerdings die Befürworter des Quotenmodells.

Erstens: Der geschaffene Markt ist kein Markt von gleichen. Betreiber einer Fotovoltaikanlage auf einem Einfamilienhaus stehen hier Großkonzernen gegenüber. Diese Großkonzerne haben darüber hinaus strategische Interessen und werden im Zweifel das eigenbetriebene Windrad bevorzugen. In einem Quotenmodell lassen sich für solche Diskriminierungen viel leichter Mittel und Wege finden als beim herrschenden EEG mit garantiertem Absatz zu einem für alle Produzenten gleichen Preis. Wettbewerb entsteht so nicht.

Zweitens: Bei der Förderung erneuerbarer Energien geht es eben nicht nur darum, grünen Strom möglichst günstig zu erzeugen, es geht auch um die Entwicklung von Technologien für die Zukunft. Machen wir uns nichts vor, der Klimawandel hängt nicht davon ab, ob Deutschland ein paar Millionen Tonnen CO2 mehr oder weniger in die Luft bläst. Der Klimawandel lässt sich nur stoppen, wenn weltweit CO2 eingespart wird. Da dies aber wohl durch internationale Vereinbarungen nicht zu erreichen ist, das zeigt die Erfahrung, scheint mir der realistischste Weg zu sein, umweltfreundliche Stromerzeugungstechnologien möglichst auf breiter Front wettbewerbsfähig und attraktiv zu machen.

Fotovoltaik hat die Chance, in ein paar Jahren wettbewerbsfähig zu sein. Es wäre widersinnig, die besondere Förderung ausgerechnet jetzt abzubrechen und damit der Industrie den Todesstoß zu versetzen. (Abgesehen davon, wenn man das wollte, könnte man natürlich auch jederzeit im herrschenden EEG die Einspeisevergütung vereinheitlichen.)

Sicherlich sollte das Augenmerk nicht mehr nur auf die Stromproduktion, sondern auch auf Speichertechnologien gelegt werden. Anreize für dezentrale Stromspeicher beim Betreiber einer Fotovoltaik- oder Windkraftanlage ließen sich zum Beispiel schaffen, wenn man keine Festpreise mehr garantierte, sondern nur noch Aufschläge zum Stromgroßhandelspreis. Die Betreiber hätten dann einen Anreiz, Strom in Zeiten niedriger Großhandelspreise zu speichern, um ihn bei hohen Großhandelspreisen einzuspeisen.

Was macht die Konjunktur?

Letzte Woche veröffentlichten die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute ihre gemeinsame Konjunkturprognose. Wer bereits den Konjunktureinbruch 2008 mitgemacht hat, kann sich daran erinnern, wie damals die Wirtschaftsforschungs-institute alle paar Wochen ihre Prognosen revidierten und immer wieder ein noch größeres Schrumpfen der Wirtschaft vorhersagten als zuvor. Droht so etwas jetzt auch?

Meinen Gastbeitrag für das „Planspiel Börse Blog“ weiterlesen:

 

Beruhigung an der Target-2-Front?

Im September sind die Target-2-Forderungen der Bundesbank so stark gesunken wie lange nicht mehr. Ist das eine Trendwende?

Die Euro-Skeptiker haben ja in den letzten Monaten einen Riesenbohei um jeden Anstieg gemacht … Ob die jetzt auch alle genau so breit über den Rückgang berichten?„, fragt Blogger Egghat. Nun, ich nehme mit diesem Artikel den Ball auf.

Wer zuvor noch einmal wissen will, was es mit den Targetsalden auf sich hat, kann dies in meinen beiden Einführungsartikeln zum Thema Target 2 und im Artikel „Target 2 – Eine Debatte über die Schieflage des Eurosystems“ nachlesen.

Blick auf das Gebäude der Deutschen Bundesbank in Frankfurt/ Main

Gebäude der Deutschen Bundesbank in Frankfurt/ Main

Nun aber zum Aktuellen. Absolut gesehen ist der September-Rückgang der Targetforderungen der Bundesbank mit 56 Milliarden € der größte monatliche überhaupt. Was sind die Ursachen?

Eine erste Fährte liefert Hans-Werner Sinn in einem Welt-Interview: Im Rahmen der EZB-Politik kauft die Bundesbank Staatsanleihen der Problemländer. Das nennt sich Wertpapiermärkteprogramm  oder „Securities Markets Programm“ – SMP. Dadurch fließt wieder Liquidität in die Problemländer. Die Targetsalden können sinken. Es werden aber lediglich Targetkredite durch reguläre Auslandskredite ersetzt.

Nun erhöhte sich der gesamte Bestand der im Rahmen des SMP von den Euro-Zentralbanken gehaltenen Wertpapiere zwischen dem 31. August und dem 28. September nur um 700 Millionen Euro. Das ergibt sich aus den Wochenberichten der EZB. Man bedenke, das von Draghi angekündigte neue und unbegrenzte Anleihekaufprogramm ist noch nicht aktiv. So lässt sich also nur ein sehr kleiner Teil des Targetsaldenrückgangs mit dem SMP erklären.

Der Hauptteil des Rückgangs geht damit wohl tatsächlich auf eine Beruhigung der Finanzmärkte zurück. Draghis Ankündigung eines neuen Anleihekaufprogramms hat die gewünschte Wirkung gezeigt. Fluchtgelder fließen wieder in ihre angeschlagenen südlichen Heimatländer.

Doch wie lange wird der Effekt andauern? Es ist meiner Meinung nach geradezu die Tragik aller bisherigen Euro-Rettungsmaßnahmen, dass sie kurzfristige erfolgreich sind zulasten des langfristigen Wohlstands Europas.

Auch im Dezember 2011 gab es schon einmal einen Rückgang des Bundesbank-Targetsaldos um 32 Milliarden €, ohne dass dadurch der allgemeine Aufwärtstrend unterbrochen wurde. Zwei Monate später wurde wieder der Stand wie zuvor erreicht.

In Prozentzahlen gemessen gab es seit Beginn der Krise (Oktober/November 2008) schon größere monatliche Rückgänge des Targetsaldos als die jetzigen 7,5%. Jedes Mal war es nur ein kurzes Atemholen beim Klettern der Targetsalden. Ob es dieses Mal anders sein wird, werden erst die nächsten Monate zeigen.