Wirtschaftsjournalismus in Zeiten des Zeitungssterbens

Gestern tagte der Aufsichtsrat des Verlages Gruner+Jahr. Offizielle Verlautbarungen werden noch erwartet, aber nach allem, was davor und danach durchgesickert ist, wäre alles andere als eine Einstellung der Financial Times Deutschland eine Riesenüberraschung. Beginnt nun eine neue, schwierige Zeit für den Wirtschaftsjournalismus?

Titelseite der FTD vom 21. November 2012

Die FTD vom 21. November

Ja, es ist wohl richtig, die FTD war seit ihrem Erscheinen 2000 nie profitabel. Daher ist wohl eher zu würdigen, dass Gruner+Jahr die Zeitung nicht viel früher eingestellt hat. Doch sie war das Flagschiff und Prestigeprojekt des Verlages. Das gilt jetzt wohl nicht mehr.

Zeitungen taugen nicht mehr fürs Prestige. Für die Leser schon lange nicht mehr. Während man sich Mitte der 90er noch hinter einer Zeitung verstecken musste, um als kluger Kopf zu gelten, reicht heute ein iPad. Nun gilt das auch für Anzeigenkunden (sie glauben nicht mehr an die Wirkung von Gedrucktem) und für Verlage. Und plötzlich ist es Allgemeingut, dass die gedruckte Zeitung absterben wird.

Und der Wirtschaftsjournalismus?

Lothar Lochmaier glaubt an die Zukunft der Blogs. Die Bloggerszene, auch die Wirtschaftsbloggerszene, zeigt meiner Meinung nach, dass Qualität durch Nebenbei-Journalismus entstehen kann. Die Stärke der Blogs liegt jedoch vor allem in der Diskussion und Meinungsbildung. Für aufwendige Recherchen dagegen fehlt den meisten Bloggern einfach die Zeit. Hauptberufliche sind hier unverzichtbar.

Trotzdem möchte ich festhalten: Wenn Markus Ziener schreibt, mit dem Verschwinden der FTD sterbe “ein weiteres Stück Vielfalt” oder wenn Frank Lübberding auf Twitter verkündet, “Mit der Einstellung der FTD verlieren wir in der Wirtspol. Debatte Pluralität”, so ist das einfach Humbug. Wenn ich eine Suchmaschine anwerfe, bekomme ich auch ohne FTD mehr Vielfalt und mehr wirtschaftspolitische Debatten, als ich verarbeiten kann.

Das Problem, wie man Recherchen und Rechercheure im Netz finanziert, bleibt. Starre Abo-Modelle haben meiner Meinung nach keine Zukunft. Inzwischen ist man es gewohnt, täglich aus zig verschiedenen Quellen seine Informationen zu schöpfen. Und da soll man in Zukunft zahlen, um sich gleichzeitig auf eine einzige Quelle zu beschränken? Okay, in Nischen mag das funktionieren, aber Wirtschaftzeitungen wie die FTD und das Handelsblatt haben das Problem, dass sie zwar einerseits Fachblätter sind, andererseits auch Massenmedien.

Funktionieren würden in der digitalen Welt meiner Meinung nach flexible Abos, z.B. ein Prepaid-Abo zu einem vernünftigen Preis: 100 Artikel für 10 €, zeitlich unbefristet und nach freier Auswahl abrufbar, ohne weitere Verpflichtung. Gäbe es solche Abos, ich hätte schon drei oder vier abgeschlossen.

Aber letztlich wird ein Profi-Journalismus wohl nicht ganz ohne das Eingeständnis möglich sein, dass Informationen ein öffentliches Gut sind und darum öffentlich (mit-)finanziert werden müssen, z.B. durch Stiftungen.

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10 Gedanken zu „Wirtschaftsjournalismus in Zeiten des Zeitungssterbens

  1. egghat

    Die Zeitungen haben IMHO einen riesigen strategischen Fehler begannen, als sie in Konfrontation zum öffentlich-rechtlichem Rundfunk gegangen sind. Sie hätten, statt ihn vernichten zu wollen, ihn umarmen müssen und auf die “wenn die Geld bekommen, warum nicht auch wir”-Schiene setzen sollen.

  2. Wirtschaftswurm

    Ja, da hätte ich sogar kein Problem damit. Man kann von den 18€ Haushaltsabgabe für den ÖRR ruhig die Hälfte an Zeitungen verteilen. ARD und ZDF hätten immer noch genug. Blogs bekommen dann aber auch was, gelle?

  3. Sven

    Die Verleger haben ein deutsches Verlags-Kindle verpasst. Ein eigenes Android-Tablet mit eigenständigem Abosystem für Zeitungspakete. Und dann Aboaufteilung nach Aufrufrate/Benutzung. Plus sparsame (!) Werbung. Die Verlagslandschaft muss insgesamt was unternehmen, jeder Verlag für sich geht sicherlich baden.
    Die PayWall für einzelne Zeitungen kann ich mir nicht als Zukunftsmodell vorstellen. Aktuelle Fans eines Blattes mögen ja mitgehen. Aber neue Leser gewinnen, die bisher auch nicht zur Papierform gegriffen haben?

  4. Wirtschaftswurm

    Kann mir jemand sagen, warum die FTD schon am 7. Dezember eingestellt wird? Die Mitarbeiter werden erst im nächsten Jahr gekündigt (zum 31. Januar?). Die Abonnenten zahlen noch bis zum 31.12, da wird man Geld zurückerstatten müssen.

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  7. Häschen

    Free sorgt eben allein für mehr Interesse. Freibier ist eines der ältesten und erfolgreichsten Umsetzungen des Konzept Free – es gibt mehr Interessenten. Das war es auch dann schon mit Free.

    In der Praxis hat sich aber erwiesen auch bei der Musik, der Konsument ist durchaus bereit für einen einfachen Zugriff und selektives Angebot sogar gerne zu zahlen. Free in Kombination mit Customizing führt auch bei Spielen am Internet noch immer zu ansehnlichen Ergebnissen.

    Der Vorteil der Wirtschaftsblogs ist einfach die Sozialisierung – Bloggerparade z. B. usw… – aktive Elemente. Blog hat keinen Verkaufsdruck. In Zeiten des Internets wird Wissen zur Commodity und Information genauso. Das haben viele Zeitungen verlernt – die Wiedergabe von Daten ist die Wiedergabe von Daten und nicht die Bereitstellung von Information – Neuigkeitsgehalt ist ausschlaggebend. Für Daten zahlt keiner – allein für Information. Deswegen ist für mich unverständlich warum investigativer Journalismus unter die Räder kommt.

    Der Informationsgehalt des Wirtschaftswurm Blogs ist an sich für viele hoch, da wenige vermutlich die Einsicht haben – auch wenn es sich um interessierte Leser handelt, die kein Ökonomie Background haben, wohl aber mit beiden Beinen im Leben stehen oder vier.

    Damit sie aber Geld verdienen mit dem Blog könnten sie durchaus Wirtschaftswürmer häkeln und den Fans anbieten, beispielsweise. Wenn der jedes mal ein wenig anders ausschaut und individualisiert ist, … das wäre dann etwas besonders.

  8. Wirtschaftswurm

    Mein Häkeltalent ist doch eher bescheiden. Ich glaube nicht, dass Häkel-Wirtschaftswürmer so der Renner würden.

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