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Der Wirtschaftswurm im 4. Quartal

Zum Jahresanfang ein mit Zahlen unterfütterter Rückblick auf das letzte Quartal hier im Blog.

Während ich bislang noch in jedem Quartal neue Leser finden konnte, gab es im gerade zuende gegangenen vierten Quartal 2012 zum ersten Mal einen Rückschlag. Google Analytics verzeichnet 14.482 Besuche und 21.921 Seitenaufrufe. Das ist gegenüber dem Vorquartal immerhin ein Rückgang um 29,5% bzw. 30,0%. Ausgeglichen wird dieser Rückgang immerhin durch einen Anstieg der von Google Analytics gemessenen durchschnittlichen Besuchszeit auf der Seite um 19,7%.

Im dritten Quartal hatte ich noch vier Einzelartikel , die mehr als 1000 Klicks brachten:

  1. Sollen Frauen sich die Brüste vergrößern lassen dürfen?
  2. Zusammenbruch der Eurozone – ja und?
  3. Die zehn gefährlichsten Blogger Deutschlands sowie
  4. Olaf Storbeck gegen Hans-Werner Sinn – nächste Runde

Letztes Quartal schaffte es dagegen nur „Wirtschaftswachstum mal langfristig“ mit 1422 Seitenaufrufen über die 1000er-Marke. Der Brüste-Artikel wurde dagegen von Google nicht mehr so gut gelistet und schaffte es nur noch auf 917 Klicks statt 3980 im Quartal davor. Ansonsten hängt der Rückgang wahrscheinlich damit zusammen, dass das Interesse an der Eurokrise zurückging, außerdem an der alljährlichen Weihnachtsflaute. Auch das Projekt „Ökonomen live“ zusammen mit Dirk Elsner vom Blicklog und Olaf Storbeck von Economics Intelligence konnte das nicht ausgleichen.

Was waren aber die meistgelesenen Artikel im vierten Quartal? Neben den bereits erwähnten sind zu nennen:

Die wichtigsten Besucherquellen waren

  1. Die Google-Suche (5818 Besuche oder 40,2%, Vorquartal: 39,7%)
  2. Direktzugriffe (3300 Besuche oder 22,8%, Vorquartal: 19,5%)
  3. Twitter und sein Kurz-URL-Dienst (693 Besuche oder 4,8%, Vorquartal 3,1%)
  4. Weitere Google-Dienste (646 Besuche oder 4,5%, Vorquartal 4,0%)

Demgegenüber haben andere Links im letzten Quartal stark an Bedeutung eingebüßt. So kamen von Dirk Müllers Seite Cashkurs.com nur noch 597 statt 1131 Besuche. Das gilt auch für Facebook, obwohl ich mittlerweile eine eigene Facebook-Seite zum „Liken“ habe.

Ich hoffe mal, dass das 4. Quartal nur eine kleine Delle in der Statistik bildet und es nun wieder aufwärts geht.

Ökonomen-Blogparade: Frauenquote in Unternehmen

Der Auftakt zur Ökonomen-Blogparade im Januar: Was hat die Forderung nach Frauenquoten in der Wirtschaft mit der nationalsozialistischen Lebensraum-Ideologie gemeinsam?

Kaum etwas befördert die menschliche Leidenschaft so sehr, wie das Gefühl ungerecht behandelt zu werden. Ungerechtigkeit kränkt und macht zornig. Das ist gut, wenn der Zorn aufrüttelt und zu produktiven Lösungen anregt. Das ist schlecht, wenn sich der Zorn verselbständig. Dann formt der Zorn ein verzerrtes Weltbild und dieses verzerrte Weltbild schürt neuen Zorn, der die verzerrte Wahrnehmung bestätigt usw. usf.

Ich glaube, manche Feministen haben schon seit langem dieses pathologische Stadium erreicht. Das gilt zumindest für die Vertreter des „Wirtschaftsfeminismus“ (Antonia Baum). Damit ist der Teil der Frauenbewegung gemeint, der immer wieder neue Zahlen und Quoten berechnet, nach denen Frauen im Wirtschaftsleben benachteiligt werden. Das ist auch der Teil, der aktuell gesetzliche Frauenquoten für Unternehmensvorstände und -aufsichtsräte fordert.

Es gab schon einmal eine Bewegung, die sich ähnlich verrannt hatte: der deutsche Nationalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Auch damals speiste sich ein verzerrtes Weltbild aus dem Gefühl der ungerechten Benachteiligung heraus. Das war schon vor dem ersten Weltkrieg so, wie die berühmte Formulierung Bernhard von Bülows (damals Staatssekräter im Auswärtigen Amt) aufdeckt, mit der er die deutsche Kolonialpolitik rechtfertigte:

… wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.

Durch den verlorenen ersten Weltkrieg wurde das Gefühl der Benachteiligung noch stärker. Und jetzt ging es auch um Quoten. In einer Notiz vom 10.12.1919 schrieb Hitler:

dass auf den Kopf eines Russen 18-mal mehr Grund trifft als auf einen Deutschen

Und in „Mein Kampf“ heißt es:

Man muss sich damit kühl und nüchtern auf den Standpunkt stellen, daß es sicher nicht Absicht des Himmels sein kann, dem einen Volke fünfzigmal so viel an Grund und Boden auf dieser Welt zu geben als dem anderen.

Relevanz gewannen Hitlers Grund-und-Boden-Quoten aber erst duch die Lebensraum-Ideologie. Jedoch die Relevanz des Lebensraumgedanken seinerseits wiederum war, wenn sie überhaupt jemals bestanden hatte, zur Zeit Adolf Hitlers schon lange vorbei. Nur in rein agrarischen Gesellschaften ohne technischen Fortschritt und ohne bemerkenswerten internationalen Handel sind Hungersnöte die Folge, wenn das Land nicht mit der Bevölkerung mitwächst. Die Industriegesellschaften Anfang des 20. Jahrhunderts hatten dagegen bereits reichlich Möglichkeiten, Mangel an Ackerland zu kompensieren.

Lediglich eine verzerrte Ideologie, die sich aus veralteten agrarischen Ideen speiste, überhöhte Grund und Boden mythisch. So schrieb der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg:

Die echte schöpferische Idee der Freiheit kann bei einem Volksganzen voll erblühen nur dann, wenn dieses Luft hat zum Atmen und Land zum Ackern.

Demgemäß Verachtung für alles andere. Noch einmal Adolf Hitler, „Mein Kampf“:

Völker, die sich als Drohnen in die übrige Menschheit einzuschleichen vermögen, um unter allerlei Vorwänden für sich schaffen zu lassen, können selbst ohne jeden eigenen, bestimmt begrenzten Lebensraum Staaten bilden.

Soll es nicht eigentlich um Frauenquoten gehen?

Die Parallelen zwischen der Frauenquote heute und der „Bodenquote“ damals werden offenkundig, ersetzten wir den „Volkskampf“ von damals durch den „Geschlechterkampf“ von heute.

Nur die agrarische Ideologie ist gestorben. Hätte die Frauenbewegung sie übernommen, würde sie 50 % des Grund und Bodens für Frauen fordern. Nun aber sind angeblich die Vorstände und Aufsichtsräte von Unternehmen der neue Lebensraum. Nur dort können sich Frauen ja selbst verwirklichen. Darum streben auch, das ist völlig klar, alle Frauen danach, in solch ein Gremium hinein zu gelangen.

Nein, mit der Lebenswirklichkeit wie den Wünschen der meisten Frauen hat die große Karriere genauso wenig zu tun, wie der Bauer auf der eigenen Scholle mit der Lebenswirklichkeit und den Wünschen des Industriearbeiters in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Macht nichts, denn es geht ja im „Wirtschaftsfeminismus“ um Ideologie, also darum, dass es ein paar Frauen gibt, die genau wissen, was für alle Frauen gut ist (Vorstand) und was für alle Frauen schlecht ist (zeitweise zu Hause zu bleiben). Diese Frauen können darum für alle sprechen. Freiheit und Selbstbestimmung: überflüssig.

Aber genug.

Neben der Frage, ob ich mit meiner Ideologiekritik recht habe, gibt es noch andere Fragen zur Frauenquote, die für Blogger, insbesondere Wirtschaftsblogger, interessant sind.

Da wären z.B.:

  • Werden Frauen im Berufsleben systematisch benachteiligt? Wie sind die bisherigen Belege dazu zu werten?
  • Welche positiven Folgen haben Frauenquoten für Vorstände und Aufsichtsräte?
  • Welche negativen Folgen haben sie?

Schreibt doch bis 31. Januar in eurem Blog einen Beitrag zu diesen und ähnlichen Fragen zur Frauenquote! Verlinkt bitte euren Beitrag in einem Kommentar unter diesem Artikel und nehmt damit an der Ökonomen-Blogparade zum Thema „Frauenquote“ teil! Anfang Februar werde ich dann alle Beiträge zur Blogparade in einem Abschlussartikel vorstellen und kommentieren.

Viel Spaß und ein frohes neues Jahr!

Stehen wir am Beginn einer neuen Ära finanzieller Repression?

„Financial repression“, eingedeutscht „finanzielle Repression“, dieser Begriff steht für eine Politik, die Anleger ausquetscht wie eine Zitrone. Müssen wir uns nun auf „financial repression“ als Konsequenz aus der Finanz- und Schuldenkrise einstellen?

durchgeschnittene Zitrone

Müssen sich Anleger so fühlen wie diese Zitrone kurz vor dem Auspressen?

Der Begriff „finanzielle Repression“ ist mir erst durch Dirk Elsners Blogparade zu diesem Thema geläufig geworden. Bei den Recherchen zu „financial repression“ bin ich dann schnell auf die Seiten des großen US-Anlagefonds PIMCO gestoßen. Dort schreibt Scott A. Mather:

Wir stehen wahrscheinlich an der Schwelle einer neuen Ära weltweiter „financial repression“ mit wichtigen und weit reichenden Anlagekonsequenzen.

Doch was heißt „financial repression“ genau? Die Forscher Carmen M. Reinhart und M. Belen Sbranica beschäftigen sich in ihrer Schrift „The Liquidation of Government Debt“ damit. Sie verstehen unter finanzieller Repression eine Vielzahl von Maßnahmen, die vor allem in zwei Kategorien fallen:

  1. Maßnahmen, die direkt oder indirekt den Zinssatz deckeln. Das kann z.B. durch Obergrenzen von Guthaben- oder Darlehenszinsen geschehen, aber auch durch Zinsziele der Notenbank. Diese Maßnahmen machen alternative Investments für Anleger oder Banken unattraktiver und steigern damit die Nachfrage nach Staatsanleihen oder aber sie senken direkt die Zinsen für Staatspapiere.
  2. Maßnahmen, die Anleger darin beschränken, Alternativen zu Staatspapieren zu erwerben. Im internationalen Kontext sind das Kapitalverkehrskontrollen. Im nationalen Kontext sind Vorschriften für Pensionsfonds oder geringere Eigenkapitalanforderungen, wenn Banken Staatsanleihen halten, Beispiele.

Finanzielle Repression bezweckt, die Schuldenlast des Staates zu senken. Erreicht wird dieses Ziel in Kombination mit Inflation. So können sich negative, reale Zinssätze ergeben, die wie eine Steuer wirken. Der Anleger verliert, der Staat macht Gewinn aus seinen Schulden.

Eine Hochzeit finanzieller Repression waren die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg bis etwa 1980.  Reinhart und Sbranica schätzen, dass damals die Gewinne des Staates aus negativen, realen Zinssätzen in den USA immerhin 15-19% der regulären Steuereinnahmen betrugen. In Italien war dieser Gewinn sogar bedeutender als die regulären Steuereinnahmen.

In einem Beitrag habe ich einmal die vier grundsätzlichen Alternativen in der aktuellen Finanz- und Schuldenkrise aufgezählt. Es waren dies:

  1. Steuer- und Verteilungspolitik,
  2. Schuldenstreichung,
  3. Inflation,
  4. Revolution.

Ist „financial repression“ nun eine fünfte Alternative?

Finanzielle Repression wird zumindest versucht. Am auffälligsten sind in Europa die Garantien, die die EZB für die Staatsanleihen der Südländer gegeben hat. Für Politiker hat „financial repression“ den Vorteil, dass sie im Gewand technisch erscheinender Maßnahmen und Regulierungen daherkommt. Es ist kein Aufschrei wie bei Steuererhöhungen zu erwarten. Und Inflation ist zwar zusätzlich notwendig, aber nicht unbedingt Hyperinflation.

Auf den globalen Finanzmärkten von heute ist „financial repression“ allerdings weit schwerer durchzusetzen als in der von Kapitalverkehrskontrollen geprägten Welt von 1945. Wollen Politiker heute finanzielle Repression betreiben, müssen sie erst einmal die Möglichkeiten zur Kapitalflucht eindämmen. Man bräuchte einen sehr umfangreichen Katalog neuer Maßnahmen, damit die „financial repression“ wirkt. Ich persönlich halte es darum für wahrscheinlicher, dass sie nur als „Beimischung“ zu anderen Maßnahmen gegen die Finanz- und Schuldenkrise genutzt wird.

Für den Privatanleger mag die Beimischung aber reichen, damit er sich ausgepresst wie eine Zitrone vorkommt.

Präsident des ifo-Instituts Hans-Werner Sinn

Hans-Werner Sinn und die Target-Falle

Was meint Hans-Werner Sinn eigentlich damit, wenn er sagt, Deutschland befindet sich in der Target-Falle? In seinem (auch übers Internet live übertragenen) Vortrag gestern an der Münchener Uni erklärte er nicht nur das, sondern ging auch auf die Bankenunion und die verbliebenen politischen Optionen in der Eurokrise ein.

Sinns Position zum Targetproblem ist hoffentlich bekannt. Ansonsten verweise ich einfach auf ältere Artikel hier im Blog zum Thema. Sein jüngstes Buch kann man natürlich auch zur Hand nehmen. Hier nur die aktuellen Zahlen zum Targetproblem: Im innereuropäischen Zahlungsverkehr haben die sechs Krisenstaaten (Griechenland, Portugal, Irland, Spanien, Italien, Zypern) 871 Milliarden € Miese angehäuft.

Kleine Schulden sind ein Problem des Kreditnehmers, große Schulden dagegen ein Problem des Gläubigers. So ist es auch mit den Targetkrediten. Gläubiger ist hier die EZB und ihr größter Anteilseigner, die Deutsche Bundesbank. Das ist es, was Sinn meint, wenn er Deutschland in der Target-Falle sieht.

Dem schlechten Geld gutes hinterherzuwerfen bringt nun nichts. EFSF, ESM und Bankenunion vergrößern das Problem nur. Sinn kritisiert massiv eine Politik, die auf Sicht fährt und sich als alternativlos darstellt. Das muss man als Fundamentalkritik an Angela Merkel verstehen. Es ist unmöglich, sich Schritt für Schritt aus der Falle herauszuwinden, man muss schon die Fesseln und Drähte durchschneiden.

Die geplante Bankenunion ist dagegen nur ein weiterer Schritt tiefer in die Falle hinein. Sinn weist darauf hin, dass die Schulden der europäischen Banken ein Mehrfaches der Staatsschulden betragen. Und nun soll auch dafür gemeinsam gehaftet werden?

In der Öffentlichkeit werde es ja gerne so dargestellt, als seien die Ökonomen zerstritten, so Sinn. Im Falle der Bankenunion bestehe jedoch in den wichtigen Punkten Einigkeit: Die Gläubiger der Banken müssen in Haftung genommen werden. Die Lösung heißt Fremdkapitalumwandlung. Genau die wird allerdings nun von der Europäischen Kommission bis 2018 ausgeschlossen. Lieber sollen die Steuerzahler zahlen.

Dass die EZB nun die Bankenaufsicht übernimmt, lässt auch nichts Gutes hoffen. Da das Notenbankgeschäft die EZB zum wichtigen Gläubiger der Banken macht, ist sie nicht unparteiisch. Die EZB steht nicht auf Seiten der Steuerzahler.

Hans-Werner Sinn machte klar, dass die Südländer bisher kaum Fortschritte in Richtung Wettbewerbsfähigkeit erreicht haben, nur Irland ist das gelungen. Die Rettungsschirme helfen nicht den Griechen, nur den Banken. Griechenland braucht eine eigene Währung, die es abwerten kann. Das ifo-Institut hat 70 Fälle von Abwertungen nationaler Währungen untersucht. In all diesen Fällen kam es nach ein bis eineinhalb Jahren zu einem Wirtschaftsaufschwung. Die Fakten sind eindeutig, werden aber auf den europäischen Gipfeln beständig ignoriert. „Die Bevölkerung Griechenlands wird in Geiselhaft genommen“, sagt Sinn.

Interessant war Sinns Hinweis auf die Pfandbriefe. Auch Pleiteländer wie Griechenland hätten die Möglichkeit, weiterhin günstig Kapital auf den Märkten aufzunehmen, eben mit besicherten Pfandbriefen. Griechenland könne den großen staatlichen Immobilienbesitz als Sicherheit anbieten. Solange das Geld jedoch durch die Rettungsschirme von den Europartnern leichter zu bekommen ist, tut es das natürlich nicht.

Wie ist allerdings ein Austritt der Krisenländer aus der Eurozone politisch durchzusetzen? Bei dieser Frage blieben die Aussagen Hans-Werner Sinns bemerkenswert schwach. Gutes Zureden wird meines Erachtens nicht reichen. Deutschland muss endlich die Frage stellen: entweder ihr oder wir! Entweder treten Griechenland, Portugal und Spanien aus der Eurozone aus oder Deutschland.

Frankreich darf wählen.

Google und die Zeitungsverlage (Teil 2): Kampf ums Monopol

Die Indizien dafür, dass Google sein Suchmaschinenmonopol missbraucht, sind eklatant. Trotzdem kommt die EU-Wettbewerbsbehörde nicht in die Pötte. Statt wirkungsvoller Monopolregulierung werden in Deutschland sogar Maßnahmen wie das Leistungschutzrecht diskutiert, die Googles Monopol tendenziell festigen werden.

Google hat ein Monopol bei der Suche im Netz. Bei etwa 96% Marktanteil ist das keine Frage. Und Google missbraucht dieses Monopol. Wenn ich sehe, dass schon mal ein belangloser Kommentar von mir auf der ersten Suchseite erscheint, dessen einzige offensichtliche Qualität ist, beim Google-Videodienst Youtube getätigt worden zu sein, wenn man das sieht, dann ist das auch keine Frage.

Philipp Klöckner hat einen langen Text darüber ins Netz gestellt, warum und wie Google sein Monopol missbraucht. Ich will mal versuchen, ihn ohne irrlichtende Anglizismen zusammenzufassen.

Die Frage warum, ist schnell beantwortet: Google will weiter wachsen und da es bei der Internetsuche schon das Monopol hat, geht das nur über andere Internetdienste. Hierzu zählt etwa Youtube. Ein besonderes Augenmerk scheint Google aber auf weitere Vermittlungsseiten im Internet geworfen zu haben:

  • Preisvergleichsseiten,
  • Buchungsplattformen für Hotels, Flüge usw.,
  • Vergleichsportale für Kredite, Versicherungen usw.

Auf den meisten dieser Felder gibt es inzwischen auch Google-Angebote.

Die Frage, wie Google sein Monopol missbraucht, beantwortet Philipp Klöckner anhand einiger Beispiele. Da ist das Panda-Update des Google-Suchalgorithmus, das bewusst Preisvergleichsseiten und Gutscheinanbieter herabstuft, angeblich, weil diese gar keine originalen Inhalte anbieten. Aber warum betreibt dann Google selbst solche Seiten?

Da ist das Phänomen, das neue Google-Dienste beständig höher gelistet werden als ihre Konkurrenten, nach denen aber öfter gesucht wird. Klöckner gibt weitere Beispiele und es ist zu vermuten, dass all diese nur die sichtbare Spitze des Eisberges sind.

Müssen die Wettbewerbsbehörden einschreiten?

Das bunte Google-Logo

Google-Logo

Der auf Wettbewerbspolitik spezialisierte Düsseldorfer Professor Justus Haucap ist da eher skeptisch. In seiner Schrift „Wie lange hält Googles Monopol?“ weist er darauf hin, dass die Nutzer ohne gravierende Nachteile die Suchmaschine wechseln können, wenn sie mit den Google-Ergebnissen unzufrieden sind. Das begrenzt Googles Macht, die Suchergebnisse zu manipulieren.

Haucap plädiert dafür, genauer zu eruieren, bevor man einschreitet. Solche Forderungen sind allerdings billig. Wir haben es hier mit sehr dynamischen Märkten zu tun. Bis alles genau untersucht und gerichtsfest bewiesen ist, sind die diskriminierten Wettbewerber der Google-Dienste womöglich pleite.

Auf jeden Fall wird es Zeit, dass die Europäische Kommission mehr Leute, mehr Ressourcen, mehr Know-How in die Ermittlungen gegen Google steckt. Seit zwei Jahren laufen die Ermittlungen der EU-Wettbewerbshüter. Von Ergebnissen hört man nichts. Das ist mehr als erstaunlich angesichts der oben beschriebenen doch sehr offensichtlichen Google-Manipulationen.

Es ist ein Skandal.

Unfähigkeit? Unwille? Das müsste jetzt recherchiert werden! Und damit bin ich doch bei den Zeitungsverlagen, die (noch von Teil 1 des Artikels her) im Titel oben hängen. Niemand glaubt wirklich, dass Google auf absehbare Zeit selbst ins Nachrichtengeschäft einsteigt und zum direkten Verlagskonkurrenten wird. Insofern sind die Zeitungsverlage durch Googles Suchmonopol nicht bedroht. Wie in Teil 1 beschrieben, gibt es Konkurrenz nur auf einem kleinen Feld, nämlich bei den Überblicksseiten. Die Verlage können ihr Internetgeschäft darum weiter in wirtschaftlicher Symbiose mit Google News betreiben.

Und das wollen sie sehr offensichtlich auch. Das viel diskutierte Leistungsschutzrecht soll den Verlagen lediglich garantieren, dass sie etwas von Googles Monopolrente abbekommen. Die gerade bekannt gewordene Einigung der belgischen Verlage mit Google legt im Übrigen genau das auch ohne LSR fest.

Um Googles Monopolstellung einzuschränken, ist das Leistungsschutzrecht völlig ungeeignet. Im Gegenteil! Falls es wirklich Gesetz wird, zahlt Google die Leistungsschutzgebühren aus seiner Portokasse. Kleinere Nachrichtenaggregatoren wie Rivva werden dagegen ein echtes Problem bekommen.

Wenn Verlagsvertreter mit Hinweis auf Googles Monopol Werbung fürs Leistungsschutzrecht machen, argumentieren sie unredlich.

Gleich „Ökonomen live“ – Thema heute: Das Ende der FTD und die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus

Olaf Storbeck von Economics Intelligence, Dirk Elsner vom Blicklog und ich diskutieren per Google Hangout. Der Livestream der Videokonferenz beginnt etwa um 20 Uhr.

Die Aufzeichnung:

Anlässlich der Einstellung der Financial Times Deutschland wurde die Zukunft des Journalismus und des Wirtschaftsjournalismus im Speziellen in den letzten Tagen breit in den Medien diskutiert. Auch ich habe hier im Blog unter dem Titel „Wirtschaftsjournalismus in Zeiten des Zeitungssterbens“ bereits darüber geschrieben. Aus der Bloggerperspektive gibt es aber sicher noch neue interessante Aspekte, über die wir uns heute Abend die Köpfe heiß reden können. Nicht zuletzt bietet die heutige Ankündigung von „Die Welt“, ab morgen eine Bezahlschranke für ihre digitalen Inhalte einzuführen, Gesprächsstoff.

Wer mitdiskutieren will: Wir werden alle Tweets mit dem Kennzeichen #Ökonomenlive verfolgen. Und natürlich kann man auch auf der Youtube-Seite des Videos mitdebattieren. Wir schalten zudem gerne Gäste live dazu. Damit ich euch einladen kann (die technische Federführung liegt nämlich heute bei mir), müsst ihr mir euren Google-Plus-Namen bekannt geben. Gäste sollten vorher ihre Technik (Webcam, Mikrofon) prüfen.

Also bis gleich.

Google und die Zeitungsverlage (Teil 1): Das Leistungsschutzrecht

Das Leistungsschutzrecht (kurz: LSR) ist kompletter Unsinn und dient lediglich dazu, Wettbewerb und technischen Fortschritt zu verhindern. Die Diskussion darüber lenkt von wichtigeren Fragen ab.

Einer der besten Kommentare zur ausufernden Diskussion um das Leistungsschutzrecht  stammt vom Chefredakteur von sueddeutsche.de, Stefan Plöchinger. Unter dem Titel „Wieso wir klüger debattieren müssen“ beklagt er sich, dass die Debatte um das LSR von wichtigeren Fragen ablenkt.

Zu den wichtigeren Fragen komme ich noch. Eines muss man zuvor jedoch klarstellen: Das LSR war eine Idee der Verlage, es war ihre Initiative und ihr Vorschlag. Wenn also die Debatte um das Leistungsschutzrecht wichtigere Fragen ins Abseits drängt, dann tragen dafür hautpsächlich die Verlage die Verantwortung.

Und auch wenn es eigentlich unwichtig ist, muss noch ein zweites klargestellt werden. Das Leistungsschutzrecht ist kompletter Unsinn.

Wird das LSR Gesetz, soll Google für die Textschnipsel aus Verlagsartikeln, die es zu jedem Suchergebnis in Gooogle News anzeigt, eine Gebühr zahlen. Tatsächlich sind allerdings Texte und auch Textschnipsel bereits durch das Urheberrecht geschützt; da gibt es keine Regelungslücke. Und die Rechtsprechung zum Urheberrecht besagt, dass, wer Texte ungeschützt ins Internet stellt, implizit damit einverstanden ist, dass seine Texte von Suchmaschinen erfasst werden. Im Übrigen besteht die Möglichkeit, einzelne Texte oder ganze Netzpräsenzen durch eine einfache Datei robots.txt für Suchmaschinen zu sperren.

Die Ausnahme, die die Rechtsprechung für Suchmaschinen macht, ist richtig, denn ohne Suchmaschinen würde das Netz, so wie wir es kennen, nicht funktionieren. Ja, Google lebt von den Informationen, die andere ins Netz stellen, aber die anderen leben auch von Google und den Nutzern, die die Suchmaschinen ihnen bringen. So eine Symbiose ist übrigens völlig normal in unserer Wirtschaft. Darauf weist der Pixelökonom mit einem Beispiel hin: „Der Frittenbudenbesitzer macht einen Laden neben der Großbaustelle auf, um in der Frühstückspause die Bauarbeiter zu versorgen.“ Soll er deswegen Leistungsschutzgebühren an den Baukonzern zahlen?

Wettbewerb, technischer Fortschritt und das Leistungsschutzrecht für Verlage

Zugestanden, die Lage beim Leistungsschutzrecht ist noch ein bisschen komplizierter. Tatsächlich ersetzt ein Nachrichtenaggregator wie Google News (ebenso wie soziale Netzwerke) die Überblicksseiten der Zeitungen im Netz. Diese werden eigentlich überflüssig.

Aber ändert das die Argumentation? Stellen wir uns im Beispiel mit dem Frittenbudenbesitzer vor, der Baukonzern würde nebenbei noch eine eigene Kantine für die Bauarbeiter betreiben. Vielleicht würde sich dann die Konzernleitung über die Frittenbude neben der Baustelle, die ihrer Kantine das Geschäft mit den Bauarbeitern abgräbt, ärgern. Eine Leistungsschutzgebühr rechtfertigt das aber immer noch nicht.

Ganz im Gegenteil zeigt die Erweiterung des Frittenbuden-Beispiels, dass es beim LSR um die Verhinderung von Konkurrenz und Wettbewerb geht. Speziell beim LSR für Verlage geht es zusätzlich um die Verhinderung von technischem Fortschritt. Google News arbeitet vollautomatisch, während bei der Zusammenstellung der Start- und Ressortseiten der Zeitungen bisher (noch!) menschliche Kopfarbeit einbezogen wird.

Nachdem ich jetzt doch einen ganzen Artikel über das Leistungsschutzrecht geschrieben habe, brauche ich für die eigentlich wichtige Frage noch einen zweiten. Teil II kommt spätestens am Donnerstag. Dann geht es um Googles Monopol.

Vorher noch, nämlich morgen am 11.12 um 8 Uhr abends, geht es auch um Google und die Zeitungsverlage. Das Thema bei „Ökonomen live“ ist nämlich: Das Ende der FTD und die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus. Die Videokonferenz mit Dirk Elsner, Olaf Storbeck und mir wird live über Youtube übertragen. Ich werde rechtzeitig vor Beginn den genauen Link hier im Blog bekannt geben und einbetten.

Ökonomen live: Das Ende der FTD und die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus

Nächsten Dienstag, am 11.12.,  veranstalten wir das zweite „Ökonomen live“, unsere öffentlich und live übertragene Videokonferenz zu Wirtschaftsthemen. Wie beim ersten Mal sind wieder Olaf Storbeck und Dirk Elsner dabei. Thema diesmal: Das Ende der FTD und die Zukunft des Wirtschaftsjournalismus. Um 20 Uhr geht es los.

Stirbt die Zeitung auf Papier? Muss Journalismus öffentlich bezuschusst werden? Welche Geschäftsmodelle gibt es für (Wirtschafts-)Journalismus im Netz? Was erwarten die Nutzer von Wirtschaftsmedien? Um diese und andere Fragen soll es in der Diskussion gehen.

Die Diskussion wird live über meinen Youtube-Kanal übertragen. Aber auch hier im Blog werde ich den Link rechtzeitig bekannt geben (etwa eine halbe Stunde vor Beginn der öffentlichen Übertragung)  und in einem eigenen Beitrag einbetten.

Wie auch beim letzten Mal wollen wir eure Fragen auf Twitter in unsere Diskussion einbeziehen. Bitte kennzeichnet eure Tweets zur Sendung mit #Ökonomenlive, damit wir sie auch finden. Und ebenfalls wie beim letzten Mal schalten wir gerne Gäste dazu. Das geht allerdings nur für Leute, die bei Google-Plus registriert sind.

Finale der Blogparade: Grenzen des Wachstums

Zehn Blogger haben an der Blogparade zum Thema „Grenzen des Wachstums“ mit elf Blogartikeln teilgenommen. Das ergab eine kontroverse Diskussion mit sehr vielen unterschiedlichen Perspektiven.

Zum Einstieg eignet sich gut der Artikel der Ökonomischen Nackenstütze. Sie führt den grundlegenden Unterschied zwischen möglichen Faktoren auf der Angebots- bzw. Produktionsseite und möglichen Faktoren auf der Nachfrageseite ein, die beide zukünftiges Wirtschaftswachstum begrenzen können. Die größeren Probleme sieht die Nackenstütze dabei auf der Angebotsseite und verweist auf ökonomische Vordenker wie Schumpeter, Baumol und Solow. Insgesamt gibt sich Nackenstütze aber optimistisch.

Ausschnitt aus einem Haufen Gelber Säcke

Vermüllen wir die Erde? Foto: firutin

Ähnlich systematisch packt der Wirtschaftsphilosoph das Thema an und geht mögliche wachstumsbegrenzende Faktoren durch. Die größten Probleme seien „nicht bei den Ressourcen zu erwarten, die am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, sondern bei den Abfällen am Ende, die zu großen Teilen immer noch ‘umsonst’ in der Umwelt ‘entsorgt’ werden.“ Stichwort Kohlendioxid und Klimawandel.

Das ist auch das Thema von Alien Observer, der ansonsten das Miesmacherimage der Wachstumskritiker beklagt: „Was wir Kritiker aber verlangen, ist, dass die unangenehmen Fragen gestellt werden die sich die Ökonomen oder Wirtschaftspolitiker offenbar nicht stellen wollen.“ Einen direkten Kontrapunkt dazu setzt Acemaxx. Der sieht Wachstum als Ausweg aus der aktuellen Schuldenkrise und meint: „Es ist nicht der Zeitpunkt, über die Grenzen des Wachstums zu diskutieren.“

Aber findet sich nicht immer irgendein Grund, um nicht über Unangenehmes diskutieren zu müssen? Ja, die meisten lesen wohl eine Eloge an die menschliche Kreativität, wie sie Mathias für die Blogparade geschrieben hat, lieber als Wachstumspessimismus. Meiner Meinung nach sind aber beide wichtig, Pessimisten wie Optimisten; erstere, um die Probleme zu erkennen, letztere, um zur Problemlösung zu motivieren.

Sehr optimistisch ist z.B. Hans Bentzien. Unter dem schönen Titel „Der Mensch als Wachstumswundertüte“ schreibt er z.B.: „Die Menschwerdung ist noch nicht am Ende. Wir setzen auf Klasse statt Masse, auf Genuss statt Krieg und Schlachteplatte.“

Bentzien beschäftigt sich also vor allem mit der Nachfrageseite des Wachstums. Indem er auf neu entstehende Qualitätswünsche hinweist, geht er direkt gegen Vorstellungen an, Wachstum sei nur „Immer mehr vom Gleichen“. Der beeindruckende Trailer von „Taste the Waste“ zeigt in der Tat: ein reines „Immer mehr vom Gleichen“ wird irgendwann sinnlos (und ist es manchmal schon heute).

Andreas Plecko wie auch Patrick Seabird sehen in ihren Blogartikeln aber das gewünschte Mehr an Lebensqualität gerade nicht im Materiellen. Insofern erschöpfe sich der Bedarf an Wachstum. Wachstum befördere nicht das Allgemeinwohl, sondern nur Einzelinteressen, so Patrick Seabird. Wenn er die Rolle des Zinssatzes anspricht, muss ich allerdings fragen: Ergibt sich Wachstum nur aus der Notwendigkeit, Zinsen zu zahlen? Oder ergibt sich nicht eher der Zinssatz aus den Möglichkeiten, die das Wachstum schafft, und wird entsprechend durch Angebot und Nachfrage begrenzt?

Sind die niedrigen Wachstumsraten der letzten Jahre und Jahrzehnte bereits ein Zeichen für Grenzen der Wachstums? Diese Frage stellt Patrick Bernau und verneint sie.

Schließlich beleuchtet Dirk Elsner im Blicklog einen ganz anderen Aspekt der Grenzen des Wachstums, wenn er die Grenzen des Wachstums für Unternehmen anspricht.

Das Wirtschaftsprogramm der Piraten: Kein großer Wurf!

Das Wirtschaftsprogramm der Piraten enthält neben Allgemeinplätzen logische Widersprüche und Kategorienfehler. Kein großer Wurf!

Logo der Piratenpartei

Logo der Piratenpartei

Am Wochenende wurde ja breit über den Bundesparteitag der Piraten in Bochum berichtet. Ich selbst habe auch kurz in den Livestream hineingeschaut. Da machte gerade (es war Auszählpause) ein Kabarettist halbwegs gute Witze. Doch von so etwas lasse ich mich natürlich nicht abschrecken. Mithilfe von Protokoll und Antragsbuch habe ich die Beschlüsse des Parteitags zum Grundsatzprogramm Wirtschaftspolitik ermittelt.

Zunächst mein Gesamteindruck: Das Wirtschaftsprogramm ist ein bisschen kurz, um nicht zu sagen zu kurz. Wichtige Themenbereiche wie Subventionen, Umgang mit Monopolen und Steuerpolitik fehlen unter anderem auch, weil die dazugehörigen Vorschläge keine 2/3-Mehrheit auf dem Parteitag fanden.

Was bleibt, ist wenig aufregend: Ein paar Schlagworte wie Freiheit, Transparenz, Gerechtigkeit. Wer kann schon dagegen sein?

In Absatz [5] des angenommenen Programmantrags P091 merkt man zunächst auf. Wirtschaftspolitik sei für Piraten nicht gleich Wachstumspolitik. Was folgt ist dann aber eine sehr konventionelle Kritik an rein materialistische Zielsetzungen. Ähnliches findet man schon in der Bibel. Welche Konsequenzen diese Kritik für die praktische Politik haben könnte, bleibt völlig unklar.

Im Bereich Ökologie setzt man auf hohe Preise für knappe natürliche Ressourcen. Immerhin ist das nicht auf dem ersten Blick populär, aber natürlich wirtschaftstheoretisch notwendig. Beim Verbraucherschutz glauben die Piraten, an den durch Information seligen Konsumenten, als ob nicht heute eher ein zuviel an Information das Problem bei Konsumentscheidungen wäre.

Ein echter Gegensatz zu den anderen Parteien ergibt sich beim Thema Arbeitsmarkt. Die Piraten betrachten „das Streben nach absoluter Vollbeschäftigung als weder zeitgemäß noch sozial wünschenswert“.

Nachdem jetzt schon seit knapp 40 Jahren keine Vollbeschäftigung mehr erreicht wird, tut mehr Nachdenken über dieses Ziel sicher not. Allerdings kann aus dem Sein, bzw. im Falle der Vollbeschäftigung besser: dem Nicht-Sein, kein Sollen folgen. Vor allem aber stehen die Aussagen der Piraten zur Vollbeschäftigung im krassen logischen Widerspruch zu einem anderen Satz ihres Wirtschaftsprogramms: Wirtschaftspolitk müsse sich den „individuellen Lebensentwürfen“ der Menschen öffnen.

Warum? Nun, Vollbeschäftigung heißt nichts anderes, als dass jeder, der Arbeit zu dem am Markt herrschenden Lohnsatz sucht, auch Arbeit findet. Vollbeschäftigung heißt also nichts anderes, als dass „individuellen Lebensentwürfe“ glücken.

Wenn man keine Vollbeschäftigung will, kann man auch einen Mindestlohn fordern und die Piraten tun das dann konsequenterweise. Ich persönlich halte Mindestlöhne bestenfalls für geeignet, besonders krasse Fälle von Ausbeutung zu verhindern. Ein hoher Mindestlohnsatz führt dagegen wahrscheinlich schnell zum Anschwellen der Arbeitslosigkeit.

Nun mag man darüber streiten. Wenn man aber Mindestlöhne fordert, sollte man sich schon bei der Begründung mehr Mühe geben als die Piraten. „Wer voll berufstätig ist, darf nicht unter der Armutsgrenze leben“, das mag eine populäre Sicht sein, ist aber immer noch Sozialismus, nämlich die Bezahlung nach Arbeitsdauer und Arbeitseinsatz statt nach dem Arbeitsergebnis.

Wenn die Produkte einer Firma am Markt nur wenig Einnahmen erzielen, können auch ihre Arbeitnehmer kein gutes Einkommen erwarten. Die Menschenwürde zu respektieren, hieße in diesem Fall, eine freie Entscheidung des Arbeitnehmers, trotzdem bei der Firma zu bleiben, zu respektieren. Die Piraten verrennen sich aber völlig in der Argumentation, wenn sie die Menschenwürde ins Feld führen für etwas, nämlich den Mindestlohn, das dann nur für einen Teil der Menschen, nämlich den Lohnarbeitern, gedacht ist. Das ist ein klarer Kategorienfehler.