Neueste Artikel

Kritik an Ratingagenturen: Lächerlich, aber nicht zum Lachen

EU-Wettbewerbs-kommissar Michel Barnier

Lächerlich hoch drei“, so bezeichnet Thomas Strobl die gegenwärtige Kritik von Politikern an den Ratingangenturen. Doch so lächerlich die Politikeraussagen sein mögen, leider ist die ganze Situation überhaupt nicht zum Lachen. Denn wenn EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier überlegt, das Rating von Krisenländern zu verbieten, dann zeigt das vor allem Hilflosigkeit, dann ist das schon so gut wie ein Offenbarungseid. Auf Deutsch gesagt: Denen geht der Arsch auf Grundeis.

Vorangegangen war bekanntlich die Abwertung von Portugalanleihen durch die Ratingagentur Moody’s auf Ba2. Die Anleihen gelten somit als spekulativ; die Medien reden von Ramschanleihen. Die Aussetzung des Ratings (wie von Barnier gefordert) hätte allerdings genau dasselbe Signal gebracht. Unter Umständen wäre das Signal sogar noch verheerender gewesen. Denn die Märkte sind meistens eher bereit schlechte Nachrichten zu akzeptieren als große Unsicherheit. Lieber eine schlechte Bewertung als gar keine.

Auch der Ruf nach mehr Rating-Wettbewerb ist nicht zu Ende gedacht. Klar, wenn es statt dreier großer Rating-Agenturen sechs gäbe (wie von Barniers Kollegin Viviane Reding gefordert), verlöre das Votum einer einzelnen Agentur an Gewicht. Dies würde helfen, die Ratings nicht überzubewerten. Sie sind insbesondere, was Staatsanleihen betrifft, sehr unsichere Prognosen über die Wahrscheinlichkeit eines Kreditausfalls. In sie fließen solche Unwägbarkeiten wie die zukünftige Wirtschaftsentwicklung des Staates mit ein. Außerdem muss der Willen und die Durchsetzungsfähigkeit der Politiker beurteilt werden, wenn es um für die Kreditrückzahlung notwendige Steuererhöhungen und Haushaltskürzungen geht.

Eines würde aber durch mehr Rating-Agenturen wahrscheinlich nicht erreicht, nämlich, dass die Qualität der Bewertungen verbessert würde. Qualitätswettbewerb funktioniert schlecht, wenn die Qualität der Ware erst lange im Nachhinein festgestellt werden kann. So wissen wir heute, wie falsch die AAA-Ratings für die US-amerikanischen Hypothekenanleihen waren. Dieses Wissen hätten wir allerdings vor fünf Jahren gebraucht.

Zur Einschätzung der Qualität einer Bewertung können wir höchstens vergleichbare Erfahrungen aus der Vergangenheit heranziehen. Da allerdings haben die drei großen Agenturen trotz einiger Kapitalfehler keine schlechte Bilanz vorzuweisen. Und das immerhin über 70 bzw. 100 Jahre. Ein Neuling hätte dagegen schlechte Karten. Ich tippe darauf, dass Moody’s auch im Fall Portugal richtig liegt.

Quartalszahlen

Wieder mal ist ein Quartal zuende und es ist Zeit, meine Zugriffsstatistik genauer auszuwerten. In den Monaten April, Mai und Juni konnte Google Analytics 8009 Besuche registrieren und 11.326 Seitenaufrufe. Das bedeutet 46 % mehr Besuche und 33 % mehr Seitenaufrufe als im Vorquartal.  Insgesamt eine schöne Entwicklung. Allerdings ist die Zahl der Seitenaufrufe pro Besuch und auch die Verweildauer etwas zurückgegangen.

Am meisten gelesen wurde mein März-Artikel „Kosten des schnellen Atomausstiegs: Wie die von SPON genannten Horrorzahlen zusammenschrumpfen„. Er wurde allein im letzten Quartal 813 mal aufgerufen.

Auf den Plätzen folgen:
2. Warum die Kritiker der EZB daneben liegen
3. Target 2 – Das Eurosystem in der Schieflage
4. Ein Schuldenschnitt ist notwendig, aber nicht ausreichend
5. Kein Bürgerkrieg in Griechenland, aber das Land wird trotzdem ausbluten
6. Kein Schreckensszenario: Europa ohne Euro
7. Kosten des schnellen Atomausstiegs: Wie SPON seine Zahlen korrigiert
8. Wirtschaftswachstum mal langfristig
9. „Wir sind uns einig“
10. Aufstände und Ansturm auf die Banken in Griechenland?

Bei den Besucherquellen ist die Bedeutung von Links etwas gestiegen (nun 52,0 % der Besuche), während die der Suchmaschinen etwas abgenommen hat (nun 32,9 %). Der Anteil direkter Zugriffe hat sich kaum verändert. Die häufigsten Suchwörter, mit denen Wirtschaftswurm gefunden wurde, waren „Kosten Atomausstieg“ und „Atomausstieg Kosten“. Auf Platz 3 folgt schon „Wirtschaftswurm“.

Welche Verlinkungen waren für wirtschaftswurm.net wichtig? Hierzu muss ich sagen, dass je nach Besucherquelle die von Analytics gemessene Verweildauer sehr unterschiedlich war. Darum will ich jetzt nicht einfach die Netzpräsenzen nennen, von denen die meisten Besucher zu mir gekommen sind, sondern ich habe diese Besucherzahl gewichtet mit der durchschnittlichen Verweildauer. Und hier die Spitzenreiter:

1. Weissgarnix
2. Twitter
3. Cashkurs
4. Kantoos Economics
5. Net-News-Express
6. Google.de (andere Dienste als die Suchmaschine)
7. Blicklog

Alle Wirtschaftswurm-Artikel kann man vollständig auch über RSS-Feed lesen und diese Möglichkeit ist sehr beliebt. Im Tagesdurchschnitt des 2. Quartals hatte ich 212 Feed-Leser laut FeedStats. Das ist gegenüber dem 1. Quartal eine Steigerung um satte 54 %.

Interessant wird für mich, ob die gute Entwicklung dieser Website auch im nun begonnenen Sommerquartal anhält.

Target-2-Schieflage: Ursachen und Gefahren

Wie im letzten Artikel geschrieben, das Eurosystem ist in einer Schieflage. Die Notenbanken der PIGS-Staaten stehen mit 314 Milliarden bei der EZB in der Kreide. Wie kam das zustande? Und welche Gefahren ergeben sich daraus?

Seit Beginn der Finanzkrise 2007 gibt es einen Zahlungsmittelabfluss aus Portugal, Irland, Griechenland und Spanien unter anderem nach Deutschland. Olaf Storbeck rechnet in seinem nun online erschienenen Handelsblatt-Artikel nach und kommt zu dem Schluss, dass dieser Abfluss nicht aus dem nach wie vor vorhandenem Leistungsbilanzdefizit der PIGS-Staaten resultiert, also nichts damit zu tun hat, dass die PIGS-Staaten nach wie vor mehr importieren als exportieren. So bleibt als weitere Möglichkeit Kapitalflucht.

Tatsächlich räumen etwa die Griechen ihre Konten bei den unsicheren heimischen Geschäftsbanken, um das Geld lieber in Deutschland anzulegen. Der befürchtete Bankenansturm findet, still und leise, bereits statt. Dabei läuft der Weg der griechischen Gelder nach Deutschland über die Deutsche Bundesbank. Sie überweist den Betrag an die deutsche Zielbank (z.B. an die Commerzbank). Im Gegenzug erhält die Bundesbank eine Forderung an die EZB. Die EZB wiederum bekommt eine Forderung gegenüber der griechischen Notenbank, die ihrerseits eine Forderung an die griechische Geschäftsbank, von der die Gelder abgezogen wurden, in ihre Bücher schreibt.

Im Normalfall sollten sich die Forderungen und Verbindlichkeiten der einzelnen Notenbanken an die EZB ausgleichen. Das ist aber nun seit Beginn der Finanzkrise nicht mehr der Fall. Die PIGS-Staaten bekommen weder durch Kredite noch durch Exporte genügend Zahlungsmittel rein.  Und während die PIGS-Staaten im Soll stehen, hatte die Bundesbank Ende 2010 ein enormes Plus vom 326 Milliarden € angehäuft.

Wenn man einmal den Weg der Forderungen durchgeht (bitte vorletzten Absatz noch einmal langsam lesen), dann erkennt man: Das System hängt zunächst an der Zahlungsfähigkeit der griechischen Geschäftsbank. Und falls die nicht mehr gegeben ist, hängt es an der Qualität der Sicherheiten, die diese griechische Geschäftsbank ihrer Notenbank für den Kredit gegeben hat. Denn die Zentralbanken verteilen ja nicht einfach so die Euros, sie verlangen Sicherheiten.

Und hier liegt der Hund (oder besser: der Euro) begraben. Trotz der Schuldenkrise werden nach wie vor Anleihen der PIGS-Staaten als Sicherheiten akzeptiert, Anleihen die von den Märkten teilweise nur noch als Müll angesehen werden.

Nun verweist EZB-Chefvolkswirt Stark in einem Zeit-Interview auf die Abschläge, die die Notenbanken für solche Sicherheiten berechnen und sagt: „Es ist Vorsorge getroffen worden.“ Wir werden sehen. Die Glaubwürdigkeit der EZB ist angekratzt, seitdem sie selbst griechische Schrottanleihen aufgekauft hat. Für Wirtschaftsblogger, -journalisten und -wissenschaftler sollten es daher jetzt darum gehen, die Risiken der EZB-Bilanz genauer abzuschätzen.

Andererseits entwertet die Tatsache, dass nun schon über 300 Milliarden € in die PIGS-Staaten geflossen sind, die gegenwärtige Debatte über den Euro-Rettungsschirm. Sofern über den Rettungsschirm offizielle Kredite nach Griechenland gegeben werden, fließen der griechischen Notenbank von außen wieder Zahlungsmittel zu und ihr Target-2-Defizit reduziert sich. Der Europäische Stabilisierungsmechanismus (wie der Rettungsschirm offiziell heißt) ersetzt also zum Teil nur die Target-2-Kredite durch neue Kredite.

Mehr zum Thema:

Target 2 – Das Eurosystem in der Schieflage

Das griechische Parlament hat Papandreous Sparpaket zugestimmt. Der griechische Staatsbankrott kann nun ein weiteres Mal verschleppt werden. Die griechischen Banken haben eine weitere Gnadenfrist erhalten. Aber was, wenn auch diese endet?

Mein Artikel „Aufstände und Ansturm auf die Banken in Griechenland?“ schloss ja damit, dass die EZB  die griechischen Banken heraushauen könnte, sobald der griechische Staat pleitegeht. Bei Weissgarnix findet man übrigens eine Aufstellung über die Gefährdung der verschiedenen Banken. Auch wenn „exposure“ nicht unbedingt gleich Abschreibungsbedarf im Pleitefall ist, erkennt man, dass ein paar griechische Banken einen drastischen Schuldenschnitt nicht überleben werden. Die EZB müsste also gut wägen, wo sie noch Geld hingibt.

Tatsache ist allerdings, dass die EZB schon dick mit drinhängt. Dabei sind die 50 Mrd., für die sie selbst griechische Anleihen gekauft hat, noch nicht einmal der größte Posten. Ein weiteres Risiko stellen die so genannten Target-2-Salden dar.

Hans-Werner Sinn, ifo-Institut

Hans-Werner Sinn, ifo-Institut

Das Thema Target 2 wurde durch Hans-Werner Sinn vom ifo-Institut in die Öffentlichkeit getragen. Er löste eine heftige Fachdebatte aus, an der sich auch die deutschen Wirtschaftsblogs beteiligten. Olaf Storbeck vom Handelsblog hat unlängst eine umfangreiche Liste der wichtigsten Beiträge erstellt. Inzwischen, so ist mein Eindruck, scheinen sich aber die Kontrahenten aufeinander zuzubewegen. Das zeigt auch das neueste Papier von Sinn und Wollmershäuser mit dem Kurztitel „Der Rettungsschirm der EZB„.

Was hat es nun mit den Target-2-Salden auf sich? Die Target-2-Konten sind Verrechnungskonten der nationalen Notenbanken bei der Europäischen Zentralbank. Auf ihnen haben die PIGS-Staaten enorme Miese angehäuft: Im März waren es 314 Milliarden Euro, die ihre Notenbanken im Soll standen. Auch Nobelpreisträger Paul Krugman glaubt, dass dadurch das gesamte Eurosystem in eine Schieflage gekommen ist. Um allerdings zu erklären, wie es soweit kommen konnte und warum die Targetsalden gefährlich sind, brauche ich noch einen Fortsetzungsartikel.

Mehr zum Thema:

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Aufstände und Ansturm auf die Banken in Griechenland?

Eine Lawine von Ratschlägen stößt zu Beginn der Woche bis zum Syntagma-Platz im Zentrum Athens vor, dort, wo sich der Sitz des griechischen Parlaments befindet. Die Abgeordneten haben dort heute ihre Beratungen zu einem neuen Sparpaket begonnen. Es geht um Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen in Höhe von 28,4 Milliarden € und um Privatisierungen, mit denen man hofft, 50 Milliarden einzunehmen.

Viele Ratschläge sind weder gut noch gut gemeint. Größtes Problem Griechenlands muss sein, seine Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Und da hilft das Programm null. Griechenland wird weiterhin Pleitekandidat bleiben.

Die Befürworter des Sparpaketes haben sich inzwischen darauf verlegt, Schreckensszenario auszumalen, allen voran Vizeregierungschef Pangalos. Er warnt vor Aufständen und einem Ansturm auf die Banken, sollten die Einsparungen abgelehnt werden.

Nun ist allerdings die große Mehrheit der Griechen gegen das Sparpaket. Wenn überhaupt, sind Aufstände damit logischerweise eher zu erwarten, wenn es angenommen wird.

Aber wie sieht es mit der Gefahr von bankruns aus? Klar ist, sollte die griechische Regierung nach einer Ablehnung ihres Sparpaketes selbst panisch und kopflos handeln, kann sie auch von ihren Bürgern nichts besseres erwarten. Einen geordneten Staatsbankrott hinzulegen, erfordert nun einmal echte Führungsqualitäten. Keine Ahnung, in wie weit die in der gegenwärtigen griechischen Politik vorhanden sind.

Konkret sind das Problem der griechischen Banken 48 Milliarden Euro, mit denen der Staat bei ihnen in der Kreide steht. Ein Schuldenschnitt könnte einigen das Genick brechen. Diese Banken müssen möglichst schnell aussortiert und geschlossen werden. In eine Pleitebank sollte man möglichst kein Geld mehr reinstecken. Und keine Bange! Alle problematischen Banken zusammen sind nicht so bedeutend wie Lehman.

Die überlebensfähigen Banken müssen zwangsläufig großzügig von der Notenbank, der EZB, mit Liquidität versorgt werden. Solange eine Notenbank als glaubwürdiger „lender of last resort“ (übersetzt: „Kreditgeber der letzten Zuflucht“) hinter der Bank steht, kann sie einen Ansturm abwehren.

Wachsende Lohnspreizung in Deutschland – Gegenmaßnahmen

Im ersten Artikel zur Lohnspreizung in Deutschland ging es um die Zahlen, die belegen, dass sich untere, mittlere und hohe Löhne immer weiter auseinanderentwickeln. In meinem zweiten Artikel zum Thema wurde neben anderen vor allem eine Ursache dieser wachsenden Lohnspreizung aufgezeigt: Die Stellen im mittleren Lohnbereich sind weniger geworden. Und dies ist mutmaßlich eine Folge der Computerisierung.

Was aber kann man nun gegen diese Entwicklung tun?

Politisch ist vor allem ein allgemeiner Mindestlohn in der Diskussion. Aufgrund der negativen Nebenwirkungen eines Mindestlohnes bin ich da eher skeptisch. Aloa vom Blog „libri logicorum“ macht nun einen anderen Vorschlag: die negative Lohnkostensteuer. Diese Steuer soll eine Unternehmenssteuer sein wie z. B. auch die Gewerbesteuer. Bemessungsgrundlage sind die Lohnzahlungen des Unternehmens. Der Steuersatz hängt dabei von der dem Einzelnen gezahlten Lohnhöhe ab. Er ist für hohe Löhne und für Minilöhne höher und am niedrigsten für die Zahlung eines Durchschnittslohnes. Bei mittleren Löhnen soll der Steuersatz sogar negativ sein, sprich, der Arbeitgeber bekommt Geld vom Staat.

Graphisch stellt sich der Steuersatz als Häkchen dar:Lohnkostensteuer mit Minimum beim Durchschnittslohn

Steuersatz der Lohnkostensteuer in Abhängigkeit von der gezahlten Lohnhöhe, Quelle: libri logicorum

 

Für die Lohnkostensteuer sollen die Unternehmen nach den Vorstellungen Aloas Entlastung bei den Lohnnebenkosten bekommen.

Ein Unternehmen kann nun Lohnkostensteuer sparen, wenn es statt einen Angestellten für 5000 € zwei für 2500 € beschäftigt. Es fragt sich allerdings, ob in der Praxis überhaupt die Möglichkeit dazu besteht. Sind die Stellenanforderungen nicht häufig durch die technischen und organisatorischen Gegebenheiten vorgegeben? Und ergibt sich aus diesen Anforderungen zusammen mit den Angebots- und Nachfrageverhältnissen auf dem Arbeitsmarkt nicht zwangsläufig die Höhe der Bezahlung?

Wenn es überhaupt Flexibilität gibt, dann in Großbetrieben. Der kleine Frisörbetrieb kann auf keinen Fall zwei schlecht bezahlte Frisöre durch einen gut bezahlten Techniker ersetzen. Überhaupt ist die Lohnstruktur stark branchenabhängig. Warum sollte aber die IT-Branche überdurchschnittlich viel Steuern zahlen, bloß weil bei ihr viele hochbezahlte Fachkräfte tätig sind?

Wir müssen uns damit abfinden, dass Versuche, die Lohnstruktur direkt zu beeinflussen, eher kontraproduktiv sind. Soziale Gerechtigkeit muss im Nachgang durch Umverteilungsmaßnahmen hergestellt werden. In diesem Blog streite ich darum schon seit langem für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dies scheint mir die richtige Antwort auch auf die wachsende Lohnspreizung.

Wachsende Lohnspreizung in Deutschland – die Ursachen

Im ersten Artikel zum Thema Lohnspreizung konnte ich Zahlen präsentieren, nach denen sich schon seit Ende der 70er Jahre die hohen Löhne stärker von den mittleren absetzten. Und seit Anfang der 90er Jahre blieben gleichfalls die unteren Löhne stärker hinter den mittleren zurück. Aber was sind die Ursachen dieser wachsenden Lohnspreizung?

Für aloa5 in seinem Blog „libri logicorum“ ist die Sache klar: Waren, die mit vielen wenig qualifizierten Arbeitskräften hergestellt werden, importieren wir inzwischen aus China & Co., während wir dafür Sachen herstellen und exportieren, für die man nur wenige und dafür hochqualifizierten Arbeitskräfte braucht. Damit fallen viele Stellen im unteren Lohnbereich weg, während die Nachfrage nach Fachkräften steigt. Entsprechend wächst der Lohndruck unten, während die hohen Löhne überdurchschnittlich zunehmen.

Für Volkswirte ist das keine Überraschung. Das Phänomen wird im so genannten Heckscher-Ohlin-Theorem beschrieben. Die niedrigen Löhne sinken in Deutschland als Folge einer zunehmenden Spezialisierung des Landes im Welthandel auf Tätigkeiten, für die man hochqualifizierte Leute braucht.

Interessanterweise taucht das Thema Globalisierung in der (bereits erwähnten) Forschungsarbeit von Christian Dustmann, Johannes Ludsteck und Uta Schönberg zur deutschen Lohnstruktur nicht direkt auf. Die Wissenschaftler  untersuchen neben der technischen Entwicklung drei Ursachen der zugenommenen Lohnspreizung:

  1. Lohnunterschiede waren schon immer unter gut qualifizierten wie auch älteren Angestellten größer. Da der Anteil dieser Gruppen im Laufe des betrachteten Zeitraums 1975-2004 gewachsen ist, ist damit quasi als Nebenwirkung auch die Lohnspreizung gewachsen. Vor allem für die Abkoppelung der hohen Löhne spielt dies eine gewisse Rolle.
  2. Gewerkschaften haben einen bedeutenden Einfluss auf die Lohnentwicklung. So kann es nicht verwundern, dass die unbefriedigenden Lohnentwicklung vor allem im unteren Bereich mit einem schrumpfenden gewerkschaftlichen Organisationsgrad gekoppelt ist.
  3. Der Anteil der Geringqualifizierten auf dem Arbeitsmarkt ist zwar gesunken, seit den 90er Jahren allerdings nur noch gering. Eine wichtige Ursache ist hier die Einwanderung (etwa von Deutschstämmigen aus Osteuropa). Sie hat den Lohndruck im Niedriglohnsektor erhöht und damit den Abstand zwischen Niedrig- und Durchschnittslöhnern erhöht.

Nun zur technischen Entwicklung: Mit Verweis auf zahlreiche andere Studien legen Dustmann, Ludsteck und Schönberg dar, dass nicht einfach Stellen im Niedriglohnsektor wegrationalisiert wurden. Der betrachtete Zeitraum 1975-2004 ist die Zeit der Computerisierung der Unternehmenswelt. Der Computer ersetzt aber nicht die am schlechtesten bezahlten manuellen Tätigkeiten; er wird vor allem für einfache Analyse- und Bürotätigkeiten eingesetzt. Damit fallen vor allem Stellen im mittleren Bereich der Lohnskala weg.

Die von Dustmann, Ludsteck und Schönberg aufgezeigte Datenlage unterstützt die These, dass vor allem im mittleren Lohnbereich Stellen wegrationalisiert wurden. Leute, die hier tätig waren (oder früher geworden wären), bevölkern nun ebenfalls den Niedriglohnsektor und steigern dort den Druck auf die Löhne.

Es geht also um eine Polarisierung der Arbeitskräftenachfrage. Und das ist nun etwas ganz anderes als die immer wieder (und auch von aloa5) angeführte Verlagerung von gering bezahlten Stellen ins Ausland. Tatsächlich sind die am schlechtesten bezahlten Stellen in Deutschland verblieben und lassen sich gar nicht nach China verlegen: Frisöre, Verkäuferinnen usw.

„Was tun?“, ist nun die Frage. Meine Meinung dazu im nächsten Beitrag „Gegenmaßnahmen„.

Wachsende Lohnspreizung in Deutschland – die Fakten

Dass der Abstand zwischen Arm und Reich auch in Deutschland gewachsen ist, gehört schon fast zum Allgemeinwissen. Die Gründe dafür sind dagegen keineswegs klar. Ich möchte heute ein paar Zahlen zum Thema präsentieren und in einem zweiten Artikel nächste Woche einige Ursachen der Besorgnis erregenden Entwicklung aufzeigen. Für beides habe ich mich mit einem Artikel der Wirtschaftswissenschaftler Christian Dustmann, Johannes Ludsteck und Uta Schönberg gewappnet, die diese 2009 im angesehenen Quarterly Journal of Economics veröffentlicht haben.

Eines allerdings vorweg: Vielfach wird beim Thema Einkommensverteilung nur auf die Lohnquote geschaut. Die Nettolohnquote sinkt, einem langfristigen Trend folgend, schon seit den 70er Jahren, während die Nettogewinnquote seit den 90ern steigt. Das heißt, dass der Anteil der Arbeitseinkommen am gesamten Volkseinkommen schrumpft, während der Anteil der Unternehmergewinne und Kapitaleinkünfte steigt. So betrug die Nettolohnquote 1991 noch 48,1 %, 2009 dagegen nur noch 41,1 %. Die Nettogewinnquote stieg dagegen im selben Zeitraum von 29,8 % auf 32,6 %.

Die sinkende Lohnquote ist aber nur ein Teil der wachsenden Einkommensungleichheit. Denn auch innerhalb der Gruppe der Lohn- und Gehaltsempfängern sind die Unterschiede gewachsen. Und um diese Unterschiede (die so genannte Lohnspreizung) soll es im Folgenden gehen.

Die genannten Wirtschaftswissenschaftler Dustmann, Ludsteck und Schönberg untersuchten die Lohnspreizung anhand von deutschen Sozialversicherungsdaten aus den Jahren 1975-2004. Demnach stiegen bei Männern im oberen Gehaltsbereich die Löhne von 1975 bis 1989 um rund 27% und von 1990 bis 2004 um 13%. Der mittlere und der unteren Bereich verzeichneten dagegen bis 1989 Lohnsteigerungen von nur 16 %. Ab 1990 entwickelten sich zusätzlich diese beiden Sektoren auseinander: Im unteren Lohnbereich sanken die Löhne um 5 %, im mittleren stiegen sie dagegen noch um 4 %.

Für die Frauen war die Lohnentwicklung bis in die 80er Jahre hinein in allen Gruppen noch einigermaßen parallel. Danach zeigten sich bei ihnen ähnliche Unterschiede wie bei den Männern: Die Besserverdienenden legten noch einmal um 17 % zu, am anderen Ende stagnierten dagegen die Löhne der Geringverdiener.

Sind 20 Millionen Dollar Jahresgehalt zu viel?

20 Millionen Dollar Jahresgehalt: Dirk Nowitzki bei den Dallas Mavaricks

20 Millionen $ hätte ich natürlich auch gern – habe ich aber nicht. Uns so bleibt mir genauso wie Miss B auf Kantoos nur die Möglichkeit, über die Frage zu sinnieren, ob 20 Millionen $ Jahresgehalt für einen Basketballprofi zu viel sind. So viel bekommen nämlich Spitzenstars der amerikanischen Profiliga NBA wie der Würzburger Dirk Nowitzki.

Miss B versucht in ihrem Artikel das Verhältnis zwischen Spielergehältern und Einnahmen der Liga abzuschätzen und kommt zu dem Schluss, dass diese Relation bei der NBA zumindest von der Größenordnung her ähnlich ist wie in der Bundesliga. Also alles ganz fair?

Leider verliert Miss B in ihrem Artikel überhaupt kein Wort über wirtschaftliche Macht. Die ist aber der entscheidende Schlüssel, um die NBA-Spielergehälter zu verstehen. Wirtschaftliche Macht spielt im Profi-Basketball eine doppelte Rolle: bei den Spitzenspielern selbst und bei der Liga insgesamt. Sie resultiert aus einer Monopolstellung, aus einem Mangel an Alternativen, die ausgenutzt wird.

Das Problem ist folgendes: Fans von NBA-Teams wie der Boston Celtics oder der Los Angeles Lakers interessieren sich nicht einfach nur für Basketball, sie wollen den besten Basketball überhaupt sehen. Die Wirtschaftswissenschaftler sprechen darum von einem Positionalgut. Den Fans ist in erster Linie die relative Qualität wichtig, nicht die absolute.

Somit kommen die Fans an der NBA nicht vorbei. Denn auf den besten Basketball überhaupt hat die NBA ein Monopol. Das Monopol der NBA ist ein so genanntes natürliches Monopol. Es ist weder durch staatliche Regulierung entstanden noch Folge eines technischen Vorsprungs. Es ist entstanden, weil es den besten Basketball überhaupt definitionsgemäß nur einmal geben kann. Solche natürlichen Monopole – allenfalls regional eingegrenzt – sind im Profisport die Regel.

Ähnlich wie die NBA, haben auch die Spitzenstars eine gewisse Monopolmacht. Der objektive Abstand im Können und im Einsatz zwischen den 10 Spitzenspielern und der Nummer 100 ist vielleicht gar nicht mal so groß. Da viele Fans aber den „Weltbesten“ sehen wollen, ist das Einnahmepotenzial für die, die dafür gehalten werden, unvergleichlich größer als für die Nummer 100.

Die Marktmacht der Spieler ist häufig schnell vergänglich, die Monopolstellung der NBA ist allerdings seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts unbestritten. Eine Konkurrenzliga aufzubauen, erforderte enormen organisatorischen Aufwand. Vor allem müsste man die Fans davon überzeugen, dass man von nun an den besten Basketball überhaupt bietet. Möglich wäre das nur, wenn es gelänge, gute Teams aus der alten Liga abzuwerben.

War der Euro wirklich so stabil?

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet 2010

Bei der Verleihung des Aachener Karlspreises wurde (es war nicht anders zu erwarten) das Hohelied auf die Stabilität des Euros gesungen – nicht zuletzt vom Preisträger selbst, dem EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet. In seiner Dankesrede sagte er: „In den ersten zwölf Jahren nach der Euro-Einführung betrug die durchschnittliche jährliche Inflationsrate 1,97 %. Dieser Wert steht in vollem Einklang mit der Definition von Preisstabilität der Europäischen Zentralbank (EZB): eine Preissteigerungsrate von unter, aber nahe 2 % auf mittlere Sicht.“

Nun, nachts sind alle Katzen grau – und im Durchschnitt sind sie es auch. Ob die Europäer tatsächlich mit dem Euro zufrieden sein können, entscheidet sich nicht an Durchschnittswerten, sondern an der Preissteigerung vor Ort. Schauen wir uns darum die nationalen Zahlen seit Einführung des Euro-Bargeldes (2002) an. Lassen wir die kleinen Länder außer Acht und berücksichtigen nur die mit mehr als 4 Millionen Einwohnern. Das sind zwölf: Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Niederlande, Österreich, Portugal und Spanien sowie ab 2009 die Slowakei.

Es geht also von 2002-2010 um 101 Daten über die durchschnittliche jährliche Preissteigerung . Wie häufig lag die Inflation im Rahmen des EZB-Zielkorridors, also bei 0,0-2,0 %?

46 Mal wurde das EZB-Ziel eingehalten, mehrheitlich aber, nämlich 55 Mal wurde das EZB-Ziel verfehlt. Am zufriedensten können die Finnen mit dem Euro sein, hier riss die Latte nur 2008. Auch in Deutschland lag die Inflation nur in zwei von neun Jahren über der 2-%-Marke.

Anders sieht es in Irland aus. Seit Einführung des Euros lag die Preissteigerung hier nie innerhalb des EZB-Zielkorridors. 2002-2008 lag die Inflationsrate darüber, 2009 und 2010 hatten die Iren dafür eine Deflation. In Griechenland, Portugal und Spanien wurde das Inflationsziel nur einmal erreicht und auch in Italien nur drei Mal: 2007, 2009 und 2010. Es ist wohl kein Zufall, dass alle heutigen Problemländer schlecht abschnitten.

Gut war der Euro während der Krise 2009/10. Es gab Verfehlungen in jeweils drei Ländern. Miserabel war er allerdings im Wirtschaftsboom davor. 2008 wurde die 2-%-Latte in allen elf betrachten Ländern gerissen. Es gab auch immer wieder hohe Inflationsraten von mehr als 4 %: Belgien 2008, Griechenland 2008 und 2010, Irland 2002, Spanien 2008.

Die Bilanz des Euros ist also sehr durchwachsen. Das ist nur zum geringeren Teil die Schuld der EZB. Ihr muss man allerdings eine zu lockere Geldpolitik vor Ausbruch der Finanzkrise 2007/08 anlasten. (Und auch gegenwärtig ist die Geldpolitik nicht restriktiv genug, zukünftige Statistiken werden es zeigen.) Ansonsten aber sind die Verfehlungen Ergebnis der Fehlkonstruktion einer zu großen Währungszone. Eine europaweit einheitliche Geldpolitik passt häufig für die Situation vor Ort nicht.

Muss der Spritpreis reguliert werden?

Welt Online stellt unter dem Titel „Ökonomen verreißen Regulierung von Benzinpreisen“ die drei gegenwärtig diskutierten Modelle zur Spritpreisregulierung vor. Ausführlich kommen auch die Gegner einer Regulierung zu Wort und so ist die Tendenz des Artikels klar gegen staatliche Eingriffe.

Tankstellensymbol

Überzeugen kann mich das nur bei der Regulierung nach Luxemburger Modell. In Luxemburg gibt es eine Vereinbarung zwischen Mineralölwirtschaft und Regierung, nach der sich die Tankstellenpreise aus den Rotterdamer Großhandelspreisen plus einer festen Marge ergeben. Diese Regelung ist natürlich nichts anderes als die Aufhebung des Preiswettbewerbes durch ein Kartell. Und so verwundert es nicht, dass Superbenzin in Luxemburg vor Steuern einen halben Cent teurer ist als in Deutschland.

Das österreichische Modell sieht hingegen vor, dass die Tankstellen ihren Preis nur einmal am Tag (mittags) ändern dürfen. Preiszyklen würden dadurch jedoch nur verlangsamt, glaubt das Bundeskartellamt, das Preisniveau ändere sich nicht. Hier ist allerdings ein Fragezeichen anzusetzen. Sehr häufige Preisänderungen können zu Intransparenz auf dem Markt führen, die Autofahrer verlieren den Durchblick, tanken mitunter teurer als sie müssten.

Das österreichische Modell erhöht die Transparenz und sollte daher tendenziell die Preise senken. Wunder darf man sich natürlich nicht erwarten, denn der größte Teil des Kraftstoffpreises ist durch Steuern, Großhandelspreise u.a. festgelegt. Zudem sind sich mehrmals täglich ändernde Kraftstoffpreise nach Auskunft des Bundeskartellamtes nicht die Regel.

Noch weiter geht das Modell Westaustralien. Hier müssen die Tankstellen ihre Preise für den nächsten Tag dem Handelsministerium melden. Die Preise gelten dann für 24 Stunden. Sie werden im Internet veröffentlicht und lassen sich telefonisch abfragen.

Das Modell Westaustralien ist ein weiterer Schritt in Richtung Markttransparenz. Viele Autofahrer würden wohl auch in Deutschland die Internetinformationen unterwegs übers Handy abfragen. Von staatlicher Seite müsste allerdings eine zusätzliche Aufsichtsbehörde geschaffen werden. Trotz einer letztlich begrenzten Wirkung, würde wohl der Nutzen die Kosten überwiegen.