Wirtschaftswurm-Blog

Ein Schuldenschnitt ist notwendig, aber nicht ausreichend

Die Debatte um einen Schuldenschnitt der griechischen Staatsschulden ist auch in den deutschen Wirtschaftsblogs angekommen. Allerdings geht es gar nicht mehr um das Für und Wider einer Umschuldung. Dass Griechenland um eine Entschuldung nicht mehr herumkommt, steht außer Frage. Debattiert wird nur noch über die möglichen Folgen und die Vorgehensweise.

Franz Lübberding sorgt sich bei Weissgarnix um den Dominoeffekt:

„Es mag sein, dass es Iren, Portugiesen oder auch Spanier im Gegensatz zu den Griechen aus eigener Kraft schaffen können. Aber wie will man der dortigen Bevölkerung diesen Kraftakt vermitteln, wenn es in Athen doch auch anders geht?“

Und weiter:

„In kurzer Frist käme von den USA bis Japan jeder Staat in den Verdacht, sich in gleicher Weise wie die spanischen Könige der frühen Neuzeit ihrer Schulden zu entledigen.“

Allerdings wissen Iren, Portugiesen und Spanier, dass man einen Schuldenschnitt nicht mal eben aus einer Laune heraus macht. Wenn sie ihn durchführen (und die Portugiesen werden mittelfristig nicht darum herumkommen), dann, weil eine Entschuldung notwendig ist. Und was die Spekulanten anbelangt: Ihre Rolle in der Schuldenkrise ist nicht so groß, wie häufig angenommen.

Kantoos und Mark Schieritz vom Herdentrieb streiten sich um die Frage: „Großer“ Schuldenschnitt oder „kleine“ Verlängerung der Rückzahlungsfristen. Kantoos hält eine Laufzeitverlängerung im Vorfeld eines großen Schuldenschnitts für sinnvoll. Dadurch bleiben die privaten Gläubiger im lecken Boot, gewinnen aber Zeit, sich auf den Untergang vorzubereiten.

Nun fragt sich, warum man im Jahr drei der Finanzkrise weiterhin auf Banken (und um sie als private Gläubiger geht es hauptsächlich) Rücksicht nehmen muss. Warum gibt es noch keine Regelungen, die verhindern, dass eine Bankenpleite gleich zur Systemkrise wird? Merkel sollte sich lieber um diese Fragen kümmern als um das griechische Rentenalter.

Inzwischen sind allerdings die privaten Gläubiger sehr stark durch öffentliche Gläubiger ersetzt worden und das ist wohl der Grund, warum auch Kantoos eine Verlängerung der Zahlungsfristen zum gegenwärtigen Zeitpunkt für nicht mehr sinnvoll hält.

Es gibt allerdings noch andere Gründe, warum es sinnvoll ist, einen Schuldenschnitt hinauszuzögern. Solange die griechische Wirtschaft danieder liegt, würde er nämlich keine Entlastung bringen. Schon in wenigen Jahren wäre wieder ein neuer Schuldenberg angehäuft.

Es muss also erst die Wettbewerbsfähigkeit des Landes hergestellt werden, dann kann man an eine Entschuldung denken. Die öffentliche Diskussion krankt daran, dass zu viel über die griechischen Schulden und zu wenig über die griechische Wirtschaft debattiert wird. Doch die Schulden sind nur das Symptom, das griechische Wirtschaftsdesaster bildet den Kern des Problems.

Wir können natürlich nun nach 20 Jahren Aufbau Ost auch 20 Jahre lang gewaltige Transfersummen nach Südeuropa schicken, um so die Wirtschaft dort aufzubauen. Wer dafür ist, hebe bitte die Hand oder kommentiere diesen Artikel. Der billigere Weg für Kerneuropa und der schnellere Weg für Griechenland ist allerdings ein Austritt der Griechen aus der Eurozone und damit eine Verbilligung ihrer Waren und Dienstleistungen auf dem internationalen Markt.

6 Kommentare

  1. „Der billigere Weg für Kerneuropa und der schnellere Weg für Griechenland ist allerdings ein Austritt der Griechen aus der Eurozone und damit eine Verbilligung ihrer Waren und Dienstleistungen auf dem internationalen Markt.“

    Gut gebrüllt! Ich bin völlig deiner Meinung. Das ganze Umschuldungspalaver geht am Kern der Sache vorbei. Wobei Griechenland nicht einmal aus der Eurozone austreten müsste meiner Meinung nach. Der Euro könnte Legal Tender bleiben. Die Griechen könnten die Drachme 2.0 als Parallelwährung einführen. Steuerzahlungen werden ausschliesslich in Drachme 2.0 akzeptiert (verbunden mit einer neuen drakonischen Steuereintreibung) und alle Ausgaben des Staats erfolgen ebenso ausschließlich in Drachme 2.0. Der Wechselkurs zwischen Euro und Drachme ergibt sich aus FX Transaktionen. Damit würde man einen Bank Run vermeiden.

    Damit wären die griechischen Schulden Fremdwährungsschulden und Griechenland könnte a’la Argentinien weiter vorgehen. Entweder Anleihen werden konvertiert (also Schuldenschnitt) oder Merkel kümmert sich um die Deutschen Zombie-Banken statt über die Anzahl der Urlaubstage in Griechenland zu sinnieren.

  2. Der einzige Weg ist es alle Politiker und Bankster und Konzernbosse zum Teufel zu jagen und dann mit einem neuen Geld- und Gesellschaftssystem neu anzufangen. Alles andere ist Augenwischerei und ändert gar nichts.

  3. Teufel sagt

    Das Absurde ist natürlich, dass jetzt, wo ein Großteil der griechischen Schuldscheine im weitesten Sinne beim Staat liegen, über einen Schuldenschritt gesprochen wird. Kann mir irgendwer erklären, was das letzte Jahr Griechenland gebracht hat? Kann mir irgendwer erklären, was das letzte Jahr den anderen Mitgliedsstaaten gebracht hat? Einzig und allein die früheren Gläubiger Griechenlands konnten sich von alten Schuldscheinen lösen. Die insoweit entstehenden Verluste trägt nun 1/1 die Allgemeinheit. Da muss man der Politik wirklich gratulieren zu diesem Meisterstück.
    MMn ist es letztlich egal, ob Griechenland austritt, man einen Nord- und einen Südeuro macht oder Deutschland die D-Mark wieder einführt. Aber dankenswerter Weise könnten sich die Herrschaften mal zu einer realistischen Alternative durchringen, bevor die Geldverbrennerei noch schlimmer wird. Mit Transferzahlungen wird man keinen Erfolg haben: Erstens sind die Länder im Norden gar nicht so leistungsfähig, dass sie das stemmen könnten (die Länder im Süden und Osten dürften 3/4 der Bevölkerung ausmachen; die ehemalige DDR machte im Vergleich zu Westdeutschland 1/4 aus; Italien wo Süden und Norden fast gleichgroß sind, kommt mit der Entwicklung des Südens schon nicht mehr voran), ohne ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit zu riskieren – kurz das Mittel ist bereits ungeeignet, aber das war der „Rettungsschirm“ ja auch von Anfang an; zweitens wird es kaum zu vermitteln sein, dass diejenigen, die sich angestrengt haben, die anderen durchziehen. Den Gedanken der Solidargemeinschaft mag man in innerhalb eines Volks noch verkaufen können, wenn aber die gemeinsame Kultur und Geschichte der Nation als Bezugspunkt verschwindet, wird das niemand wollen: Man denke nur an die geringen Ansätze, die für Entwicklungshilfe aufgebracht werden, obwohl das unstreitig im langfristigen Interesse der entwickelten Länder liegen würde und bei weitem nicht so aussichtslos wäre, wie Griechenland weiter dafür zu sponsorn, dass sie auf Kredit Mercedes statt Fahrrad fahren.

  4. Wirtschaftswurm sagt

    @Stephan,
    ob eine solche Art Parallelwährung funktioniert? Es wird schon einen Grund geben, warum es das nirgendwo auf der Welt gibt. Einen Bankenansturm muss man durch Einfrieren der Konten vor der Währungsreform verhindern.
    @Teufel,
    der einzige Effekt des Hinauszögerns des Schuldenschnitts ist wohl tatsächlich, dass private Gläubiger durch öffentliche ersetzt wurden. Die EZB hat durch den unseligen Ankauf der griechischen Anleihen das ihrige dazu beigetan. Fragt sich nur: Absicht oder Dummheit?

  5. Pingback: Kleine Presseschau vom 23. Mai 2011 | Die Börsenblogger

  6. @Wirtschaftwurm
    ???
    In halb Afrika kannst du entweder in der lokalen Währung oder in US$ bezahlen. Vor der Einführung des Euro hat das UK Treasury vorgeschlagen den Euro als Parallelwährung einzuführen. Nur dann hätte Großbritannien auch mitgemacht. Google mal „Parallel Currencies“ und „Complementary Currencies“. Hier noch ein paar Links:

    Parallel currencies could boost euro (FT Paywall)
    A Multi-Currency Alternative To EMU
    The Beauty of a Parallel Currency

    In Montenegro hat das scheinbar mit dem Dinar und der Deutschen Mark hervorragend funktioniert. Warum sollte es einen Bankenansturm geben wenn der Euro Legal Tender bleibt und niemand enteignet wird? Wenn allerdings Herr Alexis Sorbas seine Steuern zahlen muss dann braucht er Drachmen.

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