Zwischenruf

Griechenland: Grexit statt Dauer-Notstandsgebiet

Parthenon Ausschnitt

Der Ausgang aus dem Dauer-Notstandsgebiet Griechenland ist klar beschildert. Über den Pfeilen steht „Grexit“.

Zum 1. Juli wird Griechenland zu einem Notstandsgebiet, es drohen erhebliche Probleme bei Energieversorgung, innerer Sicherheit und Gesundheit. So verkündet es zumindest Günther Öttinger für den Fall, dass die Verhandlungen der Eurogruppe mit Griechenland scheitern. So als ob Griechenland noch bis zum 30. Juni ein Paradies der Glückseligen wäre – mit nichts als Wohlstand, Zufriedenheit und Sonnenschein.

Tatsächlich aber sind über 25% der Griechen arbeitslos und viele Griechen sind verarmt und haben keine Krankenversicherung mehr. Kann es wirklich noch schlimmer kommen?

Und auf der anderen Seite: Was wäre mit einem Verhandlungserfolg gewonnen? Griechenland bekäme zwar die letzte Kredittranche von 7,2 Milliarden Euro, doch Griechenland muss bis Anfang August 2,2 Milliarden Euro an den IWF zahlen und 3,46 Milliarden an die EZB. Für die nächste Rate an die EZB von 3,19 Milliarden am 20. August reichte das Geld dann schon nicht mehr. Wahrscheinlich müsste Öttinger im August wieder vor die Mikrofone laufen und verkünden, Griechenland werde zum 20. August ein Notstandsgebiet, wenn nicht endlich das nächste Hilfspaket beschlossen werde.

Die Verhandlungsspielräume sind auf beiden Seiten längst ausgereizt

Der Chefvolkswirt des IWFs, Oliver Blanchard, hat das Angebot Merkels und der Eurogruppe durchgerechnet (Mark Schieritz hat darüber berichtet). Dieses Angebot sieht vor, dass Griechenland ab 2017 einen Primärüberschuss von 3,5% des BIPs erzielt und dieses Jahr einen Primärüberschuss von 1% des BIPs. Der Primärüberschuss ist das, was Griechenland netto an seine Gläubiger zahlt. Nach Blanchard nun reichen solche Überschüsse nicht aus, damit Griechenland jemals wieder ein tragfähiges Schuldenniveau erreicht. Bereits Merkels Angebot funktioniert also nur mit einem Schuldenschnitt. Das verschweigt die Kanzlerin allerdings ihren Wählern.

Auf der anderen Seite ist längst nicht mehr die Frage, was Merkel will, sondern, was die Griechen leisten können. Und solange keine Möglichkeit besteht, die griechische Wirtschaft durch eine Abwertung wettbewerbsfähiger zu machen, ist auch der von Merkel mitgedachte Schuldenschnitt zu gering. Wie man es dreht und wendet, der Grexit muss her.

Yanis Varoufakis hat ja recht, wenn er meint, dass zuerst die Wirtschaft wieder in Gang gesetzt werden muss, bevor an eine Rückzahlung zumindest eines Teils der Schulden zu denken ist. Wir dürfen ihm allerdings nicht durchgehen lassen, die Verantwortung für das Wohlergehen Griechenlands allein einer fernen Brüsseler Zentrale aufzubürden. Das wird schief gehen. Die Aufgabe einer griechischen Regierung darf sich nicht wie vor 2008 darin erschöpfen, EU-Wohltaten an griechische Bürger zu verteilen.

Foto: Parthenon

17 Kommentare

  1. Ich bin auch deiner Meinung, dass wir endlich den GREXIT brauchen. Ich glaube aber nicht, dass alle Beteiligten das erkennen wollen. Die Politiker werden weiter Verhandeln und die Poker um Griechenland wird sich meiner Meinung nach noch eine Weile hinziehen. Geholfen wird damit langfristig niemandem.

    Gruß,

    Claudius

  2. Lilo sagt

    Aus dem Artikel spricht der wirtschaftswissenschaftliche Verstand, wie ihn auch viele VWL-Professoren so klar formulieren.
    Die Aussage aber ist, der GREXIT kommt am 1.Juli. Diese Meinung teile ich nicht. Denn was wiwi vernünftig ist, ist noch lange nicht zwingende Politik von Merkel und der EU. Denen geht es um ihr eigenes Bild, keine Fehler zuzugeben, keine Schuldenschnitte verkünden und sich nicht vor den eigenen Wählern verantworten zu müssen. Daher meine Prognose: Es geht weiter wie bisher, der GREXIT wird aufgeschoben, sicherlich nicht aufgehoben, und Merkel wird irgendwie die Griechen wieder zum Euro mit entsprechend Geld bekehren. Auch weil die Mehrheit der Griechen selber es so will, und Tsipras nicht gegen deren Willen agieren kann.

  3. Also wir lassen einen Staat über viele Jahre (primär monetär) ausbluten (Target Salden zeigen das über den gesamten Zeitraum an). So lange noch genug Kohle da ist, dass die Kreditzahlungen geleistet werden können juckt das keinen, niemand sieht größeren Handlungsbedarf.
    Als es soweit ist, dass durch den Liquiditätsmangel nicht mal mehr der Staat in der Lage ist, Renten & Gehälter auszuzahlen, DANN heißt es plötzlich GREXIT muss her, da „EU-Wohltaten“ für die griechischen Bürger nicht gingen?! Mir fehlt da ehrlich gesagt der Zusammenhang.

    Wann geht die Diskussion über die Ursache der Ungleichgewichte los? Bitte mit Beleuchtung mehrerer Seiten. „DIE sind schuld“ ist viel zu einfach. Mit der Einhaltung von Regeln (Stabilitätskriterien) nimmt man es hierzulande auch nicht so genau. Das blendet man aber besser aus, am Ende stellt man noch einen Zusammenhang fest (Überschüsse hier – Defizite inkl. Überschuldung anderswo).

  4. Der Unterschied zwischen EU- und GR-Position liegt bei weniger als 2 Milliarden Euro. Das ist nichts. Das Haushaltsdefizit liegt bei 6 bis max. 8 Mrd. pro Jahr. Dafür einen Grexit riskieren? Wo etwa 240 Mrd. Euro in den Händen der Steuerzahler liegen (oder 120% des BIPs)? Wieviel davon soll Griechenland nach einem Euro-Austritt und der Einführung der Drachme denn zurückzahlen? Gibt der Drachme eine 30%ige Abwertung, dann sind aus den 120%/BIP Staatsschulden 170%/BIP geworden (allein der EU-Anteil). Die zahlt Griechenland auch nicht zurück.

    Welches Problem ist dann genau behoben? Die Schulden (wieder nur die, die bei der EU liegen) müssen dann auch geschnitten, grob halbiert werden. Schaden für den Steuerzahler: 120 Mrd. Euro. Man vergleiche das jetzt mit den 6 oder 8 Mrd. Euro Haushaltsdefizit pro Jahr, die in den letzten Jahren *deutlich* geschrumpft sind. 2014 waren es 6,3 Mrd. oder 3,5% des BIPs. Wenn die Wirtschaft stabilisiert wird und die Griechen das Geld nicht mehr von denBanken holen (weil dem Land nicht permanent mit Rauswurf gedroht wird), fangen sich auch die Banken wieder und die Firmen (und Touristikbranche) investiert wird. Dann wird das Haushaltsminus noch weiter schrumpfen. Die 120 Mrd. Haircut, die die EU bei einem Grexit verkraften müsste, reichen selbst bei gleichbleibendem Defizit aus, um GR 20 Jahre zu finanzieren. Das wird aber nicht nötig sein, weil der Haushalt von GR nach den Sparorgien selber wieder ins Lot kommt, sobald die Unsicherheit weg ist.

    Ja, nenn mich unverbesserlichen Optimisten. Aber wie man den Grexit befürworten kann, obwohl sich dann 120 Mrd. Euro Verluste materialisieren werden, ist mir etwas schleierhaft … Der Grexit wäre *eventuell* 2011 oder 2012 eine Lösung gewesen. Damals konnte man aber nicht, weil Portugal, Spanien, Irland und auch Italien ebenfalls am Abgrund standen und Bankrun und Ansteckungsgefahr Europa in den Abgrund gezogen hätten. Heute hingegen ist der Grexit keine Lösung, weil die Schulden beim Steuerzahler liegen.

  5. Die Vorgangsweise der EU gegenüber Griechenland dient nur zu einen Zweck, die Gläubiger und Banken zu schützen. Frau Merkel und die EU haben schon so viel Geld hineingepumpt, der Verlust wäre für beide Seiten enorm. Glaube auch jetzt nicht daran dass sie die Griechen wie eine heisse Kartoffel fallen lassen.
    Die Griechen wären sicher besser daran den Euro zu verlassen und sich wieder selber auf die Beine zu stellen. Griechenland muss auch sein System ändern er kann nicht so weitermachen wie bisher.Vergessen wir natürlich auch nicht den Amerikaner der auch seinen desolaten Dollar im Spiel hat.

    Gruss Alois

    http://dieganzewahrheit-blog.tumblr.com
    https://youtu.be/JpMwPOAXw14

  6. @Lilo,
    „Die Aussage aber ist, der GREXIT kommt am 1.Juli.“ – Nein, das wollte ich überhaupt nicht sagen. Dass das Griechenlandproblem weiter mit viel Geld vor sich hingeschoben wird, halte auch ich im Moment für wahrscheinlicher. Das Problem ist die Lernunfähigkeit der Politik.
    @thewisemansfear,
    „Wann geht die Diskussion über die Ursache der Ungleichgewichte los?“ Naja, ich diskutiere das hier im Blog seit fünf Jahren. Z.B. in Schülerfragen zur Eurokrise oder in Es droht die Griechenlandisierung unseres Kontinents Europa.
    @egghat,
    „Gibt der Drachme eine 30%ige Abwertung, dann sind aus den 120%/BIP Staatsschulden 170%/BIP geworden (allein der EU-Anteil).“ – Ich finde die Rechnung oberflächlich. Wie viel Griechenland zurückzahlen kann, hängt hauptsächlich von der Stärke seiner Wirtschaft ab. Eine abgewertete Währung kann aber die Wirtschaft am schnellsten ankurbeln. Dann würde langfristig auch wieder der Drachme steigen.

  7. @Wirtschaftswurm:

    Jetzt machst du aber widdewiddewitt die welt wie sie dir gefällt. Wettbewerbsfähig wird die griechische Wirtschaft, weil sie die Drachme abwertet. Und anschließend werden die durch die Abwertung untragbar hohen Schulden wieder tragbar, weil die Drachme wieder steigt und aus irgendwelchen magischen Gründen die Wettbewerbsfähigkeit dadurch nicht wieder sinkt.

    Sorry, aber von den beiden Dingen bekommst du nur eins: Entweder schwache Drachme, dann aber keine Schuldentragfähigkeit, oder ne starke Währung, dann aber keine Wettbewerbsfähigkeit.

    Wenn du letzteres für möglich hältst (starke Währung & starke Wettbewerbsfähigkeit), brauchst du GR auch nie rauswerfen, sondern setzt einfach alles um, was dafür notwendig ist.

  8. „Jetzt machst du aber widdewiddewitt die welt wie sie dir gefällt.“ – Wenn der Drachme um 30% gefallen ist, muss man erst einmal ein Schuldenmoratorium machen. Wenn sich der Drachma dann stabilisiert hat, kann man absehen, wie viel Griechenland tatsächlich zurückzahlen kann. Ich halte es aber für die Zahlungsfähigkeit Griechenlands für wichtiger, dass die Wirtschaft wächst anstatt, ob der Drachme 5% höher oder tiefer steht.
    Ich habe hier übrigens über den Grexit geschrieben, nicht weil es die Optimallösung ist, sondern weil hier akut eine Lösung notwendig ist. Die Optimallösung wäre ein Austritt Deutschlands aus der Eurozone. Der Dexit wäre technisch in der Tat einfacher zu machen als der Grexit.

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  10. Andreas sagt

    Wenn ich das als Nicht-Ökonom richtig verstehe ist die Liquiditätsproblematik hausgemacht: „Nach Zahlen der Privatbank Sal. Oppenheim haben private Haushalte und Unternehmen in Griechenland allein im April 4,5 Milliarden Euro an Einlagen aufgelöst – gut 200 Millionen Euro pro Tag.“ und „Außerdem ließen viele Bürger die Fristen für die Zahlung von Steuern verstreichen. Stattdessen versuchten sie, Steuern später in Raten zu zahlen.“ Wobei hier natürlich die Herrschaften gemeint sind, welche ein zu versteuerndes Einkommen überhaupt haben.

    Frage: Warum ist es so schwer Kapitalflusssperren einzurichten? Warum geht man nicht an die Privatvermögen, welche zu nicht unbeträchtlichem Teil durch Korruption ergaunert wurden?

    Wie ein Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone diese inherente Korruption beseitigen soll ist auch nochmal eine extra Diskussion.

  11. @Andreas,
    ja, der Konsum insgesamt ist ja unterpropotional zurückgeganen, wie ich in Varoufakis lügt geschrieben habe. Ich deute das auch so, dass es innerhalb Griechenlands noch etwas zu holen gibt. Was die Kapitalflusssperren anbelangt, so hat dazu Hans-Werner Sinn meiner Meinung nach schon das richtige dazu geschrieben: Die griechische Regierung will sie nicht, da die Kapitalabflüsse den Druck auf die übrigen EU-Staaten erhöhen. Die Kapitalabflüsse werden ja durch Geld aus den ELA-Krediten der EZB ermöglicht. Je höher dieser Posten wird, desto mehr muss die Eurozone bei einem Austritt Griechenlands abschreiben.

  12. Der Grexit kostet uns ja mindestens 300-400 Milliarden (Kredite / Target-Salden). Daher würde ich sagen, wenn Sie den Grexit bestellen, dann zahlen Sie den auch. Haben Sie Schäuble schon Ihre Kreditkartennummer durchgegeben?

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  14. Erich sagt

    Klar kostet ein Gexit jetzt sehr sehr viel Geld, aber dises Geld ist ja eh schon weg.Wenn wir so weiter wursteln wie bisher, dann sind es in 5 Jahren halt nicht 400 Mrd, sonder 500 Mrd Euro.
    Klar, wenn die Eurogemeinschaft im Extremfall Griechenland so viel Kredit gibt, dass es jeden Arbeitslosen als Beamten einstellen kann, geht es sofort aufwärts mit der griechischen Wirtschaft. Schliesslich zählen ie Beamtenghälter ja mit zum BSP, auch wenn da gar keine tatsächliche Leistung erbracht wird. Und diese Beamten können dann wiederum das Geld für die Import der Waren anderer Länder ausgeben, so dass auch der griechische Handel davon profitiert. Aber die Fähigkeit zur Rückzahlung dieser Kredite wird damit auf keinen Fall geschaffen. Man bekommt nur immer mehr Schulden, aber keine wirkliche wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
    Genau dieser Mechanismus führte doch Griechenland erst in die Krise, Kredite, welche keine entsprechende Erhöhung des wirtschaftlichen Potentials zur Folge hatten (natürlich nicht in dem Umfang meines Extrembeispiels). Irgendwann ist dann eben Ende mit dem Spiel, und das Land kann nur noch das ausgeben, was es auch selber erwirtschaftet.

  15. Was heißt hier, das Geld ist weg? Ich könnte ohne große Mühe Griechenland wieder auf die Beine stellen, so dass es seine Kredite zurückzahlt. Insofern, wenn Ihr den Grexit wollt, dann zahlt den bitte selbst, ich brauch so einen Schnickschnack nicht.

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