Wirtschaftswurm-Blog

Kein Schreckensszenario: Europa ohne Euro

SPON-Autor Sven Böll hat sich nicht nur ein wirtschaftliches Schreckensszenario ausgedacht für den Fall, dass Deutschland aus der Eurozone austritt, sondern auch ein politisches. Dabei lässt er seinen apokalyptischen Phantasien völlig freien Lauf. Eine nüchterne Abwägung der Chancen und Risiken eines Austritts Deutschlands aus der Eurozone sieht anders aus. Schauen wir uns die Thesen Bölls genauer an:

„Die Bundesrepublik wäre wirtschaftlich und politisch isoliert.“

Böll bedient hier das aus zwei Weltkriegen gewachsene deutsche Trauma der Isolation. Ihre nationale Interessenlage spricht aber dafür, dass sich Holland, Österreich und Finnland erleichtert der deutschen Linie anschließen werden. Und bei den Nicht-Euro-Staaten darf man bei einem Austritt aus der Eurozone ohnehin auf viel Verständnis hoffen.

Selbst Frankreich und Italien werden natürlich sehr schnell von der Fahne der Euro-Solidarität mit den Pleiteländern Griechenland, Portugal, Spanien und Irland desertieren, wenn Deutschland nicht mehr zahlt. Unglaubwürdig, sollten Franzosen und Italiener dann noch auf Deutschland mit dem moralischen Zeigefinger verweisen.

„Außerdem ist damit zu rechnen, dass es zu einem Wettlauf kommt – beim Vertragsbruch der EU-Gesetze genauso wie bei der Abwertung der Währungen und protektionistischen Maßnahmen.“

Nein, damit ist nicht zu rechnen. Denn die Deutschen sind (wie unter dem Titel „Euro-Mythos: Ein Blick in die Geldbörse genügt“ bereits geschrieben) nicht der größte wirtschaftliche Profiteur der EU und der EU-Binnenmarkt ist keine bloße Gefälligkeit der anderen EU-Mitglieder an Deutschland. Der Binnenmarkt ist in ureigenem Interesse aller. Von ihm haben alle profitiert und es werden darum auch alle bemüht sein, den Binnenmarkt auch ohne Euro zu behalten.

„Zerfällt Europa dagegen in egoistisch agierende Nationalstaaten, ist der internationale Bedeutungsverlust der einzelnen Länder beschlossene Sache.“

Die Frage ist, was nützt potenzieller internationale Einfluss, wenn man ihn aufgrund der schon jetzt vorhandenen Zerstrittenheit nicht nutzen kann. Der Fall Libyen zeigt das wieder deutlich. (Siehe auch „Angstmacher Jens Witte“.)

7 Kommentare

  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 30. März 2011 | Die Börsenblogger

  2. Die einzige Frage die ich Sven Böll stellen würde: wenn sie so ein glühender € Verehrer sind warum schreiben sie dann nicht einen Artikel „Wir brauchen eine € Fiskalunion“.

  3. Wirtschaftswurm sagt

    Der Euro-Rettungsschirm ist doch schon fast eine Fiskalunion.

  4. >Der Euro-Rettungsschirm ist doch schon fast eine Fiskalunion.

    Notkredite konstituieren keine Fiskalunion. Das muss man das kleine Wort „fast“ schon sehr überstrapazieren.

  5. Wirtschaftswurm sagt

    Ok, zu eine Fiskalunion gehört mehr als dieser windelweiche Stabilitätspakt. Im Grunde stimme ich dir zu. Bei einer echten Fiskalunion würde Deutschland aber noch mehr draufzahlen. Außerdem bedeutet jede Zentralisierung in Richtung Europa auch weniger Demokratie.

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