Interview

Interview mit Alexander Dilger, Spitzenkandidat der AfD: „Wir stellen einfach das Offensichtliche fest“

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Alexander Dilger ist nicht nur der Spitzenkandidat der euroskeptischen Partei AfD in Nordrhein-Westfalen, er ist auch Ökonomieprofessor in Münster und Blogger. Grund genug für den Wirtschaftswurm, ihn zu interviewen. Das Interview fand per E-Mail in zwei Runden statt, also Fragen – Antworten, Zusatzfragen – Zusatzantworten.

Arne Kuster: Herr Professor Dilger, der anstrengende Bundestagswahlkampf ist nun bald vorbei. Sind Sie froh?

Alexander Dilger: Der Wahlkampf war intensiv, interessant und voraussichtlich erfolgreich. Danach kommen andere, aber nicht weniger Arbeiten auf die zukünftigen Fraktionsmitglieder einschließlich mir zu.

Arne Kuster: Was wird Ihr erster Antrag im Bundestag sein?

Alexander Dilger: Die Fraktion wird sicherlich einen Antrag zum Euro bzw. gegen die sogenannte Eurorettungspolitik einbringen, außerdem zu Volksentscheiden, vielleicht auch beides verknüpft, also die Forderungen nach einem Volksentscheid zum Euro.

Arne Kuster: Das Hauptthema Ihrer Partei AfD ist ja die Eurokrise. Sie wollen die Europäische Währungsunion verkleinern. Welche Länder sollten Ihrer Meinung nach austreten und warum?

Alexander Dilger: Die Alternative für Deutschland ist in diesem Punkt nicht festgelegt. Wir stellen einfach das Offensichtliche fest, dass die Eurozone nicht funktioniert und allen beteiligten Ländern und Völkern schadet. Deshalb muss sie zumindest verändert oder komplett aufgelöst werden. Es könnten also alle Länder austreten oder erst einmal einzelne, sei es im Süden oder im Norden.

Arne Kuster: Handelsdaten, die ich einmal hier im Blog analysiert habe (Die Spaltung Europas) deuten darauf hin, dass letztlich auch Frankreich mit dem Euro überfordert ist. Sollte man nicht gleich auf einen optimalen Währungsraum im Sinne der Wirtschaftstheorie zusteuern? Ein solcher Währungsraum umfasste wohl nur Deutschland, Österreich, die Beneluxstaaten und Finnland?

Alexander Dilger: Die Alternative für Deutschland ist da (noch) nicht festgelegt. Persönlich befürworte ich die Rückkehr zu nationalen Währungen. Denn mehrere souveräne Staaten bilden höchstens vorübergehend einen optimalen Währungsraum, um sich über die Zeit auseinander zu entwickeln.

Arne Kuster: Ihre Partei schlägt für die Austrittsländer einen Übergangszeitraum vor, in dem zwei Währungen parallel genutzt werden. Wie muss ich mir das praktisch vorstellen?

Alexander Dilger: Parallelwährungen sind nur ein Austrittsszenario neben anderen. Zypern hat im Prinzip schon zwei Währungen, da auf etlichen Konten Euro eingefroren wurden und damit weniger wert sind als andere Euro. Griechenland könnte z. B. Drachmen drucken und damit seine Angestellten bezahlen. Die Drachmen zirkulieren dann als Zweitwährung mit einem Abschlag gegenüber dem Euro.

Arne Kuster: Wenn die Guthaben in Euro bestehen bleiben, müssen auf der anderen Seite auch die Schulden in harten Euros zurückgezahlt werden. Gleichzeitig bekommen verschuldete Haushalte und Unternehmen aber hauptsächlich Einnahmen in der neu eingeführten Weichwährung, z.B. in Drachme, mit schlechtem Umtauschkurs. Wie können Haushalte und Unternehmen so Schulden jemals zurückzahlen?

Alexander Dilger: Ein Land wie Griechenland kann seine Schulden unmöglich in Euro zurückzahlen, ob es nun den Euro behält oder nicht. Es benötigt einen Schuldenschnitt, der aber erst nach Austritt aus dem Euro erfolgen sollte. Er könnte auch als eine Art Prämie dafür in Aussicht gestellt werden.

Arne Kuster: Dass Griechenland als Staat einen zweiten Schuldenschnitt braucht, ist wohl unter Experten unumstritten. Mir ging es allerdings um die Schulden der privaten Haushalte und Unternehmen in Griechenland, wenn eine Parallelwährung eingeführt wird. Kann ich Sie so verstehen, dass das Parallelwährungsmodell auch für diese einen Schuldenschnitt beinhaltet? Dann würden aber wohl deren Gläubiger, die griechischen Banken, pleite gehen.

Alexander Dilger: Hier ist zwischen Inlands- und Auslandsschulden zu unterscheiden. Innerhalb Griechenlands bietet sich eine vollständige Umstellung auf Drachmen an. Bei Auslandsschulden droht wohl deren partieller Ausfall, gegebenenfalls auch durch Umwandlung in Drachmen.

Arne Kuster: Wäre es nicht sowohl politisch als auch ökonomisch einfacher, Deutschland würde aus der Währungsunion austreten? Jede weitere Aushöhlung der Maastricht-Verträge zur Währungsunion könnte dafür einen (auch juristisch stichhaltigen) Anlass bieten, etwa wenn die Europäische Zentralbank von Neuem anfängt, Staatsanleihen der Krisenländer aufzukaufen.

Alexander Dilger: Der Austritt Deutschlands aus dem Euro ist durchaus eine Option für meine Partei. Wenn alle übrigen Länder unbedingt im Euro bleiben wollten, wovon ich allerdings nicht ausgehe, könnte dies sogar die einzige Option sein, die Deutschland von sich aus umsetzen kann.

Arne Kuster: Die Europäische Währungsunion ist kein optimaler Währungsraum, weil die Wirtschaftslage in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich ist. Die Geldpolitik der EZB passt darum selten zur Situation vor Ort. Eine Lösung des Problems könnte auch darin bestehen, die EWU zu einem optimalen Währungsraum zu machen. Dazu bräuchte man z.B. eine einheitliche Fiskalpolitik, dauerhafte Transfers für wirtschaftsschwache Regionen und eine Förderung der Abwanderung aus solchen Regionen (damit sich die regionalen Arbeitslosenquoten angleichen). Was ist Ihre Meinung dazu?

Alexander Dilger: Theoretisch ist das möglich, praktisch nicht. Die Bundesrepublik Deutschland hatte schon enorme Schwierigkeiten, die neuen Bundesländer zu integrieren. Die restliche Eurozone ist viel größer und kulturell anders. Ein Eurosuperstaat könnte mangels Staatsvolk nicht wirklich demokratisch sein und würde voraussichtlich stark verarmen oder sogar zu Bürgerkrieg führen. Selbst die USA wurden erst durch einen Bürgerkrieg zusammengeschmiedet, doch wer möchte diesen Preis bezahlen?

Arne Kuster: Brauchen wir ein Konjunkturpaket, wenn die Währungsunion zerbricht? Absatzeinbußen der deutschen Exportindustrie sind ja wahrscheinlich.

Alexander Dilger: Die deutsche Exportindustrie häuft wegen des hierzulande viel zu niedrigen Euro und der impliziten Subventionierung gigantische Exportüberschüsse an, die volkswirtschaftlich nicht sinnvoll sind. Ein Abbau dieser Überschüsse ist dagegen sinnvoll. Sollte er zu stark ausfallen, könnte die Bundesbank gegensteuern. Außerdem würde durch eine stärkere Währung das Realeinkommen in Deutschland steigen, wovon nicht nur die Menschen unmittelbar profitieren, sondern auch die Konjunktur.

Arne Kuster: Die EU garantiert die Personenfreizügigkeit, das Recht überall wohnen und arbeiten zu dürfen. Die AfD will allerdings eine Selektion der Einwanderer, die nach Deutschland kommen, nach ökonomischen Kriterien. Glauben Sie, dass Personenfreizügigkeit für die Wirtschaft ein Nachteil ist?

Alexander Dilger: Es ist zwischen Freizügigkeit innerhalb der EU und von außerhalb zu unterscheiden. In der EU gibt es sie zum Zwecke der Arbeitsaufnahme, auch als Selbständiger. Dagegen gibt es keinen Anspruch auf Zuwanderung allein zum Bezug von Sozialleistungen. Von außerhalb der EU ist eine Zuwanderung zum Zwecke der Arbeitsaufnahme hingegen momentan fast ausgeschlossen. Das wollen wir ändern, wobei in der EU bzw. Deutschland besonders benötigte Arbeitskräfte Vorrang bekommen sollen.

Arne Kuster: In welche ökonomische Denkschule ordnen Sie sich ein? Was halten Sie von der österreichischen Schule und von Friedrich August von Hayek?

Alexander Dilger: Ich bin undogmatisch liberal. So leite ich auch den Hayek-Club in Dortmund. Es geht nicht darum, jedes Wort von Hayeks nachzubeten, was er selbst auch nicht gewollt hätte, sondern individuelle Freiheit und Wohlstand zu steigern statt abzubauen.

Arne Kuster: Mit welcher Idee von Hayeks haben Sie Ihre Probleme?

Alexander Dilger: Im Grunde empfiehlt er, in einer Wirtschaftskrise nichts zu tun und auf das Wirken der Marktkräfte zu vertrauen. Diese wirken zwar irgendwann, aber bis dahin sollten aus meiner Sicht soziales Elend und auch das Schrumpfen der Wirtschaftsleistung aktiv begrenzt werden. Dem Staat ist dies durch antizyklisches Verhalten möglich, welches jedoch leider aus politischen Gründen meist prozyklisch ist bzw. bei wieder einsetzendem Wachstum wird.

Arne Kuster: Was kann ein Universitätsprofessor im Wahlkampf noch lernen? Was haben Sie in diesem Wahlkampf gelernt?

Alexander Dilger: Vor allem politisch habe ich manches gelernt, allerdings weniger als Universitätsprofessor denn als Bürger bzw. angehender Politiker.

Arne Kuster: Können Sie ein Beispiel nennen?

Alexander Dilger: Ich hatte befürchtet, dass die Massenmedien irgendwelche Skandale bei einigen wenigen unserer Mitglieder ausgraben könnten. Allerdings scheinen sie zu einer ordentlichen Recherche gar nicht in der Lage zu sein. Das Negative, was man über die Alternative für Deutschland so lesen und sehen kann, ist zum größten Teil einfach erfunden.

Arne Kuster: Welche Argumente, die Sie in einer Uni-Vorlesung vortragen, können Sie nicht auf einer Wahlkampfveranstaltung bringen?

Alexander Dilger: Ich lehre andere Dinge als Währungspolitik. Die Vor- und Nachteile verschiedener Organisationsformen stehen z. B. nicht so im Fokus des Wahlkampfes, obwohl sie auch politische Implikationen haben.

Arne Kuster: Umgekehrt: Welche Argumente, die Sie in einer Wahlkampfveranstaltung vortragen, eignen sich nicht für eine Uni-Vorlesung?

Alexander Dilger: Alles Parteipolitische halte ich aus dem Hörsaal heraus. Ich trenne strikt zwischen meinen Rollen als Professor, Politiker und Privatperson.

Arne Kuster: Sie haben mal gesagt, Sie seien lieber „Professor als Politiker“. Aber vielleicht sind Sie ja mittlerweile auf den Geschmack gekommen. Wenn Ihre Kandidatur scheitern würde, würden Sie es dann noch einmal versuchen, etwa bei der Europawahl im nächsten Jahr?

Alexander Dilger: Wie es wirklich als Profipolitiker ist, kann ich noch nicht beurteilen. Sollten wir wider Erwarten nicht in den Bundestag einziehen, mache ich diese Erfahrung auch noch nicht bis zur Europawahl. Die Alternative für Deutschland wird in jedem Fall bei der Europawahl antreten. Ich persönlich müsste dann schauen und gegebenenfalls erst einmal von der Partei nominiert werden.

Arne Kuster: Vielen Dank für das Interview.

4 Kommentare

  1. PotzBlitzDonner sagt

    Ich glaube das große Problem der AfD sind die Piraten. Viele die erst mal gedacht haben sie wählen die Piraten aus Protest würden vielleicht jetzt die AfD wählen wenn sie nicht noch in der Katerstimmung ihrer ursprünglichen Intention wären. Jetzt legen sie sich erstmal in das „Bett“ der etablierten Parteien und schlafen dort ihren Rausch aus.

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