Wirtschaftswurm-Blog

Falsche Prognosen des IWFs – Was folgt?

Der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds Oliver Blanchard hat in einer Studie eingestanden, dass der IWF die schädliche Wirkung von Sparprogrammen in Südeuropa auf die Wirtschaft unterschätzt hat. Was nun?

Die Diskussion, die auch Jens Berger von den Nachdenkseiten aufgreift, geht konkret um den keynesianischen Multiplikator. Der beschreibt, wie stark die Wirtschaftsleistung eines Landes einbricht, wenn der Staat seine Ausgaben kürzt oder seine Steuern erhöht, aber auch, wie stark die Wirtschaftsleistung eines Landes steigt, wenn der Staat die Ausgaben ausweitet oder die Steuern senkt.

Oliver Blanchard, Chefvolkswirt des IWFs, 2008

Oliver Blanchard, Chefvolkswirt des IWFs

IWF-Chefvolkswirt Blanchard hat nun noch einmal nachgerechnet und kommt zu dem Schluss, dass man zu Anfang der Eurokrise (im Frühjahr 2010) den Multiplikator für die Krisenländer zu klein geschätzt hat. Das bedeutet auch, dass man die negativen Folgen für die Wirtschaft, die die eingeschlagene Austeritätspolitik mit Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen hat, unterschätzte.

Sicherlich ein gefundenes Fressen für Keynesianer. Und sicherlich kann man durch den Fehler auch erklären, warum die Wirtschaftsprognosen, z.B. für Griechenland, in der Vergangenheit immer viel zu günstig waren.

Wenn Fabian Lindner im Herdentrieb aber behauptet, der IWF habe wider besseren Wissens gehandelt, dann bleibt er den Beleg schuldig. Es mag ja sein, dass der IWF vor 2003 den Multiplikator ebenfalls zu klein geschätzt hat und sich dann korrigieren musste. Aber 2003 ist nicht 2010 oder 2013.

Der keynesianische Multiplikator wird davon beeinflusst, ob gerade Boom oder Rezession herrscht, welche konkreten staatlichen Ausgaben oder Steuern gekürzt bzw. erhöht werden, und nicht zuletzt hängt er davon ab, welchen Zeithorizont man betrachtet. Der keynesianische Multiplikator schwankt mit Zeit und Ort, ändert sich mit den Umständen, und es wäre darum geradezu fahrlässig gewesen, die Erkenntnisse aus 2003 einfach fortzuschreiben.

Und auch Jens Berger liegt falsch. Denn wenn ein so zentrales Fundament keynesianischer Konjunkturpolitik so stark schwankt und sich so schwer schätzen lässt wie der keynesianische Multiplikator, dann, ja dann ist das ein Argument nicht Pro, sondern Kontra keynesianische Konjunkturprogramme.

13 Kommentare

  1. Das einzige ökonomische Fundament, das keinen temporären, regionalen oder sonstigen Faktoren unterliegt, ist Ideologie.

  2. Häschen sagt

    Danke für das Paper bestimmt interessant, werde es bei Gelegenheit studieren.

    Unterstellt man dem IWF Vorsatz, dann unterstellt man Kompetenz. Unterstellt man keinen Vorsatz, dann stellt sich die Frage nach der Kompetenz. Wundert mich wofür der IWF zuständig ist. Zugestanden im Nachhinein ist jeder gescheiter …

    Aus dem Paper sehe ich kein Argument für staatl. Investition, außer dass man den Fehler bei der Vorhersage korrigiert hätte. Das ist kein vernünftiger Grund.

    Ich möchte aus der Systemtheorie einen Gedanken mitgeben.

    Ein System {A,B,C,D} heißt stabilisierbar, wenn es eine Steuerfunktion u(t) gibt,
    die das System in den Nullzustand überführt (nicht unbedingt in endlicher Zeit).

    Ein System ist genau dann stabilisierbar, wenn alle nicht steuerbaren Moden asymptotisch stabil sind. (aus einem Paper von der Uni-Stuttgart) – zugegeben technisch, ändert aber nichts an den Kriterien für die Stabilisierbarkeit eines Systems.

    Der IWF schaut auf eine instabiles System und sieht die Instabilität gar nicht, da er nicht mehr Information hat als seine Blackbox ihm in der Vergangenheit bot, da darf der IWF mit seiner Prognose schon mal falsch liegen … Input/Output Experiment letztendlich.

    Wie früher in die HQs. Jeder hat Zahlen geschickt, gestimmt haben selbige selten… irgendjemand hat irgendetwas gerechnet und die Fehler haben sich summiert. Wenn immer der selbe Fehler in Proportion mitwächst fällt das gar nicht so leicht auf, bis jemand nachschaut.

    Ähnliches Problem hatten Großkonzerne in den 70ern bestenfalls 80ern … da kann man durchaus aufgrund der Datenqualität schon durchaus in des Teufels Küche kommen über die Jahre. Das ist ja der Fluch wenn man nur die Finanzierung anschaut. Deswegen humpelt die Volkswirtschaftslehre gerne von einem Jahr zum anderen …

  3. Wirtschaftswurm sagt

    @Marc, @Häschen,
    die interessante Frage ist jetzt, was aus der Instabilität für die Politik folgt.

  4. Großartiges Argument, Marc! Die Logik des Schlusses des Postings vermag ich auch nicht zu erkennen.

  5. Pingback: Kleine Presseschau vom 11. Januar 2013 | Die Börsenblogger

  6. Wirtschaftswurm sagt

    Es spricht nicht für eine Maßnahme, wenn ihre Wirkung nur schwer eingeschätzt werden kann. @Ih

  7. Und was, wenn es diesen „Multiplikator“ als „Konstante“ nicht gibt. Ich kann aus jedem Zahlenpaar einen Quotienten bilden und behaupten, dass es sich beim Ergebniss um einen „Multiplikator“ handelt. Das ist grober Unfug, wie so vieles andere auch was diese Machtdienstleister, die sich selber Wissenschaftler nennen, aber keine sind, verzapfen.

    Sapere Aude!

    Georg Trappe

  8. Wirtschaftswurm sagt

    Das ist schon dem IWF klar, dass der Multiplikator keine Konstante ist. In den Wirtschaftsmodellen selbst taucht er auch nicht explizit auf. Es gibt darin keine Gleichung, die Staatsausgaben und BIP direkt durch einen Multiplikator miteinander verbindet. Blanchard errechnet den Multiplikator erst im Nachhinein aus den Ergebnissen der Modelle.

  9. popper sagt

    Ich halte es für ziemlich fragwürdig, aus der Feststellung, dass der IWF den Multiplikator zu niedrig angesetzt hat, den Schluss zu ziehen, keynesianische Konjunkturprogramme taugten nichts. Der Multiplikator lässt sich eben immer erst nur im Nachhinein ermitteln. Deshalb waren die Berechnungen des IWF reine Kaffeesatzleserei. Es wurde in neoliberaler Manier der Wirklichkeit ein mathematisches Konstrukt übergestülpt, egal was am Ende dabei herauskommt. Dass keynesianische (staatliche) Konjunkturprogramme in Zeiten der Rezession wirken, hat sich nach der Finanzkrise gezeigt. Diese haben die Wirtschaft nicht in die totale Rezession rutschen lassen, sondern gestützt, während die Austerität (Kürzung) der Troika in den Südländern die Schulden erhöht und die Wirtschaftsleistung dramatisch reduziert hat.

  10. Wirtschaftswurm sagt

    Ich habe nicht geschrieben, Konjunkturprogramme taugen nichts. Ich habe geschrieben, dass ein schwankender Multiplikator ein Argument gegen Konjunkturprogramme ist. Aber wenn man dann mal alle Gegenargumente berücksichtigt, muss man zum Schluss kommen, dass in den vergangenen 100 Jahren tatsächlich genau zweimal Konjunkturprogramme gerechtfertigt gewesen wären bzw. waren: 1930 und 2009.

  11. popper sagt

    Ja, dann erklär uns doch mal, warum ein schwankender Multiplikator ausgerechnet gegen und nicht für Konjunkturprogramme spricht. Wobei Kulturprogramme ja keinen Selbstzweck verfolgen. Schwankend bedeutet doch soviel wie: unentschieden, wechselhaft etc. Das heißt doch aber nicht gegen etwas wirken, sondern sowohl als auch. Denn, nicht das Konjunkturprogramm schwankt, sondern der sich daraus errechenbare Multiplikator. Die Crux hinsichtlich der Austeritätsprogramme war (ist), dass der IWF quasi im Vorhinein einen Multiplikator bestimmte (0,5), der zu dem Ergebnis führte(-en sollte), dass die Länder sich so aus der Krise heraushebeln könnten. Was sich tagtäglich als Fehlschluss herausstellt. Aber selbst bei einem Multiplikator von 0,5 nimmt das BIP ab und führt zwangsläufig zu einem, wenn auch geringeren Wohlstandsverlust. Wenn alle nur noch sparen, dann muss der Staat Konjunkturprogramme zur Belebung der Wirtschaft auflegen, sonst bricht alles zusammen. Das hat sich 2009 eindrucksvoll gezeigt. Insofern führt in Zeiten der Rezession kein Weg an keynesianischen Konjunkturprogrammen vorbei. Auch wenn neoliberale Heilsverkünder (damit meine ich nicht den Wirtschaftswurm) etwas anderes behaupten. Zumal sie den Nachweis sie bis heute schuldig geblieben sind.

  12. Wirtschaftswurm sagt

    „Ja, dann erklär uns doch mal, warum ein schwankender Multiplikator ausgerechnet gegen und nicht für Konjunkturprogramme spricht.“ – Ich dachte, das wäre klar: Weil die Entscheider (zurecht) risikoavers sind. Eine Maßnahme, deren Wirkung ich nicht einschätzen kann, ist schlechter als eine Maßnahme, deren Wirkung ich ziemlich genau berechnen kann.
    Jetzt muss ich allerdings zugeben, dass auch Stefan Sasse in einer ersten Erwiderung auf Twitter recht hatte: Die Unsicherheit über den Multiplikator spricht gegen eine Austeritätspolitik genauso wie gegen Konjunkturprogramme. Ich bin aber auch nicht der große Verfechter einer Sparpolitik in Griechenland & Co. Als erstes setze ich auf eine Abwertung der Währung. Der dadurch ausgelöste Inflationsschub würde zwar auch ein Sparprogramm erforderlich machen, jedoch längst nicht in dem Umfang wie jetzt.

  13. popper sagt

    Die keynesianischen Konjunkturprogramme in den USA und in Ostasien belegen doch anhand des Exportbooms deutscher Unternehmen, eindrucksvoll ihre positive Wirkung. Wogegen der Austeritätskurs ganze Volkswirtschaften im Süden Europas ruiniert. Welches Risiko kreieren die Entscheider denn mit dieser unsinnigen Politik der inneren Abwertung, wenn sie nicht gleichzeitig darauf dringen, dass Länder wie Deutschland ihre Leistungsbilanzüberschüsse durch innere Aufwertung beseitigen. Oder landen letztendlich doch alle im ruinösen Wettlauf um die geringsten Kosten. Was hat der IWF denn mit seiner auf dem Washington Consensus beruhenden Strategie erreicht? Nichts als ruinierte Volkswirtschaften. Dass der Volkswirt des IWF das nun endlich statistisch belegt hat ist ein Fortschritt. Wobei die Konsequenzen immer noch auf sich warten lassen. Frau Merkel und die Troika tun weiterhin so, als sei nichts passiert. Olli Rehn versteigt sich dieser Tage sogar zu der Behauptung, die „Sparmaßnahmen in den Südländern seien nicht verantwortlich für die anhaltende wirtschaftliche Verelendung. Die Entscheider sind nicht zurecht risikoavers, sondern in ihrer Betriebsblindheit von allen guten Geistern verlassen.

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