Wirtschaftswurm-Blog

IWF-Prognosen: Eine unerwartete Anwendung für das Gesetz der Schwerkraft

Hauptquartier des IWF angeschnitten

Seit Isaac Newton wissen wir, dass das Gesetz der Schwerkraft für Äpfel gilt, die vom Baum fallen, für Steine, die wir hochwerfen, und selbst für Himmelskörper. Andere Anwendungsgebiete der Schwerkraft wurden jedoch erstaunlicherweise bis heute übersehen. So findet man weder in physikalischen noch in volkswirtschaftlichen Lehrbüchern einen Satz darüber, dass auch die Wachstumsprognosen des Internationalen Währungsfonds IWF der Schwerkraft unterliegen. Denn alle drei Monate, wenn der IWF seine Vorhersagen aktualisiert, sacken die Zahlen nach unten.

So hat der IWF heute seine Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft im Jahr 2015 von 3,8% auf 3,5% nach unten korrigiert. Auch die Prognose für 2016 wurden um 0,3% gesenkt. Die Vorhersagen für Deutschland sind ähnlich betroffen. Hier soll es 2015 nur noch 1,3% Wachstum und 2016 1,5% Wachstum geben. Das sind 0,2 bzw. 0,3 Prozent weniger als noch vor drei Monaten geschätzt.

Viele Medien berichten über die „angepassten“ Prognosen, z.B. tagesschau.de oder welt.de. Doch wer ein bisschen zurückschaut in die Geschichte der IWF-Wachstumsprognosen, merkt: das Zurückschrauben von Wachstumsprognosen ist offensichtlich Routinegeschäft beim Internationalen Währungsfonds.

Der IWF veröffentlicht einmal im Quartal eine Prognose für die Wirtschaftsentwicklung des laufenden Jahres und des kommenden Jahres. Ich habe mir die 34 Prognosen des Währungsfonds seit Oktober 2010 für die Weltwirtschaft angeschaut, die die die Jahre 2011-15 betrafen. Es gab bei diesen Prognosen 19 Revisionen nach unten, aber nur 5 Revisionen nach oben und 5 Prognosen ohne Korrektur gegenüber der vorhergehenden. Man kann das Muster gut in der folgenden Grafik erkennen:

Nach unten strebende Linien zeigen das Gesetz der Schwerkraft bei den IWF-Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft

IWF-Wachstumsprognosen für die Weltwirtschaft, eigene Grafik

Ebenfalls gut zu erkennen ist, dass die IWF-Prognose für das Folgejahr immer höher ist als die für das laufende Jahr. Nur bei der Vorhersage im September 2011 gab es eine Ausnahme: die Prognosewerte für 2012 und 2011 waren damals gleich.

Die Muster bei den IWF-Prognosen sind schon seltsam. Sicherlich, aus der Tendenz heraus, das kommende Jahr zu rosig einzuschätzen, folgt fast zwangsläufig der ständige Korrekturbedarf nach unten. Beide Verzerrungen der IWF-Prognosen hängen zusammen.

Aber dann stellt sich die Frage erst recht: Warum macht der IWF das? Warum prophezeit er uns – zumindest in den letzten Jahren – immer aufs Neue zunächst eine rosige Zukunft, um sich dann immer wieder zu korrigieren?

Man darf doch annehmen, dass die Fachleute beim IWF ihren systematischen Fehler längst selbst gemerkt haben. Dann haben sie aber anscheinend kein Interesse daran, ihren Fehler zu korrigieren, indem sie ihre Prognosemodelle verbessern. Oder ihre Chefin, Frau Lagarde, hat kein Interesse daran. Auch für 2016 wird wieder ein höheres Wachstum als für 2015 vorhergesagt.

Foto: Hauptsitz des IWFs in Washington, D.C.

7 Kommentare

  1. Dirk sagt

    Ich denke die Jungs vom IWF meinen es wohlmeinend. Man könnte es Zweckoptimismus nennen und hofft mit hoffnungsvollen Prognosen eine selfulfilling prophecy zu initieren. Nach dem Motto schlechte Prognosen helfen niemanden und ziehen die Märkte nach unten.

  2. @Dirk,
    aber mit Wissenschaft hat das dann nichts mehr zu tun, nur mit Politik, oder? Und dann stellt sich die Frage, ob gut gemeint nicht auch in diesem Fall das Gegenteil von gut gemacht ist. Denn mit dem Vorgehen des IWFs hat man ja alle drei Monate eine Negativschlagzeile: „Wirtschaft entwickelt sich schlechter als erwartet.“

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  4. Dirk sagt

    Ja, der IWF war schon immer zu einem grossen Teil auch eine politische Organisation, da sie u.a. auch Kredite gegen Bedingungen vergibt und über Stimmrecht der Mitgliedsstaaten unter grossen Einfluss steht. Schliesslich haben die in der Vergangenheit schon Regierungen vorgeschrieben was sie zu tun oder zu lassen haben. Eine unabhängige Prognose, die nicht irgendwie biased ist, erwarte ich da sicherlich nicht.
    Die Nachricht: „schlechter als erwartet“ fällt anscheinend viel weniger ins Gewicht.

    GFK Konsumforschung ist auch eine so eine Jubelperserveranstaltung. Ständig sind da die deutschen Konsumenten in Prognose und Nachrichten im „Kaufrausch“ um uns ein wohliges Gefühl zu geben dass es uns gut geht. Und dann schaut man auf die Kurven des Einzelhandels und fragt sich, wo denn um Himmelswillen? Aber das wird weder in der Wirtschaftsforschung noch in den Medien gross thematisiert.

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  6. Häschen sagt

    Ich habe in dem Zusammenhang eine Frage zum U.S. GDP. Ganz schlau draus werde ich nicht. Ich habe bei St. Louis FED die Statistiken angeschaut. Dort sticht heuer der Einzelhandel hervor in Q2/2014 und Q3/2014. Jetzt sind aber die Investoren letztes Jahr rausgegangen aus just den Werten die in diesem Markt ihr Geschäft machen. Die werden ja nicht ganz dumm sein. Kennt die U.S. ein reales GDP oder geben die eher gerne nominal an. Das passte auch irgendwie besser zu ihrer Spendierhosenmentalität – Hauptsache die Kohle ist draußen bei Türe wird schon werden.

    Wenn die U.S. den CPI drückt und ein eher nominales GDP ausweist, dann macht das zwar noch Sinn aus der Sicht des Finanzierungbedarfes, sagt aber wenig über die Menge der Transaktionen aus – im Sinne von Prosperity im Rahmen einer Volkswirtschaft. Teuer verkaufen ist zwar auch ein Weg, aber erinnert eher an Österreich:)

    Wenn die Preissteigerungen auch noch eine gewichtige Rolle spielen, dann schaut die E.U. zwar nicht berauschend aber nicht so schlecht aus oder zumindest die Jungs jenseits des Atlantiks weniger ‚groß‘. Ich diskutiere gar nicht wie weit staatl. abgesicherte Kredite usw… den Aufschwung beflügeln.

    Selbst unter der Annahme der Neudefintion kommt mir dieser doch sehr wesentliche Teil des GDPs der U.S. im Einzelhandel verdächtig hoch vor, auch wenn ich die Aufholeffekte aus Q1/2014 mal mitberücksichtige.

  7. Die Prognosen des IWFs beziehen sich alle auf das reale BIP. Auch ansonsten in den Medien oder beim Wirtschaftswurm (z.B. „Wirtschaftswachstum mal langfristig„)ist meist vom realen BIP die Rede. Wie’s konkret bei den St.-Louis-Statistiken aussieht, weiß ich natürlich nicht.

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