Wirtschaftswurm-Blog

SNB-Entscheidung: Warum so und warum gerade jetzt?

Gebäude der Schweizerischen Nationalbank in Zürich

Die Schweizerische Nationalbank SNB hat den Mindestkurs von 1,20 Franken für den Euro aufgegeben. Eine Misstrauenserklärung an Mario Draghi, die EZB und den Euro.

Die Überraschung war perfekt. Noch am Vortag war im Handelsblatt zu lesen: „Die Schweizer Währung schafft es kaum mehr, sich von der Kurs-Grenze von 1,20 Franken je Euro zu lösen“. Dann kam der Fall des Euro auf unter 85 Rappen. Inzwischen hat sich der Euro knapp über der Parität stabilisiert. Auch damit ist allerdings jeder Eurobürger in Schweizer Franken gerechnet um 15% ärmer geworden.

Dass die SNB den Mindestkurs von 1,20 Franken Knall auf Fall aufgegeben hat, hat – es war nicht anders zu erwarten – gleich Kritik hervorgerufen. Um es vorweg zu sagen: Ich halte alle Kritikpunkte für unberechtigt.

Ein Teil der Kritik bezieht sich auf die Art und Weise, wie die SNB vorgegangen ist: Mitten während der Devisenhandelszeiten wurde die neue Politik bekannt gegeben und die Euro-Aufkäufe wurden eingestellt. Das kritisiert z.B. Karl-Heinz Thielmann bei Blicklog.

Doch anders wäre es wohl kaum möglich gewesen. Das ist der Nachteil, wenn sich eine Zentralbank darauf einlässt, den Wechselkurs zu steuern. Denn während man in der Zinspolitik mit Ankündigungen arbeiten kann, verbietet sich das in der Wechselkurspolitik. Hätte die SNB schon Tage oder gar Wochen vorher bekannt gegeben, ihren Mindestkurs aufzugeben, hätte das gleich Spekulanten animiert, gegen den Euro zu wetten. Die SNB hätte mit viel Geld dagegenhalten müssen, um in der verbleibenden Zeit den Mindestkurs zu sichern.

Selbst die Maßnahme bis zum Wochenende aufzuschieben, wenn die Devisenmärkte geschlossen haben, war kaum möglich. Die Gefahr wäre zu groß, dass Insider, die von dem bevorstehenden Politikwechsel Wind bekommen haben, ihr Wissen für Spekulationen gegen die SNB nutzen. Für die Zeit direkt vor der Einführung des Mindestkurses 2011 gibt es einen entsprechenden Verdacht.

Da hält sich mein Mitleid mit Devisenspekulanten, die auf dem falschen Fuß erwischt worden sind, in Grenzen:


Doch warum musste die SNB den Mindestkurs gerade jetzt aufgeben? Industrie und Sozialdemokraten in der Schweiz sehen die Schweizer Wirtschaft nun in Gefahr. Die Exportwirtschaft werde unter dem hohen Frankenkurs leiden.

Das ist allerdings Jammern auf hohem Niveau.Die Schweiz hat und hatte einen Leistungsbilanzüberschuss, erwirtschaftet durch ihre Exporte also mehr Devisen als sie zur Zahlung ihrer Importe benötigt. Solche Ungleichgewichte weiter durch einen künstlich niedrig gehaltenen Franken zu befördern, ist Unsinn. Daher war sogar die gesamte Mindestkurspolitik seit 2011 höchst fragwürdig.

Und offensichtlich haben aktuell Mario Draghi und die EZB den Schweizern gehörig Angst gemacht, so dass sie ihnen ihre Bindung an den Euro zu heiß wurde. In Frankfurt wird bekanntlich gerade ein Programm zum Ankauf von Staatsanleihen vorbereitet, durch das viele neue Euros an die Leute, besser: an die Banken, gebracht werden sollen. In seinem Ziel, den Euro zu schwächen und die Inflation hochzutreiben, sieht sich Mario Draghi zudem noch durch die jüngste Stellungnahme des Generalanwaltes beim EuGH gestärkt.

Die neue Pirouette der Euro-Geldpolitik ist den Schweizern offensichtlich ein Dreh zu viel. Die Erwartung ist, dass der Euro weiter gegenüber dem Dollar und den anderen wichtigen internationalen Währungen verliert. Da muss man als Schweizer tatsächlich nicht mehr dabei sein. Oder wie ich es auf Twitter gesagt habe:


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8 Kommentare

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  3. Stefan Rapp sagt

    „Pirouette der Euro-Geldpolitik“ 🙂 Da fehlt jetzt eigentlich nur noch die Karikatur wie Dragi in einem aus Staatsanleihen genähten Tutu recht umbeholfen auf dem Eis schlitschuh fährt.

  4. Andena sagt

    Es ist immer wieder erstaunlich, dass hochdotierte und eigentlich fachlich bewanderte Ökonomen immer diesen Quatsch mit den Währungsstützungen genannten Manipulationen mitmachen.

    Welchen nachhaltigen Sinn hat es denn, wenn die SNB über lange Zeit gegen den Markt für einen Euro 1,20 sfr hinlegt, obwohl sie genau wissen, dass der Euro nur noch 1,05 sfr wert ist? Das ist Geldverbrennen auf hohem Niveau bzw absichtliche Schädigung der Schweiz, die ja nun für den Abschreibungsbedarf von 48 Mrd sfr in der SNB-Bilanz gerade stehen darf.

    Eigentlich müssten die SNB-Bankster und deren politische Anstifter jetzt wegen Währungsmanipulation gegen die schweizer Nationalwährung verhaftet werden.

    Aber leider wird das nicht geschehen, da sich auch in der Schweiz #Politclowns und #Bankster gegenseitig decken.

  5. Erich sagt

    Vorübergehend kann die Stützung einer Währung auf einem bestimmten Kurs durchaus Sinn machen. Gerade Spekulanten neigen oftmals zu Übertreibungen, welche die Wirtschaft erheblich stören können. Langfristig funktioniert dies natürlich nicht. Die Schweiz unterstützte mit ihren Bondkäufen im Eurogebiet den Euro, wollte aber kurz vor dem erwarteteten QE durch die EZB nicht mehr mitmachen. Schliesslich übernahm sie mit den Bondkäufen ähnlich wie bei Eurobonds Risiken, über die sie selber keinen Einfluß hat. Der Eurokurs fiel deshalb auch prompt. Wenn die QE Maßnahmen tatsächlich in grossem Umfang durchgeführt werden, dann würde es mich nicht wundert, wenn wir Ende des Jahres in Pari mit dem Dollar stehen.

    Es besteht dann die Gefahr, dass die Inflation durch die Importpreise, insbesondere wenn der Ölpreis wieder steigt, weit über die 2% Grenze hinausschießt. Eine solche Entwicklung dürfte die EZB vor grosse Probleme stellen. Hält sie weiter die Zinsen nahe Null, dann wird es eine groß angelegte Kapitalflucht aus dem Euro geben, und die Investitionen werden nochmals wesentlich sinken. Es wird dann auch kaum Anleger geben, welche die Anleihen der Euroländer kaufen. Erhöht sie die Zinsen, dann kommen einige Staaten in erhebliche Zahlungschwierigkeiten. Eine Weiterführung von QE führt dann in eine abwärtsspirale mit steigender Arbeitslosigkeit in allen beteiligtwn Staaten.

    Es stehen uns also interessante Zeiten bevor.

  6. @Andena,
    ich sehe das nicht so streng. Die Zentralbank ist nun mal auf ihrem Gebiet sowieso ein Monopolanbieter für Zahlungsmittel. Und als Monopolist ist die Zentralbank zwangsläufig auch Preissetzer. Da ist dann nur die Frage, ob sie den Preis über den Zins festlegt oder über den Wechselkurs. Nur beides zusammen geht nicht. Durch das faktische Festzurren des Wechselkurses war die SNB daher gezwungen, alle geldpolitischen Manöver der EZB nachzuvollziehen.

  7. Um das klarzustellen, @Andena, konkret, was die Schweiz angeht, hast du recht. Wechselkurspolitik kommt nur für kleine Staaten in Frage und die Schweiz ist wirtschaftlich und vor allem währungspolitisch überhaupt nicht klein. Außerdem war der Frankenkurs zu niedrig angesetzt, das zeigte ja die positive Leistungsbilanz.

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