Analyse

Sechs Gründe, warum der Grexit so schwer durchzusetzen ist

Parthenon Ausschnitt

Wieso doktert die Eurogruppe nun schon seit mehr als fünf Jahren am kranken Mann Griechenland herum? Wieso wird weiterhin an einer völlig erfolglosen aber mit horrenden Kosten verbundenen Therapie festgehalten? Wieso gab es noch keinen Grexit? Sechs Gründe.

Die Gründe finden sich teilweise in Griechenland selbst, teilweise im Milieu der europäischen Staats- und Regierungschefs.

Die drei griechischen Hindernisse für den Gexit

  1. Die griechische Bevölkerung selbst ist mehrheitlich gegen den Gexit. Das ist auf den ersten Blick erstaunlich, denn sie hat ja bisher die Hauptlast der gegenwärtigen Politik zu tragen: Arbeitslosigkeit und Sozialkürzungen. Andererseits hätte sie auch die Hauptlast eines Grexits zu tragen: die teilweise Entwertung ihrer Sparguthaben, indem sie von Euro auf eine Weichwährung umgestellt werden. Und offensichtlich geben die Besitzenden, diejenigen, die bei einem Grexit noch etwas zu verlieren haben, politisch weiterhin in Griechenland den Ton an.
  2. Auch Syriza hat diese Haltung in Griechenland gestützt. Die Linken haben versprochen, dass man das schöne Leben auch trotz Euro wiederbekommen kann. Zahlen würden die anderen Eurostaaten, weil sie sich vor einem Chaos nach einem Grexit fürchteten. Die Griechen hörten die frohe Botschaft gerne, zumal die Annahme, dass Griechenland enorm wichtig für den Fortbestand der EU ist, dem griechischen Nationalstolz schmeichelt.
  3. Volkswirtschaftliches Wissen ist wenig verbreitet. Darum schlägt Volkswirten Skepsis entgegen, wenn sie erklären, dass nach einer Währungsabwertung mit ein oder zwei Jahren Verzögerung immer ein starker Wirtschaftsaufschwung folgt. Der Währungsschnitt kommt sofort und die mit ihm verbundenen Verluste sind für die normale Bevölkerung viel handfester als volkswirtschaftliche Wirkungszusammenhänge.

Die drei europäischen Hindernisse für den Grexit

  1. Kommt der Grexit, müssten die europäischen Politiker, allen voran Angela Merkel, eingestehen, dass sie fünf Jahre lang für eine falsche Politik viel Geld zum Fenster herausgeworfen haben. Das würde nicht nur persönlich schwerfallen, der damit verbundene massive Ansehensverlust würde die Wiederwahlchancen erheblich senken. Da ist es leichter, dem schlechten Geld noch gutes hinterher zuwerfen, in der Hoffnung, dass man damit die Probleme bis zur nächsten Wahl zudecken kann.
  2. Ein unseliger europäischer Korpsgeist tritt hinzu. Die Rettungspakete wurden einstimmig von der Eurogruppe beschlossen, nun sitzen alle europäischen Spitzenpolitiker im selben Boot. Bei ihrer fast ununterbrochene Gipfelei bestärken sie sich darum gegenseitig in ihrer unflexiblen Haltung und bauen einen starken Gruppendruck auf.
  3. Die Folgen eines Grexits erscheinen unkalkulierbar, die Kosten eines neuen Hilfspaketes dagegen kalkulierbar. Tatsächlich ist ungewiss, welche Folgen ein Grexit für andere Krisenländer wie Spanien oder Portugal hat. Dagegen gibt es immer genaue Berechnungen, welche Kosten für die Hilfspakete anfallen. 2010 hat man so berechnet, dass Deutschland mit der ganzen Helferei noch einen Gewinn macht. Dumm nur, dass man später berechnen musste, dass Griechenland mit den Rückzahlungen völlig überfordert war. Man streckte daraufhin die Tilgungen und senkte die Zinsen. Die anfänglichen Gewinnberechnungen entpuppten sich als Luftnummern.Die Magie der Zahlen wirkt aber noch immer. Man glaubt, beziffern zu können, dass es bei den aktuellen Verhandlungen um eine Tranche von 7,2 Milliarden € geht. Man berechnet bis auf den Cent genau, wie weit Tsipras Vorschläge und die Vorstellungen der Gläubiger auseinander liegen. Dadurch täuscht man aber nur die Beherrschbarkeit des Problems vor.

    Tatsächlich weiß niemand, wie lange und wie viel Geld noch fließen muss, bis Griechenland gerettet ist. Tatsächlich ist noch nicht einmal der unkalkulierbare Grexit gebannt. Indem man sich auf die vermeintliche Zuverlässigkeit der Zahlen stützte, gibt es nun also mindestens zwei unkalkulierbare Risiken.

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11 Kommentare

  1. Jannis sagt

    Neben den genannten (wirtschafts)politischen Gründen spielt aber auch das imperiale Interesse der USA mit: Griechenland und Türkei bilden die Südostflanke der NATO, und da die Türkei schon mal auslotet,
    welchen Spielraum sie für eigene Interessen hat (bei TURKSTREAM waren die USA „not amused“), würde ein möglicher Ausfall Griechenlands die geostrategischen Pläne der USA doch etwas stören. Und so übt man auf die „europäischen Partner“ ein wenig Druck aus, irgendwie zu einer Einigung zu kommen.

  2. johannes sagt

    habt ihr das griechische gas und öl vergessen ? es schlummert unter griechischem Boden/Meer – aber wem gehören die Explorationsrechte?? DARUM geht der streit – alles andre ist show. hat sich noch keiner gefragt warum es campbondsteel gibt und warum gerade dort ? ts ts ts

  3. Steppi sagt

    wo ist der Punkt USA / NATO ? mindestens 40% Anteil..
    wirklich vergessen? )) kann ich nicht glauben

  4. Häschen sagt

    Ich denke die Verquickung von Griechenland mit anderen Ländern bringt uns auch nicht weiter.

    Aus Sicht des EURO gibt es keine Nationalökonomien, das sind statistische Grundgesamtheiten die für Ökonomen ein Rahmen bieten Strukurdifferenzen zu diskutieren. Griechenland ist zu sehen wie eine strukturschwache Region, da muss Geld hinfließen und damit gehört etwas getan.

    In Deutschland wohnen 90 Mio Griechen … etwas plakativ.

    Die Fördergelder zum Gemeindeamt zu tragen wird nichts bringen. Umverteilung kann nur strukturelle Defizite kompensieren, aber nicht Wohlstand schaffen. Im Falle von Griechenland kann man durchaus von Mangel in der Bewirtschaftung sprechen.

    Eine Analyse von den Ex- und Importen von Bayern nach Griechenland hat wenig außergewöhnliches aufgezeigt.
    http://www.auwi-bayern.de/Europa/Griechenland/Export-Import-Statistik-Griechenland.jsp
    Mehr habe ich nicht gefunden …

    Überlegen wir uns mal in der Praxis was fehlt. Die Konsumprodukte aus dem Westen sind an sich irrelevant. Technologie wird besser wenn sie billiger wird und auf Sicht von 10 Jahren versäumt die Bevölkerung mal nichts. Griechenland kann sich die Vertrottelung der Jugend sogar ersparen. Konsumverzicht führt zu klaren Köpfen, aber ein leerer Magen sicher nicht. Bleibt Zeit genug die öffentl. Investitionen in Infrastruktur voranzutreiben. Blickt man auf den Staat.

    Dass die staatliche Bewirtschaftung einer nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten wird weichen, das liegt auf der Hand. Ergebnisse sind besser. Die Anteile können ruhig Bund und Gemeinde halten usw… Reine Privatisierung bringt nichts. Da wird nichts besser sondern teurer. Die Exzesse gehören in der E.U. genauso zurückgeführt. In dem Umfeld trifft man sich bestimmt in der Mitte.

    Der EURO bringt keinen Wohlstand, um sich den EURO leisten zu können braucht man zuvor Wohlstand. Nachher ist er bestimmt nicht mehr da. Durch die lokalen Befugnisse der Notenbanken besteht ein gewisser Freiraum und auch die Versuchung die ursprüngliche Währung nachzubilden und damit auch die Wirtschaftspolitik der Vergangenheit voranzutreiben. Die DEM wirkt ein wenig wie das Silber das damals der vorherrschende Rohstoff war – denken sie an die Zeit des Wiener Münzvertrags. Ein wenig erinnert die Durchsetzung der Interessen schon an diese Münzunion die den Wirtschaftsraum sollten konsolidieren.

    Statisch gesehen hat der Durchschnittsgrieche weniger zu lachen als der Thomas Müller, aber dafür mehr Arbeit. Die bisherigen Reformbemühungen waren nicht der Heuler.

    Mir persönlich scheint bei dem ganzen Vorgang die neo-feudale Idee von Bewirtschaftung zuviel durch und kaum Vernunft in der Sache.

  5. @Steppi, „wo ist der Punkt USA / NATO ? mindestens 40% Anteil..“ – Der Punkt ist in der Tat nicht unerheblich, wird aber auch gerne überschätzt. Wenn ich mir die Landkarte ankucke, kann zumindest ich keine besonders wichtige strategische Lage Griechenlands erkennen. Das gilt zumindest, solange die Türkei dabei ist. Aber als Brücke zur Türkei hat man notfalls noch Rumänien/Bulgarien als Altenative.
    @johannes, „habt ihr das griechische gas und öl vergessen ?“ – Die Reserven sind unerheblich und existieren hauptsächlich in der Phantasie griechischer Rechtsextremer.
    @Häschen, „die neo-feudale Idee von Bewirtschaftung “ – Ja, Politiker haben generell und schon seit langem eine Abneigung gegen flexible Wechselkurse. Damit geht für sie nämlich ein Machtverlust einher. Damit haben wir einen siebten Grund, warum der Grexit für sie so schwer ist.

  6. Pingback: Kleine Presseschau vom 25. Juni 2015 | Die Börsenblogger

  7. Häschen sagt

    @Arne Kuster – Das auch. Für mich persönlich ist der Neo-Feudalismus eher das Gegenmodell zum traditionellen Neoliberalismus. Es besteht zwar Konsens, dass Eigentum zum Zwecke der Gemeinwohlförderung (nicht der Wohlfahrt) wird eingesetzt, aber wie man das macht sei einem selbst überlassen, da soll dann bitte keiner mehr mitreden. Die Wechselkurse gehören dazu.

    Wenn schon jemand ein Mondopol’geld‘ verwendet das durch Gesetzte legitimiert praktisch Recht basiert, dann ist nicht vertretbar andere über das Monopolgeld seinen Willen aufzuzwingen.

    Politik maßt sich ja an die Deutungshoheit über Zusammenhänge und Vorgänge in der Ökonomie zu haben und diese zu bestimmen. Es ist ein kapitaler Irrtum zu glauben im Rahmen der Gesellschaft Gemeinwohl ausverhandeln zu können. Was keiner macht kann Geld nicht kaufen.

  8. Pingback: Aus anderen Finanzblogs – KW 26/2015 u.a. mit Manz, HeidelbergCement, Wirecard, Aurelius, Tiger Resources, DAX, Griechenland, Grexit | Kapitalmarktexperten.de

  9. Trotz dem Referendum der Griechen, bin ich immer noch der Meinung, dass es keinen Ausstieg Griechenlands aus der EU geben wird. Das würde den Ruf der EU immens schädigen und das in der ganzen Welt. Das werden die EU-Politiker ums Biegen und Brechen nicht zulassen und so alles nötige tuen um Griechenland zu retten. Gruß Aderius (http://aderius.de/)

  10. @Aderius, man sollte schon zwischen dem Ausstieg Griechenlands aus der EU und dem aus der Währungsunion unterscheiden.

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