Wirtschaftswurm-Blog

Muss Griechenland aus dem Euro raus, wenn Tsipras seine Pläne durchsetzt?

Alexis Tsipras

Stellt Griechenland seinen Schuldendienst ein, bedeutet das noch lange nicht, dass es aus der Eurozone raus muss. Letztlich wird es wohl wieder an Mario Draghi hängen und ob er (endlich) den Daumen über Griechenland senkt.

Wenn Tsipras griechischer Ministerpräsident würde, er würde sich mit der Troika einigen. Das war der Kerngedanke meines letzten Blogartikels. Denn zumindest kurzfristig bringt der von Tsipras geforderte Schuldenschnitt für Griechenland finanziell nicht so viel, dass darüber ein Bruch mit den EU-Partnern lohnt.

Doch vielleicht entzieht sich Tsipras den politischen Zwängen und denkt langfristiger.

Nehmen wir mal gegen alle Wahrscheinlichkeit an, Tsipras besteht auf einen Schuldenschnitt und verkündet einseitig die Einstellung des Schuldendienstes. Wird dann zwangsläufig der Euroaustritt Griechenlands folgen?

Die Antwort ist: wahrscheinlich nein.

Da ein Euroaustritt eines Landes in den Europäischen Verträgen nicht geregelt ist, gibt es für die anderen Euroländer kein rechtliches Druckmittel, einen Euroaustritt Griechenlands zu verlangen. Und selbst die finanziellen Druckmittel sind gering. Der griechische Haushalt weist einen Primärüberschuss aus. Das heißt, Griechenland zahlt aktuell mehr für den Schuldendienst als es von seinen Geldgebern an Krediten bekommt. Eine Einstellung der Hilfskredite und das Abschneiden von den internationalen Finanzmärkten muss Tsipras darum nicht schrecken.

Die Situation heute ist für Griechenland eben eine andere als 2012. Damals hätte der Staat wirklich vor dem Problem gestanden, wie er seine Beamten und seine Rechnungen ohne internationale Hilfe bezahlt. Aus reiner Not heraus hätte er neues Papier bedrucken müssen, um mit eigenen Banknoten seine Beamten zu bezahlen. Das wäre noch nicht der Austritt aus der Eurozone gewesen, aber durch die neuen Banknoten wäre eine Parallelwährung in Griechenland entstanden.

Um die Parallelwährung zu etablieren, hätte der Staat dafür sorgen müssen, dass die neuen Banknoten tatsächlich zirkulieren und als Zahlungsmittel gebraucht werden. Das ist jedoch kein großes Problem, wenn der Staat selbst das neue Geld für Zahlungen, insbesondere natürlich für Steuerzahlungen, akzeptiert.

Doch wie gesagt: Heute ist die Situation eine andere und Griechenland könnte seine eigenen Ausgaben stemmen, wenn nicht der ungeliebte Schuldendienst wäre. Aus diesem Grund besteht für eine mögliche Regierung Tsipras kein Grund, eine Parallelwährung einzuführen oder (was eigentlich sauberer wäre) gleich ganz aus der Eurozone auszuscheiden.

Aber es gibt ein anderes Problem, dass Tsipras bei einem Staatsbankrott fürchten muss: die griechischen Banken.

Glaubt man den offiziellen Zahlen der Bank von Griechenland, dann ist auch das Bankenproblem lösbar. Denn demnach haben die griechischen Banken Kredite in Höhe von 10,0 Milliarden an den griechischen Staat vergeben und halten griechische Staatsanleihen in Höhe von 10,9 Milliarden. Macht in der Summe 20,8 Milliarden Euro.

Dem gegenüber stehen 73,1 Milliarden Euro Eigenkapital und Reserven der Banken. Selbst wenn man die 39,0 Milliarden abzieht, die bereits als Reserve für faule Kredite dienen, verbleibt ein Polster von 34,0 Milliarden. Genug, um auch einen Totalausfall Griechenlands zu verkraften.

Diese Zahlen beziehen sich allerdings auf den Bankensektor als ganzen. Bei einzelnen Instituten mag das ganz anders aussehen. Zudem mögen die 39 Milliarden Reserve für faule Kredite zu gering sein. Noch im Juli letzten Jahres bezifferte der Präsident der Bank von Griechenland, Giannis Stournaras, die Höhe der in Verzug geratenen Kredite auf 77 Milliarden Euro.

Es ist also nicht auszuschließen, ja sogar wahrscheinlich, dass einzelne griechische Banken vor der Insolvenz stünden, wenn nun auch der griechische Staat seinen Schuldendienst einstellte. Und schon die Insolvenzgefahr könnte einen Bankenansturm auslösen.

Eine Währungsreform wäre das Mittel der Not, um einen Zusammenbruch des Bankensystems zu verhindern. Währungsreform heißt insbesondere, dass man die Guthaben auf eine neue Währung umstellt, im Falle Griechenlands die „alte“ Drachme, und man damit gleichzeitig einen Wertverlust verbindet. Wie man das am besten technisch löst, kann man in meinen Blogartikeln zu „Wie man die Eurozone verlässt“ nachlesen.

Es gibt allerdings eine Alternative zu einer Währungsreform. Die hätte allerdings nicht mehr Tsipras in der Hand, sondern allein Mario Draghi. Wie schon zum ersten Höhepunkt der Eurokrise 2011/12 kann das EZB-System nämlich den griechischen Banken Notfallliquidität zukommen lassen.

2012 summierten sich diese Notgelder des EZB-Systems allein für Griechenland auf rund 250 Milliarden Euro. Die Banken müssen für diese Gelder zwar einen höheren Zins zahlen als den normalen Leitzins, als Sicherheit wird dafür allerdings so ziemlich alles genommen, wofür Banken bereit sind, Kredite zu geben – bis hin zu Fußballstar Christiano Ronaldo.

Mit abermals 250 Milliarden neuen Euros der EZB wird man wohl auch eine neue griechische Bankenkrise ertränken. Tsipras muss den Euroaustritt darum nicht fürchten, wenn er ihn denn nicht selbst will.

Foto (von FrangiscoDer): Alexis Tsipras 2012

13 Kommentare

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  2. Andena sagt

    Man darf auch nicht außer acht lassen, dass Tsipras angekündigt hat, die reichen Griechen (Oligarchen) stärker finanziell heranzuziehen. Eine Vermögensabgabe und Kapitalertragssteuern würden ebenfalls ein Polster schaffen.

    Das grundlegende Problem ist jedoch, dass das Festhalten am Euro trotz Schuldenschnitt und/oder Einstellung des Schuldendienstes nichts an der strukturellen Schwäche Griechenlands ändert. Und da Tsipras angekündigt hat, die Löhne/Renten zu erhöhen und die Steuerbelastung für Normalverdiener zu reduzieren wird der Primärüberschuss auch bald Geschichte sein.

    Letzten Endes weist die Zukunft für Griechenland auf eine neue konvertible/abwertbare Währung, denn nur so kann der ständig wachsende Produktivitätsrückstand gegenüber der BRD ausgeglichen werden.

  3. Dumm nur bzgl. Primärüberschuss, dass sich die Griechen auf ihre eigenen Statistiken verlassen müssen. Nach allem was man so liest sind die nicht so sonderlich tragfähig. Und dann kann ein Schuldenschnitt ganz heftig nach hinten losgehen, weil das Geld selbst ohne Zins/Tilgung eben doch nicht reicht.

  4. „Wenn Tsipras griechischer Ministerpräsident würde, er würde sich mit der Troika einigen.“

    Und wie erklärt dann ein irischer Politiker seinen Wählern, dass der irische Steuerzahler nach der Bankenhilfe, die zu einem Großteil an die ausländischen Gläubiger der irischen Banken floss, nun über den ESM ganz brav auch noch Griechenlands Schulden abzahlen soll?

    Das wäre dann wirklich mal eine Frage und wenn Sie darauf eine Antwort haben, bitte gerne her damit! Wobei mit der Antwort können Sie sich wahrscheinlich auch direkt ans Kanzleramt wenden…

  5. @Andena, die Oligarchen sind dann aber wieder ein Punkt, warum ich glaube, dass Tsipras gegenüber der EU nicht ganz so hart auftreten wird. Er kann sich das Geld ja auch von denen holen.
    @uwe, berechtigter Einwand.
    @mister-ede, tja, aber was wollen die Iren machen, wenn Europas Kaiser, Mario Draghi, sagt, die Griechen bekommen so viel Geld, wie sie brauchen?

  6. Aber wer sich die Zahlen anschaut, sieht, dass es bei Irland doch nur um „Kleckerbeträge“ geht. Irland hat 18 Milliarden € bekommen, Griechenland 234 Milliarden (und 2,7 Milliarden stehen noch aus). Die ganze Griechenlandgeschichte war von Anfang an der helle Wahnsinn.

  7. Upps, ja, 68 Milliarden ausländische Mittel für Irland, aber darin sind jetzt die IWF-Gelder und die bilateralen Hilfen enthalten.

  8. Zusätzlich zu diesen 68 Mrd. „Programm-Mitteln“ schuldet Irland der EZB dann nochmal direkt rund 30 Milliarden.

  9. Häschen sagt

    Ein paar Milliarden auf und ab in der Ökonomie sind nicht wirklich ein Problem. Erstaunlich wie mister-ede dabei den Überblick behält. Wir werden in Zukunft noch zu dem Punkt kommen an dem bei Staatsschulden wird unterschieden – für das haftet der Staat, aber wenn die Allgemeinheit haftet ist alles wieder gut.

  10. H.U.Ellenberger sagt

    Wer glaubt ernsthaft daran, dass Deutschland oder irgend ein anderes Land dieser Erde die Möglichkeit oder gar Absicht hat, seine Staatsschulden je zu begleichen?
    Wie kommen die Finanzminister der Eurozone auf die Idee, von Griechenland zu verlangen, dass es das tun sollte?

    Die Schulden der Länder der Eurozone (Ende 2013): € 9.021 Billionen = 28’289 €/Einwohner
    Davon Deutschland: € 2.159 Billionen (24,33% der Eurozone) = 26’572 €/Einwohner (6.4% weniger als der Durchschnitt der Eurozone)
    Davon Griechenland; € 0,319 Billionen (3,54% der Eurozone) = 28’818 €/Einwohner (0.25% mehr als der Durchschnitt der Eurozone)

  11. Für den Anfang wäre es damit getan, (die bereits massiv abgesenkten) Zinsen und die Tilgung zu zahlen.

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