Analyse

Sind die Zeiten kostenfreier Girokonten bald vorbei?

Der Staatssekretaer im Bayerischen Finanzministerium Georg Fahrenschon am 13.07.2008 in Muenchen.
Foto: Gerhard Blank fuer Georg Fahrenschon

„Die Zeit von kostenlosen Girokonten ist vorbei“, sagt Georg Fahrenschon, der Präsident des Sparkassenverbandes DSGV. Als Begründung gibt er an: „Alle Marktteilnehmer müssen angesichts der falschen Zinspolitik neue Ertragsquellen erschließen.“ Die wahre Begründung ist allerdings ein bisschen komplizierter. Man muss dazu die Geldschöpfung aus dem Nichts betrachten.

Bekanntlich hat die EZB letzte Woche ihren Leitzins auf 0,0% gesenkt. Eigentlich bedeutet das für die Banken kein Problem. Denn ob sie Geld bei der Zentralbank für 3% aufnehmen und für 6% weiterverleihen oder ob sie es für 0% aufnehmen und für 3% weiterverleihen, die Zinsmarge bleibt für die Banken gleich.

Man darf sogar annehmen, dass bei einem niedrigen Zinssatz die Kreditnachfrage steigt, die Banken also ihr Geschäft ausweiten können. Und tatsächlich ist der Kreditbestand auch bei den Sparkassen 2015 gestiegen. Dass die Sparkassen am Zinsgeschäft 2015 etwas weniger verdient haben als im Vorjahr, kann also nicht direkt am niedrigen Leitzins liegen, zumal der auch 2014 schon sehr niedrig war.

Auf indirekte Effekte des Nullzinses möchte ich nicht eingehen. Das Problem der Sparkassen ist vielmehr, dass ihr wichtigster Wettbewerbsvorteil durch die Nullzinspolitik der EZB entwertet wird. Dieser Wettbewerbsvorteil waren die vielen Privat- und Geschäftskunden, die ein Giro- oder Sparkonto bei den Sparkassen führen.

Aber Moment. Inzwischen wissen wir, dass die Sicht, die Banken würden die Einlagen der Sparer einfach an die Kreditnehmer weitervermitteln, naiv ist. Man kann es etwa bei Norbert Häring nachlesen: Kein Bankangestellter überprüft während des Prozesses der Kreditvergabe, ob das Institut genug Einlagen für den Kredit zur Verfügung hat. Kein Kreditkunde hat jemals von seiner Bank die Auskunft bekommen: „Ihre Bonität ist gut. Aber bitte gedulden Sie sich. Da wir gerade einen Engpass bei unseren Einlagen haben, können wir das Geld erst in ein paar Wochen auszahlen.“

Kredite, Geldschöpfung und Fiat-Geld

Das ist so, weil die Banken durch die Kreditvergabe neues Geld aus dem Nichts schaffen, Fiat-Geld. Der Schuldner nimmt einen Kredit von – sagen wir – 500.000 Euro auf und hat danach 500.000€ auf seinem Girokonto, wo vorher nichts war. Einfach durch einen Tastendruck eines Buchhalters.

Solange nun der Schuldner das Geld auf dem Girokonto belässt, ist es theoretisch für die Bank ideal. Sie kassiert Zinsen ohne Aufwand oder fast ohne Aufwand. Denn eine Bank in der Eurozone muss 1% der Giroeinlagen als Mindestreserve bei der Zentralbank halten. Für 500.000€ Einlagen muss sie sich also 5.000 Euro Zentralbankgeld von der EZB beschaffen und für diese 5.000€ – und nur für diese – den Leitzins bezahlen.

Das bleibt auch noch so, wenn der Schuldner das Geld an seinen Lieferanten überweist, dieser Lieferant aber sein Girokonto bei der gleichen Bank hat. Neuer Aufwand entsteht der Bank erst, wenn der Schuldner das Geld an jemanden überweist, der sein Konto bei einer anderen Bank hat. Banken untereinander akzeptieren nämlich ausschließlich Zentralbankgeld als Bezahlung.

Die kreditvergebende Bank muss sich nun also weitere 495.000 Euro von der Zentralbank beschaffen und die Gesamtsumme von 500.000€ auf das Zentralbankkonto der Bank des Zahlungsempfängers überweisen. Erst dann schreibt die Bank des Zahlungsempfängers dem Zahlungsempfänger die Summe auf seinem Girokonto gut. Die kreditvergebende Bank des Überweisenden muss nun Zinsen in Höhe des Leitzinses für die gesamte Summe von 500.000€ bezahlen.

Das verdeutlicht: Eine Bank mit vielen Girokunden braucht später Zentralbankgeld und sie braucht weniger. Sie muss weniger Zinsen an die Zentralbank bezahlen. Und das ist der besondere Wettbewerbsvorteil der Sparkassen. Das ist vor allem der besondere Vorteil regionaler Sparkassen, die häufig sowohl den Überweisenden als auch den Überweisungsempfänger als Kunden haben.

Dieser Wettbewerbsvorteil ist aber überhaupt kein Wettbewerbsvorteil mehr, wenn der Leitzins der EZB sowieso 0 ist. Der Girokunde und der Kunde mit Sparkonto wird dadurch zu einem überflüssiger Störfaktor im Kreditgeschäft. Er wird es zu spüren bekommen.

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Foto (von www.gerhard-blank.de): Georg Fahrenschon, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes

5 Kommentare

  1. Gregor sagt

    Es fehlt die Angabe, dass die verschiedenen Banken zuerst ihre Zahlungen „platt stellen“ (Bank A Überweisungen an Bank B mit deren Überweisungsempfang von B verrechnet -> ergibt viel kleinere Zentralbankgeldbeträge!!), so dass Bank kein zusätzliches Zentralbankgeld braucht.

  2. @Gregor,
    richtig, es werden die verschiedenen Überweisungen zwischen Bank A und Bank B an einem Tag saldiert und dann erst wird der Ausgleich mit Zentralbankgeld gemacht. Das macht die Argumentation etwas komplizierter, aber im Kern bleibt sie meiner Meinung nach richtig, wenn man darauf abstellt, was passiert, wenn eine Bank zusätzliches Fiat-Geld schafft.

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