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Das Internet als Park – Teil 2

Ökonomisch gesehen kann man das Internet mit einem Park vergleichen – wie ich in Teil 1 dieses Artikels zu zeigen versucht habe. Einen Park allerdings mit vielen unabhängigen Gärtnern. Aber was folgt daraus für die Finanzierung der Kreativen im Netz?

Laptop zwischen Blumenbeeten in einem Park

Virtueller Park und realer Park im Schlosspark Siegen
Foto: Arne Kuster

Man kann es sich natürlich wie Anatol Stefanowitsch einfach machen und sagen: Mir egal, von was die Gärtner leben. Man kann dann darauf hoffen, dass sich immer genügend leidenschaftliche Hobbygärtner finden, die sich um den großen Park Internet kümmern werden.

Nun, bei großen realen Parks ist noch niemand auf die Idee gekommen, sie allein den leidenschaftlichen Hobbygärtnern zu überlassen. Es ist klar, dass das nicht funktioniert, obwohl es theoretisch genügend leidenschaftliche Hobbygärtner gibt. Warum aber nun sollte im Netz funktionieren, was im realen Leben nicht geht?

Warum sollte im Netz funktionieren, was im realen Leben nicht geht? Diese Frage stellt sich allerdings auch bei einer anderen Idee. Gemeint ist die Idee, das Urheberrecht biete im Netz eine gute Grundlage, um sein Werk, sei es Text, Film oder Musik, zu vermarkten. Wer diese Idee propagiert (wie etwa jüngst die 100 Leute aus der Kunst- und Medienbranche im Handelsblatt), hat sich noch nie wirklich Gedanken, um das Internet wie um Parkanlagen gemacht.

Die Analogie zur strikten Durchsetzung der Urheberrechte im Netz wäre nämlich ein Park, in dem jeder der vielen Gärtner seinen Bereich durch Bretterzäune von den Bereichen der anderen abtrennt; ein Park also, unterteilt durch viele Hundert Bretterzäune. Wer hätte Spaß in einem solchen Park? Wer würde einen solchen Park besuchen?

Sicherlich könnte man durch Verbindungen (Links) auch in einem solchen Park von einem umzäunten Bereich in den anderen gelangen, man könnte sich alles aus der Nähe anschauen. Aber wenn schon nicht die Bretterzäune selbst, so würde doch in vielen Umzäunungen die Reklameplakate daran den Park verschandeln. Bei anderen Umzäunungen wiederum würden die Warteschlangen vor den Kassenhäuschen abschrecken.

Würde ein realer Freizeitpark so vermarktet, nur sehr wenige Anbieter könnten damit Geld verdienen. Das wären die Anbieter, die sehr große, attraktive Flächen umzäunen konnten und bewirtschaften, oder die, die besondere Attraktionen aufgebaut haben.

Der Markt mag es richten. Auch die Inhaber großer Flächen werden sich Gedanken darum machen müssen, wie sie ihr Stück Park noch attraktiver gestalten können. Und da liegt es nahe, die störenden Bretterzäune in der Parklandschaft überflüssig zu machen. Die Anbieter großer Flächen werden versuchen müssen, sich auszudehnen, Nachbarparzellen zu übernehmen, Hobbygärtner zu integrieren.

Das Optimum aus Sicht des Nutzers ist erst erreicht, wenn der gesamte Park in einer Hand ist, wenn man nur noch einen Zaun außen herum hat, an dem ein pauschaler Eintritt kassiert wird. Das Optimum ist der Park als Klubgut. Beim realen Park wie beim virtuellen Park Internet.

Eine auf Urheberrechten, Leistungsschutzrechten usw. aufbauende Internetwirtschaft wird tendenziell auf ein Monopol, mag es nun Google, Facebook oder sonstwie heißen, hinauslaufen. Ein privates Monopol kann aber niemand wollen. Es bleibt, die von den Nutzern gewünschten Vorteile des einheitlichen Anbieters (also das unbeschwerte Umherstreifen im Netz) auch durch eine Vielzahl von professionellen Anbietern gemeinsam sicherzustellen.

Viel wird gelästert über die angebliche Gratismentalität im Netz. So hat darüber zuletzt Sven Regener vom Leder gezogen. Nun, ich glaube, hinter der angeblichen Gratismentalität im Netz steckt weniger ein Widerstand gegen die Kassenhäuschen, sondern viel mehr ein Widerstand gegen die Bretterzäune, die, wenn sie sich denn ausbreiten, das Internet verschandeln.

Die Lösung lautet: Für die Inhalte im Netz muss eine Pauschale erhoben werden und dann unter die Inhalteanbieter verteilt werden. Modelle sind die Kulturflatrate oder die Kulturwertmark. Denn das Internet ist ökonomisch gesehen ein Klubgut.

Das Internet als Park – Teil 1

Der aktuelle Streit um das Urheberrecht im Internet kreist zu sehr um ideologisch aufgeladene Begriffe wie „geistiges Eigentum“. Wichtiger wäre, Finanzierungsmodelle zu entwickeln, die sowohl die Urheber angemessen entlohnen als auch von den Nutzern akzeptiert werden. Vergleichen wir zu diesem Zweck einmal das Internet mit einer Parkanlage.

Belebte LIegewiesen beiderseits des Schwabinger Bachs, Englischer Garten, München

Englischer Garten in Müchen

Wer in der Stadt wohnt, weiß, welch schöne Sache ein städtischer Park ist. Flanieren, spazieren, die Natur genießen, auch Sonnenbaden oder Picknick sind in Parks möglich. Berühmt ist z.B. der Englische Garten in München oder der Große Tiergarten in Berlin. Jede größere Stadt hat ihre eigene Parkanlage.

Aus ökonomischer Sicht kennzeichnend ist, dass städtische Parks frei zugänglich sind. Jeder kann ohne Bezahlung (innerhalb der Öffnungszeiten) so lange darin verweilen, wie er will. Die Gärtner werden durch Steuergelder bezahlt. Die Parkanlage ist ein öffentliches Gut.

Einige Parkanlagen sind besonders aufwendig gestaltet. Nehmen wir z.B. den Botanischen Garten Berlin, in dem man seltene Pflanzen wie die Welwitschie pflegt. Um den Aufwand zu finanzieren, nehmen diese Parks ein Eintrittsgeld. Wer allerdings einmal das Eintrittgeld bezahlt hat, darf im Park so viel spazieren gehen und sich so viel anschauen, wie er möchte.

Aus ökonomischer Sicht ist der Botanische Garten Berlin ein Klubgut. Man bezahlt einmal Eintritt und kann sich dann (innerhalb der Öffnungszeiten) im Park unbeschränkt bewegen und alle Parkeinrichtungen nutzen.

Nicht nur öffentliche Parks werden als Klubgut vermarktet, auch bei kommerziellen Freizeitparks hat sich dies durchgesetzt. Man bezahlt einmal Eintritt und kann dann alle Attraktionen des Parks nutzen. Theoretisch ginge es auch anders. Man könnte vor der Achterbahn und vor jedem Themenbereich ein eigenes Kassenhäuschen aufstellen. Wird aber nicht gemacht. Zum einen ist der Aufwand zu groß, zum anderen schmälert man das Erlebnis der Besucher, wenn sie bei jeder Gelegenheit erneut die Geldbörse zücken müssen.

Das Internet (genauer das WWW) ist auch ein Park, zum Umherstreifen wie Verweilen geschaffen. Es gibt eine relevante Besonderheit: Viele voneinander unabhängige Gärtnereien und Gärtner gestalten ihn. Ich gehöre dazu. Mein Blog ist ein kleines Blumenbeet. Andere, nehmen wir mal Spiegel Online, bewirtschaften große Flächen. Dort wächst Rasen, was zwar nicht so raffiniert schön ist wie meine Blumen, aber zu einem großen Park unbedingt dazugehört.

(Und dann gibt es natürlich noch die morastigen Schmuddelecken.)

Wenn allerdings 1. das Internet trotz seiner Besonderheit mit einer realen Parkanlage vergleichbar ist und wenn zudem 2. man  keine staatlichen Subventionen fürs Netz will, dann bleibt langfristig nur der Weg, es (bzw. seine Inhalte) durch Vermarktung als Klubgut zu finanzieren. In Teil 2 dieses Artikels möchte ich das näher begründen und aufzeigen, was daraus (auch praktisch) folgt.

Wer kann sich das Öl noch leisten?

Während die Ölpreise von 1998-2010 stiegen, hat sich die Nachfrage nach Öl verlagert. Europa spielt beim Ölverbrauch eine immer geringere Rolle.

Wer kann sich noch daran erinnern?

1998. Damals gab es noch die gute, alte DM und Öl war so billig wie noch nie seit der ersten Ölkrise – und wie nie wieder seitdem und wohl für alle Zeiten. Das Fass Erdöl (entspricht etwa 160l) wurde mit 12,72$ gehandelt. Auch wenn man das in Preisen von 2010 umrechnet, sind das nur 17,01$. Der Liter Diesel kostete 1 Mark und 18 Pfennig.

Die einzigen, die damals die Glückseligkeit störten, waren die Grünen, wollten die doch einen Preis von 5 DM pro Liter Benzin. Sie erlebten einen Shitstorm, obwohl es Twitter noch gar nicht gab.

Seitdem ist der Ölpreis nur gestiegen, sieht man von den Krisenjahren 2001 und 2009 ab. 2010 lag er bei 79,50$ für das Fass.

Diagramm des realen Ölpreises 1998-2010 in $ von 2010

Realer Ölpreis (Brent-Öl) 1998-2010

Gleichzeitig ist der weltweite Ölverbrauch gestiegen. Wurden 1998 74,101 Millionen Fass Öl am Tag verbraucht, waren es 2010 87,382 Millionen. Das sind 18% mehr.

Diagramm des steigenden weltweiten Ölverbrauchs 1998-2010

Weltweiter Ölverbrauch 1998-2010

Kommen wir nun zur Verschiebung der Nachfrage. Betrachten wir mal die 16 größten Ölverbraucherländer 2010:

Staat Ölverbrauch 1998 Ölverbrauch 2010 Anstieg des Ölverbrauchs
(Fass pro Tag)
1998-2010
in Mill. Fass pro Tag in % in Mill. Fass pro Tag in %
USA 18,917 25,6 19,148 21,9 +1,2 %
China 4,216 5,7 9,057 10,4 +114,8 %
Japan 5,478 7,4 4,451 5,1 -18,8 %
Indien  1,968 2,7 3,319 3,8 +68,7 %
Russland 2,613 3,5 3,199 3,7 +22,4 %
Saudi-Arabien 1,489 2,0 2,812 3,2 +88,8 %
Brasilien 2,036 2,8 2,604 3,0 +27,8 %
Deutschland 2,902 3,9  2,441 2,8 -15,9 %
Südkorea 2,052 2,8 2,384 2,7 +16,2 %
Kanada 1,898 2,6 2,276 2,6  +19,9 %
Mexiko  1,868  2,5  1,994  2,3  +6,7 %
Iran  1,198  1,6  1,799  2,1  +50,2 %
Frankreich  2,003  2,7  1,744  2,0  -12,9 %
Großbritannien 1,743 2,4 1,590 1,8 -8,8 %
Italien 1,959 2,6 1,532 1,8 -21,8 %
Spanien 1,355 1,8 1,505 1,7 +11,1 %
Gesamte Welt  74,001  100,0  87,382  100,0  +18,1 %

Die großen europäischen Länder verzeichnen alle einen Rückgang des Ölverbrauchs, in Italien sogar um 21,8%. Ausnahme: das (bis zur Krise) wachstumsstarke Spanien. Nur leicht stieg der Verbrauch in den USA und Mexiko von 1998 bis 2010. Ein immer größerer Teil des Ölflusses wurde dagegen in die großen Schwellenländer gelenkt oder verblieb gleich in den großen Ölförderländer (zu denen man auch Kanada zählen kann). Wie schon beim Wirtschaftswachstum steht China auch auf Platz 1 beim Wachstum des Ölverbrauchs. Es folgen Saudi-Arabien und Indien.

Sortierung nach der prozentuale Änderung des Ölverbrauchs: 1. China, 2. Saudi-Arabien, 3. Indien, dann Iran, Brasilien, Russland, Kanada, gesamte Welt, Südkorea, Spanien, Mexiko, USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Japan, zuletzt Italien

Änderung des Ölverbrauchs der 16 größten Verbrauchsländer 1998-2010

Natürlicherweise führte die Entwicklung zu einer starken Änderung der Anteile der einzelnen Länder am Ölverbrauch. So stieg z.B. der Anteil Chinas von 5,7% auf 10,4%, während der Japans von 7,4% auf 5,1% fiel. Deutschland machte 2010 nur 2,8% des weltweiten Ölverbrauchs aus; 1998 waren es noch 3,9%.

Die Entwicklung ist auch interessant vor dem Hintergrund des aktuellen Ölboykotts der Europäischen Union gegen den Iran. Die Europäer haben nicht mehr die Nachfragemacht, um die iranische Ölwirtschaft entscheidend zu schwächen.

PS: Alle Zahlen beruhen übrigens auf den historischen Daten, die BP gesammelt hat.

Neues Quartal – neue Zahlen

Wie immer am Beginn eines neuen Quartals, betrachte ich ausführlich die Zugriffszahlen für den Wirtschaftswurm, die mir Google Analytics liefert.

In den Monaten Januar, Februar und März konnte der Wirtschaftswurm 16.606 Besuche verzeichnen. Das ist ein Zuwachs von 23,4% gegenüber dem vierten Quartal 2011; gegenüber dem ersten Quartal 2011 errechnet sich sogar ein Zuwachs um 202,6%. Noch besser sieht es bei den Seitenaufrufen aus. Sie sind auf 24.880 gestiegen und damit 32,1% höher als im Vorquartal sowie 193,1% höher als im Vorjahresquartal.

Welche Seiten interessierten die Besucher in den letzten drei Monaten?

Neben der Startseite wurde „Sollen Frauen sich die Brüste vergrößern lassen dürfen?“ am meisten aufgerufen, nämlich 1927 mal. Großes Interesse fand erneut mein Einführungsartikel zum Thema Target 2 „Target 2 – Das Eurosystem in der Schieflage„. Google Analytics registriert für ihn 1351 Aufrufe. Auf Platz 3 der Hitliste steht mit 1253 Aufrufen ebenfalls ein Klassiker: „Wirtschaftswachstum mal langfristig„.

Auf den Plätzen vier bis zwölf folgen:

  1. Target 2 – Eine Debatte über die Schieflage des Eurosystems,
  2. Zum Versagen der Uni-Ökonomen,
  3. Die vorhergesagte Apokalypse und der griechische Schuldenschnitt,
  4. Wie man die Krise in den Griff bekommt – die Sicht eines Bankvolkswirts,
  5. Ökonomie neu denken – ein erster Rundumschlag,
  6. Die Finanztransaktionssteuer – bedingt sinnvoll,
  7. Zwischenrufe zur Bundestagsdebatte über das zweite Griechenland-Hilfspaket,
  8. Wirtschaftswachstum mal langfristig (2000-2010),
  9. Im Schatten Griechenlands: Irland, Ungarn, Portugal und Italien.

Woher kamen die Besucher im letzten Quartal?

Hauptquelle war natürlich die Google-Standardsuche. 5817 Besuche wurden über sie vermittelt. Das sind 35,0% aller Besuche und das ist gegenüber dem Vorquartal ein Plus von 43,9%. An zweiter Stelle stehen die Direktzugriffe mit 3046 Besuchen (18,3% aller Besuche, +21,2 %). Stark zugenommen (+215,2 %) haben Besuche, die über die Google-Bildersuche den Wirtschaftswurm gefunden haben. In den letzten drei Monaten waren das 1365 oder 8,2%.

Dank Links auf den Wirtschaftswurm erreichten die Plätze vier bis zwölf der Besucherquellen :

  1. Dirk Müllers Internetpräsenz www.cashkurs.com,
  2. das verschwörungstheoretische Blog www.alles-schallundrauch.blogspot.com,
  3. Twitter und sein Kurz-URL-Dienst,
  4. net-news-express.de,
  5. Wirtschaftsfacts.de,
  6. der PR-Blogger mit seiner Artikelserie über Wirtschaftsblogs, obwohl schon im Dezember erschienen,
  7. Herdentrieb, der Blog der Wochenzeitung „Die Zeit“,
  8. mindmap.com mit Dirk Elsners Mindmap deutscher Wirtschaftsblogs und
  9. Dirk Elsners Blicklog, wobei am meisten Besuche durch seinen Überblick über Artikel zum Thema Krise der wissenschaftlichen Ökonomie kamen.

Vermerkt sei noch, dass auch die Zahl der Feed-Abonnenten zugenommen hat. Es gab durchschnittlich 597 Feed-Abrufe am Tag, 64,7% mehr als im Vorquartal.

Die Besucherzahlen auf Wirtschaftswurm sind bisher in jedem Quartal gewachsen. Fragt sich, ob ich das auch im gerade angefangenen Quartal erneut schaffen kann. Die vielen Feiertage sowie die Fußball-Europameisterschaft im Juni lassen mich daran zweifeln.

Der Wirtschaftswurm ist für den „comdirect finanzblog award“ nomininiert

Logo des comdirect Finanzblog Award 2012Noch läuft die Abstimmung für den „smava Finance Blog of the Year„, da flattert mir die nächste Nominierung ins Haus. Die „comdirect bank“ veröffentlicht gerade eine Pressemitteilung, in der sie bekannt gibt, dass elf Wirtschaftsblogs für den „comdirect finanzblog award“ nominiert sind, darunter auch der Wirtschaftswurm.

Die Nominierten sind nun nach Berlin eingeladen. Dort findet am 2. Mai die Verleihung der vier Preise im Rahmen einer Veranstaltung auf der re:publica statt. Die Comdirect macht es also spannend und gibt die endgültigen Sieger erst auf dieser Veranstaltung bekannt.

Die Konkurrenz ist allerdings hart (und wenn ich das sagen darf, stärker als beim smava-Wettbewerb). Neben dem Wirtschaftswurm sind nominiert:

Ich werde dann wohl noch einmal hier im April eine Schüppe drauflegen müssen, um die Jury zu beeindrucken. Preisrichter sind übrigens der Kommunikationswissenschaftler und Medienforscher Prof. Dr. Christoph Neuberger, der Finanzmarktanalyst Joachim Goldberg, der Unternehmensberater und Blogger Thomas Knüwer und Jörg Sadrozinski, Leiter und Geschäftsführer der Deutschen Journalistenschule München.

Die Schwierigkeiten, in Europa zu bloggen

Europes can’t blog„, ich las die Überschrift und gähnte. Die Absicht war zu offensichtlich. Da wollte jemand durch Provokation und folgende heftige Gegenreaktionen seinen Blog bekannter machen. Ich habe nicht mehr weitergelesen. Die Rechnung der „Blogger“ aus der Brüsseler Denkfabrik Bruegel ist trotzdem aufgegangen. Mein persönlicher „Boykott“ ihrer Provokation verpuffte, gingen ihnen doch viele andere Wirtschaftsblogger auf den Leim und begannen darüber zu diskutierten, ob Europäer bloggen können.

Inzwischen habe ich den Bruegel-Beitrag gelesen. Und ich stimme Dirk Elsner (Blicklog) zu: „Hier trägt jemand seine Nase ganz weit oben …“ Und auch in einem anderen Punkt hat Dirk recht: Der Blog der europäischen Denkfabrik ist ja selbst kein richtiger Blog. Anders als Dirk mache ich das allerdings nicht daran fest, ob man im Blog kommentieren kann (augenscheinlich kann man das auch im Bruegel-Blog). Wichtig, damit ein Blog ein Blog ist, ist meiner Meinung nach vor allem, dass der Autor nicht hinter der Sache verschwindet, dass man eine Entwicklung des Autors verfolgen kann, bei Wirtschaftsblogs etwa eine Entwicklung seiner ökonomischen Ideen. Notwendig (wenn auch nicht hinreichend) hierfür ist wiederum, dass die Blogautoren regelmäßig schreiben. Den Bruegel-Blog aber füllt eine Heerschar von Autoren mit Einzelbeiträgen.

Ein Vorwurf der Bruegel-Denker an die europäischen Blogger mag allerdings richtig sein: „Europäische Volkswirte scheinen lieber Wissen verbreiten als eine Debatte anstoßen zu wollen.“ Ob das jetzt in den USA so viel besser ist, kann ich nicht beurteilen. Solche Vergleiche Deutschland/Europa : USA beruhen meiner Erfahrung nach meistens mehr auf Stereotypen, denn auf soliden empirischen Befunden.

Aber natürlich gibt es auch die Scheu des Bloggers, etwas Unfertiges, Halbfertiges zu präsentieren. Das ist letztlich die Angst, etwas ganz Wesentliches einfach übersehen zu haben und sich darum zu blamieren. Auch mir kostet es Mühe, mich davon freizumachen. Diskussionen provoziert man aber am besten durch Fehler. Mehr Mut zu Fehlern möchte ich uns Wirtschaftsbloggern darum empfehlen.

Sehr schön ist übrigens die Replik von Lothar Lochmaier auf die Bruegel-Provokation: „Europäer können bloggen, aber nicht englisch„. Vollkommen recht hat Lothars, wenn er bei den Bruegel-Bloggern angelsächsischen „intellektuellen Imperialismus“ erkennt. Und tatsächlich würde es Europa nicht gut bekommen, sich einfach angelsächsische Modelle überzustülpen. Das gilt für das angelsächsische Wirtschaftsmodell; das gilt für das angelsächsische Bloggermodell. Lasst uns besser etwas eigenes entwickeln!

Damit bin ich dann beim „Vorwurf“ der Bruegel-Blogger, europäische Blogs seien viel zu sehr national ausgerichtet. Wenn Diskussion zwischen Bloggern stattfinde, dann nur innerhalb der nationalen und Sprachgrenzen.

Nun, da ist zunächst einmal festzuhalten, dass Blogger hier nicht allein stehen, sondern nur den großen Medien in diesem Punkt folgen. Und beide haben einen Grund: Denn die politische Debatte findet nach wie vor ausschließlich auf nationaler Ebene und in den jeweiligen Nationalsprachen statt. Würde ich englisch bloggen, ich würde mich aus der politischen Debatte verabschieden. Nur wer bereits einen großen Namen hat, wird auch in einer Fremdsprache wahrgenommen.

Während die politische Debatte in den Nationalsprachen stattfindet (übrigens selbst im Europaparlament), hat sich in der akademischen Debatte das Englische durchgesetzt. Diese gemeinsame Sprache innerhalb der Wissenschaft wird jedoch zum Problem, wenn es darum geht, ökonomische Erkenntnisse einem breiteren Publikum zu vermitteln. Die Wissenschaftssprache Englisch ist meiner Meinung nach mit ein Grund, warum viele und immer mehr ökonomische Erkenntnisse nicht den Weg in die politische Debatte finden.

Mehr Wirtschaftsblogs auf Deutsch, Französisch, Italienisch usw. könnte eine Gegenmaßnahme sein. (Und ein besseres Google Translate natürlich auch.) Letztlich bieten nur die Nationalsprachen eine Gewähr für eine breite Teilnahme der Bürger an der Politik. Ohne Nationalsprachen weniger Demokratie. Aber das ist ja vielleicht sowieso das Ziel einiger selbsterklärter Europäer.

Der Wirtschaftswurm ist im Finale

smava Finance Blog of the Year 2012180 Blogs haben sich beworben. Die Jury brauchte länger als geplant, um die Finalisten auszuwählen. Doch jetzt stehen die 15 besten Wirtschaftsblogs des Jahres 2012 fest. Und der Wirtschaftswurm ist dabei, ist Finalist im Smava-Finanzblog-Wettbewerb 2012!

Zum Sieg fehlen jetzt nur möglichst viele eurer Stimmen. Also stimmt hier ab und macht euren Wirtschaftswurm zum Gewinner des Wettbewerbs „Finance Blog of the Year 2012“! Die Abstimmung läuft bis einschließlich 3. April.

Über Nachhaltigkeitslügen und -plagiate

Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, und André Reichel, Grünen-Mitglied, bemühen auf FAZ.net das Thema Nachhaltigkeit. Doch spannend ist hier nicht die Theorie, sondern die Umsetzung.

Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei

Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, Foto: Tobias M. Eckrich

Nerz beklagt: „Politisch ist der Begriff … ein Füllwort, eine hohle Phrase zur alleinigen Begründung eines Gesetzes, einer Maßnahme oder um die Verschwendungssucht eines anderen Vorschlages anzuprangern.“ Die Piratenpartei, so soll der Leser schlussfolgern, will es besser machen.

Reichel versucht gerade hier anzugreifen. Er wirft Nerz vor, seine Vorstellung von Nachhaltigkeit nur aus Sekundärquellen zu schöpfen, nicht tief genug in die Geschichte des Nachhaltigkeitsbegriffs eingestiegen zu sein. Das ist nun allerding ein merkwürdiger Vorwurf an einen Politiker, der praktisch gestalten und nicht in seiner Studierstube verbleiben soll.

„Von einem Politiker und Parteichef verlange ich als Bürger dieses Landes, dass er klare Vorstellungen davon hat, woher seine Überzeugungen kommen und worauf seine politischen Schlussfolgerungen basieren.“ Da hat Reichel zunächst recht. Aber wir haben eine Kanzlerin, deren wirtschaftspolitische Überzeugungen sich (angeblich) von den Prinzipien der schwäbischen Hausfrau ableiten lassen. Da müssen die Leute, die Sebastian Nerz zitiert, also Meinhard Miegel oder Karl Otto, den intellektuellen Wettkampf nicht scheuen.

Die entscheidende Frage ist, ob Nerz seinen eigenen Anspruch erfüllt, konkrete Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung aufzuzeigen. Damit tut er sich allerdings schwer.

Nerz nennt einige Technologien, die auf dem ersten Blick nachhaltig erscheinen, es aber auf dem zweiten nicht sind. Elektroautos brauchen Lithium für ihre Akkus, ein Leichtmetall, das um 2050 knapp werden könnte. Ähnlich sieht es mit Neodym aus, das man für Windräder braucht, oder Gallium, das in Solarzellen steckt. Die Schlussfolgerung des Oberpiraten: Man kommt um materielle Einbußen, um Verzicht, nicht drumrum.

Jetzt aber, wo es spannend wird, wo man sich fragt: „Wo muss ich sparen?“, da hört der Oberpirat auf. Da reicht ihm ein lapidarer Verweis auf Miegel: „Wie glücklich und zufrieden Menschen mit ihrem Leben sind, hat ab einem bestimmten Level nichts mehr mit dem materiellen Wohlstand zu tun.“ Das hätte ich allerdings schon gerne genauer aufgezeigt!

Gerade hier vermag André Reichel zu punkten. Car-Sharing sei ein Beispiel, wie man ein Bedürfnis mit weniger materiellen Aufwand befriedigen könne.

Wir brauchen allerdings Hunderte solcher Beispiele.

Die Target-2-Salden sind nicht nur Symptom

Mit einem Brief des Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann an EZB-Chef Mario Draghi nahm die Target-2-Debatte in den deutschen Wirtschaftsblogs erneut an Fahrt auf. Nach wie vor wird versucht, die Bedeutung der Target-2-Salden klein zu reden.

Präsident des ifo-Instituts Hans-Werner Sinn

Er begann die Target-2-Debatte: Hans-Werner Sinn

Leider herrscht bei einigen Bloggern noch immer Verwirrung über den Zusammenhang von Leistungsbilanzdefizit und Target 2. Olaf Storbeck (Handelsblog) darf sich hier angesprochen fühlen. Lieber Olaf, eine Korrelationen zwischen Target-2-Defizit und Leistungsbilanzdefizit der Europroblemländer wird von Hans-Werner Sinn nicht behauptet. Ihr Fehlen beweist gar nichts. Es ist bekannt, dass die Target-Defizite der Europroblemländer genauso durch Kapitalflucht wie durch einen Importüberschuss wachsen können.

Entscheidend ist, dass die EZB nicht steuern kann, ob die Targetkredite für das eine oder das andere benutzt werden. Oder wie es Mark Schieritz als Antwort auf meinen letzten Blogbeitrag zu Taget 2 geschrieben hat: „Die EZB stützt Leistungsbilanzen, auch wenn sie Kapitalflucht kompensiert.“ Hier bin ich mit Schieritz einer Meinung, auch wenn wir beide dann den Sachverhalt unterschiedlich bewerten.

Klar wird es, wenn man das Pferd von vorne aufzäumt: Wie finanzieren eigentlich die Griechen aktuell ihr Leistungsbilanzdefizit? In Abwesenheit privater (Netto-)Kredite aus dem Ausland kommen hier nur der Euro-Rettungsschirm und eben die Target-Salden infrage.

Derselbe Fehler wie bei Storbeck findet sich übrigens auch bei Kantoos. Kantoos irrt darüber hinaus, wenn er schreibt: „Die Target-Salden sind ein Symptom, nicht mehr.“ Die Target-Salden sind zwar Symptom, aber auch mehr. Ich würde sie mit der Antriebswelle eines Kraftfahrtzeugs vergleichen.

Und damit bin ich schon bei Kantoos berechtigter Frage, welche Alternativen es denn zum heutigen Targetsystem gibt; der Gegenentwurf also.

Rein theoretisch könnte man sich eine Währungsunion ohne Targetsalden durchaus vorstellen. In einem solchen System ließe sich der ständiger Ausgleich im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr so organisieren: Meine Überweisung von Griechenland nach Deutschland kommt zunächst auf eine Warteliste. Sie wird erst dann ausgeführt, wenn irgendjemand durch eine gegenlaufende Überweisungen von Deutschland nach Griechenland das Geld für ihre Ausführung bereit gestellt hat.

Ich mag jetzt nicht ausrechnen, wie lange aktuell bei einem solchen System eine Überweisung von Griechenland nach Deutschland dauern würde. Wahrscheinlich zu lange für Kapitalflucht und wahrscheinlich zu lange für viele deutsche Exporteuere, die darum ihr Griechenlandgeschäft einstellen würden. Die Antriebswelle Target 2 wäre abgekoppelt, die negative Dynamik damit unterbrochen. Die unterschiedliche Wettbewerbsfähigkeit der Eurozonenstaaten könnte keine weiteren Ungleichgewichte erzeugen.

In den Europeripheriestaaten herrschte allerdings Mangelwirtschaft und darum mag eine andere Alternative wünschenswerter sein: Man begrenzt das maximale Targetdefizit eines Staates etwa auf das Bruttoinlandsprodukt von drei Monaten. Darüber hinaus gehende Salden müssen in kurzer Frist durch Übertragung realer Sicherheiten (etwa Gold) ausgeglichen werden. Kann oder will eine nationale Zentralbank diese Sicherheiten nicht leisten, scheidet sie aus dem Targetsystem aus. Das heißt aber: Das Land scheidet aus der Währungsunion aus.

Griechenland, die Dritte Welt und ein dicker Fehler nicht nur der FTD

Das war ja eigentlich eine ganz interessante Nachricht: 2009 erreichte Griechenland noch Platz 35 aller Staaten, gemessen am in Kaufkraftparitäten umgerechneten Bruttoinlandsprodukt (BIP) ; im letzten Jahr war es nur noch Platz 40; und dieses Jahr wird es aufgrund der anhaltenden Rezession noch weiter abfallen. Vietnam, Peru, vielleicht sogar Bangladesch werden Griechenland übertreffen.

Der Financial Times Deutschland war das aber noch zu wenig dramatisch. Sie musste die Meldung ursprünglich mit der reißerischen Überschrift versehen: „Griechische Wirtschaft fällt auf Drittwelt-Niveau“. (So immer noch festgehalten auf Rivva.) Und das ist natürlich vollkommener Quatsch.

Nach dem Maßstab, den die FTD ansetzte, wäre Dänemark schon lange auf Drittwelt-Niveau. Denn es erreichte 2011 auf der Liste BIP in Kaufkraftparitäten gerade Platz 53 und lag damit ein gutes Stück hinter Bangladesch auf Platz 43. Trotzdem halten sich die Spendenaufrufe für die hungernde dänische Bevölkerung bislang in Grenzen. Und hier liegt kein Versagen der humanitären Hilfsorganisationen vor, sondern ein kategorialer Fehler der FTD.

Um ein Land als „Dritte Welt“ oder arm zu kennzeichnen, ist eben nicht das BIP eines Staates als Gesamtsumme ausschlaggebend, sondern natürlich das BIP pro Kopf der Bevölkerung. Hier stand Griechenland 2011 (nach vorläufigen Schätzungen des IWF vom September) immer noch auf Platz 34 und damit auf einem ansehnlichen Rang zwischen Neuseeland und Bahrein. Mit rund 27.600$ Kaufkraft hatte der Durchschnittsgrieche 2,8 mal mehr zur Verfügung als ein Peruaner (10.000$), 8,2 mal mehr als ein Vietnamese (3.400$) und sogar 16,3 mal mehr als ein Bangladeschi (1.700$).

Doch gerade die Schlagzeile „Griechische Wirtschaft fällt auf Drittwelt-Niveau“ fiel im Web auf fruchtbaren Boden . Da ließ sich eine dramatische Meldung zu leicht mit der persönlichen politischen Agenda verknüpfen. Bezeichnend etwa ein Tweet von Glamypunk: „Merkels Sparplan wirkt: Griechische Wirtschaft schrumpft auf Drittwelt-Niveau.

Den Twitterern sei verziehen, da selbst der Züricher Tagesanzeiger sich nicht zu blöd war, die FTD-Überschrift zu übernehmen: „Griechenland fällt unter das Niveau von Entwicklungsländern„, titelte er.

Es gab allerdings auch Kritik im Web am FTD-Artikel – eher zaghaft bei egghat, durchaus deutlich von Jens Berger auf den Nachdenkseiten. Als Reaktion hat die FTD dem Artikel inzwischen eine neue Überschrift verpasst: „Dramatischer Wohlstandsverlust in Griechenland“. Wer korrigiert allerdings jetzt all die Retweets?

Die vorhergesagte Apokalypse und der griechische Schuldenschnitt

Zweieinviertel Jahre, nämlich seit Dezember 2009, als erst Fitch und dann Standard&Poors die Anleihen Griechenlands herabstuften, wurde über einen möglichen Schuldenschnitt des Landes diskutiert. Das waren zweieinviertel Jahre, in denen viel Unsinn über einen Schuldenschnitt verbreitet wurde, in denen teils bewusst, teils unbewusst unnötige Panik verbreitet wurde.

Was wurde da nicht alles erzählt! Beispiele? Bitte!

Wirtschaftsredakteur Dirk Hinrich Heilmann sagte im Handelsblog im Januar 2011 für den Fall einer Umschuldung eine „Panik wie nach der Lehmann-Pleite“ voraus. „Wochenlange politische Diskussionen“ würden die Krise noch verschlimmern.

Nun, über den jetzigen Schuldenschnitt wurde seit Juni 2011, also neun Monate lang, auf höchster Ebene verhandelt. Nicht, dass diese lange Zeitdauer nötig gewesen wäre, wenn die Politik zielstrebiger gehandelt hätte.  Aber in dieser Zeit (seit 17.6.11) fiel etwa der Dax um gerade mal 3,4 %. Panik sieht anders aus.

Da fragt sich natürlich, auf welche Quellen Heilmann seine Einschätzung stützte. Leute aus der Finanzbranche? So kann man nachlesen, dass die Ratingagentur Moody’s am 24.5.2011 vor der „gefährliche Sogwirkung“ eines Schuldenschnitts „auf finanzschwache Länder“ warnte. Und etwa einen Monat später verbreitete Allianz-Vorstand Peter Achleitner im Handelsblatt: „Nicht alle Finanzinstitute sind auf einen Haircut vorbereitet. Ich fürchte eine Kettenreaktion, die Europa weiter in die Krise treibt.

Und jetzt? Natürlich hat Bettina Schulz (FAZ) recht, wenn sie meint, der jetzige Schuldenschnitt verlaufe nur so reibungslos, weil das Finanzsystem vorher „in Watte gepackt“ wurde. Begleitmaßnahmen waren notwendig, das bestreitet niemand. Meiner Meinung nach wäre dabei etwas weniger Watte und stattdessen ein paar harte Leitplanken für die Banken (Stichwort „good bank„) besser gewesen. Wenn aber, was ich für wahrscheinlich halte, Portugal dem Weg Griechenlands folgen wird, dann liegt das weniger an einer „Sogwirkung“ denn an Einsicht, dass große Probleme große Lösungen brauchen.

Es waren aber nicht nur Journalisten und Leute aus der Finanzbranche, die im Krisenreigen mittanzten. Besonders unverantwortlich waren einige Äußerungen von Politikern. Gleichzeitig mit Moody’s befürchtete auch der Präsident des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, dass bei einer Umschuldung Griechenlands die Schuldenkrise eskaliere. „Das Risiko, mit einer solchen Maßnahme zu scheitern, sei sehr hoch.

Zwei Tage später, am 26.5., weitet Finanzminister Wolfgang Schäuble im Handelsblatt das Schreckensszenario zur Apokalypse aus:  Eine solche Radikalmaßnahme wie ein Schuldenschnitt bringe das Weltfinanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs. Die Folgen könnten noch katastrophaler sein als nach dem Zusammenbruch von Lehman
Brothers.

Die Unseriösität unseres aktuellen Finanzministers wird nur noch übertroffen von der Dummheit eines seiner Vorgänger. Im Mai 2010 verkündete Hans Eichel: „Ich kaufe zum ersten Mal in meinem Leben Staatsanleihen – und zwar griechische. Denn die Eurozone muss zusammengehalten werden.“ In diesen Tagen konnte er sein Investment mit Verlust abschließen.

Besonders unrühmlich in der gesamten Diskussion um den Schuldenschnitt war die Rolle der EZB. Hinter den Kulissen versuchte sie lange Zeit, eine Entlastung Griechenlands zu verhindern. Es gibt aber auch (im Nachhinein peinliche) Äußerungen von EZB-Vertretern in der Öffentlichkeit. So warnte der inzwischen zurückgetretene Chef-Volkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) Jürgen Stark ebenfalls im Handelsblatt vom 26.5.11 vor einem Ansturm auf die griechischen Banken bei einer Umschuldung. Zur selben Zeit bezeichnete das französische EZB-Ratsmitglied Christian Noyer einen Schuldenschnitt der Griechen als Horrorszenario. EZB-Chef Trichet warnte noch im Juli öffentlich „unmissverständlich und mit allen Mitteln“ vor einem Schuldenschnitt.

Die EZB hat damit viel Glaubwürdigkeit verspielt.