Die Finanztransaktionssteuer – bedingt sinnvoll

Die Finanztransaktionssteuer hat Vorteile wie Nachteile. Letzlich sinnvoll ist sie nur für den Derivatehandel und den außerbörslichen Handel.

Demonstration für eine Finanztransaktionssteuer vor dem Brandenburger Tor

Demonstration für eine Finanztransaktionssteuer

Nach dem letzten Treffen von Merkel und Sarkozy steht die Finanztransaktionssteuer wieder auf der politischen Agenda und sorgt nicht zuletzt für Streit in der Koalition. Die Finanztransaktionssteuer ist eine Umsatzsteuer auf den Handel mit Wertpapieren und Derivaten. Die EU-Kommission möchte den Handel von Aktien und Anleihen mit 0,1 % besteuern, den von Derivaten mit 0,01% des zugrundeliegenden Nennwerts. Aber was würde das bewirken?

Eine Studie aus der University of Sussex in Brighton gibt sehr gut den aktuellen Stand der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung zum Thema Finanztransaktionssteuer wieder. Und der lässt sich so zusammenfassen:

  1. Theoretische Überlegungen (wie sie z. B. auch Stephan Schulmeister in seinem Papier darstellt) legen nahe, dass die Transaktionssteuer die Kursschwankungen an den Wertpapiermärkten verringert, indem sie vor allem kurzfristige Spekulationen mit häufigen Umschichtungen belastet. Empirische Studien deuten allerdings eher auf einen gegenteiligen Effekt hin. Indem die Steuer zu einer Verminderung des Handelsvolumens führt, erhöht sie die Kursschwankungen.

  2. Die Angst der Gegner einer Transaktionssteuer, dass diese nur den Effekt hätte, den Handel in Länder ohne Transaktionssteuer zu verlagern, ist übertrieben. Dies gilt zumindest dann, wenn die Steuer an den Ort der Abrechnung und nicht an den Ort des Handels geknüpft wird. Wenn man über eine deutsche Bank Wertpapiere an der New Yorker Börse kauft, würde dann weiterhin die deutsche Transaktionssteuer fällig.

  3. Schon eine Steuer von 0,005% erbringt weltweit 25 Milliarden $ Einnahmen. Allerdings werden die Kosten nicht bei den Banken hängen bleiben, sondern größtenteils auf die Kunden überwälzt werden. Die Börsenhändler werden nicht bluten, wie auch Patrick Bernau (FAS) schreibt. Trotzdem würde die Finanztransaktionssteuer die Reichen stärker treffen, da die sich stärker im Wertpapierhandel engagieren.

Die Finanztransaktionssteuer hat also Vorteile wie Nachteile. Wenn es darum geht, das Steuersystem progressiver zu gestalten, sollte man meiner Meinung nach eher über eine Vermögenssteuer oder höhere Erbschaftssteuern nachdenken. Ich stimme allerdings Aloa5 zu, dass eine Transaktionssteuer auf den ausufernden Handel mit Finanzderivaten sowie den außerbörslichen Handel mit Wertpapieren sinnvoll wäre.

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16 Gedanken zu „Die Finanztransaktionssteuer – bedingt sinnvoll

  1. Wirtschaftsphilosoph

    Die Finanztransaktionssteuer halte ich für populistisch und ökonomisch unsinnig. Dass durch die Steuer das Handelsvolumen sinkt und dadurch die Volatilität steigt, ist doch auch ein theoretisches Argument, nur mit dem Vorteil der empirischen Bestätigung. Die Verlagerung in Länder ohne diese Steuer wäre enorm. Natürliche Personen würden deshalb vermutlich nicht umziehen und könnten hier besteuert werden, doch die Masse des Handels findet zwischen Finanzintermediären statt, die einfach eine Auslandsfiliale handeln lassen können. Eine weltweite Steuer ist völlig unrealistisch, man bekommt sie nicht einmal EU-weit hin. Negativ betroffen wären alle Menschen, nicht nur die selbst solche Transaktionen durchführenden. Der außerbörsliche Handel lässt sich schlechter besteuern, so dass es nicht nur zur Verlagerung ins Ausland, sondern auch in schlecht regulierte Graubereiche kommt. Schließlich werden Finanzunternehmen noch größer, da Handel mit anderen bestraft und Fusion mit ihnen damit belohnt wird. Die Wirkungsweise ist ähnlich schädlich wie bei einer echten Umsatzsteuer bei jedem Umsatz, während das Äquivalent zur Mehrwertsteuer jetzt schon in Form von Gewinnsteuern besteht (was aus dem Handel gewonnen wird, muss versteuert werden).

  2. Benjamin

    Schöne Zusammenfassung. Aber ich sehe keine Vorteile. Zumindest nicht augenscheinlich. Welches Argument davon würdest Du denn als Vorteil sehen?

    Was sagst Du zur These das eine Finanztransaktionssteuer ganz im Gegenteil zu ihrer Absicht zu höherer Volatilität und höheres Risiko führt, weil die Anleger nun auf renditehöhere und riskantere Anlagen ausweichen?
    Meine Meinung zur Finanztransaktionssteuer: http://aetheryon.de/benjaminschaefer/2012/01/11/finanztransaktionssteuer-ist-falsch/

  3. lostgen

    zu 1) Ich würde wie Wirtschaftsphilosoph auch theoretisch eine höhere Volatilität erwarten.

    zu 2) den Ort der Abrechnung kann ich doch auch frei wählen. Nur Kleinsparer werden das in Deutschland machen.

    zu 3) Das dies stärker Reiche betrifft halte ich nicht ausgemacht. Siehe 2)

    Der Hauptkritikpuntk meiner Meinung nach ist, dass die Steuer entweder so niedrig ist, dass sie keine großen Auswirkungen auf die Märkte hat, aber dann auch kein Geld bringt. Oder sie wirkt nur wie eine Kleinsparer-Steuer. Trotzdem bin ich FAST der Meinung das endlich einzuführen, nur um das Thema mal wieder auf die echten Probleme wie Bankenunterkapitalisierung zu richten.

  4. aloa5

    Die Steuer sollte sehr niedrig sein. Einen positiven Effekt wird die Steuer nur dann auch tatsächlich erzielen können.

    Da aber die Politik offenbar darauf abzielt Kasse machen zu wollen wird sich das erledigt haben. Also: was juckt die Politik (mal wieder) der ökonomische Effekt – überhaupt nicht. Wie üblich eben. Reine Symbol-Politik.

    Grüße
    ALOA

  5. Wirtschaftswurm

    Thema Kursschwankungen: Da sind wir uns einig. Und ja, die erhöhte Volatilität lässt sich nicht nur empirisch belegen, sondern auch (ich hab’s ja selbst ganz kurz gemacht) theoretisch begründen.
    Thema Flucht ins Ausland: Die Schweden haben damit in den 90ern wohl sehr negative Erfahrungen gemacht. Eine intelligentere Gestaltung wie in meinem Beitrag beschrieben könnte diese Flucht aber begrenzen. Denn es ist natürlich schon mit gewissen Kosten verbunden, den Handel nicht von der Heimatbank, sondern z.B. von amerikanischen Banken abwickeln zu lassen. Ob sich das immer lohnt, bloß um die prozentual geringe Transaktionssteuer zu umgehen?
    @Wirtschaftsphilosoph, prinzipiell begünstigt eine reine Umsatzsteuer natürlich Fusionen. Ich glaube aber, in der Realität wird der Effekt nicht wahrnehmbar sein.
    @Benjamin, der Vorteil wären natürlich zunächst mal die Einnahmen. In Zeiten der Schuldenkrise ein nicht zu vernachlässigender Vorteil. Und dass eine Steuer von 0,1 bzw. 0,01 % Auswirkungen auf das Risikoverhalten der Anleger hat, halte ich für ausgeschlossen.

    Ich habe in der Überschrift geschrieben “bedingt sinnvoll”, ich hätte natürlich genauso gut schreiben können “häufig sinnlos”. Ich will ja die Transaktionssteuer nur für Derivate. Da aber vielleicht sogar höher als 0,01 % vom Nennwert, da ich in diesem Bereich möchte, dass sich das Anlageverhalten ändert und weniger mit Derivaten gehandelt wird.

  6. Pingback: Open Brainstorm: Cash-flow Steuer « Verlorene Generation

  7. aloa5

    Ob sich das immer lohnt, bloß um die prozentual geringe Transaktionssteuer zu umgehen?

    Eben. Da reden wir imho von einem Bereich zwischen 0,01% und 0,05%….. und das verstehen die Leute nicht und Politiker schon überhaupt nicht.

    Es geht imho auch gar nicht um Ökonomie sondern einzig und alleine um Symbolpolitik, das “setzen eines Zeichens”. Wirkung-> who cares…

    Grüße
    ALOA

  8. Wirtschaftsphilosoph

    Die Steuer ist nicht so klein, da sie bei jedem Umsatz fällig wird (und bei Derivaten vermutlich auf den Nennwert der Basispapiere, nicht den Wert der Derivate). Kleinanleger wie mich juckt das wirklich kaum (dafür trage ich die Steuer dann vollständig), da ich wenig umsetze und dabei ohnehin viel höhere Gebühren zahlen muss. Für Banken etc. sieht das anders aus und ist mit massiven Ausweichreaktionen zu rechnen (ins Ausland, in graue Märkte, in Finanzinnovationen). Der Effekt ist real schädlich und das alles für ein reines Symbol – wofür oder wogegen eigentlich? Das erinnert sehr an den Euro, der real noch viel schädlicher ist und ein bloßes Symbol für die europäische Einigung sein soll, die dadurch beschädigt wird.

  9. aloa5

    und das alles für ein reines Symbol – wofür oder wogegen eigentlich?

    Die Finanzwirtschaft und die Banken – wogegen sonst. Das ist das was das Volk darunter versteht. Die Politiker verstehen überhaupt nichts außer dem das man da Geld holen können soll und das das Volk Symbole haben möchte.
    Und hinterher sind es wieder dunkle und böse Mächte welche verhindert haben das die FTS so funktioniert wie sie funktionieren soll. Wie auch am Euro-Desaster natürlich nicht die Politiker mit ihren “Visionen” daran Schuld haben.

    Grüße
    ALOA

  10. WhatIsMoney

    Was treibt jetzt „Otto-Normalbürger“ dazu, sich auf Seiten der Finanzwirtschaft zu schlagen?

    Wahrscheinlich gibt es viele Gründe, aber ich verstehe sie nicht. Ich weiß nur, warum ich für eine Finanztransaktionssteuer bin. Am Beispiel des ersten Punktes:

    An den typischen Kleinanleger würde die Finanztransaktionsteuer natürlich weitergegeben. Ich weiß jetzt nicht die Transaktionskosten aller Broker für Privatkunden, aber in meinen Fall betragen die durchschnittliche Transaktionskosten 0,3% des Volumens. Steigen die Transaktionskosten durch die Finanztransaktionssteuer nun auf 0,4% würde sich mein Verhalten wohl kaum ändern. Gedanklich macht eine Tagesschwankung eines Leitindexes schon mehr aus. Zweitens sind die Transaktionskosten für mich in den letzten Jahren gesunken, dank technischer Innovationen wie dem Internet, um ein vielfaches von dem, was durch die Finanztransaktionssteuer wieder hinzukommen würde.

    Genau dasselbe trifft auf die Liquidität zu. Die Liquidität ist in den letzten 20-30 Jahren derart gestiegen, weil schlichtweg Unmengen an Geldvermögen angehäuft wurde, das es schlichtweg egal ist, wenn durch eine Transaktion-Kostenerhöhung kurzzeitig zu einer Abschwächung der Steigerung kommt. Beispiel Dow-Jones Handelsvolumen (Einfachzählung) die 100 Millionen Grenze wurde zum ersten Mal 1982 gesprengt, die 7 Milliarden-Grenze bereits 2008. Es kann doch niemand ernsthaft der Meinung sein, dass sich eine solche Dynamik von einer 0,1% Finanztransaktionssteuer aufhalten lässt.

    Im Grunde hat die Finanztransaktionssteuer nur wirklich merkbare Auswirkung auf einen ganz kleinen priviligierten Personenkreis mit unverhältnismäßig großen Geldvermögen. Ich finde einfach keinen logischen Grund diese Personengruppe auf meine Kosten zu verteidigen! Weil eines mit Sicherheit fix ist, sollten die Mehreinnahmen aus einer Finanztransaktionssteuer nicht kommen, muss der Rest der Bevölkerung diese auf die eine oder andere Art tragen.

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  12. Bernd Klehn

    Ich habe zwar nicht Alles durchgelesen. Möchte aber Folgendes beitragen. Für Überweisungen zwischen Geschäftsbankenkonten muss Zentralbankgeld bewegt werden. Dieses Kontobewegungen für Euroüberweisungen werden über Target2 erfasst. Dort wird ein Volumen von täglich 2,3Bio Euro bewegt. Eine sehr sehr geringe Steuer auf jede Bewegung wird sowohl das Volumen als auch sehr sehr kurzfristige Spekulationen sehr sehr stark zurückfahren. Eine Verlagerung der Eurotransaktionen außerhalb des Eurosystems ist gar nicht machbar, da die Bücher bei den Euro-NZBs und bei der EZB geführt werden.

  13. Wirtschaftswurm

    @Bernd Klehn,
    wenn ich den Vorschlag richtig verstanden habe, würde er aber kleine Banken massiv benachteiligen. Die großen Banken können ja viel häufiger intern überweisen.
    @WhatIsMoney,
    man könnte natürlich genauso gut fragen, warum man sich jetzt auf Finanztransaktionen beschränkt, anstatt Vermögen allgemein zu besteuern.

  14. Bernd Klehn

    @ Wirtschaftswurm

    Auch bei jeder grenzüberschreitenden Überweisung kommt Target2 ins Spiel. Außerdem könnte man jede Bank verpflichten, die via NZBs mit Eurozentralbankgeld versorgt wird auch für interne Transaktionen die Steuer abzuführen, genauso wie sie heute schon die Gesamtmenge der Sichtguthaben melden musste und davon früher 2% , heute 1% als unverzinsliche Mindestreserve bei den NZBs hinterlegen muss. Insgesamt muss das Finanzkasino, die Geldwaschanlage, trocken gelegt werden. Netto werden allein pro Jahr 200Mrd von Luxemburg aus aus Deutschland abgepumpt und 600Mrd. uns aus London wieder zugeführt.

  15. Armin

    Wenn die FTS bei jeder Transaktion anfallen würde. Bisher ist aber umstritten, ob dies überhaupt für “Überweisungen” gelten sollte.

  16. Wirtschaftswurm

    Es ist nicht nur umstritten, bisher ist eine Transaktionssteuer für Überweisungen nicht vorgesehen.

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