“Europes can’t blog“, ich las die Überschrift und gähnte. Die Absicht war zu offensichtlich. Da wollte jemand durch Provokation und folgende heftige Gegenreaktionen seinen Blog bekannter machen. Ich habe nicht mehr weitergelesen. Die Rechnung der “Blogger” aus der Brüsseler Denkfabrik Bruegel ist trotzdem aufgegangen. Mein persönlicher “Boykott” ihrer Provokation verpuffte, gingen ihnen doch viele andere Wirtschaftsblogger auf den Leim und begannen darüber zu diskutierten, ob Europäer bloggen können.
Inzwischen habe ich den Bruegel-Beitrag gelesen. Und ich stimme Dirk Elsner (Blicklog) zu: “Hier trägt jemand seine Nase ganz weit oben …” Und auch in einem anderen Punkt hat Dirk recht: Der Blog der europäischen Denkfabrik ist ja selbst kein richtiger Blog. Anders als Dirk mache ich das allerdings nicht daran fest, ob man im Blog kommentieren kann (augenscheinlich kann man das auch im Bruegel-Blog). Wichtig, damit ein Blog ein Blog ist, ist meiner Meinung nach vor allem, dass der Autor nicht hinter der Sache verschwindet, dass man eine Entwicklung des Autors verfolgen kann, bei Wirtschaftsblogs etwa eine Entwicklung seiner ökonomischen Ideen. Notwendig (wenn auch nicht hinreichend) hierfür ist wiederum, dass die Blogautoren regelmäßig schreiben. Den Bruegel-Blog aber füllt eine Heerschar von Autoren mit Einzelbeiträgen.
Ein Vorwurf der Bruegel-Denker an die europäischen Blogger mag allerdings richtig sein: “Europäische Volkswirte scheinen lieber Wissen verbreiten als eine Debatte anstoßen zu wollen.” Ob das jetzt in den USA so viel besser ist, kann ich nicht beurteilen. Solche Vergleiche Deutschland/Europa : USA beruhen meiner Erfahrung nach meistens mehr auf Stereotypen, denn auf soliden empirischen Befunden.
Aber natürlich gibt es auch die Scheu des Bloggers, etwas Unfertiges, Halbfertiges zu präsentieren. Das ist letztlich die Angst, etwas ganz Wesentliches einfach übersehen zu haben und sich darum zu blamieren. Auch mir kostet es Mühe, mich davon freizumachen. Diskussionen provoziert man aber am besten durch Fehler. Mehr Mut zu Fehlern möchte ich uns Wirtschaftsbloggern darum empfehlen.
Sehr schön ist übrigens die Replik von Lothar Lochmaier auf die Bruegel-Provokation: “Europäer können bloggen, aber nicht englisch“. Vollkommen recht hat Lothars, wenn er bei den Bruegel-Bloggern angelsächsischen “intellektuellen Imperialismus” erkennt. Und tatsächlich würde es Europa nicht gut bekommen, sich einfach angelsächsische Modelle überzustülpen. Das gilt für das angelsächsische Wirtschaftsmodell; das gilt für das angelsächsische Bloggermodell. Lasst uns besser etwas eigenes entwickeln!
Damit bin ich dann beim “Vorwurf” der Bruegel-Blogger, europäische Blogs seien viel zu sehr national ausgerichtet. Wenn Diskussion zwischen Bloggern stattfinde, dann nur innerhalb der nationalen und Sprachgrenzen.
Nun, da ist zunächst einmal festzuhalten, dass Blogger hier nicht allein stehen, sondern nur den großen Medien in diesem Punkt folgen. Und beide haben einen Grund: Denn die politische Debatte findet nach wie vor ausschließlich auf nationaler Ebene und in den jeweiligen Nationalsprachen statt. Würde ich englisch bloggen, ich würde mich aus der politischen Debatte verabschieden. Nur wer bereits einen großen Namen hat, wird auch in einer Fremdsprache wahrgenommen.
Während die politische Debatte in den Nationalsprachen stattfindet (übrigens selbst im Europaparlament), hat sich in der akademischen Debatte das Englische durchgesetzt. Diese gemeinsame Sprache innerhalb der Wissenschaft wird jedoch zum Problem, wenn es darum geht, ökonomische Erkenntnisse einem breiteren Publikum zu vermitteln. Die Wissenschaftssprache Englisch ist meiner Meinung nach mit ein Grund, warum viele und immer mehr ökonomische Erkenntnisse nicht den Weg in die politische Debatte finden.
Mehr Wirtschaftsblogs auf Deutsch, Französisch, Italienisch usw. könnte eine Gegenmaßnahme sein. (Und ein besseres Google Translate natürlich auch.) Letztlich bieten nur die Nationalsprachen eine Gewähr für eine breite Teilnahme der Bürger an der Politik. Ohne Nationalsprachen weniger Demokratie. Aber das ist ja vielleicht sowieso das Ziel einiger selbsterklärter Europäer.


