Analyse

Die lange Geschichte vom Ende der Arbeit – Teil 1: Was bisher geschah

Warenbewirtschaftungsroboter

Sieben Millionen Arbeitsplätze sollen in den nächsten Jahren durch Computer und Roboter ersetzt werden. Das ergab eine Umfrage unter Spitzenmanagern auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos. Wird uns nun die Arbeit ausgehen? Die Frage wird heiß diskutiert.

David Autor vom renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) weist jedoch in einer Studie darauf hin, dass die Angst vom Ende der Arbeit eine lange Geschichte hat. Und er zeigt, was davon in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berechtigt war und ist.

David Autor geht zurück bis in die Zeit der Maschinenstürmer zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Aber auch in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts befürchteten viele eine Massenarbeitslosigkeit durch eine weitere Automatisierung. US-Präsident Johnson setzte damals sogar eine Regierungskommission zum Thema ein.

Tatsächlich wuchs die Erwerbsquote in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, da mehr Frauen in den Arbeitsmarkt integriert wurden. Da gleichzeititg mit der zunehmenden Produktivität Einkommen und Nachfrage stiegen, bewahrheitete sich die Prognose der von Johnson eingesetzten Kommission:

„Technologie vernichtet Arbeitsstellen, nicht Arbeit.“

Doch welche Stellen verschwanden, welche Stellen kamen neu hinzu?

Das Phänomen der Stellenpolarisierung („job polarization“)

David Autor unterteilt die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg in zwei Perioden. Die Zeit vor etwa 1980 und die danach. Vor 1980 wurden vor allem schwere körperliche Arbeiten, gefährliche Arbeiten und niedere Arbeiten automatisiert. Es fielen damit vor allem Stellen mit niedrigen Löhnen weg.

Als allerding ab etwa 1980 die Informationstechnologie zur treibenden Kraft der Automatisierung wurde, änderte sich das Bild. Computer sind vor allem gut im Rechnen und im Speichern, Sortieren, Strukturieren und Suchen von Informationen. Damit ersetzen sie menschliche Arbeit vor allem im Büro- und Verwaltungsbereich.

Für Tätigkeiten, die Menschen nicht durch Erklären lernen, sondern durch Zuschauen und Nachahmen, ist es allerdings schwierig, Computerprogramme zu schreiben. So hat selbst High-Tech-Roboter Atlas noch immer Schwierigkeiten beim Saubermachen.

Dadurch haben sich viele Stellen als resistent gegen Automatisierung erwiesen, die das Erkennen vielfältiger, immer neuer Umstände erfordern sowie die stetige Anpassung an sie.  Das sind häufig (wenn auch nicht immer) geringbezahlte Tätigkeiten: Verkäufer im Einzelhandel, Paketbote, Frisör usw., vor allem viele Tätigkeiten, die den Umgang mit Menschen beinhalten.

Aber auch hochbezahlte Tätigkeiten, die Urteilskraft und gesunden Menschenverstand verlangen, blieben. Problemlösungsfähigkeiten, Intuition und Kreativität kann man Computern bisher ebenfalls nicht einprogrammieren.

Im Ergebnis kam es zu einer Stellenpolarisierung, durch die vor allem die Jobs im mittleren Einkommensbereich wegfielen. Daten für 16 europäische Länder zeigen das sehr klar:

Änderung der Anteile der Beschäftigten in gering-, mittel- und hochbezahlten Berufen 1993-2010

Änderung Stellenstruktur

aus Goose, M. u.a. “Explaining Job Polarization: Routine‑Biased Technological Change and Offshoring” American Economic Review 2014

Das Fazit bisher: In der langen Diskussion um die wachsende Einkommensungleichheit wird der Einfluss der technologischen Entwicklung meist vernachlässigt, der Einfluss politischer Maßnahmen wie der Einführung von Hartz-IV dagegen zu sehr betont. Bereits im Artikel „Neue Diskussion über die Hartz-Reformen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“ hab‘ ich allerdings dargelegt, dass Hartz-IV falsch begründet wurde. Hartz-IV war keine Maßnahme, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands wiederherzustellen. Vielmehr ging es darum, neue Niedriglohnstellen für Geringqualifizierte im Dienstleistungsbereich zu ermöglichen, nachdem immer mehr Stellen im mittleren Einkommensbereich weggefallen waren.

Die Frage ist nun allerdings: Wird die Stellenpolarisierung weitergehen oder treten wir nun in die nächste Phase der Automatisierung ein? Dazu dann der zweite Teil dieses Artikels.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Foto (von MF/Wikimedia): Warenbewirtschaftungsroboter in einem Arzneimittellager

10 Kommentare

  1. Amaretto sagt

    Wird Hartz 4 nicht eher mit Arbeitsverweigerung in Verbindung gebracht, weil es den Empfängern zu gut ginge, als dass sie unangenehme Arbeit nachgehen wollten?
    Eher sehe ich durch das Prinzip des Aufstockens den Druck auf früher im mittleren Lohnsegment wirkende Menschen.

    Aber ich bin andererseits zu jung, um zu wissen, wie es vor Hartz 4 war.

  2. @Amaretto,
    es gibt keine Arbeitsplicht in Deutschland, daher kann es auch keine Arbeitsverweigerung geben. Aber die Sache war doch – etwas zugespitzt dargestellt – so: Deutschland hatte über Jahrzehnte immer mehr Arbeitslosigkeit aufgebaut und, wie wir jetzt sehen, vor allem, weil Stellen im mittleren Einkommensbereich weggefallen sind.
    Die Langzeitarbeitslosen haben vor Hartz-IV Arbeitslosenhilfe bekommen und deren Höhe orientierte sich am letzten Einkommen. Damit war also die Arbeitslosenhilfe oft höher als der Verdienst bei möglichen neuen Stellen im Niedriglohnsektor. Die Langzeitarbeitslosen mit vormals mittlerem Einkommen wären also ziemlich blöd gewesen, solche neuen Stellen zu besetzen. Das hat sich mit Hartz-IV geändert. Nun erhält man meistens nur noch ein Jahr ein Arbeitslosengeld, das sich am letzten Einkommen orientiert. Danach ist man auf Sozialhilfeniveau.

  3. Maren Hahlbeck hat mir die Frage gestellt, ob Mängel im Bildungssystem eine Ursache sind, warum hochbezahlte Berufe in D weniger zugenommen haben als in einigen anderen europäischen Ländern. Das könnte natürlich sein, ich denke aber, es liegt vor allem daran, dass der Strukturwandel eher langsamer war, zumindest im Vergleich zu Ländern wie Irland und Spanien, deren Wirtschaft sich in den letzten 20 Jahren grundlegend gewandelt hat.

  4. Jimmy sagt

    Es kommt drauf an was man draus macht und sich der Einzelne gefallen lässt :). Ich weiß das ist jetzt nicht hilfreich, aber der andere Text war zu lang. Eines. Der Computer hat genau ein Zweck der ihnen neben dem Addieren unheimlich effektiv macht. Das Kopieren. Aber Kopieren ist ein Umkehrungsprozess zu arbeitsteiliger Bewirtschaftung.

    Wir müssen heute wesentlich mehr nachdenken, denn den Menschen neben eine Maschine zu stellen und zu sagen, du bist jetzt automatisch produktiver geht so leicht nicht. Wir haben heute pervertierte Strukturen in denen Menschen rund um die produktiver sich ausnehmenden Maschinen tanzen, sich dabei bunte Steine zuwerfen und entlang der Forderung nach gelebter Prozessharmonie ihr Tun orchestrieren lassen.

    Wir müssen schon aufpassen, dass nicht Produkte mit Hebel (sprich Werkzeuge) Autos, Computer, Hammer vom Haushalt werden weggesperrt und Jobs wie ‚Bildaufhänger‘ ins Leben gerufen werden. Dann kauft irgendwann mal keiner ein Bild … Das ist eine wenig ist seltsam anmutendes Beispiel, aber mit ‚Smart‘ bewegen wir uns in der Flucht in die Zentralisierung am Weg in die Diktatur der Planwirtschafter.

  5. EuroTanic sagt

    Die Aufgabe der Gesellschaftschaft sollte die kollektive Arbeitslosigkeit sein.
    Dann hätten wir Zeit für Tätigkeiten die menschlich sind, wie Kunst, Philosophie, Sport, Musik…

  6. @Jimmy, „Wir haben heute pervertierte Strukturen in denen Menschen rund um die produktiver sich ausnehmenden Maschinen tanzen, sich dabei bunte Steine zuwerfen und entlang der Forderung nach gelebter Prozessharmonie ihr Tun orchestrieren lassen.“ – Ich vermute, du spielst damit auf Studien an, die zeigten, dass Büros durch IT unproduktiver geworden sind. Ich hab allerdings schon ewig nichts mehr von solchen Studien gehört. Vermute, die Ergebnisse waren nicht verallgemeinerbar.

    @EuroTanic,
    David Autor erwähnt in seiner Studie nebenbei, dass Freizeit und Konsum komplementär sind. Sprich, wenn die Leute kein Geld zum Ausgeben haben, dann genießen sie ihre Freizeit nicht.

  7. Jimmy sagt

    Zwar auch, aber eigentlich nein. Diese Untersuchungen scheitern schlicht daran, dass ein Wort fehlt – Kopieren. Kopieren ist ein Umkehrprozess zu Arbeitsteilung.

    Seit dem ich ‚Das Verschwinden der Arbeit‘ habe gelesen, das war schon in der Schulzeit der späten 80er, bin ich jeden Tag aufs Neue aktiv dieses Geschenk den Menschen näher zu bringen.

    Die Arbeit geht nicht aus, aber das Konzept des planwirtschaftlich anmutenden Einkommens wird immer mehr zurückgedrängt. Der Unterschied zwischen einem Einkommenslosen und dem potentiell Arbeitslosen der neben eine Maschine wurde gesetzt ist allein, dass für den zweiten Fall indirekt ein Tauschverhältnis zwischen eingesetzter Lebenszeit und Geld wird ermittelt oder festgelegt.

    Ich kann mir nicht vorstellen, wenn Menschen mal begreifen, dass
    a) Bewirtschaftung und Geld keine schlüssigen Systematiken sind
    b) das planwirtschaftlich anmutende Einkommen definiert ist als irreführender Umkehrschluss aus der Unfähigkeit ein Gut am Marktplatz einer Bewertung zuzuführen und gepaart mit der Einkommenshöhe die Illusion aufrecht zu erhalten man hätte aus diesem Titel einen Zugriff auf den Güterpool in diesem Maße. Die Nachfrage in der Marktwirtschaft definiert sich ja nicht über den gelungen Tausch, darüber definiert sich die Deckung.
    c) Das planwirtschaftliche Einkommen ein Entgelt für die Endlagerung verderblich anmutender Güter (Verbrauch) darstellt und im Rahmen des Konsums über den Ort wir entschieden an dem ein Gut verdirbt.
    d Aus Summen über gewichtete Tauschverhältnisse keine Rückschlüsse kann ziehen …
    e) Dass Geld nicht im Rahmen des Verbrauchs verbraucht wird und nicht im Arbeitsprozess wird geschaffen …

    Unternehmen beschäftigen sich heute großteils in dem von ihnen angesprochenen Teil damit die illusion übers Jahr konstante Preise und damit gleichbleibender Tauschverhältnisse zu schaffen und entlang dieser Illusion ihre Bedarfe auszurichten. Fragen sie einmal ein Budgetverantwortlichen was dieser glaubt, dass sein Budget ist?

    Damit geht die Arbeit aber nie aus, da sie immer mehr Aufwand müssen treiben um entgegen dieser unsinnigen Annahmen doch noch ein hochqualitatives Ergebnis zu liefen. Die Frage ist eher, ist diese Zeit sinnvoll investiert und wird der Mensch nicht immer mehr geplagt von der Sinnlosigkeit seines Schaffen und Strebens.

    Boreout und Burnout als Ergebnis von Urgenzen geboren aus Disharmonien als Abweichung zum Trugbild der lebbaren Prozessharmonien in die ein Mitarbeiter gelobt einzustimmen.

    Diese Schlacht zwischen Pull und Push tobt im Moment … Alle Rechnung vs. alle Entlohnt entlang des planwirtschaftlich anmutenden Einkommens. Politisch umschreiben hieße das, Freiheit vs. Kommunismus. Ich vermute es wird eine strenge Neuorientierung am marktwirtschaftlichen Einkommen kommen und Industrie einfach als automatisiertes notwendiges Übel mit theoretischem Ausweis von Profit am Laufen gehalten werden …

    Hätte der liebe Gott gewollt, dass der Mensch den ganzen Tag arbeitet, dann hätte er ihm die Fähigkeit nicht mit auf den Weg gegeben arbeitsteilig zu bewirtschaften.

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