Wirtschaftswurm-Blog

Investitionsprogramm? Jetzt bitte noch nicht!

Straßenbaustelle

Zwei französische Minister haben diese Woche die deutsche Debatte um ein Investitionsprogramm neu belebt. Emmanuel Macron und Michel Sapin schlugen vor, dass Deutschland innerhalb der nächsten drei Jahre 50 Milliarden zusätzlich investiert, während Frankreich spart. Deutschland sollte aber mit einem Investitionsprogramm bis nach dem Austritt aus der Eurozone oder ihren Zusammenbruch warten.

Frankreichs Sparpläne sind sowieso wenig ehrgeizig. Im kommenden Jahr soll das Haushaltsdefizit bei 4,3% liegen und erst 2017 soll das Maastricht-Kriterium von 2,8% eingehalten werden.

Aber ist es nicht – unabhängig von Frankreich – richtig, dass Deutschland mehr investiert? Zumal man damit einem Konjunktureinbruch gegensteuern kann?

Doch von all den vielen Vorschlägen, die in letzter Zeit für Investitionen gemacht wurden, scheint mir persönlich nur der Ausbau des Breitbandnetzes wirklich zukunftsweisend. Dagegen scheinen die vielen Ideen, mehr für Bildung auszugeben, vor allem eins: konzeptionslos. Mit dem G8 haben wir die Schuldauer verkürzt, mit den Bologna-Reformen zumindest versucht, die Studiendauern zu verkürzen. Da sollte man nun doch weniger Geld für Bildung brauchen, oder?

Richtig ist natürlich, dass es einen großen Sanierungsbedarf bei Brücken, Straßen und öffentlichen Gebäuden gibt. Dummerweise gehören aber Instandhaltungsmaßnahmen nach der üblichen Definition nicht zu den Investitionen. Wahrscheinlich ist aber nur diese Definition dumm. Also mehr Geld für Renovierungen braucht Deutschland schon.

Soll man nun diese Ausgaben vorziehen, um aktuell einem Konjunkturabschwung zu begegnen?

Wenn ich mir allerdings die aktuellen Prognosen des IWFs für Deutschland und die Eurozone ansehe, erkenne ich nichts von einem Konjunkturabschwung und erst recht nichts von einer Rezession.

Prognose 2014 Prognose 2015
Österreich +1,0% +1,9%
Belgien +1,0% +1,4%
Finnland -0,2% +0,9%
Frankreich +0,4% +1,0%
Deutschland +1,4% +1,5%
Griechenland +0,6% +2,9%
Irland +3,6% +3,0%
Italien -0,2% +0,9%
Niederlande +0,6% +1,4%
Portugal +1,0% +1,5%
Slowakei +2,4% +2,7%
Spanien +1,3% +1,7%

Wirtschaftswachstum der zwölf großen Eurostaaten laut IWF

Natürlich kann man sich immer mehr Wirtschaftswachstum wünschen. Das würde allerdings auch mit einem Investitionsprogramm schwer.

Mit guten Gründen kann man allerdings die IWF-Prognosen anzweifeln. Tatsächlich gibt es im Moment große konjunkturelle Unsicherheiten, nicht zuletzt durch die Russlandsanktionen. Die beste Maßnahme dagegen wäre allerdings kein Investitionsprogramm, sondern die unsinnigen Russlandsanktionen abzuschaffen.

Außerdem rate ich dazu, sein Pulver noch im trockenen zu halten. Das Auf und Ab der Konjunktur ist wie Sommer und Winter. Man kann es nicht bekämpfen, man kann sich höchstens daran anpassen. Nur in besonders schweren Fällen wie 1929 oder 2008 ist ein Gegensteuern sinnvoll.

Angesichts der Fehlkonstruktion der Eurozone ist aber sehr wahrscheinlich, dass eine normale Rezession zu neuen wirtschaftlichen Verwerfungen in Europa führen wird – denen dann auch politische Verwerfungen mit einem Auseinanderbrechen der Währungsunion folgen werden. Für diesen Fall sollte Deutschland vorbereitet sein.

Denn so sinnvoll ein Ausscheiden Deutschlands aus der Eurozone wäre, so klar ist auch, dass die Einführung der D-Mark kurzfristig die Konjunktur belasten würde, da damit die Exporte zurückgehen. Darum wäre es am besten, die Währungsunion in wirtschaftlich guten Zeiten einvernehmlich aufzulösen. Die vorübergehenden negativen Effekte würde man dann kaum merken.

Wie Politiker allerdings so sind, werden sie die Währungsunion nur unter dem Druck einer schweren Wirtschaftskrise beenden. In einer solchen Lage wäre allerdings ein umfangreiches Konjunkturprogramm sinnvoll, um zu verhindern, dass weitere vorübergehende negative Effekte in eine Abwärtsspirale führen.

Foto (von Wendebaum): Straßenbaustelle

14 Kommentare

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  2. Schmarrn (Sorry). Also teilweise irgendwie.

    Konjunkturprogramme haben immer ein ganz großes Problem: Das Timing ist extrem schwierig. Wenn man erst wartet, bis die Konjunktur verkackt, braucht die Politik 6 Monate, bis das Programm aufgelegt wird und dann dauert es noch mal mindestens 6 Monate, bis es wirkt. Im Zweifelsfall noch viel länger, zumindest so lange man das Geld für halbwegs *sinnvolle* Sachen ausgeben will, weil Infrastruktur Planung braucht, die Bevölkerung muss gefragt werden, die Geschichte muss europaweit ausgeschrieben werden, etc. pp.

    Daher sollte man auch weniger über Konjunkturprogramme reden als über sinnvolle und notwendige Investitionen … Aber da hat Mister Schwarze Null was dagegen …

    (Schäuble als Schwarze Null zu bezeichnen hat was 😉 )

  3. @egghat,
    diese Timingprobleme sind ja auch immer ein starkes Argument gegen Konjunkturprogramme. Und mein Vorschlag beinhaltet eigentlich ja auch, mit der Planung eines Konjunkturprogramms anzufangen. Notfallpläne sind übrigens nie schlecht, die sollte man immer in der Schublade haben.

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  5. Stefan Rapp sagt

    Ich hätte da noch eine Idee für ein langfristiges Konjunkturprogramm, vielleicht sollten wir chinesische Familien die mit der Ein-Kind-Politik in China nicht zufrieden sind, gezielt anwerben, mit dem versprechen, hier können sie so viele Kinder wie sie wollen in die Welt setzen.

  6. Pingback: Kleine Presseschau vom 24. Oktober 2014 | Die Börsenblogger

  7. Häschen sagt

    Danke. Es dreht sich bei Investitionen nicht um Instandhaltung. Stellt sich mal die Frage wie Investition definiert ist?

    Dann ist der Bedarf niedrig, stimmt. Investitionen werden gebraucht oder nicht. Es hat keinen Sinn in etwas zu investieren das man nicht braucht.

    Hieße das in der Logik des EURO Raums nicht. BIP wird erhöht aber Schulden nicht ausgewiesen? Thema Nettoneuverschuldung. Wäre dies auch im Falle dieser 50 vs. 50 Idee der Fall?

    Den Vorschlag von Frankreich hätte ich so verstanden 50 Mrd. spart Frankreich und im Gegenzug soll Deutschland 50 Mrd. investieren. Mir ist nicht klar ist – soll Deutschland bei Frankreich bestellen?

    Stimme zu. Die Menschen sollen mal das nehmen was da ist. Denken wir mal an die Bildungsreform. Was gibt es nicht schon alles am Netz? Alles ausgesprochen interessant. Jetzt wäre Multimedia mal soweit und aber keiner ginge hin. Interaktiv kann man das Anschauungsmaterial gestallten sofern man das nicht sowieso schon bekommt. Das ist halt dann Job der Lehrer.

  8. @Häschen,
    der Vorschlag mit den 50 Milliarden ist wohl noch sehr unkonkret, darum kann man über Details auch nichts sagen. Dass die Franzosen so dreist sind, uns zu zwingen, bei ihnen zu bestellen, kann ich mir aber nicht vorstellen.

  9. Häschen sagt

    Nicht Multimedia allein, eben Hypertext der auch genau zu diesem Zweck wurde entwickelt. Das Ziel von Multimedia kombiniert mit Hypertext ist das bewegte Bild und auch die Interaktion. Schritt für Schritt nachvollziehbare Schritte zu präsentieren insbesondere für Selbststudium. Der nächste Schritt ist eben ein ‚Modell‘ zu verpacken im Hintergrund das auf Eingaben reagiert.

    Das Internet, genauer das Web und davon HTML ist eine ‚Technolgoie‘ auf der Präsentationsschicht. HyperText Markup Language. HTTP in Ergänzung hat mehr mit der Aktualität der Inhalte zu tun.

  10. Häschen sagt

    @Arne Kuster. Besten Dank. Ziel wäre dann praktisch das BIP im Euroraum zumindest nicht zu schrumpfen.

  11. „Mit dem G8 haben wir die Schuldauer verkürzt, mit den Bologna-Reformen zumindest versucht, die Studiendauern zu verkürzen. Da sollte man nun doch weniger Geld für Bildung brauchen, oder?“

    Ich fahre auch immer ICE um Geld zu sparen. Mit der Regionalbahn braucht man nämlich doppelt so lange und das muss dann ja mehr kosten, als mit dem ICE, oder?

  12. Stefan Rapp sagt

    Wir investieren in Bildung, damit die Gebildeten am Ende mit der hälfte des BIP doppelt zufrieden sind.

  13. Häschen sagt

    Ma Baker wird’s schon richten. In Ökonomie ist zwischen her- und hinrichten eines Wirtschaftsraum oft ein schmaler Grad. In mir festigt sich langsam das Bild des Ökonomen als Ökonomisten – eine Art Wirtschafts-Islamist – die Söhne erstgenannter Dame. Im Kontext des EURO-Raums drängt sich dem neutralen Beobachter durchaus dieses Bildnis auf.

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