Wirtschaftswurm-Blog

Drei Gründe, warum Kleinstaaterei im Trend liegt

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Auch wenn Schottland und Katalonien vorerst nicht unabhängig werden, drei große Gründe sprechen nach wie vor dafür, dass es auch in Zukunft immer mehr und dafür immer kleinere Staaten geben wird.

Schottland wird vorerst nicht unabhängig. Auch in Katalonien sieht es im Moment nicht nach einer Abspaltung von Spanien aus. Die Katalanen wollten zwar am 9. November ein Unabhängigkeitsreferendum durchführen, das spanische Verfassungsgericht hat dies aber für illegal erklärt. Nun hat auch die katalonische Regierung eingelenkt. Es wird kein Referendum geben, erst recht keines, das verbindlich ist.

Ist das jetzt die Trendwende?

Tatsächlich hat es ja seit 1945 einen Trend zu immer mehr und immer kleineren Staaten gegeben. So sind heute 193 Staaten Mitglied der Vereinten Nationen, während es 1945 nur 51 Gründungsmitglieder gab. Die meisten neuen Staaten entstanden durch die Auflösung der europäischen Kolonialreiche. Eine weitere Welle an neu gegründeten Staaten gab es nach dem Zusammenbruch des Ostblocks.

Drei Gründe für den Trend zu kleinen Staaten findet man im Zusammenspiel von Politik, Militär und Wirtschaft.

  1. Klassische Kriege zwischen zwei oder mehr Staaten, wie sie bis 1945 dominiert haben, finden kaum noch statt. Die Kosten solcher Kriege sind zu hoch geworden. Gleichzeitig ist der Gewinn durch die Eroberung eines zerstörten und mit Partisanen bevölkerten Landes gering. Jüngste Beispiele sind der Irak und Afghanistan. Solche Kriegsökonomik gibt auch kleinen, militärisch schwachen Staaten eine gewisse Sicherheit und begünstigt sie.
  2. Nach 1945 sank die wirtschaftliche Bedeutung von Staatsgrenzen. Zölle und Handelsschranken wurden global abgebaut. Wichtigster Motor dafür war die Welthandelsorganisation. Die Größe des Binnenmarktes ist daher anders als früher für Unternehmen kaum noch ein Standortvorteil. Thomas Straubhaar verweist auf Nokia, das in Finnland mit seinen 5 Millionen Einwohnern zum Weltmarktführer bei Handys wurde.
  3. Ein Vorteil kleiner Staaten ist ihre politische Flexibilität. In kleinen Gruppen ist es leichter, einen politischen Konsens zu finden und Reformen durchzusetzen. Wichtiger als die Größe der Gruppe scheint mir dabei allerdings ihre Homogenität. Multiethnische Staaten und noch mehr Staaten mit großen sozialen Verwerfungen haben nicht selten politische Probleme – zumindest solange sie eine Demokratie sind.

Norbert Berthold glaubt, der Trend zu kleineren Staaten schwächt sich tatsächlich gegenwärtig ab, da vor allem Punkt 2 nicht mehr zieht. Er sieht nach der Krise 2008 einen Trend zu mehr Protektionismus statt Freihandel. Tatsächlich ist der Freihandelsmotor Welthandelsorganisation seit dem Scheitern der Ministerkonferenz in Cancun 2003 weitgehend zum Erliegen gekommen. Das heißt aber nicht, dass es nennenswerte Rückschritte gab.

Bei den aktuellen Bestrebungen in Schottland, Katalonien (und die Ostukraine kann man auch hinzunehmen) wirkt vor allem Punkt 3. Wirtschaftlich starke Regionen mit einer mehr oder weniger eigenständigen Ethnie wollen sich von einer Zentrale, die sie als Gängelung empfinden, lossagen. Die langfristigen Perspektiven dafür stehen nach wie vor nicht schlecht. Nur in Schottland wird wohl das Unabhängigkeitsbestreben im gleichen Maße abnehmen wie der Ertrag der Nordseeölquellen.

Eine sehr ungünstige Prognose muss man dagegen der Europäischen Union geben, dem (fast) einzigen Gebilde, dass sich in den vergangenen 70 Jahren gegen den allgemeinen Trend zu kleineren politischen Einheiten gestellt hat. Die wirtschaftlichen Unterschiede innerhalb der EU werden weiterhin an Sprengkraft gewinnen. Nur eine konsequente Dezentralisierung könnte verhindern, dass die EU langfristig auseinanderfällt.

Foto (Jordi Gomara i Pérez): Unabhängigkeitsdemonstration in Barcelona 2007

10 Kommentare

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  2. Häschen sagt

    Wenn man aber zurückblickt auf die Zeit nach dem Zerfall des Römischen Reiches, so ist der Megatrend in Europa doch eher das Zusammenwachsen. In dem Sinne kann man den Trend hin zu kleineren Einheiten durchaus als Korrektur ansehen. So klein sind diese Einheiten gar nicht. In Mitteleuropa war sehr viel in Bewegung.
    http://www.euratlas.net/history/europe/

  3. Schade, daß die EU ihren Kernwert Subsidiarität nicht ernst nimmt. Dann gäbe es keine „Kleinstaaterei“, sondern ganz einfach lokale, regionale und meinetwegen auch nationale Autonomie.

  4. Ich sehe die gemeinsame Ursache dieser Einzelfälle in der Globalisierung, aquch wenn die Auswirkungen sehr unterschiedlich sind. Die Frage bei jedem Staatengebilde ist, ob es eine glaubwürdige Legitimation hat, oder nicht, und ob diese Legitimation eine nationale Identität vermitteln kann.

    Diese Frage der Legitimation wird durch die Globalisierung und die Vernetzung der Welt aufgeworfen. Der Nationalstaat scheint seit Jahrzehnten seine politische Handlungsfähigkeit gegenüber transnationalen Konzernen immer mehr zu verlieren (oder nicht auszuüben), während viele sich immer schwerer damit tun sich eine nationale Identität zuzuschreiben. Um so mehr sich der Staat ausserdem im Namen der Liberalisierung von sozialen und gemeinschaftlichen Aufgaben zurückzieht, um so weniger kann er seinen Bürgern vermitteln warum sie ihn benötigen.

    Diese Auflösungserscheinungen nationaler Gebilde verstärken möglicherweise die Ängste derer, die eher die Verlierer im globalen Wettbewerb sind, und die ihr letztes bisschen Selbstwertgefühl im Nationalstolz zu finden glaubten. Im Erstarken des rechtsextremen Nationalismus und der nationalistisch getriebenen Sperationsbewegungen kann man daher eine der (vielen) unerfreulichen Nebenwirkungen der Globalisierung sehen. Enttäuschte können daher in Massen Nationalistischen Rattenfängern verfallen die vorgeben eine neue nationale Identität stiften zu wollen.

    Da ständig der Staat kleingeredet, Sozialleistungen abgebaut, der Gemeinsinn dem individuellen Gewinnstreben untergeordnet und meist das Wohl der transnationalen Konzerne verfolgt wird, ist es nicht verwunderlich, dass sich instabile territoriale Gebilde auflösen. Um so mehr soziale Ungleichheit herrscht um so mehr destabilisieren sich Gesellschaften.

  5. Häschen sagt

    @Alienobserver Die Nationale Identität möchte ich beiseite stellen. Das ist eine Element das hat noch nicht mal in Österreich funktioniert. Diese Form des Zusammen(ge)hörigkeitsgefühls ist ein Deutsches Phänomen. Wie weit das aus dem tiefsten Inneren kommt, lass ich mal dahingestellt sein. Doch aber, wie zurecht bemerkt, wird auf dieser Geige gespielt. Und wer spielt auf dieser Geige? Die Spinne Thekla, wie pakttreu die ist wissen wir ja.

    Warum lohnt es sich auf dieser Geige zu spielen. Ressourcendifferenzen zwischen Regionen. Ganz früher waren es Städte die zumeist nach Phasen hoher Prosperität und deren Ende andere überfielen. Dann waren es lange unterschiedliche Regionen bis eben hin zu Staaten.

    Die Sicht auf die Wirtschaft einer Region ist die Nationalökonomie, die eben versucht über Synergien einen Ausgleich zu schaffen. Innerhalb einer Nationalökonomie wird eben darauf geachtet, dass lokale Differenzen durch Preise von Gütern werden ausgeglichen, sodass der Lieferant den Eindruck hat dieser Ausgleich wäre gerecht und auch der Käufer. Am Schmäh halten tun sich in der Wirtschaft sowieso laufend alle.

    Die E.U. insbesondere gezeichnet durch die EUlenkinder, die hart im Windschatten des Ikarus hoch hinaus wollen, im Verbund mit dem Euro als symbolträchtiges Instrument der Einigung ((Hippo)sandale – Der Badeschlapfen des Mario Draghi – in Anlehnung an die Geschichte eines Feldherren, der nach Verlust der Fahne seine Sandale auf einen Speer steckte und damit anderen zu erkennen gab – wir sind’s die Römer) ist ähnlich gelagert.

    Der Herr Flassbeck sagt, ‚Deutschland hat die Konkurrenz aus dem Feld geschlagen, obwohl es die eigenen Truppen waren‘. Die aktuelle Politik der Bundesregierung interpretiere ich in die Richtung, ‚Hey Jungs. Wir produzier(t)en günstig und ihr kauft. Wenn ihr dann mal gedenkt Waren uns im Austausch zurück zu geben, dann sollten diese auch halbwegs günstig hergestellt sein‘. Es herrscht noch nicht mal Einigkeit wie die Situation zu beurteilen ist. Die EUlenkinder sagen, ‚Wir fliegen sowieso in die Sonne und verbrennen – wie und warum ist uns doch egal‘. Hauptsache das Geld der Deutschen und solange es zuvor gemütlich warm ist, fragen wir uns nicht vom Schweiß bei der Arbeit oder von der Sonne am Strand. Die Frage ist dann doch erlaubt. Der Herr Flassbeck argumentiert halt über die Zeitnähe des Ausgleichs. Auf absehbare Zeit etwas zurück zu bekommen ist doch attraktiv. Das ewige Gegenrechnen schafft nur Unfrieden. Ein Geschäft ist ein Geschäft und beim nächsten Mal ist es ein Neues. (U.S. Fed – Ausgleich am Jahresende).

    In the long run we are all dead. Wenn der Feuersturm kommt, ist der Käse sowieso abgebissen und nachher sind wir sowieso im Kommunismus. Das ist die aktuelle EURO Strategie. Na bravo.

    Geld kauft kein Zusammenhalt. Bleibt die Frage, ob die Auf- respektive Abwertung nicht befriedender wirkte.

    Der Arne Kuster hat zurecht angemerkt – er glaubt nicht an so lange Trends. Ich persönlich glaube nicht an dieses ganze völkische Zusammengehörigkeitsgefühl, Nationen, … Die Bewertung der Umgebung, sprich der Menschen erfolgt relativ. Wenn ein Österreicher in der Wüste einen Deutschen trifft ist die Präferenz ein andere als wenn die Wahl hat in Italien sich mit anderen Österreichern am Strand zu verständigen. Das Gruppenbildungsverhalten ist ein anders. Wenn dann am Wochenende die Italiener mit den Bambini kommen, dann sitzen die Völker Mitteleuropas lieber im schattigen Gastgarten um dem regen Treiben zu entfliehen. Und selbst dies ist kein zuverlässiges Regelwerk über die Zeit. Es gibt möglw. einen Zusammenhang zwischen der Aktivität der Kinder am Strand und dem Verlangen das weite im schattigen Gastgarten zu suchen.

    Das muss der Arne Kuster mal im Sommer im Rahmen von langen Verweilzeiten an verschiedenen Stränden dieser Erde untersuchen in der Absicht einen empirischen Nachweis zu erbringen. Der vermutete Kausalzusammenhang scheint doch gegeben. Daraus machen wir ein E.U. Projekt. Hat wenigstens ein europäischer Bürger etwas davon, das ist ja mal ein Fortschritt.

  6. „Ich persönlich glaube nicht an dieses ganze völkische Zusammengehörigkeitsgefühl, Nationen“

    Das wir uns nicht falsch vesrtehen, ich wünsche mir ein Ende des Nationalstaates und seine Auflösung in dem von Tim erwähnten Europa derRegionen.

    Ich versuche nur eine nüchterne Analyse.

  7. Nationalismus war eine treibende Kraft bei allen Staatsneugründungen in Europa der letzten 25 Jahre. Man kann ihn daher nicht beiseite legen. Aber der Nationalismus braucht meiner Meinung nach schon eine wirtschaftliche Unterfütterung, um wirkmächtig zu werden. Berthold (oben verlinkt) sagt zurecht, dass Finanztransfers der Stein des Anstoßes sind. So wird es auch in Europa sein.

  8. Pingback: Kleine Presseschau vom 14. Oktober 2014 | Die Börsenblogger

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