Wirtschaftswurm-Blog

Entwicklungen im deutschen Warenhandel 2000-2011 – Teil 1: Der Bedeutungsverlust Europas

Die Bertelsmann-Stiftung hat ein neues, frei zugängliches, interaktives Online-Tool entwickelt, das sie GEDVIZ nennt. Man kann damit sehr schön nachvollziehen, wie sich Austauschbeziehungen zwischen den Ländern verändern. Ich habe es mal benutzt, um einige interessante Entwicklungen im deutschen Warenhandel in den Jahren 2000-2011 aufzuzeigen.

Die Bedeutung Europas

Insgesamt kann man die Warenhandelsströme zwischen 46 Staaten mit GEDVIZ analysieren und visualisieren. Einbezogen sind alle OECD-Staaten, alle EU-Staaten sowie die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Bisher sind Daten für die Jahre 2000-2011 in GEDVIZ verfügbar. Das ermöglicht schon einmal einen Vergleich der Entwicklungen vor und nach der Zäsur, die die Finanzkrise 2008 bedeutete.

Meine erste Frage, die GEDVIZ beantworten sollte, war: Wie hat sich die Bedeutung Europas als Herkunftsregion deutscher Einfuhren und Zielregion deutscher Ausfuhren zwischen 2000 und 2011 entwickelt? Die Antwort liefert Präsentation 1 mit sechs Folien. Zwischen den Folien kann man übrigens unten links hin- und herschalten. Beim Überfahren einzelner Elemente mit der Maus werden zusätzliche Infos angezeigt.

Im Jahr 2000 hatte der deutsche Warenexport in die 45 anderen Länder des Datensatzes einen Wert von 526 Milliarden €. Das waren 88 % der gesamten deutschen Ausfuhren. Von den 526 Milliarden gingen 73,6% in die 29 europäischen Staaten (EU, Schweiz, Island und Norwegen) und 26,4% in die 16 außereuropäischen Staaten inklusive Russland und der Türkei. (Folie 1)

Interessant ist nun die weitere Entwicklung.

Bis zum Vorkrisenjahr 2007 stiegen nicht nur die deutschen Warenexporte rapide auf 832 Milliarden € nominal. Auch der Anteil der Gruppe „Europa 29“ stieg mit leichten Schwankungen weiter, nämlich auf 75,1%. (Folie 2)

Dann kam der Umschwung. Seit Beginn der Finanzkrise sank die Bedeutung der europäischen Länder für die deutsche Exportwirtschaft rapide. 2011 gingen nur noch 69,1% der Exporte in die Gruppe „Europa 29“, dagegen 30,9 % in die 16 außereuropäischen Länder. Diese Verschiebung vollzog sich vor dem Hintergrund eines vorübergehenden Einbruchs des internationalen Handels. Der Wert der Warenausfuhr betrug 2009 nur noch 677 Milliarden €, erholte sich dann aber bis 2011 auf wieder 892 Milliarden nominal. (Folie 3)

Überraschenderweise verlief die Entwicklung bei den deutschen Importen etwas anders. Im Jahr 2000 kamen 72,6% der Importe aus der Gruppe „Europa 29“ (Folie 4). Die Bedeutung Europas für die deutschen Importe war damals also nur etwas geringer als für die deutschen Exporte. Der Anteil fiel jedoch bereits bis 2007 leicht auf 71,3 % (Folie 5). Die Entwicklung der Export- und Importanteile der Gruppe „Europa 29“ war in dieser Zeit also gegenläufig. Nach 2007 sank dann der Anteil Europas an den Einfuhren Deutschlands noch weiter und erreichte 2011 nur noch 68,3%. (Folie 6)

Leistungsbilanzen

Wenn sich Ein- und Ausfuhren unterschiedlich entwickeln, schlägt sich das auch im Saldo der Handelsbilanz nieder, die wiederum wichtiger Bestandteil der Leistungsbilanz ist. Das gilt auch für die (zeitweise) gegenläufige Entwicklung zwischen den deutschen Ein- und Ausfuhren aus bzw. nach Europa.

Das Jahr 2000 war eines der wenigen Jahre, in denen Deutschland ein Leistungsbilanzdefizit aufwies: -1,77% des BIPs. Die Gruppe „Europa 29“ (ohne Luxemburg, für das keine Daten vorliegen) hatten dagegen damals zusammen ein leichtes Leistungsbilanzplus von 0,09%.

Bis zum Jahr 2007 hatten sich die Verhältnisse mehr als umgekehrt. Deutschland erwirtschaftete ein Riesen-Plus in der Leistungsbilanz von 7,51% des BIPs, während „Europa 29“ mit -1,51% des BIPs ins Defizit gerutscht war.

Nach 2007 gab es wieder eine leichte Gegenbewegung. Das deutsche Plus schrumpfte auf 5,63% des BIPs, das europäische Minus schrumpfte ebenfalls auf -0,34%.

Ausblick

Dass die Bedeutung Europas für den deutschen Warenhandel geschrumpft ist, mag inzwischen nicht mehr überraschen. Machen wir uns das auch beim nächsten Mal bewusst, wenn Bundeskanzlerin Merkel Europa und den Euro beschwört!

Interessant ist nun der zeitliche Versatz zwischen dem Einbruch bei den Exportanteilen und den bei den Importanteilen. Eine weitere Analyse wird hier weitere Erkenntnisse bringen. Die bewahre ich mir aber für einen zweiten Artikel zum Thema (wahrscheinlich schon morgen) auf.

3 Kommentare

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  2. Häschen sagt

    Trotzalledem beachtlich die Umkehr zum Nettoexporteur.

    Hab gestern mir ein Video angeschaut HWS 2012-2013. Er hat mal spannend die neuesten Entwicklungen im Euro-Raum vorgetragen – für uns so wirklich nix neues, aber sehr kompakt zusammengefasst. Herr HWS stellt fest dass der Aufschwung im Moment eher auf einen Aufschwung im Immobilieneck zurückzuführen, denn überhaupt auf Export.

    Klar. Wen interessiert noch der Euro Raum. Die Blase ist geplatzt, der Käse abgebissen – auf zu neuen Ufern. Wir können den Niedergang von Europa so nicht stoppen, die Langfristperspektive respektive die Abwesenheit selbiger.

    Die Logik der Vergangenheit war ja – Deutschland hungert die arbeitende Bevölkerung bis auf die Knochen ab und exportiert Güter, investiert im Euroraum und zum Dank zahlt keiner die Rechnungen. Zu allem Überfluss lässt man .de das, aus heutiger Sicht, immer unattraktiv und damit plagvoller werdende Geschäft der industriellen Fertigung und baut die Finanzdienstleistungen aus genauso wie den Servicesektor. Erstgenannter Sektor wiederum investiert seine Gewinne in .de und schöpft die Fürchte der Enthaltsamkeit auf mannigfaltige Art und Weise wieder ab. Hallo und so. Jetzt kommt der nächste Schritt. Damit man sagen kann:; Alles Paletti‘ zahlt der deutsche Steuerzahler noch die Emulation respektive die Illusion eines funktionierenden Bankwesens.

    Das ist möglw. etwas überskizziert, aber das Ergebnis ist das selbe.

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