Wirtschaftswurm-Blog

Kein Weg aus der Finanz- und Schuldenkrise ohne Umverteilung

Unser Wirtschaftssystem braucht alle paar Jahrzehnte eine Phase der Umverteilung von oben nach unten. Die aktuelle Wirtschafts-, Finanz- und Schuldenkrise zeigt: Nun ist es wieder soweit.

Dirk Müller ist kein studierter Volkswirt. Aber er wäre als Börsenmakler, Buchautor und Talkshowgast nicht so erfolgreich, wenn er nicht neben großer Eloquenz auch über ein gesundes Maß an gesunder Intuition in Wirtschaftsdingen verfügen würde.

Dirk Müllers Credo ist, dass unser Wirtschaftssystem alle paar Jahrzehnte eine Phase der Umverteilung von oben nach unten benötigt. Denn die Marktwirtschaft im Normalzustand führe zu einer stetigen Umverteilung von unten nach oben. Dies münde irgendwann in so große Ungleichheiten, dass die Menschen sie als untragbar empfinden. Vor allem werde das Funktionieren des Wirtschaftssystem selbst beeinträchtigt.

Als Volkswirt darf ich ergänzen: Das ist natürlich nicht alles Dirk Müllers eigene Eingebung, sondern geht im Kern auf wen zurück? Ja, natürlich Karl Marx (1818-1883). Es ist eine Tragik des Westens, dass er mit der Entsorgung des real existierenden Sozialismus auch einige Einsichten dieses großen Wirtschaftsphilosophen vergessen hat. Den Gründervätern der sozialen Marktwirtschaft war Marx Analyse der grundlegenden (negativen) Dynamik der kapitalistischen Marktwirtschaft zumindest noch gegenwärtig und sie glaubten, dagegen Vorsorge zu treffen. Im Zeitalter des Neoliberalismus wurde sie (die Analyse wie die Vorsorge) vergessen; wie überhaupt alle Verteilungsfragen als irrelevant erklärt wurden. Ein fataler Irrtum.

Dirk Müller nun glaubt, dass mit der Wirtschafts-, Finanz und schließlich Schuldenkrise seit 2008 wieder eine Phase der Umverteilung von oben nach unten überfällig ist. Das hat einiges für sich.

Dass unsere gegenwärtige Krise im Kern eine Verteilungskrise ist, zeigt nicht zuletzt das rasante Wachstum des Finanzsektors in den letzten etwa 15 Jahren. Der Finanzsektor wucherte wie ein Krebsgeschwür. Aber der Finanzsektor ist die Spielwiese der Reichen. Sein Wuchern wäre nicht möglich ohne die Reichen und Superreichen, die genug Geld übrig haben, um damit zu zocken (oder zocken zu lassen). Eine neue Umverteilung von oben nach unten würde den Finanzsektor automatisch beschneiden und auch umgekehrt, eine Beschneidung des Finanzsektors würde zur Umverteilung von oben nach unten zumindest beitragen.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass es auch eine Alternativlösung über Wirtschaftswachstum gibt. Das ist natürlich die Lösung, die Politiker einer Umverteilung vorziehen, weil sie niemandem weh tut. Es ist allerdings, so steht es mittlerweile selbst in der FAZ, zur Zeit die unwahrscheinlichste Lösung. Die Probleme sind zu groß, um aus ihnen noch herauswachsen zu können.

Welche Möglichkeiten der Umverteilung es gibt, dazu mehr unter der Überschrift „Die vier grundsätzlichen Alternativen in der Finanz- und Schuldenkrise„.