Wirtschaftswurm-Blog

Ausbeutung gibt es schon seit 143 Jahren nicht mehr

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Linke „Aufklärer“ beklagen gerne die „Ausbeutung“ und verurteilen dafür ein „neoliberales Regime“. Hinter diesen Begriffen steckt allerdings meist wenig Substanz. – Teil 1

Die Deutschen machen nicht nur deshalb keine Revolution, weil sie zu faul sind oder weil sie von den Medien manipuliert werden, sondern weil sie tatsächlich und zurecht zufrieden mit ihrem Leben sind. Da war die These in meinem Beitrag letzte Woche. Das war auch ein Angriff auf die Attitüde vieler Linker, die anstatt auf die Menschen zu hören, lieber ihre Theorien pflegen. Darin können sie subjektiv zufriedene Menschen zu ausgebeuteten und unterdrückten Geschöpfen erklären – und sich selbst dann zu den Heilsbringern machen, die erst als „Aufklärer“, dann als „Revolutionsführer“ die Menschen „befreien“.

Klar hat meine These in den Kommentaren zu einigem Widerspruch geführt. Aber die Probleme meiner Kritiker fangen schon beim Begriff „Ausbeutung“ an und hören beim Begriff „neoliberales Regime“ nicht auf.

Der Begriff Ausbeutung wurde wohl maßgeblich von Karl Marx geprägt – und er ist sehr eng mit der Arbeitswertlehre verknüpft, die Marx vertreten hat. Nach der Arbeitswertlehre richtet sich der Preis einer Ware nach der in ihr inkorporierten Arbeitszeit. Diese Arbeitszeit umfasst z.B. die Arbeitszeit für die Herstellung der Ware, die für den Transport der Ware zum Markt, aber auch die Arbeitszeit für die Herstellung der benötigten Vorprodukte und anteilig die Arbeitszeit, die für die Herstellung der Maschinen erforderlich war, mit denen die Ware produziert wurde, oder anteilig die Ausbildungszeit, die die Arbeiter brauchten, bevor sie die Ware herstellen konnten.

Auch wenn der Arbeitswert einer Ware praktisch meist schwer zu ermitteln war, gab es nach Marx mit ihm einen theoretisch objektiven Wert für jedes Gut. Und wenn dieser Wert nicht auf die Arbeiter, die an seiner Herstellung beteiligt waren, vollständig verteilt wurde, sondern ein Teil von den „bösen Kapitalisten“ einbehalten wurde, dann war das eben Ausbeutung.

Allerdings war die Arbeitswertlehre schon zu Marx Zeiten überholt. Vier Jahre, nachdem Marx 1867 den ersten Band von „Das Kapital“ veröffentlichte, erschienen „The Theory of Political Economy“ von William Stanley Jevons in England und „Grundsätze der Volkswirthschaftslehre“ von Carl Menger in Österreich. Zusammen mit den Werken von Leos Walras brachten sie vor 143 Jahren den Durchbruch der Grenznutzentheorie. Danach richtet sich der Wert einer Ware nach dem subjektiven Nutzen der letzten verkauften Einheit dieser Ware, die gerade noch einen Abnehmer findet.

Wenn aber der Wert eine Frage der subjektiven Einschätzung ist, gibt es auch für Ausbeutung keinen objektiven Maßstab mehr. Nehmen wir an, ich habe Tage und Wochen damit zugebracht, ein großes Ölgemälde zu malen. Dann gehe ich damit auf eine Ausstellung. Viele Leute schauen sich das Gemälde an, aber den wenigsten gefällt es. Nur einer will es tatsächlich kaufen und bietet mir dafür 200 Euro.

200 Euro für die Arbeit von vielleicht zwei Wochen, ist das Ausbeutung? Ich mag das so empfinden. Ganz sicher wäre es aber doch Ausbeutung, wenn der Käufer 1000 Euro zahlen sollte für ein Gut, dass ihm nur einen Nutzen bringt wie andere Güter, die lediglich 200 Euro kosten.

Ausbeutung ist also ein rein subjektives Empfinden. Und darum ist es ziemlich witzlos, Leuten, die subjektiv mit ihrem Leben zufrieden sind, einzureden, sie würden ausgebeutet. Natürlich gibt es Leute, die von ihrer Arbeit nicht leben können. Denen muss man helfen, das ist klar. Den Begriff der Ausbeutung braucht man dafür nicht zu strapazieren.

Und nun sind meine Ausführungen zur Ausbeutung doch so lang geworden, dass ich über das „neoliberale Regime“ besser in einem zweiten Artikel noch in dieser Woche schreibe.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Foto: Karl Marx 1883

40 Kommentare

  1. noch keine Revolution untergekommen, die diesen Titel verdienen würde

    Wie wärs mit der Flower Power Bewegung, der amerikanischen Bürgerechtsbewegung, der 68er Revolution,
    oder die Anti Apartheid Revolution, der Mauerfall, die Pariser Kommune ….
    Mir fallen da einige ein.

  2. @alienobserver
    Ich glaube zu verstehen, was Du meinst. Auch wenn der Arbeitstitel nicht so richtig passt. Revolution der Liebe, nicht wirklich.

    Hippiebewegung als Revolution, wohl eher nicht. 68er auch nicht wirklich. Und bei den anderen genannten passt „der Liebe“ auch nicht recht. Mehr oder weniger ohne Waffengewalt, mehr oder weniger ohne Hasskampagne und mehr oder weniger Revolution, dafür durchaus mit erheblichen gesellschaftlichen Änderungen. Ok.

  3. Pingback: Wenn wir unter einem neoliberalen Regime leben, ist es zumindest nicht neoliberal | Wirtschaftswurm

  4. U. Leben sagt

    „Wobei ich nicht ein mal die Bankenrettung an und für sich, sondern die Ausgestaltung kritisiere, die dazu führt, dass das Finanzwesen immer noch nicht für die angerichteten Schäden aufkommen muss.“
    Eine Bank muss nicht gerettet werden. Ich erkläre mal, was ich meine. Regierungen geben Anleihen in einem unglaublichen Umfang aus. Die Zahl hat erschreckend viele Nullen. Regierungen machen Schulden um die Wette. Wer am längsten durchhält, ist Gewinner. Die Banken, welche diese Anleihen kaufen, wissen, dass sie unmöglich dieses Geld wieder zurückbekommen können. Sie tun es aber, weil sie monatlich „richtiges“ Geld als Zinsen bekommen. Auf Jahre hinaus. Wenn sie jetzt mit diesem Geld zocken, oder andere unglückliche Geschäfte machen (nennt es wie ihr wollt), dann hat sie trotzdem in ihren Büchern ein immenses Plus. Natürlich wissen alle Beteiligten, insbesondere die Regierungen, dass dieses Plus nicht real ist oder sein wird, aber die Bank ist definitiv nicht pleite. Sie muss nicht gerettet werden. Sie muss nur in die Lage versetzt werden, wieder Anleihen kaufen zu können. Ich denke, dieser leicht perverse Mechanismus fliegt uns irgendwann um die Ohren.

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