Wirtschaftswurm-Blog

Wenn wir unter einem neoliberalen Regime leben, ist es zumindest nicht neoliberal

Demonstration Occupy Wall Street 2011

Linke „Aufklärer“ beklagen gerne die „Ausbeutung“ und verurteilen dafür ein „neoliberales Regime“. Hinter diesen Begriffen steckt allerdings meist wenig Substanz. – Teil 2

Ausbeutung und Neoliberalismus sind politische Kampfbegriffe. Der erste war es schon immer, der zweite wurde es im Laufe der letzten Jahrzehnte. Darum mag ich diese Begriffe in einer um Sachlichkeit bemühten Debatte nicht. Darum habe ich in meinem letzten Artikel zunächst dargelegt, dass der Begriff Ausbeutung keine reale Grundlage hat (sieht man vielleicht einmal von Zwangsarbeit ab).

Nun bestreite ich allerdings keineswegs, dass es wirtschaftliche Macht gibt. Eine ganz gute Übersicht über Formen der wirtschaftlichen Macht gibt übrigens Norbert Härings Buch „Markt und Macht“ aus dem Jahr 2010.

Wirtschaftliche Macht ist aber nicht einseitig verteilt. Auch Arbeitnehmer können wirtschaftliche Macht besitzen, insbesondere, wenn sie sich in Gewerkschaften zusammentun. Das sieht man ja ganz aktuell wieder an den sehr gut verdienenden Piloten bei der Lufthansa. Wirtschaftliche Macht tritt dann auf, wenn eine Marktseite weniger alternative Optionen hat als die andere. So hat z.B. die Lufthansa bei einem Pilotenstreik keine Alternativen und muss ihren Betrieb einstellen.

Die Folge wirtschaftlicher Macht sind verzerrte Löhne und Preise, wir dürfen auch sagen, ungerechte Löhne und Preise. Die Antwort darauf muss allerdings keineswegs die Revolution sein. Man kann auch versuchen, durch günstige Rahmenbedingungen die Zahl der Alternativen für alle Marktteilnehmer zu erhöhen.

Und damit bin ich dann schon direkt beim Neoliberalismus, dem zweiten Kampfbegriff. Den ersten, die sich Neoliberale nannten wie z.B. Walter Eucken, einer der Vordenker der sozialen Marktwirtschaft, ging es gerade darum, die Vielfalt der Alternativen auf den Märkten zu sichern und zu fördern. Ihr Ideal war die vollkommene Konkurrenz, also ein Markt mit sehr vielen kleinen Anbietern und Nachfragern. Bei vollkommener Konkurrenz hat keine Seite eine Preissetzungsmacht.

Die frühen Neoliberalen waren sich sehr wohl bewusst, dass vollkommene Konkurrenz keineswegs von selbst entsteht. Darum wandten sie sich sehr strikt gegen Monopole und Kartelle und forderten vom Staat eine strenge Wettbewerbskontrolle.

Gibt es viele kleine Anbieter, fallen allerdings keine Skalenerträge an. Das sind Einspareffekte in der Produktion allein durch die Menge. Noch wichtiger: Erfindungen und technischer Fortschritt führen fast zwangsläufig zu einem Monopol des technisch Überlegenen, siehe Google. Die Neoliberalen in der alten Tradition arbeiten darum an Konzepten, wie man das Ideal von Märkten ohne Marktmacht mit den Anforderungen einer innovativen Gesellschaft in Einklang bringen kann.

Heute nennt man diese Neoliberalen besser Ordoliberale, denn Linke wie Noam Chomsky haben den Begriff umdefiniert und zu einem Kampfbegriff gemacht. Kommentator AlienObserver hatte mich auf Chomskys Definition von Neoliberalismus aufmerksam gemacht:

Neoliberalismus … bezieht sich auf Politiken und Prozesse, bei denen einer verhältnismäßig kleinen Zahl privater Interessen erlaubt ist, so viel wie möglich des gesellschaftlichen Lebens zu kontrollieren, um ihren persönlichen Profit zu maximieren.

Mal abgesehen von den sprachlichen Unschärfen (jeder von uns kontrolliert „so viel wie möglich“ das gesellschaftliche Leben, bei den meisten von uns ist diese Möglichkeit dummerweise jedoch nur knapp über null): Leben wir in einem „neoliberalen Regime“ nach Chomskys Definition? Ja oder Nein?

Ich weiß es nicht (und es ist auch keine volkswirtschaftliche Frage). Es gibt Anzeichen für ein „neoliberales Regime“, allen voran die Bankenrettungen mit Milliardensummen nach der Krise 2008. Maßnahmen wie die Rente mit 63 kann man allerdings kaum durch ein „neoliberales Regime“ erklären.

Foto (von David Shankbone): Occupy Wall Street, 30. September 2011 (Ausschnitt)

55 Kommentare

  1. @ uwe

    Diese Ängste gibt es ja seit der Proto-Industrialisierung. Bei jedem großen Innovationsschub haben die Menschen gedacht, daß diesmal das Ende der (Massen-)Beschäftigung gekommen ist. Tatsächlich ist es dann aber immer viel besser gekommen, als die Leute befürchteten. So wird es auch diesmal geschehen. Es entstehen immer wieder neue Wachstumsmärkte und Beschäftigungsarten.

    Vorausgesetzt natürlich, Gesellschaften wehren sich nicht gegen die Dynamik und verbieten neue Entwicklungen oder schützen die Interessen von Einzelgruppen. Das sind die wahren Gefahren der Gegenwart und Zukunft.

  2. @Tim

    Du meinst so ähnlich wie in USA die Umstellung von Landwirtschaft auf Industriearbeiter, richtig?

    Du machst mir Mut. Hoffen wir das Beste.

    Aktuell fehlt mir noch die Sicht auf ausreichend Wachstumsmärkte, die in Deutschland für gering Qualifizierte geeignet sind. Mehr als den Pflegebereich kann ich im Moment nicht erkennen. Und soviel Dienstleister als Pflegekraft / Essen auf Rädern / Einkaufsservice o.ä. wird es dann auch nicht brauchen.

    Hast du noch Ideen für weitere Beschäftigungsfelder?

  3. @ uwe

    Schade ist z.B., daß Pharmaforschung und grüne Gentechnik trotz ursprünglich allerbester Bedingungen fast ganz aus Deutschland vertrieben worden sind. Und wie schon erwähnt gibt es geradezu erschreckende Tendenzen bei hochwertigen Servicetätigkeiten (denn nichts anderes sind Forschung & Entwicklung): Die Unternehmen suchen händeringend nach Ingenieuren, Maschinenbauern, generell Techniker, weil die Leute immer seltener technische Fächer studieren. Der Anteil der MINT-Studierenden ist inzwischen sogar in GB(!) höher als in Deutschland. Das ganze Wachstumspotential der Nanotechniken ist noch überhaupt nicht absehbar, und die Medizintechnik wird noch auf sehr lange Sicht ein Innovationsmotor bleiben. Dasselbe gilt für die IT, die allerdings in Europa viel, viel stärker sein könnte.

    Ich mache mir keine Sorgen um die Zukunft, sondern nur wegen der Leute, die sie verhindern wollen.

    PS: Daß der Pflegebereich ein Tummelplatz für gering qualifizierte und schlecht bezahlte Leute ist, ist übrigens eine recht deutsche Position. Anderswo denkt man sehr anders darüber. Generell hat „Service“ in Deutschland schlechte Konnotationen. Erstaunlich, wo doch gerade die Industrie vor allem in Servicebereichen Wachstumspotential hat.

  4. @Tim
    Na, meine Kids tun Ihren Teil zur Zukunftssicherung. Die Tochter macht Mathe und der Sohn Elektrotechnik.

    Dir ist bewusst, dass die von Dir genannten Bereiche samt und sonders hochqualifizierte Kräfte addressieren? Und der Knackpunkt sind eher die weniger qualifizierten. Das ist exakt die bereits weiter oben genannte Situation. Die hochqualifizierten sind gesucht, d.h. verdienen gutes Geld und die Einkommen steigen, die niedrig qualifizierten fallen aus dem Arbeitsmarkt.

    Mit Pflegebereich meinte ich übrigens nicht, dass es dort keine qualifizierten Kräfte braucht, sondern dass hier auch ein guter Teil geringer Qualifizierte einen Platz finden kann.

  5. @ uwe

    Klar, das deutsche Bildungssystem hat große Schwächen, vor allem bei den Schwächsten. Schlechte Ausgangsbedingungen vererben sich bei uns. Die Probleme sind seit Jahrzehnten bekannt, interessieren aber leider keinen so richtig. Oder kennst Du einen Politiker, bei dem Bildungspolitik nicht nur in Sonntagsreden vorkommt? :s

    PS: Mathe und E-Technik, Glückwunsch!

  6. @Tim
    > Mathe und E-Technik, Glückwunsch!

    Danke, ich bin durchaus stolz darauf.

    Das mit dem Bildungssystem und der optimalen Förderung ist m.E. ein ganz schwieriges Gebiet. Deutschland als rohstoffarmes Land sollte die Ressource Mensch (Qualifikation) möglichst gut nutzen. Soweit so gut. Nur wie?

    Dass sich damit auch die Profis sehr schwer tun und höchst uneinig sind, das sehen wir an dem förderalen Bildungssystemwirrwar. Das geht doch eher nach politischem Glaubensbekennis als nach wissenschaftlich basierten Erkenntnissen. Schon das aktuelle Hin und Her beim G8 ist ein Witz.

    Saubere, standardisierte Daten zum Effekt von Schulsystemen oder Fördermassnahmen habe ich auch noch nicht wahrgenommen, allerdings auch noch nicht gross gesucht. Da hatte ich keinen Bedarf.

  7. Was ich immer faszinierend finde, ist dass man sich die Produktion nicht anders vorstellen kann, als ein ständiges Gegeneinander. Warum sollen die Arbeiter ständig um ihre Existenzgrundlage mit den Unternehmern verhandeln?
    Muss das sein?
    Warum ist die Existenzgrundlage nicht unwidersprochen anerkannt?
    60 Jahre Wirtschaftswachstum hat es gebraucht, damit Deutschland einen Mindestlohn bekommt, dass heißt aber irgendwie auch, dass man diesen braucht. Daraus schließe ich, dass der Lohn eigentlich keine Grenze gegen Null kennt. Diverse Berichte der Tagespresse bestätigen das.
    Das ist ja auch das heimliche Ziel jedes Unternehmers, sein feuchter Traum sozusagen, schließlich stehen Gewinn und Lohn auf verschiedenen Seiten der Bilanz.
    Der Verweis auf die Gewerkschaften entbiert jeder Grundlage. Sicherlich können die sich alle organisieren. Die Drohung der Unternehmen, dass es ja gnügend Arbeitslose gibt, die das günstiger machen oder in anderen Ländern Arbeiter, die das noch günstiger machen, ist aber keine leere.
    Moderener Arbeitskampf sieht so aus, dass der Unternehmer diktiert was gemacht wird.
    Auf der gleichen Ebene arbeiten die Staatsführungen. Ständig bemüht ihren Standort für Unternehmer attraktiv zu machen und zu halten, bekämpfen sie sich gegenseitig. Wenn die Politik ihr Arbeitsvolk den Unternehmern wie sauer Bier anpreisen muss und ihrem Volk ständig in den Ohren liegt, sie sollen sich anstrengen, weil es sonst andere machen, halte ich das und jetzt gut festhalten, für Volksverhetzung.

    Und dieses Prinzip der Konkurrenz wollen die echten neoliberalen vollständig umsetzen? Da graust es mir, wie man daran etwas positives finden kann. Es geht doch bei uns nur um die Vermehrung des Geldes. Etwas Produziertes, mit dem Einsatz von Geld, soll im Verkauf dieses wieder einbringen plus X. Dass die vollkommene Konkurrenz aus sich heraus nicht funktioniert wissen sie selber und werden sofort beim Staat vorstellig. Die neoliberalen haben in ihrem schönen Kapitalismus Dinge entdeckt, die ihnen arges Kopfzerbrechen bereiten. Anstatt zu sagen, na vielleicht taugt das alles nichts, sagt man sich: Eigentlich eine gute Sache, wenn man sie richtig macht. Das ist ein Argument, wofür Sozialisten und Kommunisten immer ausgelacht werden, wenn man sich auf die historischen Formen bezieht und sagt, so war das nicht gemeint.

    Man kann doch miteinandern arbeiten und eben das Zeug herstellen was benötigt wird, alle könnten arbeiten und jeder hätte sehr viel mehr Freizeit. Forschung und Innovation lassen sich trotzdem realisieren. Für sowas braucht man aber die Einsicht, dass man nicht immer gegen andere unterwegs sein muss, die Einsicht, dass der Beitrag den man leistet einen Leistung für andere ist und nicht bloß eine Leistung für den Lohnzettel.

  8. @ Frank

    Ständig bemüht ihren Standort für Unternehmer attraktiv zu machen und zu halten, bekämpfen sie sich gegenseitig.

    Da mußte ich wirklich lachen. Es ist sehr weit weg von der Realität, aber wahrscheinlich glaubst Du das wirklich. 🙂

    Die Umwandlung eines fiesen kapitalistischen Systems in eine sozialistische Paradieswirtschaft läuft übrigens seit rund 15 Jahre in Venezuela live zum Anschauen. Deine Ansprüche an ein menschenfreundliches Wirtschaftssystem werden dort ziemlich deckungsgleich umgesetzt. Der Erfolg ist gigantisch. Noch können alle Einwohner ernährt werden.

  9. popper sagt

    Wenn man sich diesen ganzen Wust von Meinungen anschaut, wird einem nicht nur schwindelig, sondern man begreift, dass immer noch geglaubt wird, es gäbe so etwas wie statistische Fakten. Zahlen sind lediglich Zahlen. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die bloße Analyse von Zahlen irgendeine absolute Wahrheit beinhalten könnte wie in den Kommentaren (z.B. UWE) immer wieder behauptet wird. Das ergibt sich aus der schlichten Feststellung, dass eine Interpretation von Zahlen immer a priori theoriebedingt ist und damit die behauptete Neutralität der volkswirtschaftlichen Analyse unmittelbar flöten geht! Denn, man kann keine Zahlen ohne Theorie interpretieren. Davon kann man auch nicht dadurch ablenken, dass man ökonomische mit naturwissenschaftlichen Gesetzen gleichsetzt. Pointiert ausgedrückt kann man in den Zahlenkolonnen von Statistiken nur dann etwas erkennen, wenn es Deutungsmuster gibt, wie diese Zahlen interpretiert werden (sollen). Aber das funktioniert auch bei hingeworfenen Knochen. Auch da gibt es eine Theorie die sagt, dass bestimmte Knochenkonstellationen auf bestimmte Ereignisse in der Zukunft weisen. Einen Vergleich der Wahrscheinlichkeit hinsichtlich der Vorhersagegenauigkeit erspare ich mir an dieser Stelle. Insoweit halte ich die Fragestellungen die Arne hier gegeneinander aufwiegelt für ein konstruiertes Scheinproblem, solange nicht klar ist, welche Theorie damit verteidigt oder abgelehnt werden soll. Dass dazu jeder so seine persönlichen „Sprüche“ drauf hat, ist irrelevant.

    Hier so zu diskutieren, als handle es sich um gesichertes Wissen, verfehlt die Basis auf der sich sinnvoll streiten (argumentieren) lässt. Mal abgesehen davon, dass das Grundmodell der Marktwirtschaft als ‘essential incomplete’ bezeichnet wird, dass die ständig kolportierte Geschichte von den segensreichen Wirkungen von Angebot und Nachfrage als etwas charakterisiert werden muss, was Menschen mit geringen ökonomischen Kenntnissen vermittelt wird, damit diese überhaupt eine Vorstellung davon bekommen, was die zentrale Funktionslogik der allgemeinen Gleichgewichtstheorie überhaupt ist. Denn die Konsequenz aus dieser Behauptung ist durchaus ekelhaft. Sie besagt nämlich, dass das zur Zeit geltende neoliberale Marktmodell als Funktionsvorstellung für die Analyse gesamtwirtschaftlicher Bedingungen offenbar schlichtweg ungeeignet ist und eher als allegorische Einführung angesehen werden kann, und nicht, wie es in Diskussionen oft (auch in den Kommentaren) anklingt, als eine ernstzunehmende Funktionsbeschreibung. Was man feststellen kann ist, dass momentan eine Marktideologie gegen die Wand fährt, weil sie seid mehr als 30 Jahren behauptet, der Rückgriff auf einen „deux ex machina“ sei der Durchbruch ins Paradies der Ökonomie. Aber was dabei fehlt ist die Deklarierung des Verfahrens, mit dessen Hilfe dieses Markt-Gleichgewicht zu erreichen wäre. Man braucht da nicht lange zu raten: da gibt es Nichts. Nichts! Null! Nada! Auch, wenn ihr euch hier noch so die Köpfe heiß „redet“ und einige den Neoliberalismus sogar verniedlichen (kleinreden) oder als inexistent hinstellen. Da ist dann wirklich Hopfen und Malz verloren.

  10. @popper

    Hallo, da Du mich schon als Beispiel nennst – bitteschön:.

    Selbstverständlich müssen Daten interpretiert werden und ebenso selbstverständlich sind die Interpretationen nur solange gültig bis sie sich als falsch erweisen also in sich widersprüchlich sind oder weiteren Daten widersprechen. Da bin ich ganz Deiner Meinung. In solchen Fällen wird die bisherige Theorie entweder erweitert, korrigiert oder verworfen. Ein Anspruch auf absolute Richtigkeit oder Vollständigkeit besteht zu keinem Zeitpunkt.
    Übrigens, das mit den Knochen ist eine legitime Hypotehse. Nur hat die wohl nicht so gut mit der Realität zusammengepasst und wurde deshalb verworfen. Gegen die Erkenntnis, dass eine Theorie grundlegend falsch ist, dagegen sträuben sich zumindest Naturwissenschaftler bestenfalls vorübergehend.
    Dieses Vorgehen ist nach meinem Verständnis eine Grundlage jeder Wissenschaft und unterscheidet diese von Glaube/Aberglaube. Auf die Art und Weise sind Naturwissenschaften und Technik sehr erfolgreich. Falls Dir Alternativen zu einem solchen Vorgehen bekannt sind, dann benenne/beschreibe diese doch bitte (Schon wieder diese Frage nach den Daten, ich kann nicht anders, echt lästig).

    Was ich aus Beiträgen aus der volkswirtschaftlichen Ecke wahrgenommen habe, geht von der Art der Argumentationsweise durchaus in die oben beschriebene Richtung. Wenn die dort vertretenen marktwirtschaftlichen Theorien also „essentially incomplete“ sein sollten, dann sind sie noch nicht falsch und es ist weiter daran zu arbeiten.

    Aus den Beiträgen der diversen Vorredner aus der (vermutlich) sozialwissenschaftlichen Ecke habe ich dagegen den starken Eindruck, dass diese ihre Interpretationen / Theorien nicht auf Daten aufbauen sondern auf Glauben und Emotion. So interpretiere zumindest ich die weitgehende Abwesenheit von Daten und die nachvollzogene Fehlerhaftigkeit der wenigen genannten Daten. Dafür scheint mir eine Vorliebe zu herrschen für eine schwer verständliche Sprache. Mir drängt sich der Verdacht auf, dass diese geeignet ist, selbst den Vertretern der Fachrichtung den Blick für die fehlende Datenbasis zu vernebeln. Mit Wissenschaft hat dieses Vorgehen aus meiner Sicht wenig zu tun. Es erinnert mich dagegen sehr stark an Religion.

    Du schreibst in Deinem Kommentar „was man feststellen kann ist, dass momentan eine Marktideologie gegen die Wand fährt“.
    Glaubst Du das nur oder hast Du dafür Daten? Woran kann man das feststellen? Wie muss ich mir das gegen die Wand fahren vorstellen? Das klingt schon wieder so nebulös dramatisch, böse, dringend revolutionsbedürftig. Nur sehe ich das nicht. Nach allem was ich nachvollziehen konnte, geht es der Menschheit besser denn je. Was also ist gemeint?

    Ach ja, da war noch was. Was waren noch Indizien dafür, dass es diese „neoliberalen Regime“ überhaupt ausserhalb von Glaubenbekenntnissen gibt? Danach wurde im Blogbeitrag ausdrücklich gefragt. Da müssen ganz viele Indizien, Daten in den vielen Antworten an mir vorbei gegangen sein. Oder auch nicht, weil keine genannt wurden? 😉

  11. @popper
    A worthy effort, but fruitless.

    Die Diskutanten drehen sich zu gerne auf ihrem Kinderkarussel der eigenen Deutungssysteme und der daraus abgeleiteten Zahlen um es ihnen zu erlauben eine neue Perspektive einzunehmen. Ich hab versucht andere Perspektiven ausserhalb dieses Karussells daszustellen, vergeblich. Dass die Deutungssysteme der Ökonomie sich heute im Widerspruch zu jeder anderen Wissenschaft befinden spielt in ihrer Selbstwahrnehmung keine Rolle.

    Die Ökonomie wirkt heute Peinlich, da sie sich anmasst aus den Zahlen ihrer Deutungssysteme eine Realität abzulesen die nicht empirisch bestätigt werden kann. Permanent werden Fakten und Wahrheit gleichgesetzt und Deutungen als Wissen verkauft. Ich musste mir hier vor längerer Zeit schon anhören, dass für Ökonomen nicht nur die Empirie keine Rolle spielt, sondern auch die Falsifizierbarkeit ihrer Theorien sie nicht interessiert. Die eigene Ideologie ist vollkommen Kugelsicher.

    Von diesem Karussell aus in dem man sich dreht, gibt es keine Chance die Perspektive anderer Diskutanten zu verstehen. Wir Kritiker haben ja nicht die Regeln der erfundenen Wirtschaftszahlen ihres Deutungssystems befolgt. Die Regeln besagen, wer den anderen auf dem Karussell mit mehr Zahlen bewirft hat gewonnen.
    Ich bin mir nicht sicher wer diese Regel erfunden hat, aber offensichtlich kann man für jede Meinung innerhalb der Wirtschaftswissenschaft Zahlen und Powerpointpresentationen erfinden und sie sich um die Ohren hauen. Das stört niemanden in der Ökonomie und es ist auch ken Anlass sich zu hinterfragen.

    Die Zahlen der Weltbank sagen das Gegenteil von denen der NGOs, die INSM behauptet aus ihren Zahlen das Gegenteil von dem was die Gewerkschaften in ihren Zahlen lesen, während die Welt um das Zahlenkarussel in den Abgrund rauscht.

    Abgrund, damit bin ich Schwarzseher, Untergangsprophet, etc. Jeder Hinweis auf Peak Oil, Klimawandel, Ressourcenkrise, Überfischung der Weltmeere, Erosion der Böden usw. wird ignoriert, es gibt keine Systemkrise des Kapitalismus weil sie im eigenen Deutungssystem nicht existieren darf. Wer von den Schulden redet die wir bei unseren Kindern und Enkeln machent der muss ignoriert werden. Der Zukünftige Bewohnerdes Planeten ist nunmal kein Marktteilnehmer.

    Ebenso wird die Existenz einer herrschenden Elite negiert und die Möglichkeit, dass diese herrschende Elite eine Ideologie haben könnte. Man beruft sich statt dessen auf ein Paradies, dass sich „soziale Marktwirtschaft“ nennt und das es irgendwann einmal gegeben haben soll. In der Geschichte des Kapitalismus gibt es dabei nur eine Konstante, Reiche werden reicher. In einigen Abschnitten der Geschichte wurden auch alle anderen ein kleines bischen reicher. Da sie am Anfang nichts hatten und danach etwas mehr sprach man wohl von „sozialer“ Marktwirtschaft. Heute können all die anderen nichts mehr abbekommen, denn die Reichen werden so schnell reicher, dass leider für den Rest nichts mehr bleibt. Das muss begründet werden und damit kommen wir zur Idelogie.

    Wer reich ist der „hat sich das verdient“, alle anderen sind daher Minderleister und Sozialschmarotzer. Der Staat ist unfähig und darf keinen Einfluss auf die Wirtschaft haben, alles muss privatisiert werden, freie Marktwirtschaft ist die Vorrausetzung für demokratie, etc. pp…
    „… there has been class warfare waged, and my class has won“ sagt dagegen der drittreichste Mensch der Welt, Warren Buffet, aber das scheint kein Anlass dazu zu sein, irgendeine Frage bezüglich der Mechanismen dieses Klassenkampfes von oben zu stellen. Die Mechanismen die Warren Buffet und seinen Freunden zu ihrem Raubzug am Gemeinwohl verholfen haben, können nicht mit Macht, Ideologie und Hegemonis zu tun haben.

    Denn Ungerechtigkeit besteht, so die Argumentation der Neoliberalen, nicht aufgrund der Ideologie und der Mythen des freien Marktes, sondern weil die Marktwirtschaft noch nicht neoliberal genug ist.
    Die Realität genügt der neoliberalen Theorie nicht, also ist es die Realität die sich der Theorie verdammt noch mal anpassen muss.
    Das meint der Wirtschaftswurm mit seiner Überschrift wohl. Mit dieser Logik kann man alles begründen.

  12. @alienobserver
    Da Du nach eigener Aussage hier mitliest 🙂 bei der Gelegenheit noch eine Nachfrage.

    „Die Reichen“ werden immer reicher. Akzeptiert. (eine Definition „der Reichen“ wäre fein um zu wissen über wen wir hier reden. Jeder Bewohner der westlichen Welt? Nimmst Du die Russen dann auch gleich noch dazu? So im Vergleich zur breiten Bevölkerungsmasse in Afrika / Indien etc wäre das ganz berechtigt, oder? Oder die weltweit reichsten 10 Personen? Oder …? Bei so was einfachem solltest Du doch konkret werden können? Oder ist selbst das zuviel verlangt?

    Ok. „Die Reichen“ werden also immer reicher. Und nun? Was daran ist denn nun schlimm? Wie ich gesehen habe ist im bestehenden System auch der materielle Wohlstand „den Armen“ gestiegen. Und das sogar egal wie „die Armen“ definiert werden – global, lokal, absolut, relativ! Die Nachricht ist doch bei Dir angekommen. Und Du hast sie unwillig zwar aber dennoch akzeptiert. Also was ist schlecht daran? Welche Nachteile entstehen wem? Welche?
    Ich stelle mir gerade vor, die Vermögen „Der Reichsten“ mit 700 Mrd würden gleichmäßig unter den 7 Mrd Erdbewohnern verteilt. Sehr gerecht. Jeder hat 100 EUR mehr. Zufrieden? Und was bringt das?

    Und dann wäre die Frage, welche Alternativen wir haben, bei denen es „den Armen“ und dem großen Rest der Bevölkerung besser geht als im bestehenden System? Die bisherigen Versuche sozialistischer Prägung waren es wohl eher nicht. Vielleicht eine Diktatur oder Königreich? Gab es da schon wirtschaftlich erfolgreiche? Bitte welche, die nicht nur auf dem Abbau von Bodenschätzen beruhten, der womöglich mangels eigener Fähigkeit durch Dritte vorgenommen wurde – Vorräte aufessen kann jeder.

    Und dann, hast Du womöglich Vorschläge, wie wir vom einen zum anderen System kommen? Ach ja, Revolution. Und dann ergibt sich das von selbst? Glaubst Du das tatsächlich? Und das womöglich in größeren Teilen der Welt und nicht nur auf der Insel der Glückseligen im Traumland?

    Hmm. Könnte es sein, dass ich das in einem früheren Kommentar schon mal gefragt habe? Irgendwelche Antworten habe ich dazu jedenfalls nicht wahrgenommen.

  13. @uwe
    Meine einfache Antwort: ich habe deine Fragen beantwortet. Du hast meine Antworten nur nicht begriffen oder meine Verweise ignoriert, wie z.B. den auf Elitenforscher Michael Hartmann, der, wenn du dem Link gefolg wärst die Zahlen über Eliten und die Wirkmeschanismen wie sich Eliten Reproduzieren erklärt hätte.
    Hier noch einmal: https://www.youtube.com/watch?v=AAyYRyL_lfU&list=PL6IgibBJyFr7JFfPaG_qL5BGD0psWi2It

    Das gleiche gilt für den Link auf Stefan Eichner, der mit seiner Zusammenfassung über die Entwicklung der Vermögen in der Krise eine sehr gute Arbeit über dieses Thema abgeliefert hat.
    http://stefanleichnersblog-archiv.blogspot.de/

    Ich habe selbst biele Beispiele gegeben wie auf die Politik eingegriffen wird und auf Chomsky und Klein verwiesen (umsonst). Diese Beispiele wurden Ignoriert, sie basieren nicht auf erfundenen Zahlen sondern auf Ereignisse der Geschichte.

    Vermögen:
    so lange Vermögen sich durch einen Mechanismus der Zinsen von selbst vermehren schadet großes Vermögen der Gesellschaft. Vermögensgewinne betreiben eine Umverteilung von unten nach oben.
    Gäbe es keine Vermögensgewinne (in dem z.B: auf ein Schwundgeldsystem umgestellt wird) wäre viel erreicht. Bevor das passieren kann müssten aber sicher erst die Vermögen entwertet werden, sei es durch den Zwang einer Währungskrise oder durch eine Solidaritätsabgabe in beträchtlichen Prozentanteolen (80?).

    Alternativsystem: Ich werde erneut meine Ansicht darüber formulieren, vielleicht wird das diesmal verstanden:
    Ich bin nicht dafür Ideen für eine neue Gesellschaft anderen aufzuzwingen. Soziale Evolution geschieht am besten in einem demokratischen Diskurs.
    Dieser sozialen Evolution der Gesellschaft steht eine herrschende Elite entgegen die sie verhindert.
    Ohne diese Elite würde sich eine gerechtere Welt entwickeln können.
    Heute wird der demokratische Diskurs gewaltsam unterdrückt. Jegliche Kritik am System, die Beispielsweise in friedlichen Demonstrationen mit hunderttausenden Teilnehmern Weltweit stattfand wurde sehr schnell und extrem brutal niedergeschlagen.

    Diejenigen die benachteiligt sind, werden also gewaltsam aus dem Diskurs gewaltsam ausgeschlossen. Dies geschieht zum Wohl des status quo, der das Vermögen der herrschenden Eliten sichert.

    Meiner Meinung nach genügt es also Demokratie zu haben, ein sinnvolles System könnte sich dann entwickeln.
    Meiner Meinung nach haben wir aber keine Demokratie.
    Wir haben keine Demokratie weil es eine herrschende Elite gibt die das fortbestehen des Systems mit allen Mitteln verteidigen will. Dazu bedient sie sich einer Ideologie, die sich auf eine bestimmte Volkswirtschaftliche Wissenschaft stützt. Diese Ideologie nenne ich Neoliberalismus.
    Sie bedient sich aber auch vermehrt der gewaltsamen Unterdrückung, totaler Überwachung, kriminalisierung von jeglichen Kritikern, wachsenden Inhaftierungen, Kriegen, Auftragsmord etc..

    Könte ich mir ein System aussuchen wäre es ein sehr anderes als dieses.
    Ich sehe in den Vorschlägen der Postwachstumsökonomie eine solide Diskussionsbasis.
    Favoriten für eine solche Diskussionsbasis wären hier „sacred economics“ wie sie Charles Eisenstein formuliert oder die Gemeinwohlökonomie.
    Diese haben mit dem bestehenden System ebensowenig gemein wie mit dem Sozialismus der DDR.

    PS:
    Die Ökonomie könnte sich mit der Frage beschäftigen wie ein Wirtschaftssystem aussehen könnte, dass dem Gemeinwohl und dem Wohl der einzelnen dient, die Ressourcen nachhaltig nutzt, zukünftige Generationen nicht benachteiligt. Ein System, das die Güter innerhalb der Gesellschaft gerecht nach den Möglichkeiten und Bedürfnissen der Bürger verteilt und den Einzelnen und der Gesellschaft in gleichem Maße dient und dabei das Wohlbefinden und das Glück des einzelnen sichert. Warum findet das nicht stattg? Wozu existiert eine Wirtschaftswissenschaft, wenn sie nicht die Frage nach einem Wirtschaftssystem im Dienste der Gesellschaft beantworten kann, ja es nicht einmal versucht?

  14. „Was in 20 Jahren ist, interessiert im Wirtschafts und Politikbetrieb niemanden.“ – @AlienObserver, das kritisiere ich auch, aber man muss auch zugestehen, dass alle Prognosen über das, was in 20 Jahren sein wird, höchst unsicher sind. Auf was will man da also reagieren?

    „Die Grundlage für das Machtungleichgewicht z.B. zwischen Stromproduzenten und Verbrauchern hängt nicht mit der Menge der Anbieter zusammen, sondern damit, dass man auf Strom nicht verzichten kann.“ – @misterede, lies mal eine gute Einführung in die Volkswirtschaft in der der Grenznutzen erklärt wird, um den es ja auch hier ging. Die meisten Verbraucher könnten ohne große Nutzeneinbußen Strom sparen.

    @uwe, Tim, ich finde eine richtige Vermögens- oder Erbschaftssteuer in Ordnung und die Steuerexperten unter den Volkswirten sagen, dass sie auch kaum schädliche Wirkungen hätte, zumindest viel weniger als eine weitere Anhebung der Einkommenssteuer.

    „Vermutlich müsste ich sagen, uns geht die geringer qualifizierte Arbeit aus, weniger die hochqualifiziert.“ @uwe, das Problem sind vor allem die mittleren Qualifikationen. Leute, die früher noch selbst Entscheidungen treffen konnten, arbeiten heute immer mehr nur noch Computerprogramme ab.

    @Frank, Konkurrenz kann auch Spaß machen. Aber da gebe ich dir recht, das ist nur der Fall, wenn die Existenzgrundlage gesichert ist und es keine Konkurrenz auf Leben und Tod ist.

    „Ebenso wird die Existenz einer herrschenden Elite negiert und die Möglichkeit, dass diese herrschende Elite eine Ideologie haben könnte.“ @AlienObserver, ich habe das nicht negiert, glaube aber, dass das eine krasse Vereinfachung ist.

    „Die Realität genügt der neoliberalen Theorie nicht, also ist es die Realität die sich der Theorie verdammt noch mal anpassen muss.“ @AlienObserver, das ist eine polemisch-verzerrte Darstellung. Tatsächlich gibt es ideale Märkte nicht von Natur aus, weshalb man sie „bauen“ muss, genauso wie ein Ingenieur auch ein Flugzeug entwirft. Nicht mehr und nicht weniger ist gemeint, wenn Neoliberale (im ursprünglichen Sinne) „die Realität der Theorie anpassen“ wollen.

    „Ohne diese Elite würde sich eine gerechtere Welt entwickeln können.“ @AlienObserver, nur leider gab es nie einen Staat ohne Eliten.

    PS: Einen Kommentar von @AlienObserver musste ich händisch freischalten, was ich erst übersehen hatte.

  15. @Arne
    Danke für die Antwort.
    Ich wäre nicht hier in diesem Blog Aktiv, wenn ich hier nicht Vernunft und guten Wilen sehen würde. en Vorwurf der Polemik nehme ich an. Ich Diskutiere nicht weil ich andere Überzeugen oder beliedigen will, ich will andere Perspektiven aufzeigen und kennen lernen und so möglicherweise neue Eisichten vermitteln und gewinnen.
    Fakten, Zahlen usw sind meist uninteressant. Sie geben keine neue Perspektive. Sie sollen die überzeugen die die gleiche Perspektive haben. Das klar zu machen gelingt mir anscheinend nicht.

    Ideologie und Herrschende Elite.
    Der Elitenforscher Michael Hartmann spricht von herrschender Klasse.
    Ich stimme zu, wir hatten schon eine herrschende Klasse, den Adel z.B., der wurde gestürzt. Heutige Milliardäre übertreffen den Reichtum früherer Adelshäuser und ihr Vermögen vererbt sich fast unverändert über die Generationen. Wir sind heute auf dem Weg zu einem Neofeudalismus.
    Die vielen Anekdoten die ich genannt habe, auf die hier niemand eingehen wollte, sind Beispiele wie diese neofeudale Elite heute indirekt und direkt Macht ausübt.

    Es geht uns doch gut?
    Die Staatsqute wurde als Argument genannt. Dazu ein Beispiel:
    Der Staat hat auf betreiben einer neoliberalen Agenda 90% der ehemaligen Sozialwohnungen im öffentlichen Besitz an private Investoren verkauft. Mieten sind bei gleichbleibender Staatsquote vor allem für arme rasant gestiegen. Wenn ein Vermieter heute deshalb 40 % und mehr des verfügbaren Einkommens der Mieter abgreift um sein Vermögen nahezu Leistungslos (und Steuersubventioniert) zu vermehren, dann geben ihm Rente und Wohngeld eine Absicherung gegen Mietausfälle. Staatsquote dient so häufig zur Absicherung des Risikos vor Vermögensverlusst der Reichen.
    Wenn die Mietkosten weit geringer wären, dann bliebe den Rentnern weit mehr Geld.
    Auf diese Weise kann trotz gleichbleibender Staatsquote die Armut steigen. Was Arme weniger haben, verdienen Hausbesitzer mehr. Ohne Arbeitslosengeld würden Versicherungen und Krankenkassen Geld verlieren. Manchmal ist also eine gewisse soziale Absicherung im Interesse bestimmter Eliten.

    Ähnliche Argumentationen wären für Krankenversicherung, Altervorsorge, Pflegeversicherung usw. möglich. Nicht nur Privatisierung sondern auch Public Private Partnership, offshore Leasing und andere Betrügereien am Bürger sind Konstrukte zur Bereicherung an den Staatseinnahmen. Statt die Staatsqute zu torpedieren, bedient man sich lieber an den Steuern, der Extremfall ist die Bankenrettung.
    Die Selbstbedienung an Steuergeldern betreiben nicht die Armen sondern die Unternehmen und damit die Reichen, dennoch hört man in den Boulevardblättern genau das Gegenteil. Damit kommen wir zur…

    Macht der Eliten
    Der gesamte Komplex Pharmaindustrie und Krankenversicherung hat laut Horst Seehofer! zu viel Macht um als Politiker dagegen bestehen zu können. Das muss man ihm nicht glauben, aber der Satz spricht Bände.
    Ich muss Lobbyorganisationen, INSM, Parteienfinanzierung usw nicht alles ausführen. Das geht mir zu weit.
    Sagen wir mal so: Es gibt Gründe über eine Postdemoktratie zu reden.

    Ideologie
    Ideologie ist ein Begriff der Sozialwissenschaft. Wie Ideologie funktioniert habe ich schon versucht zu erklären. Der Begriff wird heute gerne falsch Benutzt.
    Ich könnte auch sagen, dass es ein bestimmtes Bewusstsein, ein gemeinsames Fundament von Überzeugungen und Werten gibt das Eliten teilen. Diesebeinhalten beispielsweise bestimmte unhinterfragte Einstellungen darüber was gerecht oder ungerecht ist. Das Beispiel, dass ich hier häufig genannt habe ist das Leistungsprinzip.

    Wer reich ist hat sich das verdient und wer arm ist ist selber schuld. Es gibt keine rationale Begründung und keine Wissenschaft, die das Leistungsprinzip unterstützt, während dieser Mythos selbst unbewusst unser Denken und damit unsere Gesellschaft fundamental prägt und damit die soziale Schichtng reproduziert.

    Die Masstäbe darüber wie Leistung bemessen wird sind wiederum ausschliesslich durch die Prägung der Werte und Überzeugungen bestimmt und nicht von irgendeiner in der Realität verwurzelten Begründung.

    Diese Bemessung findet eine Gewisse Legitimation in der Volkswirtschaft, wenn auch sehr bemüht. Auch die Volkswirtschaft sieht sich nicht in der Lage Leistung zu definieren, sie überlässt das einem angeblich freien Arbeitsmarkt. Aber auch hier bestimmt eine Prägung darüber was und wer viel „Wert“ ist.
    Hier setzt der Begriff Ideologie eigentlich an. er fragt wie sich soziales Gefälle reproduziert. Ähnliches Gilt für die Einstellungen zum Sozialhilfeempfänger, Arbeitslosen usw.
    Diese und anderen auf Vorurteilen beruhenden Ansichten sind Teil einer Ideologie.

    „Die Realität genügt der neoliberalen Theorie nicht, also ist es die Realität die sich der Theorie verdammt noch mal anpassen muss.“
    Ja, ich weiss, das ist Hart zu schlucken, aber das ist die bittere Wahrheit. Ich rate dazu zu Beobachten wie oft genau diese Argumentationskette fällt wenn Wirtschaftswissenschaftler sprechen.

    Wer meint eine gute Theorie oder ein Modell zu haben, der muss sich an der Realität messen lassen. Das gilt für Hochkomplexe Wissenschaften wie die Klimaforschung, warum nicht für die Wirtschaftswissenschaft?
    So lange die VWL von „der Krise Überrascht wird“ hat sie meiner Meinung nach kein Modell.
    Wenn das Modell nicht der Realität entspricht, dann muss dass Modellhinterfragt werden.
    Das Gegenteil geschieht.

    Personen wie Larry Summers bestimmen in hohem Maße darüber was „richtige“ Wirtschaftswissenschaft ist. Wer die Modelle der Mainstream Ökonomie hinterfragt, der wird es sehr schwer haben in den Journalen der AEA zu veröffentlichen, keine Prrofessur bekommen und daher niemals Politik beraten.
    Personen der Politik wiederum verfolgen oft nur eine Projektion dieser Ideen die in ihr Weltbild passen. Reagan und Thatcher haben sich exakt so verhalten. Ihre Vorurteile trafen auf halb verstandene Passagen Hayeks und formten Politik.

    Ökonomie ist daher Teil der Mechanismen die den Status Quo zementieren und ein Werkzeug in der Hand der
    Eliten ohne es selbst Wahrhaben zu wollen. Eine einfache, auf Vorutrteilen beruhende Projektion der Ideen neoliberaler Theoretiker hat sich in den Köpfen einer bestimmten Schicht festgefressen.
    Daher sind diese Ideen zum Teil einer Ideologie geworden, egal was sie am Anfang waren. Das ist eine andere Denke als die man gewöhnt ist, aber so funktioniert menschliche Gesellschaft.

  16. Seehofer sagt in diesem Interview etwas sehr interessantes.
    „Da kann man nur nach dem Gesunden Menschenverstand entscheiden.“

    Der „Gesunde Menschenverstand“ ist was in der Sozialwissenschaft als Ergebnis der gesellschaftlichen Prägung reproduziert wird. Er ist ausdruck von Ideologie in dem Sinne der Sozialwissenschaft.

  17. @AlienObserver

    Zufällig sehe ich gerade, dass ein Beitrag von Dir erst nachträglich freigeschaltet wurde. Darin fragst Du nach Zahlen / Quellen zu meinen Aussagen, dass es trotz stärker Ungleichverteilung allen – auch den Armen – heute deutlich besser geht (z.B. als vor ca 50 Jahren). Ich meine zwar, dies bereits in den Kommentaren seit dem „Han Beitrag“ angegeben zu haben, aber bitte schön, nochmal kurz gegoogelt

    a) global
    In den letzten ca. 50 Jahren hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt. Die Anzahl der Armen und sehr Armen (ca. 2 USD/Tag bzw. 1 USD/Tag) ist dagegen sowohl relativ und als auch in absoluten Zahlen sehr stark zurückgegangen (halbiert und noch kleiner). Für 1970-1998 z.B. hier http://www.nber.org/digest/oct02/w8933.html

    b) westliche Industrieländer
    In den westlichen Industrieländern hat sich das Einkommensniveau der ärmeren Bevölkerungsteile in den letzten 50 Jahren deutlich verbessert. Detaillierte Daten gibt es dazu aus den USA. Kurz gesagt ist der Haushalts-Einkommensmedian von 1967-2013 in Kaufkraft 2013 um knapp 20% gestiegen. Die Anzahl der Haushalte bis 15000 USD/a ist um ca. 20% zurückgegangen und die mittleren Einkommen des untersten bzw. zweituntersten Quintils sind um je ca. 13% gestiegen.
    http://www.census.gov/content/dam/Census/library/publications/2014/demo/p60-249.pdf
    (siehe dort Tabelle3 und 4)

    Zu Deiner Aussage „Fakten, Zahlen usw sind meist uninteressant. Sie geben keine neue Perspektive.“

    Fakten, Zahlen können dann einen neue Perspektive geben, wenn der geneigte Empfänger willens ist, ihre Nachricht zu vernehmen. In diesem Fall: trotz (bzw. global gesehen womöglich sogar wegen) Zunahem der Ungleichverteilung an Einkommen oder Vermögen geht es den „Armen“ in den angeblich neoliberalen Systemen (a la Chomsky) heute besser als noch vor 50 Jahren. Nicht mehr und nicht weniger.

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