Wirtschaftswurm-Blog

Keine Revolution – da haben wir wirklich Glück gehabt!

Demonstration in Kairo 2011

Byung-Chul Han klärt uns auf den Seiten der Süddeutschen auf, warum’s keine Revolution gibt, und tut so, als ob das bedauerlich wäre. Tatsächlich sollten wir froh darum sein, dass es keine Revolution gibt.

Han wurde 1959 in Seoul geboren und arbeitet nun als Professor in Berlin. Auf den Seiten der SZ bekam er jüngst die Gelegenheit zu erklären, warum es keine Revolution gegen das „neoliberale Regime“ gibt. Was sich nun die SZ-Redaktion dabei gedacht hat, ist nicht ganz nachvollziehbar, denn ihre Leserschaft ist sowieso jeder revolutionären Neigung unverdächtig.

„Warum ist das neoliberale Herrschaftssystem so stabil? Warum gibt es so wenig Widerstände dagegen?“, fragt Han. Und dabei ist natürlich für ihn gesetzt, dass das „neoliberale System“ durch und durch perfide und ausbeuterisch ist. Zur Begründung reicht ihm ein kurzer Hinweis auf die immer größer werdende „Schere zwischen Reichen und Armen“.

Schon das kann man allerdings hinterfragen. Zwar ist innerhalb der meisten Ländern der Welt in den letzten Jahrzehnten die Schere zwischen Reich und Arm auseinander gegangen, doch zwischen den einzelnen Ländern sind die Unterschiede aber geringer geworden.

Aber mit solchen statistischen Kleinigkeiten hält sich Han nicht auf. Er kommt gleich auf die Antwort zu seiner Frage, die niemanden interessiert. Es gebe keine Revolution, weil die „systemerhaltende Macht nicht mehr repressiv, sondern seduktiv“ ist. Die Mächtigen regieren also nicht mehr mit Gewalt, sondern mittels Verführung.

Für Han ist das „neoliberale System“ also eine Art Matrix wie im gleichnamigen Science-Fiction-Film. Die Menschen werden darin ausgebeutete, merken es aber nicht, sondern fühlen sich frei und glücklich. Han selbst sieht sich dabei wohl in der Rolle des „Neo“, des einzigen, der das System durchschaut, während die große Mehrheit noch dumpf, aber zufrieden dahinrülpst.

Aber was sollen die Menschen eigentlich mehr wollen, als sich frei und glücklich zu fühlen? Brauchen wir wirklich elitäre Intellektuelle, die uns einreden, dass das, was für fühlen, eigentlich falsch und unwirklich ist?

Gebrauchen wir lieber unseren gesunden Menschenverstand, der uns sagt, dass das, was wir fühlen, wahr und richtig ist!

Han schreibt: „Die systemerhaltende Macht nimmt heute eine smarte, freundliche Form an“. Nun wenn’s so ist, dann leben wir bereits in der besten aller möglichen Welten. In den realen Alternativen, etwa im untergegangenen Sozialismus des Ostblocks, war die systemerhaltende Macht jedenfalls weder smart noch freundlich. Und eine Anarchie ohne „systemerhaltende Macht“ erscheint mir auch weder smart noch freundlich.

Foto von Adam Makary für Al Jazeera English

47 Kommentare

  1. @AlienObserver – kurze Beschreibung/Definition neoliveraler Herrschaftssysteme

    Danke. Ich habe die genannten Werke heruntergeladen. Angesichts der „Kürze“ von ca. 170 bzw. über 500 Seiten wird es etwas dauern, die zu verdauen. Gibt es vielleicht es kurzes im Sinne 1-2 Seiten? Sozuagen ein management summary um das mal Neudeutsch zu formulieren.

  2. @AlienObserver – ich weiss nicht woher ihr eure Zahlen nehmt

    Global
    z.B. Entwicklung der globalen Einkommen Bericht der UN siehe http://www.un.org/esa/socdev/rwss/docs/2010/chapter2.pdf mit Daten ab 1981. Weitere 10 Jahre zurück sähe noch eindrucksvoller aus. Personenzahl weltweit mit EK bi s1,25 USD/Tag sank von 1981 bis 2005 von ca. 1,9 Mrd auf 1,3 Mrd. Den Zuwachs der Bevölkerung im selben Zeitpunkt wird man mit Google leicht finden.
    Oder auch die Veröffentlichung von Xavier Sala-i-Martin mit Daten von 1970-1998 zB. hier http://www.nber.org/papers/w8933.pdf

    Lokal
    Da habe ich mich zugegebener Weise bezogen auf meine persönliche Erfahrung bzgl. Ausstattung mit Haushaltsgeräten Stand 1970 im Haushalt meiner Eltern im Vergleich zu heute mehreren hartz IV Empfängern im Bekanntenkreis. Meine Eltern hätten sicherlich die Behauptung weit von sich gewiesen, arm zu sein. Und dennoch gab es Telefon erst ca. 1962, Waschmaschine etwa 1964, Auto in 1966 und Fernseher etwa 1970. Bis auf das Auto alles Dinge, die heute für jeden, auch den Hartz IV Emfänger selbstverständlich scheinen.

    Flaschen habe ich damals übrigens auch gesammelt. Gab mehr Taschengeld, als ich brauchte. Bei den Artikeln über Flaschensammler heute habe ich den Verdacht, dass die Leute das machen, um eine Beschäftigung zu haben und das Geld nur Nebenzweck ist.

    Selbstausbeuten
    zu Dumpingpreisen. Ja da ist sicherlich oft etwas dran. Jeder muss für sich beantworten, was er machen will und unter welchen Bedingungen. Ich will und kann dabei lediglich für mich selbst sprechen und feststellen, dass meine Lebensqualität als selbständiger Einmannuntenehmer deutlich höher ist als früher als Manager in der Industrie. Sonderlich ausgebeutet habe ich mich allerdings weder in über 20 Industriejahren gefühlt noch als Einmannunternehmen. Das liegt sicherlich auch an der Art der Tätigkeit Ich habe stets gemacht, woran ich Freude hatte. Und wenn das für eine zu lange Weile nicht mehr gestimmt hat, dann gab es stets Headhunter mit anderen Angeboten. Der Job muss halt Spaß machen, dann muss man keinen Tag mehr arbeiten sondern nur noch Spaß haben (Nicht von mir, Autor mir unbekannt).

  3. Zum Thema Wirtschaftswachstum in der Sovietunion aus wikipedia:
    The complex demands of the modern economy and inflexible administration overwhelmed and constrained the central planners. Corruption and data fiddling became common practice among the bureaucracy by reporting fulfilled targets and quotas, thus entrenching the crisis. Nonetheless, from the Stalin-era to the early Brezhnev-era, the Soviet economy grew much slower than Japan and slightly faster than the U.S. …

    Wenn Ms McCloskey Wirtschaftswachstum als alleiniges Verdienst der Innovationskraft der liberalen Marktwirtschaft anpreist, warum ist für einen großen Zeitraum den sie beschreibt ein rasantes BIP Wachstum im Satlinistischen Russland zu bemerken. Hier wiill ich keineswegs den Stalinismus verteidigen, aber man muss dann die Ursachen von Wachstum und Innovation auch in anderen Faktoren suchen und nicht nur der eigenen Ideologie diesen Erfolg zusprechen.

    Wenn dich andererseits nicht überzeugen kann, dass neoliberale Thinktanks wie die INSM oder die zahlreichen Organisationen der Koch Brüder dazu dienen die Macht einer ganz bestimmten Elite zu sichern, dann sei es so. Wenn du nicht der Meinung bist, dass man sich mit Geld Meinung kaufen kann, dann liegst du allerdings falsch.

    Wenn es nicht so wäre, frage ich, warum geben die Koch Brüder und andere Superreiche so viel Geld dafür aus es zu tun? Warum finanziert der BDI die INSM mit großzügigen Mitteln, wenn doch ohnehin Propaganda scheitern musss? Die großen PR Unternehmen der Welt machen Umsätze im Bereich von mehreren hunderten Millarden Dollar. Ist dies einem Aberglauben der reichen und mächtigen geschuldet?

    Bist du sicher, dass Du frei bist davon manipuliert zu werden von diesen Unternehmen und Unternehmern. Wieviel können andererseits diejenigen aufbringen für Propaganda die Ausgebeutet werden um ihre Sicht der Dinge im öffentlichen Diskurs erörtert haben zu wollen? Die können eine Website mit 200 Besuchern im Jahr betreiben, richtig. Die wachsende Ungleichheit der Verteilung der Reichtümer beflügelt die Ungleichheit der manipulation des öffentlichen Diskurses trotz internet und war nie so Aktuewll wie heute.

    Natürlich ist es nicht nur das ökonomische Kapital, dass Menschen in eine Sprecherrolle bringt, auch andere Kapitalformen (symbolisches Kapital, soziales Kapital) können Menschen in eine einflussreiche Sprecherrolle hieven. John Lennon beispielsweise hatte ein ungeheures symbolisches Kapital, weshalb er in den USA politisch Verfolgt wurde und beinahe ausgewiesen wurde. Die Angst vor solchen Personen (wie heute Julien Assange oder Edwqard Snowden) ist immens. Warum ist das wohl so? Die meisten PR Profis kennen auch Foucault.

    Die überwiegend vorherrschende Form den Zugang zum Diskurs zu steuern ist das ökonomische Kapital. Es ist nicht allmächtig, und kann viele gesellschaftliche Entwicklungen nicht aufhalten, aber es kann sehr wohl etablieren was als allgemeiner „common sense“ zu vertreten ist.

    Ich behaupte, dass deine Vorstellung von den Begriffen „Freiheit“, „Demokratie“und „Marktwirtschaft“ Ergebnis einer gezielten Manipulation sind der wir uns seit Jahrzehnten ausgesetzt sehen. Propaganda ist die Bedeutungshoheit über Begrifflichkeiten zu bewahren.

    Die Vorstellungen deines Großvaters über diese Begriffe war noch eine ganz andere. Noch Anfang der 50er war eine überwiegende Mehrheit der Unionsmitglieder Deutschlands für eine Verstaatlichung der Schlüsselwirtschaften. Warum wohl hat sich dies geändert. Hatten die plötzlich eine tolle neue Eingebung?

    Die Geschichte dieser gezielten Manipulation ist gut Dokumentiert. Man kann sie Beispielsweise in der dreiteiligen Reportage „Operation Wunderland“ „Propagandakeig um Deutschland“ erfahren.

    Heute sind es Unternehmen und ihre Investoren, die die Werkzeuge der Propaganda in ihren Händen halten. Nie wurden sie so ausgiebig genutzt wie heute.

    Was ist das Ziel der Ausspähung der Menschen durch die Geheimdienste? Die Jagd nach einem halben dutzend Terroristen? Warum sammeln die Unternehmen massenhaft Daten über uns? Damit sie uns „gezielter Informieren“ können?

    Es ist sehr blauäugig zu glauben es gäbe diese Absicht der Kontrolle nicht. Sie ist es was alle Machtstrukuren immerschon auszeichnete. Die DDR ebenso wie die BRD, die UDSSR wie die USA. Die Stasi sammelte aus dem gleichen Grund Daten wie die NSA. Die Mittel mögen andere sein, der Grund ist der gleiche.

    Es ist das Misstrauen der Mächtigen vor den Regierten dass schon immer herrscht. Der Wunsch an der Demokratie vorbei zu herrschen ist was Ideologie ausmacht. Ideologie ist eben das Gegenteil von demokratischer politischer Meinungsbildung. Es ist die Überzeugung die bessere Antworten zu haben wie die demokratische Mehrheit. Diese Eigenschaft der Ideologie haben die Faschistische, Neoliberale, Stalinistische und Fundamentalistische (Islamische, Orthodoxe, Christliche etc.) gemein.

  4. @AlienObserver
    Zum Wirtschaftswachstum Sowjetunion. Gar nicht so einfach da Daten zu finden und nicht nur interpretierende Statements / ?Propaganda 🙂 wie der zitierte Ausschnitt aus wikipedia. Aber bitteschön, hier – viele interessante Daten. Dafür hat sich diese Diskussion bereits gelohnt.
    browse.oecdbookshop.org/oecd/pdfs/free/4101015E.PDF

    BIP pro Kopf in $1990 siehe Tabelle B.21
    – Sowjetunion stieg von 1950 von 2835 auf 1973 6058, ein Zuwachs von immerhin 114% bew 3223
    – USA stieg von 1950 von 9561 auf 16689, ein Zuwachs von noch 68% bzw. 7128

    Tja, was soll ich sagen, prozentual war ganz klar die Sowjetunion vorne. Absolut dagegen die USA. Allein deren Zuwachs war größer als der Gesamtergebnis der Sowjetunion. Kann man da von “Die gleiche positive Entwicklung [welche] lange Zeit in sozialistisch geführten Ländern stattfand” sprechen oder ist das eher das Hinterherhinken und Abkupfern auf deutlich niedrigerem Niveau, welches ich vermutete?

    Nebenausbeute bei Suche was zur Lebenserwartung in der Sowjetunion und in der USA siehe Tabelle 1.5a
    UdSSR 1950 fast gleichauf mit USA bei 65 versus 68 Jahren. Und Steigerung bis 1999 auf 67 versus 77 Jahre. Da ist beim Sozialismus eindeutig etwas schief gelaufen!

    Ansonsten sind wir nicht so weit auseinander
    – Ja, ich bin durchaus deiner Meinung, dass man sich mit Geld Meinungen kaufen kann und Platz in den Medien. Und ja, natürlich werden wir alle dadurch beeinflusst. Dennoch haben wir wie noch nie zuvor die Möglichkeit, auf Informationen zuzugreifen und uns eine eigene Meinung zu bilden bzw. andererseits unsere eigene Meinung zu verbreiten. Dass dafür vielen die Zeit oder das Interesse fehlt und sie somit ein leichtes Opfer werden, das ist ein anderer Punkt (nur wird von denen sich kaum einer Deidre antun, die passt nicht recht nach RTL2 oder Kabel).

    -Ja, die staatlichen Überwachungsmassnahmen sind bestimmt nur dazu da alle Jahre wieder einen Terroristen zu fangen. Bei den Unternehmen sehe ich das etwas anders. Da gehe ich davon aus, dass die schlicht und einfach Geld verdienen wollen indem sie uns „gezielt informieren“. Dass da ein erhebliches Missbrauchspotential vorhanden ist, ist eine andere Sache.

    Ich habe den Eindruck, dass die wesentlichen Punkte zu dem Thema gesagt sind und möchte mich für den interessanten Gedankenaustauch bedanken. Ich bin gespannt, wie lesbar die Referenzwerke sind und ob ich mich in deren Logik wiederfinden kann.
    Ausgangspunt des Dialogs war das Bedauern Hans, dass die Revolution ausfällt und der Blogbeitrag von Arne, dass wir damit Glück haben. Alles in allem geht es uns in den westlichen Staaten (auch den Armen) und auch den Bewohnern der Entwicklungsländer (dort offenkundig ganz besonders den Armen) besser als früher (was für ich richtig Armen nur ein Zwischenergebnis sein darf). Die Zahlen dazu haben wir oben gesehen. Perfekt ist das Ganze nicht und es gibt noch viel zu tun. Dennoch, angesichts der tollen Entwicklung liegt Arne m.E. goldrichtig mit seinem Stossseufzer. Da haben wir aber Glück!

  5. Es gibt noch einen wichtigen Beitrag den ich loswerden muss, obwohl möglicherweise niemand den Diskussionsstran bis hierher liest.

    Wenn ich die Beiträge zu dieser Diskussion lese, dann bemerke ich eine unreflektierte Übernahme von Zahlen. Zahlen werden häufig mit „Wahrheit“ verwechselt. Um die Frage ob Menschen „arm“ oder „reich“ sind, ob es ihnen „besser“ geht genügen im Deutungsrahmen der Wirtschaftswissenschaft offenbar die Zahlen der marktwirtschaftlichen Entwicklung.

    Offenbar muss es einer Arbeiterin besser gehen die in eine Textilfabrik in menschenunwürdigen Umständen lebt, da sie ja nun Geld verdient, was ihr vorher verwehrt wurde. z.B.: uwe „Da kann man über die Minilöhne der T-Shirt Näher in Bangladesh bedenklich mit dem Kopf wackeln wie man will, für die Leute dort ist das immer noch locker 50% mehr Einkommen als sie ohne diese Jobs erwirtschaften könnten.“

    Diese Zahlen, die möglicherweise von der Weltbank stammen sind wahrscheinlich Fakt (obwoahl auch darüber gestritten werden kann und wird). An ihnen bemessen wird der Arbeitgeber der Näherinnen, die inzwischen Hilferufe an uns westliche Konsumenten in die Kleidung einnähen zu einem Wohltäter. In diesem Zahlenbasierten Deutungssystem dreht sich die Welt auf den Kopf. Viele machen diese Drehung mit.

    Fakten und Wahrheit sind jedoch nicht das gleiche. Diese banale Erkenntnis muss jeder der irgendeine Form der Wissenschaft betreibt sich immer vergegenwärtigen. Jede Wissenschaft ist ein Deutungsrahmen der in der Lage ist bestimmte Vorgänge zu bemessen. Er bleibt aber ein Deutungsrahmen, der oft bestimmt ist von dem sozialen Geflecht in das die Wissenschaft eingebunden ist.

    Die Wesentliche Eigenschaft eines Wissenschaftlers ist deshalb die Reflexion. Wird meine Deutung meinen Ansprüchen und den Ansprüchen meiner Wissenschaft gerecht?
    Was bemesse ich? Gibt es möglicherweise entscheidende nicht messbare Größen die ich in meiner Messung nicht erfassen kann?

    Derjenige der bemisst, macht sich immer einer Auslassung schuldig. Kein Wissenschaftler ist in der Lage alle Größen zu bemessen. Jede Wissenschaft bemisst immer nur die Größen die ihren Deutungen genügen. Wissenschaft ist also immer Deutung, niemals „Wahrheit“.

    In „Wahrheit“ könnte es so sein, dass die Arbeiterin in Bangladesch aus einer Dorfgemeinschaft gerissen wurde, in der die Bewohner weder Hunger noch Not kannten und die seit Jahrhunderten bestand. Möglicherweise hat das in Bangladesch grassierende Landgrabbing das Mädchen in der Fabrik aus ihrer Heimat vertrieben und sie entwurzelt. Möglicherweise (und für viele ist dies der Fall) wurde sie in diese Firma verkauft, oder verschleppt und arbeitet dort als Sklavin seit ihrer Kindheit.

    Die Menschen in der Dorfgemeinschaft hatten keine Einkommen und trugen nicht zur „Wirtschaft“ bei. Waren sie deshalb arm weil volkswirtschaftliche Größen ihren Reichtum nicht bemessen haben?

    Die Auslassung in der Bemessung und die Wahl des Deutungssystems kann schon Ideologie sein. Nur das ständige Hinterfragen der eigenen Wissenschaft, die Reflexion, kann man sich davor bewahren ein Werkzeug derer zu sein, die ein Interesse an einer Verzerrung der Wahrheit, an einer ihnen genehmen Deutung, an einer Manipulation der öffentlichen Meinung haben.

  6. „The scientist has a lot of experience with ignorance and doubt and uncertainty, and this experience is of very great importance, I think. When a scientist doesn’t know the answer to a problem, he is ignorant. When he has a hunch as to what the result is, he is uncertain. And when he is pretty darn sure of what the result is going to be, he is still in some doubt. We have found it of paramount importance that in order to progress we must recognize our ignorance and leave room for doubt. Scientific knowledge is a body of statement of varying degrees of certainty – some most unsure, some nearly sure, but none absolutely certain.“ (Richard Feynman)

  7. @AlienObserver
    Ich kann nicht widerstehen, auf Ihren letzten Kommentar doch noch zu antworten. Danach klemme ich die Kommentarüberwachung ab, sonst finden wir nie ein Ende 🙂

    Mit den Aussagen haben Sie völlig Recht, sowohl was die allgemeineren Aussagen zur Wissenschaft angehen als auch zum Interpretationsbedarf von Fakten und schliesslich sogar mit den diversen „könnte“ bzw. „möglicherweise“ Fällen. Soweit sind wir völlig einig.

    Aus meiner Sicht kommen Sie aber auch etwas ab von einer sauberen Argumentation z.B. durch Arbeitgeber, die aus dieser Sicht zu Wohltätern würden (auch wenn das sicherlich ironisch gemeint ist) und durch eingenähten angeblichen Hilferufen. Das erste ist m.E. eine recht krude Logik und das zweite nach meinem Kenntnisstand als Fake entlarft.

    Schließlich störe ich mich durchaus – was an meiner naturwissenschaftlichen Prägung liegen mag, ich bin nun mal ein Fan von einfachen, klaren, geradlinigen Argumentationen gestützt durch Zahlen, Daten und Fakten – wenn Sie in dem Moment, in dem ein in Frage stehender Punkt (die Entwicklung materieller Bedingungen der Armen) mit Daten belegt wird, welche Sie ausweislich Ihrer Aussage auch akzeptieren, dass Sie unverzüglich ins Könnte und Würde und Möglicherweise mit fantasievollen Fallbeispielen flüchten und obendrein das Diskussionsfeld auf weitere Gesichtspunkte auszuweiten suchen.

    Es könnte und würde allesmöglich auf der Welt und vielleicht gilt auch möglicherweise eventuell in manchen Fällen ganz etwas anderes. Nur fehlen dafür die Zahlen Daten Fakten, welche zeigen, dass diese Varianten die Masse betreffen. Wie Sie selbst zustimmen ist der gestiegene materielle Wohlstand belegt, sowohl der existentiell Armen in den Entwicklungsländern als auch der relativ Armen der westlichen Industriestaten. Nicht mehr und nicht weniger.

    Mit freundlichen Grüßen

    Uwe

  8. @ AlienObserver

    Wie kann man Sätze wie “Philosophie nach 1900 ist – mit ganz wenigen Ausnahmen – eigentlich immer trivial bis peinlich.” ernsthaft in einer Diskussion behandeln?

    Das kann man, wenn man die Philosophie des 18., 19. und 20. Jahrhunderts gut kennt. Das einzige Nichttriviale, was die (Universitäts-)Philosophie nach 1900 hervorgebracht hat, ist ihre verschwurbelte Sprache. Sonst ist nichts Bemerkenswertes dabei. Der argumentative Abstand zur Naturwissenschaft ist riesengroß, und er wird mit jedem Jahr größer.

    Philosophie ist heute eigentlich nur dann erwähnenswert, wenn sie nicht von Philosophen kommt. Der interessanteste philosophische Beitrag der letzten – sagen wir mal – 50 Jahre ist aus meiner Sicht Douglas Hofstadters Theorie des Bewußtseins. Hofstadter ist Physiker und eine Art Informatiker.

    Was Han da zum Besten gegeben hat, ist ganz typische Feuilletonphilosophie.

  9. @ AlienObserver

    Ah, daher weht der Wind – Chomsky 🙂

    Was Chomsky „neoliberalism“ nennt, würden wir Neoliberalen eher „crony capitalism“ nennen – die Einspannung des Staates für die Interessen einiger weniger Reicher und Konzerne. Das ist in der Tat verwerflich. Chomsky und andere haben aus „neoliberal“ einen Kampfbegriff gemacht, der gern von Linken für alles Böse in der Welt verwendet wird. Neoliberale lesen den Begriff eher im Sinne der sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhards.

    Leider hat neoliberales Denken heute praktisch nirgendwo Einfluß.

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