Wirtschaftswurm-Blog

Nullzinsen sind auch in der aktuellen Phase nicht alternativlos

EZB-Neubau bei Nacht

Die Leser des Blogs „Herdentrieb“ der „Zeit“ haben in der letzten Woche von Dieter Wermuth gehört, dass Niedrigzinsen gefährlich sind. Das wird sie etwas verwirrt haben, denn wer regelmäßig den „Herdentrieb“ liest, muss eigentlich zu der Ansicht gekommen sein, dass Nullzinsen bei hoher Inflation das Paradies auf Erden bringen. Gut, dass Dieter Wermuth nun die Sache mal richtig stellt. Doch fälschlicherweise bezeichnet er Nullzinsen in der aktuellen Phase trotzdem als alternativlos.

Machen wir uns die Problemlage bewusst.

Seit 2010 liegen die Notenbankzinsen der EZB unter der Inflationsrate und seit November beträgt der Leitzins 0,25%. Zudem hat Mario Draghi im letzten Sommer angekündigt, dass die Zinsen für einen „ausgedehnten Zeitraum“ niedrig bleiben werden. Die Konjunktur in der Eurozone könnte dabei durchaus höhere Zinsen vertragen. Immerhin wird für 2014 ein Wirtschaftswachstum von 1,1% erwartet.

Das Problem und der Grund für die lockere Geldpolitik sind die Banken. Dieter Wermuth stellt fest, dass die Schuldenquote in der Eurozone immer noch auf demselben hohen Niveau ist wie zu Beginn der Finanzkrise. Schuldenquote meint hier das Verhältnis aller Verbindlichkeiten von Staaten, Unternehmen und Haushalten zusammen zum BIP. Und hier im Blog habe ich gestern noch darauf hingewiesen, dass das Volumen an faulen Kredite in Südeuropa nach wie vor wächst.

Klarer als Wermuth kann ich vor diesem Hintergrund den Zweck der niedrigen Zinsen auch nicht formulieren, ich kann höchstens noch das wichtigste Wort fett formatieren:

„Bei den Banken tragen niedrige Leitzinsen nicht unbedingt zur Expansion der Kreditvergabe bei, aber immerhin zu einer positiven Marge zwischen Soll- und Habenzinsen und damit zu Gewinnen …“

Es geht also um Bankgewinne, mit denen die Banken Kreditausfälle kompensieren können.

Aber nun zu den Punkten, warum die Nullzinsen gefährlich sind. Von den fünf Nebeneffekten, die Dieter Wermuth aufzählt, halte ich vor allem zwei für gar nicht so nebensächlich:

  1. Auf der Suche nach akzeptablen Zinsen landen viele Anleger bei riskanten Investments. Es entstehen Blasen, die, wenn sie platzen, eine neue Finanzkrise auslösen.
  2. Die Banken neigen dazu, lieber alte faule Kredite umzuschulden anstatt Kredite für neue Projekte zu vergeben. So wird man allerdings die faulen Kredite nicht los. Das Beispiel Japan zeigt, dass, will man die Folgen einer Finanzkrise mit Nullzinsen bewältigen, dies zehn Jahre oder länger dauern kann.

Dazu das Hauptproblem, das auch Wermuth erkannt hat: Dadurch, dass die EZB die niedrigen Zinsen langfristig garantiert, manipuliert sie die Zinsstrukturkurve. (Auch bei Anleihekäufen der Notenbank gibt es eine solche Manipulation.) Die Folge: Langfristige Anlagen bringen kaum höhere Zinsen als kurzfristige. Es lohnt sich kaum, sein Geld langfristig anzulegen.

Damit wird es aber auch für die Banken riskant, langfristige Kredite zu vergeben. Teilweise fahren sie die darum zurück. Wo nicht, müssen sie eine stärkere Fristentransformation betreiben. Fristentransformation heißt, dass die Banken einen langfristigen Kredit durch eine Kette immer wieder kurzfristig erhaltener Mittel finanzieren.

Fristentransformation kann schnell in die Hose gehen, wenn die Zinsen wieder steigen. Dann steigen nämlich die Kosten für die kurzfristige Mittelbeschaffung, während der Zins, den die Bank selbst erhält, erst einmal fix ist. Über so etwas ist z.B. die Hypo Real Estate pleitegegangenen.

Billiges Geld wirkt wie eine Droge und macht Banken süchtig. Am Ende einer langen Niedrigzinsphase verbleibt nur noch die Wahl zwischen Inflation (wenn man die Niedrigzinsen belässt) oder Rezession (wenn man die Zinsen erhöht).

„Nullzinsen sind aber kurzfristig ohne Alternative.“

Das behauptet Dieter Wermuth. Es ist aber falsch. Denn die Alternative ist die zügige Abwicklung von Problembanken. Ob es die bessere Alternative ist, darüber kann man streiten. Auch das Alternativkonzept ist nicht risikolos. Aber dann sollten wir doch bitte anfangen darüber zu streiten.

Bild: EZB-Neubau bei Nacht (von Blueduck4711)

5 Kommentare

  1. Das Modell der Monetaristen ist schon lange tot. Noch immer will nicht verstanden werden, das die Geldmenge keinen Einfluß auf die Inflation hat und haben wird.

    Jeder Versuch einer Beweisführung, das die Geldmenge Einfluß auf die Inflation hat, führt unweigerlich zur Widerlegung des monetaristischen Modells.

  2. Pingback: Kleine Presseschau vom 26. März 2014 | Die Börsenblogger

  3. Moxy sagt

    „Problembanken“ abwickeln, um die Zinsen erhöhen zu können? Mal langsam der Reihe nach: Fristentransformation ist – wie das Zinsänderungsrisiko – Hauptaufgabe von Kreditinstituten, die sollen ja nicht gänzlich abgeschafft werden, ist aber allein eine Frage der Finanzlage , Unterpunkt Liquiditätsmanagement
    Kurzfristiger Verbindlichkeiten bedienen zu müssen, als Assests liquidieren zu können, ebenso. Und gerade das ist mit der Geldbasisausweitung ja auch vom Tisch.
    Bislang also kein Thema der Ertrags- oder Vermögenslage.
    Dass Geldbasisausweitung und Zinsniveau sich nicht gegenseitig bedingen, zeigen die vergangenen Jahre (Stichwort: Liquiditätsfalle).
    Dafür sehen wir seit Jahren Binnenkonsum und Investitionen auf desaströsem Level, sowohl absolut als auch die Veränderungsraten.
    Das dies nicht so bleiben soll, da sind wir uns – denke ich – einig. Ich persönlich präferiere hierfür die Robin-Hood-Methode ;-))

  4. @Moxy, „Bislang also kein Thema der Ertrags- oder Vermögenslage.“ Meinst du die Lage der Banken? Natürlich ist deren Ertrags- und Vermögenslage von den Zinsen abhängig, die sie zahlen müssen.

  5. Moxy sagt

    Um genau zu sein: ich meine deinen Beitrag. Wenn ich das richtig sehe, hast du zwar „Problembanken“ vor Augen, benutzt aber keine Argumente, die ausserhalb der Finanzierung durch die Zentralbanken liegen und dadurch als behoben angesehen werden können.
    Was die Ertrags- und Vermögenslage angeht, habe ich nichts gelesen, dabei ist – wie du jetzt erwähnst – das der Knackpunkt, denn hier hapert es mit der „geldpolitischen Transmission“: Obwohl die Refinanzierungskosten, also der Zentralbankzins, so niederig ist, bekommen Kreditnachfrager aus der Realwirtschaft dies nicht zu spüren – dies steigende Zinsdifferenz führt rechnerisch erstmal zu Mehrertrag auf seiten der KI, das geringere (bzw. abnehmende oder unterproportional entwickelnde) Volumen führt jedoch nicht zu höheren Ergebnissen, insbesondere wenn man die Ausfälle und Risikovorsorge mit betrachtet.
    Deshalb halte ich folgende Ansätze für notwendig (ohne Prioritäten festzulegen):
    – Bereinigung der nicht nachhaltigen Kreditvergabe (Umschuldung und „Insolvenzabwendungsfinanzierung“ zu subventionierten Konditionen von überlasteten Unternehmern und Verbrauchern)
    – Strikte Eigenkapitalvorgaben bei Kreditvergabe, sowohl für Kreditnehmer als auch für die Bank (höhere Sicherheiten, insbesondere bei 100%-Finanzierungen und ab 80% vom Haushaltseinkommen bzw. Umsatzerlöse)
    – Kaufkraftstärkende Massnahmen
    – Abschöpfung nicht produktiv zu investierender Mittel
    Dazu halte ich weitere Masnahmen für sinnvoll.
    Nach einer solchen Bereinigungsphase, die mind. 2-3 oder 5 Jahre dauern dürfte, könnte man aufsichtsrechtlich Spreu vom Weizen trennen, die TBTFs abwickeln (oder anderweitig absichern) und eine langfristig orientierte Wirtschaftsentwicklung vorantreiben.

    PS: Jetzt auch punktuell Deflation in Spanien – hatten wir ja neulich – es fühlt sich so an, als kämen die Einschläge immer näher… 😉

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