Wirtschaftswurm-Blog

Sarrazin, Steinbrück und der Euro zu Gast bei Jauch

Peer Steinbrück gegen Thilo Sarrazin über den Euro. So wurde es bereits vor einer Woche von Günther Jauch angekündigt. Da bekam ich schon Mitleid mit Peer Steinbrück.

Buchcover von Thilo Sarrazins "Europa braucht den Euro nicht"

Thilo Sarrazin, Europa braucht den Euro nicht, Partnerlink

Sarrazin, davon war auszugehen, hat sich für sein Buch „Europa braucht den Euro nicht“ über ein Jahr mit Währungspolitik beschäftigt, hat Quellen studiert, Statistiken gelesen. Steinbrück muss als Spitzenpolitiker dagegen zu sehr Generalist sein, um im Detail mithalten zu können. Darüber hinaus trägt er noch die Last, die inkonsistente SPD-Parteiposition vertreten zu müssen. Die besteht ja bekanntlich darin, Merkel zu kritisieren, um dann alles genau gleich machen zu wollen.

Als SPD-Spitzenpolitiker ging Peer Steinbrück also mit einem schweren Handicap ins Duell.

Konsequenterweise versuchte Steinbrück den Augenmerk von den wirtschaftlichen Fragen abzulenken. Sein Konter auf Sarrazins These, es gebe „keine messbaren Vorteile“ der Gemeinschaftswährung, bestand im Verweis auf „genügend Studien“ mit gegenteiliger Aussage. Näheres zu diesen Studien erfuhr man nicht aus seinem Munde.

Tatsächlich hat Sarrazin nämlich recht, hier im Blog habe ich schon mehrfach ähnlich wie er argumentiert. Für sein Argument, dass die Nicht-Euro-Länder Schweden, Schweiz und England ein höheres Wachstum aufwiesen als Deutschland, hätte er sogar den Wirtschaftswurm als Quelle angeben können.

Peinlich übrigens der Einspieler über die Firma Nordzucker. Sie produziere dank des Euros nun nicht nur in Deutschland, sondern „an 18 Standorten in sieben EU-Ländern“. Von den sieben gezeigten EU-Ländern sind allerdings vier (Dänemark, Schweden, Polen, Litauen) nicht in der Eurozone.

Steinbrück nun ritt ganz auf der Merkelschen Welle à la „Scheitert der Euro, scheitert Europa“. „Destabilisierung“ und „Erschütterungsdynamik“ waren seine Vokabeln. Die „staatliche und gesellschaftliche Ordnung“ könne in Frage gestellt werden. „Not frisst Demokratie“.

Ich mag das nicht. Ich mag das nicht, wenn mit Angst Politik gemacht wird. Denn Angst frisst Hirn. Angst verhindert eine saubere Analyse. Insbesondere verhindert Angst eine Analyse, welchen Interessen eigentlich die Pro-Euro-Politiker folgen. Denn dem Gemeinwohl dient ihre Politik ja nicht, wie bereits festgestellt. Aufklärung tut Not. Und Wissen schützt vor irrationalen Ängsten.

Steinbrück ließ im Übrigen an einer Stelle parteipolitische Interessen in der Eurofrage durchscheinen. Eine Auflösung des Euro fände statt „unter Begleitung von teilweise sehr dumpfbackigen, sehr nationalistischen Tönen, für die es in einigen europäischen Ländern auch schon Parteien gibt.“ – Mal abgesehen davon, dass es ja nicht so kommen müsste, wenn sich die SPD an die Spitze einer euroskeptischen Bewegung stellte, mit dem Argument hätte man auch nie Deutschland wiedervereinigen dürfen.

Bemerkenswert war dann noch Steinbrücks Eingeständnis, dass es 2010 wahrscheinlich besser gewesen wäre, Griechenland pleitegehen zu lassen. Das ist das Eingeständnis, dass die SPD damals mit ihrer Zustimmung zum Griechenland-Hilfspaket einen Fehler gemacht hat.

Schließlich bemerkenswert, dass „Bösewicht“ Sarrazin gar nicht die Auflösung des Euros will. Er will lediglich die vollständige Einhaltung der europäischen Verträge. Das heißt, kein Beistand, wenn sich ein Staat überschuldet hat, sowie eine Geldpolitik, die sich einzig um das Ziel kümmert, Preisniveaustabilität zu gewährleisten. Da ist er dann gar nicht so weit von Bundesbankchef Jens Weidmann entfernt. Unter diesen Bedingungen werden dann allerdings einige Länder in der Eurozone nicht mehr mithalten können und ausscheiden müssen.

Insgesamt, eine zivile, sachliche Debatte bei Jauch. Sarrazin geht für mich als Sieger hervor, Steinbrück hat sich trotz seines Handicaps wacker geschlagen.

9 Kommentare

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  2. Das Häschen sagt

    Günther Jauch, von der Millionenshow zur Billionenshow:) Der Herr Sarrazin, ganz schlau werde ich aus ihm nicht, vermutlich sieht er die Lage realistisch. Aber der arme Herr Sarrazin muss immer ein Buch schreiben, wenn ein Thema auf den Tisch soll, insbesondere ein kontroverses.

    Brauchen, lieber Herr Wurm, tut man viel nicht und auch nicht viel braucht man. Treffend bemerkt im vorletzten Absatz, wo der Zug hinfährt wird langsam präsentiert. Meine Vermutung ist eine andere, der erste der bei den Talk Shows thematisiert ist der beispielsweise Hans Olaf Henkel, dann dauert es ein Weilchen und nachher kommt Schritt für Schritt die immer wahrscheinlicher werdende Alternative aufs Tablett, bis sie letztendlich serviert wird.

    In unserem guten Eurosystem gibt es einfach Zielkonflikte auf der globalen und innereuropäischen Ebene. (Wollte nicht sagen, da wäre der Wurm drinnen und sie fälschlicherweise mitverantwortlich machen). Bevor wir die Zielkonflikte nicht alle gemeinsam auflösen, Toleranz üben und mehr Verständnis aufbringen sehe ich wenig Hoffnung, losgelöst von der Finanzierungsfrage, das Geld hat immer allein jemand anderer. Zusammenhalt kann man sich nicht kaufen und nicht erpressen.

    Es kann aber im Gegenzug keiner erwarten, dass ein System auf den Weg gebracht wird, bei dem die ’starken Schultern‘, das Maultier, über 2 Länderausgleiche (innerdeutsch und innereuropäisch) zur Schlachtbank geführt werden und die nächste Runde Salami aufs Tablett kommt.

  3. Steinbrück, ein Irrer sagt

    Steinbrück hat so getan, als ob vor dem Euro Mittelalter herrschte und erst der Euro Demokratie brachte. Dann machte er mit Untergangszenarien Angst. Sarrazin begegnete er mit primitiver Rhetorik „Bullshit“, „der da“; und immer ein diabolisches Grinsen oder falsche Betroffenheit in seinem Gesicht.
    Steinbrück ist ein Irrer, der nicht Kanzler werden sollte.

  4. Hinter der Fassade bleibt für Steinbrück wenig. Was uns aber übel auffiel, waren die Claqueure unter den Zuschauern, die zu jeder dummen Bemerkung von Steinbrück klatschten. Sarrazin haben die wohl überhaupt nicht verstanden. Interessant wäre zu wissen, wie die an Eintrittskarten kommen.
    Der Umgang mit Sarrazin, wobei selbst vor seiner schweren Krankheit keine Rücksicht genommen wird, ist abstoßend.
    http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/05/21/die-emporung-guter-menschen/

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  6. Ganz ehrlich: Europa braucht den Sarrazin nicht. Wer schreibt über diese eine These jetzt ein ganzes Buch ? Aber dafür ist er zu unwichtig.

  7. ein herlicher typ, auch wenn ich nicht alles unterstreichen würde was er sagt, gefällt mir trotzdem, das er themen anspricht, die ein tabutheme sind in deutschland. weiter so tilo – verückter typ – 🙂

  8. Was vor allem während der Sendung auffiel: Steinbrück hatte richtig Panik. Und zwar Panik vor einer “Renationalisierung” der Währungen. Das würde nämlich diejenigen Parteien in ganz Europa fördern, die den sich ausbreitenden Sozialisten mit ihrem Märchen von der “euroäischen Integration” Paroli bieten. Es wird klar, dass der Euro das Vehikel ist, mit dem die Sozialisten alles Konservative in Europa zerstören wollen, um Europa vollständig mit ihrer sozialistischen Umverteilungs-Ideologie zu okkupieren.

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