Wirtschaftswurm-Blog

Was dürfen wir von einer neuen Ökonomik erwarten?

Eine Wende in der Volkswirtschaftslehre ist überfällig. Neue Betrachtungsweisen werden aber wahrscheinlich weder zu einer fundamental neuen Wirtschaftspolitik noch zu fundamental besseren Wirtschaftsprognosen führen.

Kritik am Zustand der Volkswirtschaftslehre ist populär. Man findet sie heute aller Orten. Beispielhaft sei hier ein Artikel von Thomas Trares beim Spiegelfechter genannt. Das „mechanisch-deterministische Weltbild“ der Volkswirte, so der Tenor des Artikels, verhindere das Erkennen von Fehlentwicklungen. Der Glaube der Ökonomen an den Markt habe religiöse Züge angenommen.

Tatsächlich, das Weltbild der Ökonomen mag grotesk sein. Der kalkulierende Nutzenmaximierer der neoklassischen ökonomischen Modelle ist eine bloße Karikatur des Menschen, wie er wirklich ist und handelt. Die Ökonomen brauchen einen Kopernikus, der ein neues Bild entwirft, der zeigt, dass die Erde sich bewegt.

Nikolaus Kopernikus

Vorbild für Ökonomen: Nikolaus Kopernikus (1473-1543)

Was würde allerdings eine Kopernikanische Wende bewirken? Klar, der Astronom Kopernikus (gestorben 1543) hat unser Denken verändert. Das kopernikanische Denken hat dann die Gesellschaft verändert, indem es die Autorität der Kirche untergrub. Kopernikus Wirkung war riesig. Aber sie war außerhalb der Wissenschaften lange Zeit nur indirekt.

Die eigentliche Frage, ob die Erde sich bewegt oder nicht, spielte für die Menschen in ihrem praktischen Alltag lange Zeit keine Rolle. Vermutlich ist erst die Raumfahrt 400 Jahre nach Kopernikus die erste technische Anwendung, die zwingend Kopernikus Denken voraussetzt.

Kopernikus selbst und seine Nachfolger konnten zunächst noch nicht einmal die Himmelsbeobachtungen besser erklären als die Anhänger des alten ptolomäischen Weltbildes. Wir erinnern uns: Bereits 585 v. C. sagte Thales von Milet in Kleinasien sehr präzise Sonnenfinsternisse vorher – trotz seines fundamentalen Irrtums, die Sonne drehe sich um die Erde.

Falls jetzt der Einwand kommt, die Ökonomen seien schlechter als die antiken Astronomen, denn sie können noch weniger vorhersagen und ein Kopernikus der Ökonomik könnte daher mehr bewirken: dieser Einwand sticht nicht. Dass Wirtschaftsprognosen so schwierig sind, liegt in der Ökonomie selbst begründet, in ihrer unglaublichen Komplexität. Und wenn man genügend komplexe astronomische Systeme betrachtet, versagen selbst die heutigen nach-kopernikanischen Astronomen. Keiner von ihnen, kann die genaue Verteilung der Sterne in einer unbekannten Galaxie vorhersagen.

Sollte also ein Kopernikus der Volkswirtschaftslehre kommen, dürfen wir zwar fundamental neue Erkenntnisse von ihm erwarten, aber der praktische Nutzen wird erst einmal gering sein. Weder wird es in den nächsten Jahrzehnten fundamental bessere oder andere Politikempfehlungen geben noch fundamental bessere oder andere Prognosen. Die Kritiker der heutigen Ökonomik sollten das im Hinterkopf behalten.

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