Zwischenruf

Ist die Volkswirtschaft eine „menschenfeindliche Wissenschaft“?

Hörsaal_am_RheinMoselCampus

Rund um die Tagung des Vereins für Socialpolitik gab es eine Debatte darum, ob die Volkswirtschaftslehre mehr Pluralismus braucht. Die pointierteste Kritik an den VWLern kommt dabei von Norbert Häring. Der Wirtschaftsjournalist des Handelsblatts spricht von einer „menschenfeindlichen Wissenschaft“. So ist die aktuelle Debatte polemischer als frühere um dasselbe Thema, aber ansonsten weder neu, noch bringt sie etwas Neues.

Hier im Blog habe ich mich ja bereits mehrfach mit der Kritik an der Mainstream-Ökonomik beschäftigt. Auch aktuell ist wieder einmal der homo oeconomicus, der die VWL-Modelle bevölkert, der Stein des Anstoßes. Norbert Häring nennt ihn eine „hässlichen Kreatur“.

Nun, ein Sympathieträger ist der homo oeconomicus tatsächlich nicht. Eiskalt kalkulierend, nur auf seinen Vorteil bedacht und dazu noch jedem normalen Menschen an Wissen und Intellekt überlegen. Kein Wunder, dass man lieber auf Distanz geht.

Dass der völlig unsentimentale homo oeconomicus immer wieder heftige emotionale Abwehrreaktionen auslöst, scheint mir allerdings auch ein Indiz dafür zu sein, dass am homo oeconomicus mehr dran ist, als wir wahr haben wollen. Er ist vielleicht die ungeliebte und gerne verheimlichte Seite von uns selbst.

Vor allem, wenn wirtschaftspolitische Empfehlungen gemacht werden sollen, erscheint es mir fahrlässig, von einem optimistischeren Menschenbild auszugehen. Gesetze und Institutionen allgemein sollten robust gestaltet sein. Sie sollten also nicht anfällig für Missbrauch und Ausnutzung sein. Denn das bestätigt auch die Verhaltensökonomik, also der neuere und alternative Ansatz zum homo oeconomicus: Wenn viele Leute eine Regelung umgehen oder missbrauchen, dann fühlt sich der noch Gutwillige und Einsichtige wie ein ausgebeuteter Trottel. Er wird darum sein Verhalten überdenken und nun ebenfalls nach Möglichkeiten suchen, die Regelung zu umgehen oder zu missbrauchen.

Ansonsten schließe ich mich Christian Schubert in „Wirtschaftliche Freiheit“ an. Die Mainstream-Kritiker sollten meiner Meinung nach tatsächlich weniger lamentieren, sondern stattdessen ihre alternativen Ansätze weiter vorantreiben und sich mehr in aktuelle Diskussionen einmischen. Wo war denn diesen Sommer der alternative Ansatz in der Griechenland-Debatte? Die ja durchaus kontroverse Diskussion um Griechenland wurde ausschließlich zwischen Ordnungstheoretikern, Angebotstheoretikern und Keynesianern geführt. Das ist nicht alles Mainstream, aber zumindest alteingesessen.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Foto: Hochschule Koblenz, Hörsaal am Rhein-Mosel-Campus

38 Kommentare

  1. Mir scheint hier eine falsche Dichothomy zu entstehen: nur weil jemand den homo oeconomicus als Leitbild ablehnt muss er nicht gleich naiv gegenüber Missbrauch und Ähnlichem tatsächlich sehr menschlichem Verhalten sein. Er kann es nur auf andere Kräfte zurückführen als die Idee, dass die Menschen eine (dominante?) kalt und rational kalkulierende Seite hätten, was durch Psychologie und Verhaltenswissenschaft kaum gestützt wird und eher in den Teil der ideologischen Verseuchung der Wirtschaftswissenschaften gehört.

  2. @Stefan Sasse, der homo oeconomicus ist kein Leitbild, sondern eine Abstraktion. Vielleicht ist das das große Missverständnis? Jetzt interessiert mich aber mal, welche anderen Kräfte du meinst.

  3. rote_pille sagt

    Dieser Wirtschaftsjournalist kann Wissenschaft offensichtlich nicht einmal definieren. Wissenschaft ist wertneutral und kann deshalb per Definition nicht menschenfeindlich sein. So viel zur Qualität des Personals bei der Lügenpresse.

  4. Pierre sagt

    Die vwl ist nicht das Problem….nur das sturre festhalten an menschenverachtenden Wirtschaftssystemen (Neoliberalismus, Fiatmoneystem….) statt Forschung und Entwicklung neuer Systeme die vielen nützen und nicht wenigen ist das Problem. Zuwenig Querdenker und zuviele „alte“ systemtrottel, welche den Studierenden nur Flausen in die Köpfe setzen. Wehrt euch gegen die systemidioten. Gegen den Strom zu schwimmen ist schwieriger aber es führt zur Quelle…und nur tote Fische schwi flussabwärts. Allein das Hinterfragen der Dtz. Geldschöpfung ist gedankenerweiternd….siehe Prof. Franz hörmann (zB youtube) oder Bernd Senf…2 geniale Menschen

  5. Der homo oeconomicus ist lediglich eine Erfindung um wirtschaftswissenschftliche Theorien zu entwickeln, ähnlich der ceteris paribus Klausel. Niemand geht davon aus, das sich jemand 100%ig rational ohne jede Gefüfsregung verhält. Es ist aber schlichtweg unmöglich ale menschlichen Aspekte angemessen zu berücksichtigen. Es werden auch andere Aspekte nicht berücksichtigt, z.B. das sich sonst nichts die Theorie betreffend ändert. Man kann dann einige Variable ändern und rechnet aus, was wahrscheinlich passiert. Die Theorien stimmen auf jeden Fall, es ist nur nicht klar wie gut sie die Realität abbilden. Trotzdem kommt man durchaus zu brauchbaren Ergebnisen. Z.B. kann man mit Hilfe ökonomischer Theorien gut beweisen, das die Grichenlandrettung nicht funktionieren kann Das so oft falsche Entscheidungen getroffen werden liegt an politischen Vorgaben. Hinterher werden dann die Wirtschaftswissenschaften kritisiert, obwohl man nur auf die Ökonomen hörte, die von der Politik bezahlt werden und denen klar gemacht wurde, zu welchen Ergebnissen sie zu kommen haben ohne ihre Karriere zu gefährden.
    Die Versuche den homo oeconomicus menschlich zu machen erinnern an den Gender-Wahn, wo mit den skurilsten Begründungen Wissenschaft unmöglich gemacht wird.

  6. Häschen sagt

    Ökonomische Diskussionen in Deutschland sind politische Diskussionen und vermutlich auf der Markoebene nicht weniger politisch. Politik mit ökonom. Argumenten.

    Die ökonomische Sicht auf die Welt ist eine andere. Simples Beispiel (ohne bezugnahme auf den Homo Oeconomicus): Meine Eltern fahren auf Urlaub – Wanderurlaub und saßen mit der Wirtin der Pension zusammen und diese berichtete von ihrem Sohn als er ganz jung war. Dieser setzte sich wenn die Gäste wegfuhren auf die Stiege vor dem Eingang und erhielt immer ein wenig ein Taschengeld. Das waren zumeist so 10 Schillinge oder seinen es 5 (50 Cent oder 1 EUR wäre heute der Vergleich). Eines Tages stürmte er ganz aufgelöst in die Küche und sagte enttäuscht, ‚Schau was mir die Leute gegeben haben – einen Zettel‘. Dann hat ihm die Mutter erklärt, dass er für den Zettel mehr Zuckerl bekommt und ab dann ist er vor der Stiege gesessen und sagte wenn die Gäste die Pension verließen, ‚Zettel, bitte Zettel‘.

    Meine Mutter dachte sich, ‚Mei liab‘. Möchte nicht wissen wie Ökonomen drüber denken. Ein bekannter Österreicher beim ersten Teil als der Knabe in die Küche kam vermutlich, ‚Touchdown‘. Stellt sich die Frage nachdem der Junge, knüpft man an die Geschichte an, sollte er viele viele Zettel bekommen sich Zuckerl kaufen und mit Bauchweh im Bett liegen

    a) sich die Zettel beiseite legt
    b) die Zuckerl kauft und diese im Nachtkasterl lagert oder
    c) seine Präferenz auf Münzen zurückfällt und sagt er, ‚Keine Zettel, bitte keine Zettel‘ oder sagt er einfach nichts mehr.

    Was passier wenn die besorgten Eltern sagen, ‚Kauf dir nicht soviele Zuckerl‘.

    Kommt uns das bekannt vor?

    Ich stelle mir die Frage ob außerhalb der brennenden akuten Themen eine Diskussion sinnstiftend ist. Wie kann man ein Ergebnis kommunizieren und wem? Ich halte das Angebot Material bereitzustellen wie es die Österreicher tun für ganz gut.

    Ein fruchtbringende Diskussion unter Ökonom bedürfte einer anderen Umgebung. Das Spannende an einer Diskussion unter Fachleuten ist ob ein Aspekt zum Vorschein kommt der noch nicht Berücksichtigung fand oder neu ist. Dieser ist vermutlich der spannende oder das fehlende Bindeglied. Alle schauen in der Regel auf einen Sachverhalt aus verschiedenen Perspektiven.

  7. VWL-Modelle beruhen auf vollkommenem Markt. Vollkommenen Markt gibt es nicht. Modelle für Realität unbrauchbar.

    q.e.d.

  8. Jürgen sagt

    So manches in der VWL hat m.E. so viel mit Wissenschaft zu tun, wie die Vier-Elemente-Lehre mit moderner Chemie.

  9. hubi stendahl sagt

    Ich bin VWLer älteren Semesters. Ich gebe offen., frei, im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, ehrlich und unabhängig zu, dass ich 20 Jahre brauchte um mir einzugestehen, dass die VWL mit Wissenschaft nichts zu tun hat.

    Je nach Sichtweise wird der eine zum politischen Oekonomen, der andere zum systemkritischen Wirtschaftler und wieder ein anderer zum Wirtschaftsinterssierten mit theosophischen Ansätzen.

    Der Homo Oeconomicus ist eine Kunstfigur die zu Zeiten der Nash´en Spieletheorie Einzug hielt. Nichts als Vernebelung, um die Menschen an der Nase herumzuführen.

    Dabei ist das Problem in der Makrooekonomie so einfach, dass Heerscharen von Ausbeutern und Analysten, von Gurus wie Krugman oder Stieglitz auf der Stelle arbeitslos wären, würden die Menschen erkennen, dass das Zinseszins-System, dass mit der notwendigen Liquditätsprämie begründet wird, für alle Verwerfungen der letzten 3000 Jahre verantwortlich ist.

    Wer sich der soziologischen Volkswirtschaft zuwendet wird diese Erkenntnis viel früher aufnehmen und braucht keine 20 Jahre nach Studienabschluss. Er wird erkennen, dass er einen Ersatz für das Zinseszins-System finden muss, damit das unsägliche unkontrollierte Waschstum ein Ende findet. Ab dem 3.Semester kann man mit Silvio Gesell anfangen, um seinen Horizont nicht mit Blödsinn zu vergiften. Vorher sollte man sich die Geschichte des Geldproblems einmal mit Prof.Dr. Gustav Ruhland näher bringen. Der konnte sein 3-bändiges Werk noch 1907 veröffentlichen, ohne dem Diktat des Kapitals zum Opfer zu fallen. Er verhungerte trotz der Wahrheit nicht.

  10. Häschen sagt

    @bobo Ich hoffe zumindest diese Ideen sind entstanden aus der Überlegungen bezüglich von Massen. In dem Umfeld ist doch erstaunlich wie sich Gegensätze aufheben bis eine bestimmte Verhaltensweise zutrage tritt oder deren mehrere. Ökonomie beschreibt einfach Massenphänome. Sobald aber eine pragmatische Beschreibung eines Ist-Zustandes oder Daumen mal Pi Schätzung das Licht der Öffentlichkeit erblickt, greift Politik ein und interpretiert die Zahlen wie es beliebt. Am Homo Oeconomicus ist etwas dran. Man kann zumindest einen finden. Wie weit dieses Ideal wiederverwendbar ist … das kann möglw. der Arne Kuster beurteilen.

    Die Buchführung ist ein Relikt aus der Zeit zu der ein Handswerksmeister den Umsatz in die Schenke trug und damit auf einmal eine Knappheit entstand, da er keine Materialen konnte einkaufen bspw… Daraufhin wurde eben festgelegt, dass der Geldzufluss dem Abfluss gegenüberzustellen sei. Das war noch sehr nützlich. Daraus entstanden Buchhaltung und ERP. Wie jetzt der Staat auf die Idee kommt die Sicht Buchhaltung auf ein Unternehmen zur Bemessung der Steuern heranzuziehen erschließt sich mit nicht – das mag historische Wurzeln haben. Der ERP ist die konsequente Fortsetzung des ursprünglich Gedankens, auch wenn die darin verwalteten Sichten auf den selben Belegen im Ursprung basieren. Es gibt zwar aus Sicht der Buchhaltung ergänzende Belege – die repräsentieren Zusatzinformation.

    Die Beobachtbarkeit und damit Erklärungsversuche bestreitet keiner. Ich hege aber starke Zweifel am Versuch solch ein System begreifen zu können und zu steuern. Das hat Konsequenzen. Politik verkauft dem Bürger Geld sei harmonisch eingewoben in den Lauf der Dinge … Wir wissen, dass vieles andere zutrifft, allein aber genau das nicht. Damit ist für mich fraglich, ob man Volkswirtschaft über Kennzahlen gewonnen aus ‚Geld‘ kann überhaupt sinnvoll beschreiben und will man das Ergebnis ehrlich kommunizieren.

    Sobald sie einen nicht zerlegten Teil der Wirtschaft betrachten bspw. eine Volkswirtschaft ohne Import und Export (im ersten Schritt) zu berücksichtigen wird Geld zu Information reduziert (Informationsträger ist es sowieso). Sie bilden aus Sicht der Volkswirtschaft bestenfalls den Zuruf ab –

    Eine Volkswirtschaft sei ein großer Selbstversorgerbauernhof zumindest im Kontext eines Währungsraums.

    Die Verwendung von *Geld* wäre meiner Interpretation nach der Zuruf – Bringe mir die 3 Bretter die am anderen Ende des Hofes liegen
    Die Verwendung von *Kredit* betreffen demzufolge die Bretter welche am Nachbargrundstück liegen.
    (Aus der Sicht des Selbstversorgerbauernhofs)

    Heute wird gewirtschaftet mit den Brettern die morgen aufs Nachbargrundstück gelegt werden. Ob Kredit kombiniert mit Zins diesen Zuruf kann beschreiben … oder ist erst das der Kredit. Wie verhält es sich mit dem Geisteszustand jenes der ruft, ‚Bring mir heute die Bretter welche ich morgen auf die andere Seite des Hofes hinlege‘.

    Jetzt stellt sich bspw. die Frage. Was passiert wenn es kein Nachbargrundstück mehr gibt – Wird dann Kredit schlagartig zu Geld?

  11. Stefan Rapp sagt

    Wenn die VWL als Wissenschaft mehr Anerkennung finden will, dann sollte sie nicht den Fehler machen und Glauben einen objektiven Standpunkt einnehmen zu können, sondern sie sollte die vermeintlich echten Wissenschaften, darin entlarven, das diese doch selber auch nicht objektiv sind. Der Mensch spiegelt sich letztendlich in allen seinen Werken wieder auch wenn das nicht immer gleich auf den ersten Blick für ihn selber erkennbar ist.

  12. Andreas sagt

    Hier muss ich dem Wirtschaftswurm mal ausnahmsweise recht geben. Mir geht die oberflächliche VWL-Kritik, die zumeist nicht gerade auf großem Hintergrundwissen beruht, auch auf den Keks. Ich musste mich beruflich zuletzt (leider) intensiv mit Degrowth/Postwachstum und den dort erdachten Hirngespinsten auseinandersetzen und es ist gruselig, was dort als Alternative zur althergebrachten VWL angeboten wird: Schlichte Ideologie nämlich.
    Das Problem sind nicht die Modellannahmen der VWL oder der hohe Grad an Abstraktion, der in makroökonomischen Modellen unausweichlich ist. Es gibt ganz andere Angriffspunkte, die man wählen sollte, wenn man VWL-Kritik üben will. Das Problem liegt zum einen bei einigen Wissenschaftlern, die vergessen, dass es sich um schlichte Modelle handelt und die von ökonomischen Gesetzmäßigkeiten reden als handele es sich um Naturgesetze. Leute wie Bernd Lucke zum Beispiel. Das andere Problem sind Wissenschaftler, die ihre Modelle zur Freude des Auftraggebers ihrer Studien fräsieren, um Ideologie pseude-wissenschaftlich zu ummänteln. Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ist in dieser Disziplin erste Klasse.

  13. @Andreas

    Das Problem sind nicht die Modellannahmen der VWL […]

    Oh doch. Die Theorie des Grenznutzens zur Modellierung der Nachfrage ist hanebüchener Unsinn.

    [..] oder der hohe Grad an Abstraktion, der in makroökonomischen Modellen unausweichlich ist.

    Nein, der hohe Grad der Abstraktion ist alles andere als unausweichlich. Die Meteorologie hat es auch geschafft, das komplexe Phänomen des Wetters mit modernen wissenschaftlichen Methoden hinreichend exakt zu bewältigen. Damit die VWL dies auch könnte, müsste sie vom hohen Ross der Abstraktion absteigen und sich in die Niederungen der Budgetstrukturen begeben. Dann reicht Excel nicht mehr aus, dann müsste man schon auf Computersimulationen zurückgreifen. Ohne die Aufgabe der Abstraktion wird die VWL eine unseriöse Veranstaltung bleiben.

  14. Andreas sagt

    Dein Vergleich mit der Meteorologie zeigt, wo dein Denkfehler liegt. Es ist im übrigen der gleiche Denkfehler, dem auch viele Ökonomen nur zu gern verfallen. Ökonomik ist keine Naturwissenschaft und wird es nie sein, es war stets ein großer Fehler, sie mit Physik oder ähnlichen Fachgebieten zu vergleichen. Ökonomische Modelle dienen einzig und allein der Untesrstützung und Klärung einer Argumentation. Wenn sie gut sind, können sie eine Argumentation transparenter machen und – was ihr größter Vorteil ist – explizit machen, unter welchem Set von Annahmen bestimmte Ergebnisse plausibel sind oder nicht. Aber niemals wird sie wie der Wettberbericht mehr oder weniger exakt bestimmen, was die Zukunft bringt, denn ihr Gegenstand sind Menschen, nicht Hochdruckgebiete. Wie schwer deren tatsächliches Handeln bestimmbar ist, zeigen die gerinigen Fortschritte, die bislang im Bereich künstlicher Intelligenz gemacht worden sind. Diese funktioniert gut, wenn sie in ein enges Korsett von Spielregeln gesteckt wird, wie beim Schach. Man könnte auch sagen: Künstliche Intelligenz funktioniert dann, wenn sie in ein Korsett hochabstrakter Regeln gedrückt wird. Wird das Ganze aber komplexer und offener, scheitert künstliche Intelligenz. Eine Computersimulation, wie Du vorschlägst, müsste aber menschliches Handeln exakt simulieren können, ich halte das für Science Fiction, nicht für Wissenschaft.

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  16. @Andreas

    Der Denkfehler ökonomischer Modelle, insbesondere der VWL, liegt darin Begründet, dass sie aufgrund des Grenznutzen-Modells eine Art physiologische Sättigung als theoretischen Mechanismus zur Begrenzung der Nachfrage ansieht. Der Bedarf ist allerdings grenzenlos, die Nachfragebeschränkung beruht nicht auf Sättigung, sondern wird im wesentlichen durch Budgetgrenzen bestimmt. Daher ist eine abstrahierte Sichtweise sinnfrei, da sie die wesentlichen Determinanten, die Budgetgrenzen, nicht berücksichtigt. Das führt zu der irrsinnigen Modellannahme, dass alle Akteure jederzeit einen vollständigen Zugriff auf die Gesamtgeldmenge haben. Nur wenn das der Fall wäre, ergäben die derzeitigen Modelle einen Sinn. Wir haben jedoch eine Privatwirtschaft und diese gewährt nur einen begrenzten Zugriff auf das Geld. Diese offensichtliche Tatsache muss sich in den ökonomischen Modellen widerspiegeln, was derzeit nicht der Fall ist. Solange keine Budgetstrukturen mit ihren Begrenzungen und Wechselwirkungen analysiert werden, wird die Ökonomie nur eine sinnfreie Zahlenspielerei für ein mit ökonomischen Floskeln angereichertes Horoskop sein.

  17. Andreas sagt

    Im einfachen Modell des Konsumentenverhaltens, auf das Du dich beziehst, werden selbstverständlich (neben der Hypothese des abnehmenden Grenznutzens) Budgetrestriktionen (Geld, Zeit) berücksichtigt. Es gibt zudem unzählige ökonomische Modelle, in denen das Budget, der Zugang zu Krediten oder ähnliches limitierende Faktoren sind. Die Hypothese eines abnehmenden Grenznutzens halte ich im übrigen bei einer Vielzahl von Gütern für absolut plausibel. Ausnahmen (z.B. Güter, deren Grenznutzen bei zunehmender Anwendungserfahrung des Konsumenten zunächst einmal zunimmt) bestätigen natürlich die Regel.

  18. „Wenn die Vertreter der Mainstream-Theorie die Probleme einer kapitalistischen Wirtschaft untersuchen wollen, müssen sie ihre bisherige Vorgehensweise, das Entwerfen idyllischer Ökonomien, aufgeben und beginnen, Ökonomien abzubilden, in denen eine Wall Street existiert.“
    (Hyman Minsky)

    In meinen Augen ist die moderne VWL ebenso eine Ideologie wie das Geld. Beide dienen ausschließlich dazu, das bestehende System zu erhalten. Daher wird auch die Politik „alternativlos“ und ist nicht in der Lage Probleme tatsächlich zu lösen. Wegen der Abhängigkeit vom Geldsystem werden diese nur in die Zukunft verschoben. Griechenland ist zur Zeit das beste Beispiel.

  19. @Andreas

    Welchen Einfluss haben Budgetrestriktionen auf die Inflation? Welche Rolle spielen Budgets bei der Preisbildung, welchen Einfluss haben sie auf das Marktgleichgewicht? Ich spreche von der zentralen Rolle der Budgetstrukturen, nicht von Spezialmodellen.

  20. Andreas sagt

    @ Marc
    Was genau meinst Du mit Budgetstrukturen? Soll damit angedeutet werden, es müsse ein Modell entworfen werden, in das die Budgetbeschränkungen, Budgetverwendungen, etc. der gesamten Bevölkerung, Unternehmen und Banken einfließen? Woher soll man diese Informationen bekommen? Und selbst wenn man so ein „Weltmodell“ hätte, müsste die Frage gestellt werden, ob der Aufwand lohnt. Würde damit irgendetwas besser erklärt werden, als mit viel simpleren, abstrakteren Modellen? Ich habe da meine Zweifel. Auch diese Informationen wären einen Schritt weiter in der Zukunft schon wieder obsolet. Aggregatgrößen verändern sich dagegen viel langsamer und ich würde immer ein Modell vorziehen, das halbwegs sichere Daten verwendet als eines, dass auf flüchtigen Mikrostrukturen aufbaut und auf diese Weise mit enormen Aufwand nur die nächsten 10 Minuten erklären kann, wenn überhaupt. Aber diese Überlegungen führen ohnehin nirgendwo hin, denn solche Weltmodelle sind nicht möglich. Es ist nicht der Anspruch der Ökonomik, exakte Vorhersagen der Zukunft zu treffen, auch wenn einige Ökonomen den EIndruck erwecken, es wäre so. Solche Ökonomen darf man gern kritisieren, aber das ist keine Ökonomik-Kritik. Die kann nichts dafür, dass sie von Scharlatenen missbraucht wird.

  21. @Andreas

    Ich meine etwas zwischen aussagelosen Aggregaten und überkomplexes Mikrosystemen. Nehmen wir als Beispiel die Frage, ob eine Geldmengenvergrößerung eine monetäre Inflation auslösen wird. Dazu muss ich abschätzen können, welcher Anteil des neu geschöpften Geldes auf die Anbieterseite, welche auf die Nachfrageseite gelangt, welcher Anteil gehortet wird oder anderweitig versickert. Um Inflation abschätzen zu können, müssen zumindest die großen Geldströme und Kreisläufe einer Wirtschaft bekannt sein, sowie die Stabilität, existierenden Trends und Wechelwirkungen mit anderen Geldkreisläufen. Eine Wirtschaft unterliegt je nach ihrem Entwicklungsstand und historischen Begebenheiten ihren individuellen Wirkmechanismen. Diese müssen analysiert werden, wenn man fundierte Prognosen erstellen möchte.
    Die Meteorologie misst nicht jede Bewegung eines Luftmoleküls, das muss sie auch nicht. Aber sie kann die großen Veränderungen identifizieren und auf dieser Datenbasis valide Prognosen erstellen.
    Anhand der klassischen Aggregate können simple Wirtschaften wie die Mangelwirtschaften des 19 Jahrhunderts hinreichend genau beschrieben werden. Eine moderne Wirtschaft unterliegt gänzlich anderen Dynamiken. Wenn wir die Wirtschaft steuern wollen, müssen die ökonomische Methoden mit der Entwicklung schritthalten. Ansonsten bestimmen die unkontrollierten Dynamiken der Wirtschaft uns und das will ich nicht!

  22. Das Problem der institutionellen VWL ist, dass sie sich politisch missbrauchen lässt.
    Ähnlich wie die Volkskunde sich in der Nazi Zeit freiwillig abstruse Erklärungen für die Rassenideologie lieferte und sich damit Lehrstühle und Gelder sicherte, liefert die VWL all denen eine Legitimation die Ruchlos und Habgierig sein wollen.

    Es ist nicht die wissenschaftliche Interpreatation des Homo Öconomicus die das Problem darstellt, sondern ihr gebrauch als ideologie und als Legitimation für eine Wirtschaftspolitik die gegen den Interessen der Volkes gerichtet ist und wenige bevorzugt. Die VWL muss sich diesem Missbrauch entgegenstellen und ihre eigene Rolle in der Machtpolitik hinterfragen.

    @Andreas: Warum liefert die VWL nicht Modelle die eine Postwachstumsökonomie beschreiben können?
    Warum sind ausserdem die Wachstumskritiker deiner Meinung nach Abstrus?
    Ist der Wirtschaftsnobelpreisträger Herman Daly deiner Meinung nch ein Spinner? Weisst du es viel besser als ein ehem. Chefvolkswirt der Weltbank und Nobelpreisträger deines eigenen Faches?
    Ich empfehle mal ein wenig Information statt völlig haltloser Dffamierung.
    Website von CASSE (Center for the Advance,ent of a steady state economy) http://steadystate.org/
    oder die Schweizer Wrtschaftforscher vom IIER: http://www.iier.ch/content/challenges-voluntary-de-growth

  23. Andreas sagt

    @ Alien
    Das Herman Daly einen Nobelpreis gewonnen hat, ist mir neu. Aber selbst wenn er ihn gewonnen hätte und selbst wenn er neben der Weltbank auch noch den IWF und die Federal Reserve geleitet hätte, mache ich meine Einschätzung vorgebrachter Ideen nicht von den (ehemals) bekleideten Posten der Ideengeber abhängig. Statt mich zu fragen, warum die VWL keine Modelle einer Postwachstumsökonomie entwickelt hat, könntest du ja mal Herman Daly oder den deutschen Postwachstum-Hohepriester Niko Pach fragen. Ersterer würde auf seine aus der Mikroökonomik entnommenen Micker-Modelle hiweisen, die absolut nichts über die sozio-ökonomische Stabilisierung einer schrumpfenden Wirtschaft aussagen. Letzterer würde Dich mit seinen geschwurbelten Ausführungen über Konsumverstopfung, Energiesklaven und die Notwendigkeit der Selbstversorgung mit im Vorgarten gezüchteten Kartoffeln und Gurken verwirren. Du kannst mir glauben: Ich habe mich sehr sehr intensiv mit Postwachstum, Degrowth, etc. befasst und versucht, wirklich gehaltvolle Vorstellungen einer Zukunft ohne Wachstum zu finden, gestoßen bin ich aber nur auf Wunschvorstellungen und platte Ideologie, die teilweise (Paech) auch noch mit unverholener Menschenverachtung verbunden werden. Ich werde Dich nicht davon überzeugen können, aber die gesamte Literatur zum Thema Postwachstum ist bedauerlicherweise eher dem Bereich der Esoterik als dem der Wirtschaftswissenschaften zuzuordnen.

  24. @Andreas
    Ich geb zu, dass ich die Nobelpreise verwechselt hatte. Daly hat einen Nobelpreis, aber den „Livelyhood Awward“ der Swedish Academy, also den „Alternativen“ Nobelpreis.
    Aber dann lies doch mal was von CASSE oder dem Verlinkten IIER, ich denke die versuchen sich ernsthaft und auf hohem Niveau mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen.
    Nico Peach will in seinen Vorträgen nicht die Wissenschaft ansprechen sondern die Laien. Aber deine sehr negative Einschätzungen über ihn teile ich nicht. Vielleicht hat er nur eine andere Perspektive auf die Dinge als Du?

  25. PS: Ich denke übrigens, dass ohne ein totales Umdenken darüber wie wir Wirtschaft betreiben, also ohne einen echten Paradigmenwechsel / Systemwechsel keine Postwachstumsökonomie möglich ist. Wie auch immer eine Postwachstumsökonomie aussieht, die Deutungsansätze der VWL werden darin nicht funktionieren.

    Möglicherweise muss man sich eher an die Economic Anthropology wenden und auf Werke wie „Stonage Economics“ von Marshall Salins zurückgreifen um die sozioökonomischen Auswirkungen verstehen zu können. Wie auch immer sie aussieht, für Volkswirtschaftler wird es unumgänglich sein auch andere Perspektiven auf Ökonomie zu denken. Es schadet nichts dafür die Vetreter der Wirtschaftssoziologie und Wirtschaftsanthropologie mal zu lesen.

  26. Andreas sagt

    @ Alien
    Wie gesagt, ich kenne die Literatur. Wir werden hier sicher nicht auf einen gemeinsamen Trichter kommen. Ich bin im übrigen sehr für nachhaltiges Wirtschaften und für eine im Vergleich zum Status Quo radikale Regulierung, um entsprechende Ziele zu erreichen. Aber ich glaube weder, dass eine solche Regulierung das Wirtschaftswachstum stark beeinträchtigen würde noch halte ich es für eine wünschenswerte Alternative, das Wirtschaftswachstum freiwillig zu reduzieren, um Umweltziele zu erreichen. Und wenn man den Kapitalismus los werden will, schön, der Auffassung kann man sein. Dann soll man es aber beim Namen nennen und es nicht mit dem scheinbar unverfänglichen Begriff „Postwachstum“ verschleiern. Was Niko Paech betrifft: Wenn sich jemand selbst als Teil einer Avantgarde bezeichnet, ist Misstrauen angebracht. Wenn er darüber hinaus Ansichten vertritt, die an die Agrarpolitik der Roten Khmer erinnern, wird es gruselig. Er ist ein Scharlatan, zum Glück ein ungefährlicher.

  27. Hi Andreas,

    ich finde wir kommen da wunderbar zusammen. Wer glaubt, dass es Kapitalismus ohne Wachstum gibt ist ebenso unglaubwürdig wie derjenige der Degrowth / Postwachstum ohne das Ende des Kapitlismus denkt.
    Ausserdem gebe ich dir völlig Recht darin, dass Nico Paech das offen aussprechen sollte.

  28. @Andreas,
    „Aber niemals wird sie wie der Wettberbericht mehr oder weniger exakt bestimmen, was die Zukunft bringt“. Das sehe ich auch so. Allerdings gibt es auch in den Naturwissenschaften Theorien, mit denen man nur die Vergangenheit, nicht die Zukunft erklären kann: die Evolutionstheorie vor allem.
    @Marc,
    Budgetrestriktionen sind doch in VWL-Modellen zentral. Ich kapiere deinen Einwand darum nicht. Es sei denn, dir geht es um den makroökonomischen Einfluss der Nachfrage. Der ist aber seit Keynes ein alter Hut.

  29. @Arne Kuster

    Es geht wir weniger um die Budgetrestriktionen als svielmehr um eine Budgetstruktur mit ihren Beziehungen. Wenn sich die Geldmenge erhöht und ich aufgrund der Historie weiß, in welche Budgets das zusätzliche Geld fließt und auf welchen Märkten und auf welcher Seite (Angebot oder Nachfrage), dann wird ein solches Modell der Ökonomie die Komplexität von Wettermodellen erreichen, aber auch deren bessere Prognosequalität erzielen. Das Geld kann zwar frei fließen, aber es ist v.a. durch Veträge und Gewohnheiten in festere Bahnen gelenkt. Um diese Strukturen mathematisch greifbar zu machen, sind die derzeitigen Modelle der Ökonomie ungeeignet.

    Und mal so von Akademiker zu Akademiker. Eine Aussage wie „Aber niemals wird sie wie der Wettberbericht mehr oder weniger exakt bestimmen, was die Zukunft bringt“ ist im Grunde wissenschaftliche Arbeitsverweigerung.

  30. Pingback: Worüber man am Wochenende debattieren kann | Wirtschaftswurm

  31. @Marc, wenn ich dich richtig verstehe, geht’s dir darum, nicht nur einen repräsentativen Konsumenten zu modellieren, sondern verschieden. Z.B. reiche Haushalte und arme Haushalte. Solche Überlegungen gibt es meines Wissens schon lange. Ich stecke aber in dieser Debatte nicht drin.

  32. Nehmen wir die Formel

    M * V = P * Y

    M = die Geldmenge P = das Preisniveau, Y = das (reale) Bruttoinlandsprodukt, V = die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes.

    Das ist theoertischer Kindergarten, die Gleichung bietet wenig Erkenntnis, sie ist i m Grunde nur eine Art Aufgabenbeschreibung. Die Gleichung besagt nur, wenn sich die Geldmenge ändert, muss sich mindestens einer der drei anderen Faktoren ändern. Jetzt würde die Wissenschaft erst anfangen. Es müssen Modelle entwickelt werden, die exakt beschreiben unter welchen Bedingungen sich welcher Faktor ändert. Dazu ist die Ökonomie nicht in der Lage. Der Grund ist relativ simpel wie erschreckend. Es ist die völlig inakzeptable Annahme der Geldneutralität. Sie besagt, nur die quantitative Geldmengenänderung wäre entscheidend, der qualitative Aspekt, welche konkreten Budgets betroffen sind, wäre irrelevant. Mit diesem Ansatz ist aber eine Beschreibung einer modernen Wirtschaft nicht möglich.

    Natürlich hat die Ökonomie diferrenzierte Modelle entwickelt. Das Problem ist nur, sie basieren weiterhin auf der Annahme der Geldneutralität. Daher sind sie immer noch nicht der Komplexität und Dynamik einer modernen Wirtschaft gewachsen. Stichwort Dynamik: Die klassischen Modelle der Ökonomie gehen von einem harmonischen Gleichgewicht aus. Die harte Realität ist eine andere: unbeherrschabre Dynamiken. Um diese beschreiben zu können, wird eine völlig andere Mathematik benötigt.

  33. Andreas sagt

    @Marc
    Die von Dir aufgeführte Identitätsgleichung eignet sich tatsächlich nicht für Prognosen. Es ist eben keine Funktion und sie beinhaltet keine Annahmen über das Handeln der „Wirtschaftssubjekte“. Das bestreitet außer ein paar Extem-Monetaristen auch überhaupt niemand. Keine Zentralbank, um mal ein Beispiel zu nennen, arbeitet mit Modellen, die von Geldneutralität ausgehen, ganz im Gegenteil: Standard sind neokeynesianische Modelle, die – über verschiedene Mechanismen – von realen Wirkungen geldpolitischer Maßnahmen ausgehen und die selbstverständlich dynamisch sind. Es ist umstritten, welche Mechanismen entscheidend sind, die Nicht-Neutralität der Geldmenge ist hingegen nicht umstritten.
    Was die von Dir genannten harmonischen Gleichgewichte angeht, unterliegst Du einem (häufig gehörten) Mißverständnis. Angenommen wird lediglich, dass sich die verschiedenen Größen nicht von einem Gleichgewicht entfernen, das Modell also stabil ist. Ein instabiles Modell macht offensichtlich keinen Sinn. Man kann natürlich einwenden, und das meinst Du wohl auch, dass es eben keine Stabilität gibt und die Modelle daher falsch sind. Ein solcher Einwand hat aber keine empirische Grundlage, Zentralbanken waren insgesamt in den letzten Jahrzehnten sehr erfolgreich, ihre Inflationszuiele einzuhalten. Was wir jetzt beobachten, ist ein Sonderfall, der nichts mit unbeherrschbaren Dynamiken zu tun hat. An der Nullzinsgrenze ist konventionelle Geldpolitik kaum noch möglich und unkonventionelle Geldpolitik relativ wirkungslos. Einen solchen Fall hat Keynes bereits vor 80 Jahren beschrieben und man weiß grundsätzlich, wie man aus der Misere herauskommt, nämlich mit Fiskalpolitik. Dass man diesen Weg nicht wählt, ist auf politische Ignoranz gegenüber Standard-Makroökonomik zurücktzführen und nicht darauf, dass makroökonomische Modelle nichts taugen.

    Und noch ein Punkt: Es ist keine wissenschaftliche Arbeitsverweigerung, sondern wissenschaftliche Redlichkeit, wenn man auf die Begrenztheit prognostischer Modelle hinweist. Ist das in anderen Disziplinen wirklich anders? Ein Arzt kann einem krebskranken Patienten auch nicht exakt sagen, ob seine Behandlungsmethode ihn heilen oder wieviele zusätzliche Lebensjahre ihm seine Behandlung bringen wird. Er kann nur eine auf dem aktuellen Wissensstand über die Wirksamkeit der Heilmethoden und dem Gesundheitszustand des Patienten fundierenede unsichere Prognose angeben. Ist die Medizin deshalb Blödsinn?

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