Ökonomenblogparade ÖBP: Ursachen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands

Wie entsteht internationale Wettbewerbsfähigkeit? Oder um mit Michael Porter zu fragen: „Warum haben einige Länder im internationalen Wettbewerb Erfolg, und warum scheitern andere?“ Mich interessieren diese Fragen speziell am Beispiel Deutschland und darum möchte ich eine Blogparade zum Thema starten.

Meine Frage an alle Wirtschafts- und Finanzblogger lautet also: Was ist die Ursache der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands? Ist es Hartz-IV, der Euro oder das deutsche Bildungssystem? Liegt es am deutschen Fleiß, an einer klugen Politik, guter Infrastruktur oder ist es historischen Umständen geschuldet?

Bitte schreibt zu diesem Thema einen Beitrag in eurem Blog und verlinkt den hier in den Kommentaren zu diesem Artikel. Alle Beiträge, die bis zum 31.7 veröffentlicht werden, werde ich dann Anfang August hier im Blog im Finale der Blogparade besprechen. Auch wer der Meinung ist, Deutschland sei gar nicht so wettbewerbsfähig, kann natürlich an der Blogparade teilnehmen; der schreibt dann bitte über die Ursachen der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

Ein bisschen Theorie

Internationale Wettbewerbsfähigkeit ist ein immer wieder heftig diskutiertes Thema. Angesichts der Tatsache, dass heutzutage unsere Volkswirtschaften stark vom internationalen Handel abhängen, erscheint internationale Wettbewerbsfähigkeit als entscheidend für unseren Wohlstand. So werden in Deutschland bei einem gesamten BIP von 2.645 Milliarden € (2012) Waren und Dienstleistungen im Wert von 1.365 Milliarden exportiert, das sind 51,6% des BIPs. (Nun werden allerdings auch Waren exportiert, die vorher importiert wurden oder von denen wichtige Komponenten vorher importiert wurden. Insofern überschätzen die Zahlen die Bedeutung des Exports für das deutsche BIP.)

Das Thema “Internationale Wettbewerbsfähigkeit” weist allerdings ein paar Fallstricke auf.

Porträt David Ricardos

David Ricardo

Der Klassiker, wenn es um die Erklärung internationaler Handelsströme geht, ist David Ricardos Theorie der komparativen Kostenvorteile, die er 1817 veröffentlichte. Eine nationale Branche hat demnach dann im internationalen Wettbewerb Erfolg, wenn sie eine relativ hohe Produktivität aufweist. Diese Produktivität ist wiederum abhängig vom Umfeld, moderne Volkswirte sagen, von der Faktorausstattung. Hierzu kann man z.B. Klima, Rohstoffe, billige Arbeitskräfte oder gut ausgebildete Arbeitskräfte zählen.

Was häufig nicht verstanden wird: Ein Land kann nach Ricardo nicht in allen Branchen gleichzeitig wettbewerbsfähig sein. Der Begriff “internationale Wettbewerbsfähigkeit” ergibt also nur für nationale Branchen, nicht aber für ganze Nationen Sinn.

In Ricardos berühmten Beispiel produzieren die Portugiesen sowohl Wein als auch Tuch billiger als die Briten. Die portugiesische Weinproduktion ist jedoch so überragend, dass es sich für die Portugiesen lohnt, alle ihre Arbeitskraft auf den Weinanbau zu konzentrieren. Sie erhalten dann nämlich so viel Überschusswein, dass sie sich von den Exporterlösen auch das eigentlich überteuerte britische Tuch leisten können und trotzdem am Ende mehr Tuch erhalten, als sie selbst hätten produzieren können. (Für ein Zahlenbeispiel: Die Mär vom Standortwettbewerb.) Trotz absoluter Überlegenheit ist also die portugiesische Tuchproduktion im Beispiel nicht international wettbewerbsfähig.

Die Theorie Ricardos gilt immer noch, nur die Umstände sind komplizierter geworden. Die Faktorausstattungen sind heute in einem größeren Maße mobil. Kapital wandert um die Welt, in gewissem Maße auch Arbeitskräfte. Unter diesen Voraussetzungen ist in Ricardos Beispiel noch nicht das Optimum erreicht, wenn die Briten Tuch herstellen und die Portugiesen Wein, sondern erst dann, wenn alle britischen Arbeiter nach Portugal übergesiedelt sind. Denn dort lässt sich letztlich auch Tuch billiger herstellen.

Berücksichtigt man die Faktorwanderungen, muss man wohl internationale Wettbewerbsfähigkeit als die Fähigkeit definieren, Arbeitskräfte und Kapital anzuziehen. Dann geht es allerdings nicht mehr um internationalen Handel, sondern um Standortwettbewerb. Entscheidend dafür werden die Faktoren, die international immobil oder nur wenig mobil sind.

Als letzte Anregung Michael Porters (inzwischen schon ebenfalls klassische) Bestimmungsfaktoren des nationalen Wettbewerbsvorteils:

Bestimmungsfaktoren nationaler Wettbewerbsvorteile: Zufall, Faktorbedingungen, Nachfragebedingungen, verwandte und unterstützende Branchen, Unternehmensstrategie, Struktur und Konkurrenz, Regierung

Michael Porters Diamanten-Modell, Darstellung: Daniel Endres

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15 Gedanken zu „Ökonomenblogparade ÖBP: Ursachen der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands

  1. Erich

    Die Zeiten des Kolonialismus sind vorbei. Speziell die Chinesen sind in ihrem Fleiss keineswegs hinter den Deutschen, eher umgekehrt. Und was die Ausbildung angeht, so wird unser Vorsprung von Jahr zu Jahr immer kleiner. Bei 7 Millionen Hochschulabsolventen in China im Jahr steht uns da noch einiges bevor. Die chinesischen Ingenieure, mit denen ich schon zusammen gearbeitet habe, waren den deutschen durchaus ebenbürdig, wobei ich nicht den Anspruch erhebe, dass diese Auswahl repräsentativ gewesen ist. Denn auch wir kochen nur mit Wasser. Was in China noch nicht so gut funktioniert, ist das Team im ganzen. Bei uns sind die Firmen untereinander einfach schon viel besser aufeinander eingespielt. Sehr lange wird uns dieser Vorsprung aber nicht erhalten bleiben. Und dann bleibt die Frage, weshalb wir bei gleicher Arbeit mehr verdienen sollten, als etwa diese Chinesen.
    Neulich habe ich in einer Studie gelesen, wo prophezeit wird, dass sich die Industrielöhne in den westlichen Nationen denen Chinas auf etwa 60% des heutigen westlichen Niveaus angleichen werden. Das wird keine 20 Jahre dauern. Da steht uns noch einiges bevor, aber wie gesagt, die Kolonialzeit ist vorbei, und wir werden unseren Lebensstandard nicht ewig auf Kosten der armen Länder halten können.

  2. Erich

    Unsere Harz4 Reformen, und unsere Lohnzurückhaltung der letzten Jahre hat uns geholfen, mit dem Fortschritt in den aufsteigenden Ländern Schritt zu halten. Länder wie Italien und Frankreich haben das verschlafen.

  3. Häschen

    Dass Harz4 Reformen und Lohnzurückhaltung etwas mit Wettbewerbsfähigkeit im Sinne des angesprochenen Artikel von Herrn Ricardo zu tun hat, wage ich mal zu bezweifeln.

    Ich habe mehr den Product Mix im Sinn und die Wertschätzung der Produkte aus allen Herren Ländern. Das wäre dann Internationale Handel in Frieden und Harmonie.

    Möglw. macht es Sinn die globalisiert Ebene gesondert zu betrachten und deren Resultate mit dem unstrittig positiv wirkenden Internationalen Wirtschaftstreiben zu kombinieren.

    In Österreich war der Tourismus mal ein nicht unwesentlicher Faktor, eher da er Devisenbringer war, heute wird er von der IKT (IT Industrie) überflügelt. Das fällt bei mir eher unter das Thema internationales Wirtschaftstreiben und weniger unter Globalisierung.

  4. André Kühnlenz

    @Arne/Wirtschaftswurm

    Interessante Punkte, die Du da ansprichst. Nur eine kurze Anmerkung zu den Exporten. Woher hast Du denn diese Zahl? Nominal hat Deutschland 2012 Waren und Dienstleistung im Wert von 1365 Mrd. Euro exportiert. Das wären 51,6% des BIP. Dass Deutschlands Exportquote einmal bei 40% lag – das ist doch schon so lange her…

  5. Andreas

    Einige der Hartz-Reformen hatten sicherlich einen gewissen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit, man sollte diesen aber nicht überschätzen. Vor allem wurden dadurch Dienstleistungsjobs billiger, die aber nicht den Kern der internationalen Wettbewerbsfähigkeit ausmachen. Für die in den wenigen letzten Jahren, eigentlich erst seit der Krise, gestiegene Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen (vergessen wird nicht, dass wie im ersten Jahrzent der 2000er insgesamt ein geringeres Wachstum aufwiesen als die meisten anderen EU-Staaten) waren sicher mitentscheidend:

    (a) Die große industrielle Basis im Verhältnis zu anderen europäischen Volkswirtschaften. Staaten mit großer industrieller Basis erleben nach Rezessionen üblicherweise einen schnelleren Rebound, das lässt sich auch für einzelne US-Staaten zeigen. Man könnte auch sagen: Der Produktivitätsverlust im Industriesektor ist nicht eingebrochen, anders als im Finanzsenktor (wenn man hier überhaupt im üblichen Sinne von Produktivität sprechen kann). In GB bspw. ist die Produktivität stark gesunken.

    (b) Die bilaterale Regulierung der Arbeitsbeziehungen in Deutschland und die noch hohe Tarifbindung hat eine schnellere Reaktion der Arbeitsmarktes auf die Krise ermöglicht als in vielen anderen Staaten. Die hochproduktiven Kernbelegschaften wurden gehalten, eng verbunden mit dem Instrument des Kurzarbeitergeldes

    (c) Duales Ausbildungssystem sichert relativ hohes (betriebsspezifisches) Humankapitalniveau und relativ starker Kündigungsschutz verhinderten starke Freisetzungen von Beschäftigung – insbesondere von jungen Beschäftigten, wie in Spanien, Italien und Griechenland, die im Zeitablauf zu massiver Humankapitalentwertung führen.

    (d) Die immer noch relativ starke Ausprägung des Wohlfahrtsstaates in Deutschland führte dazu, dass nach Eintritt der Krise die sog. automatischen Stabilisatoren besonders stark einen Einbruch der Nachfrage verhinderten. Gleiches gilt für die im Vergleich zu anderen Staaten wenigstens nicht allzu kontraktive Fiskalpolitik. Auch dadurch ist es nicht zu Entwertung von brachliegendem Kapital gekommen.

    (e) Die Lohnzurückhaltung in Deutschland hatte nicht nur mit Hartz, sondern vor allem auch mit vernünftiger Gewerkschaftspolitik zu tun. Damit hatte Deutschland anderen Staaten in der Tat etwas voraus. Dabei spielte der Euro jedoch eine große Rolle. Vor dem Euro hätte Lohnzurückhaltung weit weniger Beschäftigungsgewinne gebracht, weil die D-Mark aufgewertet hätte: Die internationale Wettbewerbsfähigkeit hätte weit weniger zugenommen. Seither ist der Beitrag des Exports zum deutschen Wachstum enorm gestiegen. Es lässt sich schwerlich argumentieren, dass die Zunahme der deutschen Wettbewerbsfähigkeit in den letzten Jahren ohne diesen Effekt ebenso stattgefunden hätte.

  6. Wirtschaftswurm

    Ja, du hast recht, ich habe die Definition des statistischen Bundesamtes nachgelesen. Ich korrigiere es.

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