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Wer hat die gläserne Decke eingezogen?

Wenn zur Zeit über die Frauenquote diskutiert wird, ist viel von der gläsernen Decke die Rede. Gemeint ist eine unsichtbare Hürde, die verhindert, dass Frauen in die oberste Konzernspitze aufsteigen. Was sind allerdings die Ursachen dieser Hürde und wer hat sie aufgestellt?

Für die meisten Frauen liegt die Erklärung auf der Hand: Männer behinderten und diskriminierten karrierewillige Frauen in den Unternehmen. Die Männer an der Spitze begünstigten Männer als Kollegen oder Nachfolger.

Für die Frauen ist diese Erklärung sehr bequem: Sie können alle Schuld von sich weisen und sich in ihrer klassischen Opferrolle suhlen. Das macht aber skeptisch gegenüber dieser Erklärung genauso wie ihre Parallele zu gängigen Verschwörungstheorien. Und in der Tat, um die gläserne Decke zu erklären, gibt es genug andere Ursachen, man braucht die Theorie von der „latenten“ Frauendiskriminierung nicht.

In einem Artikel für den Harvard Business Manager im März 2009 hat die Managementtrainerin Monika Henn bereits mehrere wissenschaftlich-statistisch belegte Gründe genannt, warum Frauen in den Spitzenpositionen eindeutig unterrepräsentiert sind. Das Problem – diese Gründe liegen meistens an den Frauen selbst:

  • Während Männer oft Konkurrenz und Wettbewerb lieben, scheuen Frauen häufig davor zurück. Dies konnte man experimentell nachweisen.
  • Frauen vernetzen sich bevorzugt mit hierarchisch gleich und niedrig gestellten Personen. Männer dagegen suchen häufiger Kontakte zu Höhergestellten und strategisch bedeutsamen Personen.

Hinzu kommt: Vielen Frauen fehlt der Ehrgeiz, bis in die höchsten Ränge aufzusteigen. Die Nachteile einer Karriere (angefangen von Neid und Missgunst bis zu Schwierigkeiten bei der persönlichen Partnerwahl) wiegen für sie schwerer. Schon die Studienfachwahl vieler Frauen ist wenig karriereorientiert.

Die gläserne Decke ist ein Werk der Frauen selbst.

Der Euro-Rettungsschirm hilft dem Euro nicht

Claudia Aebersold Szalay macht es in der NZZ klar: Es geht überhaupt nicht um den Euro beim milliardenschweren „Euro-Rettungsschirm“ (offiziell Europäischer Stabilisierungsmechanismus ESM). Über Wohl und Wehe des Euros entscheide allein die Politik der Europäischen Zentralbank EZB.

Eurotower in Frankfurt/ Main, Sitz der EZB

In der Tat hat die gesamte Schuldenkrise nur vorübergehend am Außenwert des Euros gekratzt. Gegenüber dem Dollar ist er seit Juni letzten Jahres wieder im Aufwind und selbst gegenüber dem Schweizer Franken ist er seitdem einigermaßen stabil.

Nicht so gut sieht es beim Binnenwert des Euros aus. Die jährliche Inflationsrate im Euroraum lag nach ersten Schätzungen im März bei 2,6 %. Damit hat die EZB ihr Inflationsziel von maximal 2 % inzwischen deutlich verfehlt.

Es gibt allerdings überhaupt keinen volkswirtschaftlichen Automatismus, nach dem die Schuldenprobleme eines Staates zu einer Geldentwertung führen. Die Schuldenprobleme werden nur dann zu Inflationsproblemen, wenn die Geldpolitik dies zulässt. Konkret, wenn die Zentralbank bereit ist, Geld „zu drucken“, damit ein Staat seine Schulden zurückzahlen kann. Und leider hat sich die EZB dazu hinreißen lassen.

Der Sündenfall der EZB begann mit dem Ankauf von Staatsanleihen aus den Problemstaaten. Aebersold Szalay beschwichtigt hier, indem sie darauf hinweist, dass die für den Ankauf benötigte Geldmenge „sterilisiert“ wurde, das heißt, man hat durch weitere Geschäfte Geldmenge in gleicher Höhe aus den Märkten genommen. Doch trotzdem hat die Glaubwürdigkeit der EZB gelitten, denn es ist zweifelhaft, dass diese Sterilisation von Dauer ist.

Wichtiger noch: Mit Rücksicht auf die Problemländer hat die EZB die Zinsen zu zaghaft und zu spät erhöht. Inzwischen wabert schon eine gefährliche Inflationserwartung durch den Euroraum, der man kaum noch Herr werden kann.

Der Euro-Rettungsschirm kann hier überhaupt nicht helfen. Er hilft den griechischen, irischen und portugiesischen Politikern, das Gesicht einigermaßen zu wahren, und er hilft den europäischen Banken, Verluste beim Geschäft mit Anleihen von Problemländern zu vermeiden. Gegen die Inflation hilft aber nur eine restriktive Geldpolitik der EZB.

Kosten des schnellen Atomausstiegs: Wie SPON seine Zahlen korrigiert

In meinem ersten Artikel zu den Kosten eines schnellen Atomausstiegs habe ich Spiegel Online vorgeworfen, Kosten, die für einen schnellen Atomausstieg bis 2020 anfallen, und Kosten, die für den ohnehin notwendigen und geplanten Klimaschutz anfallen miteinander zu vermengen. Kurz darauf korrigierte SPON seine Zahlen.

In der neuen Version des Artikels werden die Kosten des schnellen Atomausstiegs mit nur noch 167 Milliarden € statt mit 233 Milliarden € angegeben. SPON begründet die Korrektur damit, dass die zuerst genannte Zahl auch Investitionen für den Wärmebereich beinhaltete, dieser aber für die Frage Atomausstieg irrelevant sei.

Nebenbei sind in der neuen Version des Artikels noch andere Zahlen korrigiert:

  • Statt 13 Milliarden Kosten, die den Verbrauchern im vergangenen Jahr durch Solarenergie angeblich anfielen, sind es nun nur noch 9 Milliarden. Wirtschaftswurm-Leser wissen, dass auch die neue Zahl nicht die Kosten wiedergibt, da auf der anderen Seite die erneuerbaren Energien für nicht berücksichtigte Einsparungen in Höhe von 3,6 bis 4 Milliarden € gesorgt haben.
  • Der prognostizierte Anstieg des Stromhandelsgroßpreis durch die Verteuerung von CO2-Zertifikaten dieses Jahr beträgt nun nicht mehr 2,7 Cent, sondern nur noch 2 Cent pro KWh. Plausibel ist allerdings auch die neue Prognose nicht.

Nun aber zu den 167 Milliarden. Mir ist immer noch völlig schleierhaft, wie diese zustande kommen. Der weitaus größte Kostenblock, der erwähnt wird, sind Investitionen für neue Wind-, Solar-, Biomasse-, Wasser- und Pumpspeicherkraftwerke: 122 Milliarden €. In der neuen Version ergänzt SPON aber ausdrücklich: „Diese Investitionen wären laut BMU-Szenario ohnehin nötig, um die Klimaschutzvorgaben zu erfüllen.“ Genau das, was ich in meinem ersten Artikel zum Thema geschrieben habe: Diese Kosten haben nichts mit dem Atomausstieg zu tun.

Ähnliches muss man auch für den größten Teil der genannten Kosten für Effizienzsteigerungen und für den Ausbau der Netze unterstellen. Es bleibt dann nicht mehr viel: 14,4 Milliarden € für neue Windkraftwerke an Land und 3,3 bis 4,8 Milliarden für neue Gaskraftwerke. Hinzu kämen die Mehrkosten für deren Betrieb (vor allem Brennstoffkosten).

Wie wäre es mit einer zweiten Korrektur des Artikels bei SPON?

Schlimm ist das neue Normal

Ich erlaube mir mal, einen SPON-Titel abzukupfern. Denn unter dem Titel „Schlimm ist das neue Normal“ beschreibt Stefan Kuzmany die Gewöhnung von Menschen und Medien an den Katastrophenzustand in Fukushima: „Vor einigen Tagen hätte es empfindliche Menschen hierzulande wohl noch den Schlaf gekostet, zu wissen, dass die Strahlenwerte im Meer vor Fukushima 3355fach über dem Normalwert liegen. Heute nehmen wir solche Meldungen achselzuckend zur Kenntnis.“

Warum ist das so? – Zum einen, weil wir uns innerlich bereits auf den schlimmsten Fall eingestellt haben , den unser Vorstellungsvermögen fassen kann. Mehr geht nicht, zumindest nicht in unserem Kopf, in der Realität natürlich schon. Oder wer kann sich eine 23 m hohe Tsunamiwelle vorstellen? – Zum anderen reagieren wir nur noch mit einem Achselzucken, weil wir eh schon lange den Überblick verloren haben.

Eurokrise: Jetzt kommt's auch nicht mehr drauf an

Und genauso sieht es auch im Falle der Euro-Schuldenkrise aus. Selbst mir war es in letzter Zeit zu müßig, die Milliarden und Abermilliarden zusammenzuzählen, die uns diese Krise kosten könnte. Wir steuern ohnehin auf eine Katastrophe zu.

Glücklicherweise wurde ifo-Chef Hans-Werner Sinn (vielleicht, weil er auch besser bezahlt wird als ich) nicht müde, die Milliarden zusammenzuzählen. Insgesamt kommt er auf 1 Billion 542 Milliarden Euro Haftungssumme für verschuldete Euroländer. Davon entfallen auf Deutschland allein 391 Milliarden Euro.

Nun müssen wir unser Vorstellungsvermögen vergrößern. 391 Milliarden, das übersteigt den gesamten Bundeshaushalt 2011 (rund 306 Milliarden) um 28 %; das sind 16,2 % des deutschen Bruttoinlandsprodukts; das sind für jeden Inländer 4780 €.

Sollte die gesamte Summe fällig werden, wäre die Schuldenbremse des Grundgesetzes sofort Makulatur. Um den Betrag wenigstens innerhalb von 10 Jahren samt Zinsen zurückzuzahlen, wären jährlich 48,9 Milliarden Euro notwendig (bei einem moderaten Zinssatz von 4,5 %). Zum Vergleich: Für Bildung und Forschung gibt der Bund nur 16 Milliarden im Jahr aus.

Zur Finanzierung müsste die Umsatzsteuer um satte sieben Prozentpunkte auf 26 % steigen. Da eine solch drastische Steuererhöhung aber einen Rückgang der Binnennachfrage und damit der Umsätze (die Bemessungsgrundlage der Steuer) auslösen würde, müssten in der Folge noch weitere Steuern erhöht werden. Insgesamt wäre eine neue Wirtschaftskrise unvermeidbar. Und diese Krise wäre langwieriger als die Wirtschaftskrise 2008/09.

Ein Blick ins Interne

Das erste Quartal 2011 ist zu Ende und das ist eine gute Gelegenheit, einmal die Zugriffsstatistik dieses Blogs genauer anzuschauen. Google Analytics gibt mir für die drei Monate Januar bis März 5488 Besuche an und 8488 Seitenaufrufe.

Dafür, dass dieses Blog erst gut sieben Monate alt ist, kann ich mit den Zahlen zufrieden sein. Gegenüber dem vorangegangenen Quartal ergibt sich immerhin mehr als eine Verdoppelung der Seitenaufrufe und auch innerhalb des Quartals war die Entwicklung positiv: von 1733 Seitenaufrufe im Januar über 2648 im Februar zu 4107 im März. Möge es so weitergehen.

Die beliebtesten Seiten in den letzten drei Monaten waren:

Mit gewissem Abstand folgen: Hartz IV: Es bleibt bei 5 Euro mehr, Euro-Mythos: Ein Blick in die Geldbörse genügt sowie Kein Schreckensszenario: Deutschland ohne Euro.

Für mich interessant ist natürlich, woher die Besucher kamen: Immerhin 15,7 % der Besuche kamen über den direkten Zugriff auf die Seite. 47,5 % erreichten über Links auf anderen Websites den Wirtschaftswurm; 36,7 % über Suchmaschinen.

Die mit Abstand meisten Besuche per Link vermittelte Weissgarnix. Vielen Dank an dieser Stelle. Gute Zulieferer waren auch diverse Seiten, die den Nachrichtenticker Net-News-Express verwenden. Auch hier vielen Dank. Die häufigsten Suchwörter, mit denen Wirtschaftswurm in Suchmaschinen gefunden wurde, waren Leistungsbilanzüberschuss, Kosten Atomausstieg und Armutsquote.

Kein Schreckensszenario: Europa ohne Euro

SPON-Autor Sven Böll hat sich nicht nur ein wirtschaftliches Schreckensszenario ausgedacht für den Fall, dass Deutschland aus der Eurozone austritt, sondern auch ein politisches. Dabei lässt er seinen apokalyptischen Phantasien völlig freien Lauf. Eine nüchterne Abwägung der Chancen und Risiken eines Austritts Deutschlands aus der Eurozone sieht anders aus. Schauen wir uns die Thesen Bölls genauer an:

„Die Bundesrepublik wäre wirtschaftlich und politisch isoliert.“

Böll bedient hier das aus zwei Weltkriegen gewachsene deutsche Trauma der Isolation. Ihre nationale Interessenlage spricht aber dafür, dass sich Holland, Österreich und Finnland erleichtert der deutschen Linie anschließen werden. Und bei den Nicht-Euro-Staaten darf man bei einem Austritt aus der Eurozone ohnehin auf viel Verständnis hoffen.

Selbst Frankreich und Italien werden natürlich sehr schnell von der Fahne der Euro-Solidarität mit den Pleiteländern Griechenland, Portugal, Spanien und Irland desertieren, wenn Deutschland nicht mehr zahlt. Unglaubwürdig, sollten Franzosen und Italiener dann noch auf Deutschland mit dem moralischen Zeigefinger verweisen.

„Außerdem ist damit zu rechnen, dass es zu einem Wettlauf kommt – beim Vertragsbruch der EU-Gesetze genauso wie bei der Abwertung der Währungen und protektionistischen Maßnahmen.“

Nein, damit ist nicht zu rechnen. Denn die Deutschen sind (wie unter dem Titel „Euro-Mythos: Ein Blick in die Geldbörse genügt“ bereits geschrieben) nicht der größte wirtschaftliche Profiteur der EU und der EU-Binnenmarkt ist keine bloße Gefälligkeit der anderen EU-Mitglieder an Deutschland. Der Binnenmarkt ist in ureigenem Interesse aller. Von ihm haben alle profitiert und es werden darum auch alle bemüht sein, den Binnenmarkt auch ohne Euro zu behalten.

„Zerfällt Europa dagegen in egoistisch agierende Nationalstaaten, ist der internationale Bedeutungsverlust der einzelnen Länder beschlossene Sache.“

Die Frage ist, was nützt potenzieller internationale Einfluss, wenn man ihn aufgrund der schon jetzt vorhandenen Zerstrittenheit nicht nutzen kann. Der Fall Libyen zeigt das wieder deutlich. (Siehe auch „Angstmacher Jens Witte“.)

Kein Schreckensszenario: Deutschland ohne Euro

Im Artikel „Euro-Mythos: Ein Blick in die Geldbörse genügt“ habe ich bereits Sven Bölls Argumente bei SPON auseinander genommen, nach denen Deutschland angeblich ökonomisch vom Euro profitiert. Ein anderer Artikel desselben Autors bedarf ebenfalls einer Replik. Böll malt darin ein wirtschaftliches Schreckenszenario für den Fall, dass Deutschland aus der Eurozone austritt. Sein Szenario ist jedoch weder wahrscheinlich noch plausibel.

D-Mark-Münzen

D-Mark-Münzen: Werden sie bald wieder kommen?

Eine Wiedereinführung der D-Mark würde zu einer Kapitalflucht aus anderen EU-Staaten nach Deutschland als dem einzig verbliebenen Ort stabilen Geldes führen. Die EU-Staaten müssten darum Kapitalverkehrssperren verhängen. So behauptet Böll.

Nun, Kapitalverkehrssperren innerhalb der EU sind verboten. Und fließen ausländische Ersparnisse nach Deutschland, so senkt das hier die Zinsen und kurbelt die Konjunktur an. Die Gelder wollen schließlich investiert werden. Letztlich ein sehr positiver Effekt.

Doch die neue D-Mark werde massiv aufwerten und das mache deutsche Waren im Ausland teurer. Die Exportwirtschaft werde leiden und Arbeitsplätze dort verloren gehen. So behauptet Böll.

Allerdings sind die Schätzungen, die Böll ohne Quellenangabe wiedergibt (z. B. 80 % Abwertung des griechischen Drachme) vermutlich übertrieben. Im Übrigen exportiert Deutschland ohnehin hauptsächlich Qualitätsprodukte (Luxusautos, Maschinen), bei denen die Nachfrage wenig vom Preis abhängt. Der negative Einfluss auf die Exportwirtschaft wird zu verkraften sein. Dafür wird die Binnennachfrage steigen. Denn Importprodukte wie Öl werden mit der DM-Aufwertung billiger und die Deutschen werden mehr Geld für anderen Konsum übrig haben. Ein Ausstieg aus dem Euro wird nur den ohnehin fälligen Strukturwandel der Wirtschaft hin zu mehr binnenwirtschaftlicher Orientierung beschleunigen.

Die Abwertung der ausländischen Währungen würde deutsche Vermögensanlagen im Ausland entwerten. So behauptet Böll. – Richtig, aber die Alternative einer Euro-Inflation entwertet auch Vermögensanlagen, nämlich die Spareinlagen. An diesem Argument zeigt sich sehr gut, dass der Euro das Projekt einer global investierenden Finanzelite ist, die D-Mark allerdings die Sache des Kleinsparers und -anlegers.

Das Problem der überschuldeten Eurostaaten werde durch die Aufgabe des Euros nicht gelöst. So behauptet Böll. – Das ist richtig. Das Gegenteil hat auch niemand behauptet. Das Überschuldungsproblem lässt sich nur durch einen Schuldenschnitt lösen. Aber die griechische und portugiesische Wirtschaft würde durch die Abwertung ihrer Währungen wieder wettbewerbsfähig. Und das ist eine nicht ganz unwichtige Voraussetzung, um die Schulden zumindest zum größten Teil zurückzahlen zu können.

Das letzte Argument Bölls hat eigentlich gar nichts mit dem Euro zu tun. Wenn man nicht Griechenland & Co. unterstütze, müsse man im Falle einer Pleite dieser Staaten eben heimischen Banken retten. – Richtig, aber das gilt mit oder ohne Euro. Vielleicht hat man aber aus den Bankenrettungen 2008/09 gelernt und die Steuerzahler bekommen für neue Rettungsleistungen mehr Gegenleistung.

Mehr zum Thema:

Euro-Mythos: Ein Blick in die Geldbörse genügt

SPON hat sich im Vorfeld des aktuellen EU-Gipfels viel Mühe gemacht, den Deutschen ihre Rolle als Zahlmeister Europas schmackhaft zu machen. Im dritten Teil seiner Euro-Artikelreihe erklärt Sven Böll, wie Deutschland angeblich ökonomisch vom Euro profitiert.

Seine Argumente sind nicht neu und werden durch die Wiederholung nicht besser. Im Wesentlichen sind es drei. Das erste: Sieben Jahrzehnte ohne Krieg bedeuteten auch sieben Jahrzehnte, in denen ungestört Vermögen gebildet und vererbt werden konnten.

Das Problem: Den Euro gibt es erst seit 1999 (als Bargeld sogar erst seit 2002). Die sieben Friedensjahrzehnten waren also größtenteils Jahrzehnte ohne Euro. Gerade der Euro ist aber dabei, sich zum Sprengsatz zwischen den europäischen Staaten zu entwickeln. So hat die Euro-Krise das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen stärker erschüttert als jedes andere Ereignis seit 1945. Glücklicherweise sind die Kriegshürden heute höher. Aber nach den Maßstäben des 19. Jahrhunderts läge schon längst ein legitimer Grund für einen deutsch-griechischen Krieg vor.

Das zweite Argument: Der Euro habe dafür gesorgt, dass Spanier, Griechen und andere eine ökonomische Perspektive in ihrem Land gegeben wurde und dass sie nicht mehr auswandern müssten.

Das Problem: Die Süd-Nord-Wanderung innerhalb Europas ging schon in den 70er und 80er Jahren zurück. Dies kann also nicht ursächlich auf den Euro zurückgeführt werden. Der Euro ist wieder dabei, die Verhältnisse zu verschlechtern. Da Spanien, Griechenland und die anderen nicht ihre Währung abwerten können, um ihre Waren international wettbewerbsfähiger zu machen, müssen sie ihre Wirtschaft kaputt sparen. Als Folge wird es schon bald wieder Auswanderungswellen aus diesen Staaten geben. Das zeigt nicht nur die Wirtschaftstheorie, sondern auch die Erfahrungen mit der deutsch-deutschen Währungsunion.

Das dritte Argument: Deutschlands Exportwirtschaft profitiere von dem Euro. Während die Exporte in den Euroraum zwischen 1990 und 1998 nur um 3 % pro Jahr wuchsen, stiegen sie 1999 bis 2003 um 6,5 % und 2003 bis 2007 sogar um 9 % jährlich.

Das Problem: Die Euroländer haben zwar eifrig deutsche Waren konsumiert, aber nur auf Pump. Und es hat sich gezeigt, dass sie ihre Schulden nicht abbezahlen können. Faktisch hat Deutschland seine Exporte teilweise verschenkt. Profitieren kann man so nicht.

Dass für die deutschen Exporte nur wenig nach Deutschland zurückgeflossen ist, zeigt sich deutlich in der Entwicklung der Nettoreallöhne. Diese Nettolöhne nach Abzug der Inflation sind seit der Euro-Einführung gefallen. Ohne Euro wäre die Entwicklung schon allein deswegen besser, weil die D-Mark stärker aufgewertet hätte und Importgüter wie Öl und Gas damit billiger wären.

Ein Blick in die eigene Geldbörse genügt also, um festzustellen, das Deutschland nicht vom Euro profitiert. Ein Blick auf SPON erübrigt sich.

Kosten des schnellen Atomausstiegs: Wie die von SPON genannten Horrorzahlen zusammenschrumpfen

Nun abgeschaltetes AKW Biblis

233 Milliarden Euro gegen 0,4 Cent. Zwei Zahlen höchst unterschiedlicher Dimension als Antwort auf ein und dieselbe Frage: Was kostet uns ein zügiger Atomausstieg?

Die erste Zahl stammt von Michael Sterner (Fraunhofer Institut). Für SPON spielt er das Szenario eines Atomausstiegs bis 2020 durch. Die 233 Milliarden ergeben sich aus den Kosten für den Ausbau erneuerbarer Energien, Investitionskosten in Gaskraftwerke und in den Netzausbau sowie Mehrkosten für Kohle und Gas.

Die zweite Zahl stammt von Olaf Hohmeyer (Sachverständigenrat der Bundesregierung). Er hält einen Atomausstieg bis 2015 für möglich und rechnet auf WDR 5 vor, dass Kohle- oder Gaskraftwerke im Schnitt die KWh Strom 2 Cent teurer produzieren als Atomkraftwerke. Da aber nur 20 % des deutschen Stroms aus AKWs stammen und ersetzt werden müssen, ergibt sich ein Strompreisanstieg um 0,4 Cent/KWh.

Die Deutschen verbrauchen rund 600 Mrd. KWh Strom im Jahr. Hohmeyers 0,4 Cent/KWh summieren sich also in den neuen Jahren bis 2020 auf höchstens 21,6 Milliarden Euro. Das ist mehr als eine Zehnerpotenz kleiner als die von Sterner angegebenen Kosten.

Wer sich die Sterners Berechnungen zugrunde liegende Studie anschaut, bemerkt allerdings, dass es dort nicht nur um den Ausstieg aus der Kernenergie geht, sondern auch um den Ersatz fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien, damit der CO2-Ausstoß massiv gesenkt wird. Das ist sogar das Hauptthema der Studie. Und der weitaus größte Teil der genannten Kosten von 233 Milliarden € fällt auch nicht für den Ersatz der Kernenergie an, sondern für den der fossilen Energieträger.

Selbst im Szenario A der Studie fallen bis 2020 207 Millliarden € so genannte „systemanalytische Differenzkosten“ an. Dieses Szenario unterstellt aber die von Rot-Grün beschlossenen langsamen Atomausstieg. Im Übrigen sind auch diese 207 Milliarden gut angelegtes Geld, denn die Studie errechnet gleichfalls, dass Deutschland ab dem Jahr 2025 dank des Umstiegs auf erneuerbare Energien Ausgaben spart.

Für den schnellen Atomausstieg bis 2020 folgt: Die Kosten von 233 Milliarden € schrumpfen auf 26 Milliarden € Mehrkosten gegenüber dem Szenario A zusammen. Wenn man einmal die der Studie zugrunde liegenden Annahmen genauer überprüfen würde, würde es wahrscheinlich noch weniger. Und damit sind wir dann wieder bei den niedrigen Kosten, die Hohmeyer genannt hat: 0,4 Cent pro KWh.

Fazit: Die Summe von 233 Milliarden € ist irreführend. SPON sollte den Sachverhalt schleunigst klarstellen und seine Leser nicht weiter für dumm verkaufen!

Nachtrag: Inzwischen hat SPON tatsächlich die ursprünglich genannte Summe  nach unten korrigiert. Und noch mehr zum Thema:

Die Wirtschaft kann sich abkoppeln von der Katastrophe

Während in Japan heute die Börsenkurse abstürzten (der Topix-Index verlor 7,5 %), hielten sich an den anderen Märkten die Verluste in Grenzen. Damit teilen die Börsen die Einschätzung der meisten Volkswirte: Das schwere Erdbeben und der Tsunami in Japan werden außerhalb des Landes keine spürbaren wirtschaftlichen Folgen haben. Auch für Japan selbst wird nur ein kurzfristiger Einbruch erwartet, der in ein paar Monaten schon wieder ausgeglichen werden kann.

Das mag erstaunlich sein, wenn man die grauenvollen Bilder der Zerstörung vor Augen hat. Neben der Infrastruktur sind auch viele Produktionsstätten betroffen. Weil darum viele Zulieferteile nicht zu beschaffen sind, bekommen auch Betriebe Probleme, die gar nicht im Katastrophengebiet liegen. So ruht die Produktion momentan bei allen japanischen Autoproduzenten.

Doch schon in ein paar Tagen wird es weitergehen, wenn auch wahrscheinlich zunächst stockend. Man wird freie Kapazitäten an anderen Standorten mobilisieren. Man wird für ausgefallene Lieferanten Ersatz finden. Die Konkurrenz steht schon bereit.

Wenn dann alles wieder rund läuft, kann man die Ausfälle schnell nachholen. Das zeigt die Erfahrung mit dem Kobe-Erdbeben von 1995. Es stimmt, das betroffene Gebiet ist heute größer als damals und die Heftigkeit der Naturgewalten stärker; dafür wurde damals eine wirtschaftliche Kernregion des Inselreiches getroffen. Der dieses Mal betroffene Nordosten ist dagegen wirtschaftlich nicht so bedeutend.

Natürlich gibt es Unwägbarkeiten: Welche Auswirkungen wird die Reaktorkatastrophe von Fukushima noch haben? Und da Volkswirtschaft mindestens zur Hälfte Psychologie ist: Wie wird sich die Stimmung in Japan entwickeln?

Der Blick-Log hält aufgrund solcher Unwägbarkeiten alle Prognosen für verfrüht. Und Werner Jurga von den Ruhrbaronen gibt sich pessimistisch. Doch die deutschen Blogger machen einen Fehler: Sie stellen sich vor, dass eine solche Naturkatastrophe wie derzeit in Japan auf wirklich alle gesellschaftlichen Bereiche durchschlagen muss. Sie verkennen, dass sich die moderne Wirtschaft weitgehend abkoppeln kann von den anderen Lebensbereichen. Die moderne Wirtschaft ist viel flexibler als der Mensch.

Es kann der Wirtschaft gut gehen, während der Mensch im Elend zu versinken droht.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Widersprüchliche Gegenargumente von links

Das bedingungslose Grundeinkommen (häufig BGE abgekürzt) ist ein Phänomen. Es hat überzeugte Anhänger sowohl bei Linken als auch im wirtschaftsliberalen Spektrum gefunden und erbitterte Gegner in allen politischen Lagern. Vor diesem Hintergrund ist ein Artikel von Holger Schatz im aktuellen Heft „Widerspruch“ interessant, in dem sich der Autor mit den Gegenargumenten zum bedingungslosen Grundeinkommen auseinandersetzt, die aus explizit linken Positionen heraus artikuliert werden.

Demonstration für das bedingungslose Grundeinkommen in Berlin, 6.11.2010

Ich möchte hier nicht auf alle „linken“ Gegenargumente eingehen, die Schatz analysiert, sondern drei herausgreifen:

Das erste Gegenargument besagt, dass mit dem BGE die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in den Hintergrund rücken könnte. Nun, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit war außerhalb von Sonntagsreden nie Priorität der Politik wie der Gewerkschaften. Alles andere ist ein Mythos.

Schatz macht allerdings deutlich, dass die These vom „Ende der Arbeit“, die viele Befürwortern des BGE beim Thema Arbeitslosigkeit vertreten, anfällig für Kritik ist. Denn nicht die Arbeit als solche gehe aus, wohl aber die gut bezahlte Arbeit. Der Rationalisierungsfortschritt in der Industrie macht die produktiven Arbeitsplätze noch produktiver – und seltener. In vielen Dienstleistungsbereichen ist dagegen der Produktivitätsfortschritt gering. Das heißt: Auch wenn die Nachfrage in diesen Bereichen steigt, die Löhne können es nicht.

Eine Vermehrung schlecht bezahlter Arbeitsplätze muss aber tatsächlich keine besondere politische Priorität sein.

Das zweite Gegenargument zum BGE unterstellt, dass das bedingungslose Grundeinkommen den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen schwäche. Arbeitgeber könnten mit dem Hinweis, das BGE sichere ja schon die Existenz, den Lohn kürzen und Arbeitnehmer seien eher bereit dies hinzunehmen, wenn sie ein Grundeinkommen als Existenzsicherung haben. Schatz verweist dagegen zurecht darauf, dass letztlich nicht wohlfeile Argumente, sondern Angebot und Nachfrage sowie die Organisationsmacht der Arbeitnehmer die Löhne bestimmen.

Man muss ergänzen: Es erscheint sehr gut möglich, dass mit einem BGE Punkte wie familienfreundliche Arbeitszeiten, Gestaltungsmöglichkeiten im Job u. Ä. für die Arbeitnehmer an Bedeutung gegenüber der Lohnhöhe gewinnen, wenn sie mit Arbeitgebern verhandeln. Aber was ist dagegen zu sagen, wenn die Beschäftigten selbst diese Priorität setzen?

Das dritte Gegenargument, das ich behandeln will: Das BGE ermögliche es einzelnen, sich „aus der Solidargemeinschaft zu verabschieden“ und nicht mehr für die Gesellschaft zu arbeiten. Holger Schatz verweist allerdings zurecht auf den Widerspruch, wenn Kritiker einerseits unterstellen, Menschen würden sich bei der erstbesten Gelegenheit von der Arbeit verabschieden, andererseits aber immer den hohen persönlichen Wert der Arbeit für Anerkennung, Identität und gesellschaftliche Integration bemühen.

Die Ergebnisse der Befragung des Linzer Ökonomen Friedrich Schneider legen nahe, dass die Menschen nicht generell weniger arbeiten werden, wenn sie ein BGE erhalten. Vor allem Beschäftigte im Niedriglohnbereich gaben aber in dieser Studie an, bei einem BGE weniger arbeiten zu wollen. Damit dies nicht passiert, wird man wohl ihre Löhne erhöhen müssen.

Man sieht: Das dritte und das zweite Gegenargument schließen sich gegenseitig aus. Alles spricht dafür, dass das BGE auch das Problem der schlecht bezahlten Arbeit stark vermindert, vielleicht sogar beseitigt.