Wirtschaftswurm-Blog

Euro-Mythos: Ein Blick in die Geldbörse genügt

SPON hat sich im Vorfeld des aktuellen EU-Gipfels viel Mühe gemacht, den Deutschen ihre Rolle als Zahlmeister Europas schmackhaft zu machen. Im dritten Teil seiner Euro-Artikelreihe erklärt Sven Böll, wie Deutschland angeblich ökonomisch vom Euro profitiert.

Seine Argumente sind nicht neu und werden durch die Wiederholung nicht besser. Im Wesentlichen sind es drei. Das erste: Sieben Jahrzehnte ohne Krieg bedeuteten auch sieben Jahrzehnte, in denen ungestört Vermögen gebildet und vererbt werden konnten.

Das Problem: Den Euro gibt es erst seit 1999 (als Bargeld sogar erst seit 2002). Die sieben Friedensjahrzehnten waren also größtenteils Jahrzehnte ohne Euro. Gerade der Euro ist aber dabei, sich zum Sprengsatz zwischen den europäischen Staaten zu entwickeln. So hat die Euro-Krise das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen stärker erschüttert als jedes andere Ereignis seit 1945. Glücklicherweise sind die Kriegshürden heute höher. Aber nach den Maßstäben des 19. Jahrhunderts läge schon längst ein legitimer Grund für einen deutsch-griechischen Krieg vor.

Das zweite Argument: Der Euro habe dafür gesorgt, dass Spanier, Griechen und andere eine ökonomische Perspektive in ihrem Land gegeben wurde und dass sie nicht mehr auswandern müssten.

Das Problem: Die Süd-Nord-Wanderung innerhalb Europas ging schon in den 70er und 80er Jahren zurück. Dies kann also nicht ursächlich auf den Euro zurückgeführt werden. Der Euro ist wieder dabei, die Verhältnisse zu verschlechtern. Da Spanien, Griechenland und die anderen nicht ihre Währung abwerten können, um ihre Waren international wettbewerbsfähiger zu machen, müssen sie ihre Wirtschaft kaputt sparen. Als Folge wird es schon bald wieder Auswanderungswellen aus diesen Staaten geben. Das zeigt nicht nur die Wirtschaftstheorie, sondern auch die Erfahrungen mit der deutsch-deutschen Währungsunion.

Das dritte Argument: Deutschlands Exportwirtschaft profitiere von dem Euro. Während die Exporte in den Euroraum zwischen 1990 und 1998 nur um 3 % pro Jahr wuchsen, stiegen sie 1999 bis 2003 um 6,5 % und 2003 bis 2007 sogar um 9 % jährlich.

Das Problem: Die Euroländer haben zwar eifrig deutsche Waren konsumiert, aber nur auf Pump. Und es hat sich gezeigt, dass sie ihre Schulden nicht abbezahlen können. Faktisch hat Deutschland seine Exporte teilweise verschenkt. Profitieren kann man so nicht.

Dass für die deutschen Exporte nur wenig nach Deutschland zurückgeflossen ist, zeigt sich deutlich in der Entwicklung der Nettoreallöhne. Diese Nettolöhne nach Abzug der Inflation sind seit der Euro-Einführung gefallen. Ohne Euro wäre die Entwicklung schon allein deswegen besser, weil die D-Mark stärker aufgewertet hätte und Importgüter wie Öl und Gas damit billiger wären.

Ein Blick in die eigene Geldbörse genügt also, um festzustellen, das Deutschland nicht vom Euro profitiert. Ein Blick auf SPON erübrigt sich.

4 Kommentare

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  2. Das Häschen sagt

    Der ehrliche Arbeiter und Angestellte profitiert nicht in .de, offensichtlich nicht wirft man einen Blick auf die Entwicklung Entlohnung und der Geldvermögen + Anverwandtes (Aktien usw.) und deren Umverteilung, über die letzten 12 Jahre. Es war vermutlich nicht böse gemeint, aber der Finanzindustrie den roten Teppich auszurollen und die Globalen Konzerne zu fördern – Rich People Don’t Create Jobs. Das sollen sich alle Verantwortlichen hinter die Ohren schreiben.

    Ich habe die Lage betrachtet, globales Finanzsystem, globale Konzerne, ehrbare Geschäftsbanken und Mittelstand. Es hat sich ja nicht allein die Finanzindustrie abgekoppelt, selbst die Globalen Konzerne sind eigentlich schon eher als spezialisierte Volkswirtschaften zu sehen in Summe über eine Branche. Es geht ja weniger um die Menschen in der Gesellschaft die sich selbst helfen können, eine Gesellschaft existiert ja insbesondere wegen jenen die es nicht können.

    Viel betrüblicher ist jedoch die Tatsache, dass offenbar mit Durchschnittswerten gerechnet wird und auf Basis deren entscheiden wird.

    Asset Inflation als weitere Zeitbombe aus dem Eck

    a) Blasenbildung die der HPVI verdeckt
    b) es dauert ein Weilchen, aber die Inflation in den Assets die wandert in die Realwirtschaft mit einer Latenz … aber sie kommt an. Dann möge uns jemand erklären, wie man sich vorstellt, dass eben die sog. ‚Verlierer‘ sprich jene die sich selbst nicht können helfen nicht total zurückfallen sollen. Das ist ein schleichendes Problem in .de.

    Aber klar, Wirtschaftswurm, die Idee ist ja Westeuropa auf das Niveau von Osteuropa anzugleichen. Es macht alles Sinn. Eines ist schon klar, die U.S. produzieren international einfach ich denke ca. zum halben Preis, wenn nicht weniger. Für mich ist die Konsequenz eher, wehe dem der heute nicht die Schäfchen hat im trockenen, die junge Generation wird nie mehr einen Level erreichen wie wir die Älteren – systematisch, als unselbstständig Erwerbstätiger, Kleinunternehmer, Freelancer, Mittelständer … usw. solange nicht ein Umdenken stattfindet.

  3. Wirtschaftswurm sagt

    Ich muss dir eigentlich in allem zustimmen. Eines sehe ich allerdings noch drastischer: „die Idee ist ja Westeuropa auf das Niveau von Osteuropa anzugleichen“. Geht die Entwicklung so weiter, werden in vielleicht 20 Jahren die (immer noch in Sloty zahlenden) Polen verächtlich auf die „deutsche Wirtschaft“ herabsehen.

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