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Die EZB will das Bundesverfassungsgericht für dumm verkaufen

Diese Schlussfolgerung ergibt sich zumindest aus der schriftlichen Stellungnahme der EZB für das Bundesverfassungsgericht.

Morgen und übermorgen finden bekanntlich die Anhörungen vor dem Bundesverfassungsgericht statt. Die Kläger wenden sich nun nicht mehr nur gegen den ESM, auch die Anleihekäufe der EZB (OMT genannt) und die Targetsalden sind Thema.

In ihrer schriftlichen Stellungnahme tritt die EZB den Einwänden aber unter anderem mit folgendem Argument entgegen: Die durchschnittliche Inflation habe im Zeitraum von Januar 1999 bis November 2012 bei 2,06% gelegen und damit sei das Ziel erreicht, mittelfristig eine Preissteigerungsrate von unter, aber nahe 2 % beizubehalten.

Richterroben des Bundesverfassungsgericht auf dem Kleiderständer

Morgen wieder im Einsatz: Richterroben der Bundesverfasungsrichter

Man wundert sich nur.

Zum einen liegt 2,06 % zwar vielleicht nahe bei, aber, wenn mich die Erinnerungen an meine Mathestunden nicht trügen, keinesfalls unter 2 %. Diese Abweichung mag unwichtig sein, dazu gleich mehr. Aber zu behaupten 2,06% liege unter 2 % ist schon dreist. Will man der Aussage überhaupt irgendeinen Sinn abgewinnen, dann wohl nur den, den Leser schon gleich auf Seite 6 einer 52-seitigen Stellungnahme so zu verwirren, dass er danach auch jeden anderen Unsinn hinzunehmen bereit ist.

Doch ein Durchschnitt über 12 Jahre und 17 Länder ist sowieso völlig nichtssagend. Dieser Durchschnitt würde auch passen, wenn sechs Jahre lang 20 % Inflation herrschte und sechs Jahre lang 20 % Deflation. Dieser Durchschnitt würde auch passen, wenn in der einen Hälfte der Euroländer 20 % Inflation herrschte und in der anderen Hälfte 20 % Deflation.

Der Durchschnitt á la EZB kann vernünftigerweise kein Maßstab für irgendwas sein, im Übrigen auch kein ähnlicher 17-Länder-Durchschnitt über einen kürzeren Zeitraum. Auch das Bundesverfassungsgericht wird sich in dieser Sache nicht für dumm verkaufen lassen, (hoffe ich zumindest.)

Aber das Bundesverfassungsgericht muss vom Grundgesetz her argumentieren. Der relevante Artikel 88 GG darum hier im Wortlaut:

Der Bund errichtet eine Währungs- und Notenbank als Bundesbank. Ihre Aufgaben und Befugnisse können im Rahmen der Europäischen Union der Europäischen Zentralbank übertragen werden, die unabhängig ist und dem vorrangigen Ziel der Sicherung der Preisstabilität verpflichtet.

Als man 1992 den Passus mit der EZB in den Artikel 88 einfügte, hat man sich in einer Mischung aus Europhorie und Ignoranz wohl keine Gedanken über die Zielkonflikte gemacht, denen eine europäische Notenbank ausgesetzt sein kann. Die Politiker glaubten damals tatsächlich, dass mit der Währungsunion auch eine wirtschaftliche Angleichung innerhalb Europas erfolgen würde, dass es darum keine große Abweichungen vom Durchschnitt mehr geben würde, dass es darum ausreichen würde, auf den Inflationsdurchschnitt zu achten und dass man damit tatsächlich Preisstabilität in ganz Europa garantieren kann.

Heute stellt sich aber die Frage: Darf die EZB eine Deflation in Griechenland verhindern, wenn das nur um den Preis einer Inflation in Deutschland geht?

Was der Wortlaut des Artikels 88 vielleicht noch offen lässt, ergibt sich zum Glück aus der Präambel des Grundgesetzes. Dort werden alle 16 Bundesländer aufgezählt und die Präambel schließt dann mit dem Satz:

Damit gilt dieses Grundgesetz für das gesamte Deutsche Volk.

Artikel 88 gibt demnach den Deutschen das Versprechen auf Preisstabilität und mit der Gründung der EZB, hat diese sich verpflichtet, dieses Versprechen an die Deutschen zu übernehmen. Wenn die EZB das nicht mehr kann, bzw. wenn sie das nicht kann, ohne ihr gleichzeitiges Versprechen an andere Völker einzuhalten, dann muss sie ihr Versagen nun eingestehen und sich auflösen.

Stattdessen schickt die EZB aber jetzt erst einmal Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen zur Anhörung vor das Bundesverfassungsgericht. Jörg Asmussen wird Rede und Antwort stehen müssen.

Mehr zum Thema:

Griechenlands angeblicher Aufschwung

Den Wiwo-Artikel „Griechenland schuftet fürs Comeback“ wie auch einige andere positive Berichte über das Land in letzter Zeit mag ich nicht unkommentiert lassen. Das fängt schon mit der Frage an, wer bitte schön bei einer Arbeitslosenquote von 27% überhaupt noch schuften darf in Griechenland.

Als Wiwo-Schreiber interviewen wir aber besser keine Arbeitslosen, die können wir mit dem Satz abhaken: „Streiks und gewaltsame Proteste sind weitgehend abgeebbt.“ Besser, wir lassen den griechischen Ministerpräsidenten Samaras zu Wort kommen:

Andonis Samaras

Macht seine Arbeit: der griechische Ministerpräsident Andonis Samaras

„Jene, die noch vor einem Jahr auf Griechenlands Abschied vom Euro wetteten, setzen jetzt auf den Erfolg des Landes.“

Okay, Ministerpräsident Samaras macht also seinen Job und zu diesem Job gehört es, optimistische Reden zu halten. Eine Meldung ist das nicht unbedingt wert; zumal die griechische Regierung bereits verstärkt seit Anfang des Jahres versucht, die Lebensgeister der griechischen Wirtschaft zu beschwören. Siehe „Griechenland hofft auf Ende der Rezession“ vom Handelsblatt Anfang April oder „Griechenland hofft auf Wachstum“ von der Süddeutschen im Januar.

Manche vorgetragenen Fakten, die den Optimismus unterstützen sollten, entpuppten sich in der Vergangenheit außerdem als Nullnummer. So berichtete der Tagesspiegel ebenfalls im Januar von stark gestiegenen Agrarexporten 2012. Das erfreute natürlich, dass die Witterung in Griechenland letztes Jahr günstig gewesen war für die Landwirtschaft. Da aber die Bauern nur 4 % zum BIP des Landes beitragen, hatte es nichts genützt. Am Ende schrumpfte die griechische Wirtschaft um 6,4% 2012.

Auch mit den griechischen Arbeitslosenzahlen wurde 2012 getrickst, wie der Blog Querschüsse herausfand. Das macht skeptisch gegenüber neueren Meldung vom Handelsblatt, im März seien 9.000 Arbeitnehmer mehr eingestellt als gekündigt worden. Wahrscheinlich ein bloßer Saisoneffekt angesichts der beginnenden Tourismussaison zu Ostern. Die Arbeitslosenzahlen gelten als Spätindikator und zeigen als letztes einen Konjunkturaufschwung an.

Fakt ist, im ersten Quartal 2013 schrumpfte die griechische Wirtschaft noch einmal um 5,3 % zum entsprechenden Vorjahresquartal. Saisonbereinigten Daten, die aussagekräftige Wachstumsraten zum direkt vorhergehenden Quartal wiedergeben, veröffentlicht das griechische Statistikamt übrigens nicht. Das wird es wohl demnächst vereinfachen, ein paar irreführende Jubelmeldungen über das griechische Wirtschaftswachstum im Sommer 2013 zu verbreiten. Doch im vom saisonalen Tourismus geprägten Griechenland bedeutet ein Sommerboom noch keinen Konjunkturumschwung.

Immerhin, in den fünf Jahren 2008-2012 ist selbst der Sommerboom in Griechenland ausgeblieben. Und ein wichtiger Frühindikator zeigt schon seit längerem gute Stimmung für das Land an: Der griechische Aktienindex hat sich seit dem Tief Mitte 2012 mehr als verdoppelt.

Doch nach einem stetigen Rückgang der Wirtschaftsleistung über bisher 19 Quartale und um kumuliert 28% ist ein Konjunkturaufschwung mehr als überfällig. Erstaunlich wird darum nicht sein, wenn er vielleicht gegen Ende 2013/Anfang 2014 wirklich kommt, erstaunlich ist vor allem, wie lange er ausgeblieben ist. Die griechische Rezession seit Mitte 2008 zählt bereits zu den längsten der Weltgeschichte.

Und nein! Ein Konjunkturaufschwung nach vielleicht 20 Rezessionsquartalen wird wirklich kein Verdienst der Politik sein, auch wenn uns dann die Politiker in Griechenland und Europa genau dies einreden werden wollen. Wirtschaft bewegt sich immer in Wellen, in Auf- und Abschwüngen. Solche Wellen sind unabhängig von den grundlegenden wirtschaftlichen Problemen und Trends; sie können diese aber für eine Weile überdecken.

Der Kater nach dem schnellen Ende des nächsten Aufschwungs wird umso größer sein. Gut möglich, dass die Enttäuschung dann Europa auseinanderreißen wird.

Mäuse in Bonn und Näherinnen in Bangladesch – der Zusammenhang

In Günther Jauchs letzter Talkshow gab es einen Einspieler zu einem interessanten Verhaltensexperiment des Bonner Ökonomen Armin Falk. Im Übrigen hatte letzte Woche schon die Zeit über dieses Experiment berichtet, dessen Ergebnisse in Science veröffentlicht worden waren. Märkte ruinieren moralische Standards, so das Untersuchungsergebnis. Aber ist das durch Falks Experiment wirklich erwiesen?

Ein Teil der studentischen Teilnehmer am Experiment wurde vor die Wahl gestellt. Entweder sie erhielten 10 €, dann wurde allerdings eine überzählige Labormaus getötet, oder sie verzichteten auf das Geld, dann wurde die Maus von den Experimentatoren gekauft und artgerecht gehalten, so dass sie voraussichtlich noch zwei Jahre lebt. 45,9% der Teilnehmer entschieden sich für das Geld und damit für den Tod der Maus.

trinkende, schwarze Labormaus

Hierum geht es: Labormaus

Ein anderer Teil der Teilnehmer wurde einer Marktsituation ausgesetzt. Es gab jeweils einen „Verkäufer“, dem die Sorge um das Leben einer Maus anvertraut wurde, und einen Käufer, der 20 € zur Verfügung hatte. Wurden sich die beiden über die Verteilung des Geldes einig, bekam jeder den ausgehandelten Anteil und das Leben der Maus war besiegelt. Ohne Einigung verfiel dagegen die Summe und die Maus blieb am Leben. In 72,2% der Fälle kam es zu einer Einigung auf Kosten der Maus.

In weiteren Experimenten wurde ein Auktionsmarkt mit 16 Teilnehmern, neun Verkäufern und sieben Käufern, simuliert. Auch hier wurde eine Maus getötet, wenn ein Käufer und ein Verkäufer zusammenfanden und es wurden 20 € entsprechend ihrer Vereinbarung auf die beiden verteilt. Unter diesen Bedingungen opferten letztlich 75,9% der Verkäufer ihre Maus.

Unter „Marktbedingungen“ wurde also sehr viel häufiger der Tod einer Maus in Kauf genommen als bei individuellen Entscheidungen. Armin Falk schließt daraus, dass Märkte moralische Standards untergraben. Und er erklärt so, dass wir Kleidung aus Bangladesch kaufen, obwohl wir die Arbeitsbedingungen, unter denen sie hergestellt wurden, kritisieren.

Bereits Blogger Theophil fragte sich auf „Deliberation Daily“, ob man der Schlussfolgerung „Märkte sind böse“ folgen kann. Steigen wir in die Diskussion ein.

Armin Falk erklärt das Ergebnis des Experiments durch vier Ursachen:

  1. Märkte erzeugen ein Gefühl geteilter Verantwortung und mindern damit Schuldgefühle.
  2. Über Märkte werden Informationen über angemessenes Verhalten vermittelt. Im Experiment wurde die Einstellung vermittelt, Verhandlungen über das Leben einer Maus seien in Ordnung.
  3. Märkte bewegen den Fokus hin zu materialistischen Aspekten.
  4. Speziell im multilateralen Auktionsmarkt entsteht das Gefühl, dass das eigene Verhalten gar nicht entscheidend sei. Z.B. könnte sich ein Käufer auch mit einem anderen Verkäufer einig werden, wenn man selbst seine Maus nicht verkaufte. Dann würde trotzdem eine Maus getötet.

Zumindest die ersten beiden Gründe treffen aber auch auf andere kollektive Entscheidungssituationen zu. Darum lässt sich aus dem Experiment zunächst nur schließen, dass man nach Möglichkeit individuelle Verantwortlichkeiten festlegt. In einer arbeitsteiligen Welt hat das aber seine Grenzen.

Interessant wäre es einmal , in einem weiteren Verhaltensexperiment den mulitlateralen Auktionsmarkt mit anderen kollektiven Entscheidungsmechanismus zu vergleichen, vor allem mit parlamentarischen Entscheidungen. Im Vergleichsexperiment würden die Teilnehmer also gebeten, über die Tötung der Mäuse zu debattieren und schließlich darüber abzustimmen. Gibt es eine Mehrheit gegen die Mäuse, bekommt jeder 10 €.

Welche Quote käme wohl dabei heraus?

Miese Arbeitsbedingungen in Bangladesch – die Lösungsangebote von Jauchs Talkshowgästen auf dem Prüfstand

Die Diskussion um Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie Bangladeschs, die nach dem Einsturz einer Fabrik Ende April mit über 1000 Toten begann, hat es nun bis in Günter Jauchs Talkshow gebracht. Zwar hat in der Runde gestern Abend ein ordnungspolitisch orientierter Volkswirt gefehlt, dafür wurden die Ökonomen unter uns mit einem Einspieler über eine interessante Studie des Experimentalökonomen Armin Falk entschädigt.

Lösungsmöglichkeit 1 präsentierten die Unternehmer in der Runde, Sina Trinkwalder und Thomas Tanklay. Sie plädierten dafür, Textilien in Europa herstellen zu lassen.

Diese Lösung würde zwar unser Gewissen entlasten, den Näherinnen in Bangladesch aber überhaupt nicht helfen – eher im Gegenteil. Trotz eines großen landwirtschaftlichen Sektors muss Bangladesch per Saldo Lebensmittel einführen und immer noch ist in dem dicht besiedelten Land Unterernährung verbreitet. Ohne Beteiligung am Welthandel und ohne Textilexporte käme es in Bangladesch wieder zu Hungersnöten, die viel mehr als 1000 Opfer fordern würden.

Lösungsmöglichkeit 2 vertrat der Journalist Ranga Yogeshwar am vehementesten. Er möchte, dass Unternehmen wie KiK für ihre Lieferanten die Haftung übernehmen – und zwar „nach unseren gesetzmäßigen Möglichkeiten“.

Diese Lösung ist zunächst kompliziert für die Betroffenen. Näherin aus Bangladesch sollen vor deutschen Gerichten gegen KiK klagen? Wäre es da nicht „näher liegend“, auch im eigentlichen Sinne des Wortes, sie könnten zunächst in Bangladesch gerichtlich gegen Fabrikbesitzer vorgehen, die die Betriebsstätten vernachlässigen?

Yogeshwars Vorschlag schließt zudem ein, dass man deutsches Recht nach Bangladesch exportiert. Eine Bevormundung armer Staaten unter humanitären Vorwänden! Und wie weit sollte das gehen? Soll man auch das deutsche Arbeitsrecht für bangladeschische Zulieferer einführen? Auch das Baurecht? Stellen wir uns vor, mehrere westliche Staaten würden so vorgehen. Dann müsste womöglich eine Fabrik zunächst umgebaut werden, wenn die Betriebsführung sich entscheidet, statt für einen US-amerikanischen Abnehmer für einen deutschen zu produzieren.

Unterschiedliches Recht gleichzeitig in ein und demselben Land, je nachdem für welchen ausländischen Abnehmer man gerade tätig ist, würde nicht zuletzt zu einer Rechtskonfusion führen. Und die wäre das Ende für die Anfänge eines Rechtsstaats in Bangladesch.

Das Dilemma der Position Yogeshwars lässt sich noch besser an der ebenfalls von ihm propagierten Lösungsmöglichkeit 3 erkennen: Yogeshwar will eine Art TÜV für importierte Textilien, der kontrolliert, ob Menschen- und Arbeiterrechte bei der Produktion eingehalten wurden.

Da fragt sich: Kann in Deutschland wirklich ausgeglichen werden, was woanders in der Welt schief läuft? Wenn ein solcher TÜV sinnvoll ist, dann doch wohl besser gleich in Bangladesch?

Nun lässt sich einwenden, die Bangladescher selbst werden das nie hinbekommen. Korruption. Schlechte Ausbildung. Längerfristig gedacht sticht dieser Einwand aber nur und gerade dann, wenn die Bangladescher durch Regularien à la Yogeshwar entmündigt und aus der Verantwortung entlassen werden. Ich glaube, nicht die nebulösen Drohungen der EU haben die Regierung in Dhaka veranlasst, 18 unsichere Fabriken zu schließen, sondern der Protest und die öffentliche Meinung im Land selbst.

Bleibt Lösungsmöglichkeit 4, „Hilfe zur Selbsthilfe“, das Motto Minister Niebels in der Talkshow. Es geht um die Stärkung der Institutionen in Bangladesch. Dabei sollte man auf klare Verantwortlichkeiten setzen. Unbrauchbar dagegen das Mantra der bangladeschischen Textilgewerkschafterin Nazma Akter „Wir alle sind schuld.“ Gemeint sind Regierung, Fabrikbesitzer, Einkäufer und Konsumenten. Wo alle verantwortlich sind, handelt nämlich niemand.

Das ist für mich auch die wirklich Lehre aus dem im Einspieler bei Jauch vorgestellten Experiment Armin Falks. Doch hierzu mehr in meinem nächsten Blogbeitrag. Mehr zum Thema schlechte Arbeitsbedingungen findet man dagegen in meinen Beiträgen zum „Fall Amazon„.

Intellektuelle Elite oder verständliches Massenmedium? Das Dilemma der (Wirtschafts-)Blogs

Auf der re:publica 13 wurde unter anderem über Wirtschafts- und Finanzblogs diskutiert. Über Pfingsten bin ich noch einmal dazu gekommen, mir das Video dieser Diskussion anzuschauen und mir einige (weiterführende?) Gedanken zum Diskussionsthema „Finanzblogs: Intellektuelle Elite oder verständliches Massenmedium?“ zu machen.

Tatsächlich ist die aufgeworfene Frage ja eine, die sich mir konkret auch beim Schreiben jedes einzelnen Blogartikels neu stellt. Was kannst du beim Leser voraussetzen? Wie tief sollst und kannst du in die Thematik einsteigen?

Gut war, dass die Diskutanten ziemlich schnell geklärt hatten, dass es letztlich die Entscheidung jedes Bloggers selbst ist, wo auf der Linie zwischen intellektuellem Tiefgang und breiter Verständlichkeit er seine Texte verortet. Es gibt keinen Auftrag oder keine Verpflichtung der Blogger, die unzweifelhaften Defizite in der wirtschaftlichen Allgemeinbildung der Deutschen, die Schule und Wirtschaftsjournalismus gelassen haben, aufzuarbeiten.

Recht hat Marc Schmidt von den Börsenbloggern (übrigens der Finanzblog-Award-Preisträger 2011), wenn er kritisiert, dass bei Finanz- und Wirtschaftsblogs gerne ein abgehobenes Niveau kritisiert wird, das man aber bei Auto-, Mode- und Techblogs widerspruchslos hinzunehmen bereit ist. Wer mit dem Anspruch an einen Wirtschaftsblog geht „Ich hab zwar keine Ahnung, aber erklär‘ mir mal kurz die Eurokrise“, der kann nur enttäuscht werden.

Es ist also allein die Entscheidung des Bloggers, wo auf der Skala zwischen intellektuellem Tiefgang und breiter Verständlichkeit er sich einordnet. Aber noch mehr: Ein Blogger ist keinesfalls verpflichtet, das einmal gewählte Niveau beizubehalten. Die folgende Grafik veranschaulicht, dass Blogtext A mehr intellektuellen Tiefgang hat, während Blogtext B mehr auf breite Verständlichkeit setzt.

Einordnung der Blogtexte A, B und C auf einer Skala Tiefgang versus Verständlichkeit

Dilemma zwischen Tiefgang und Verständlichkeit

Ein Blogtext sollte nun nicht nur aneinanderreihen, er sollte erzählen. Den Unterschied zwischen Aneinanderreihen und Erzählen kann ich nicht theoretisch erklären, vielleicht können das die Medien- und Literaturwissenschaftler. Aber mit Bezug auf die dargestellte Skala (Tiefgang-Verständlichkeit) bedeutet Erzählen, dass man nicht nur einen Punkt auf ihr besetzt, sondern eine Strecke. Erzählen ist wie das Übereinanderlegen verschiedener Schichten. Und dadurch arbeitet man sich innerhalb eines Textes von breiter Verständlichkeit zu größerem intellektuellem Tiefgang vor – oder manchmal vielleicht auch in umgekehrter Richtung.

Eine gute Erzählung ist ein Text der Sorte C, einer, der sowohl den A-Text an Tiefgang als auch den B-Text an Verständlichkeit übertrifft.

Ich möchte hier im Blog C-Texte schreiben.

Natürlich gibt es da Grenzen.

Meine Grenze auf der Skala nach links: Was ich selbst nicht kapier‘, kann ich anderen auch nicht vermitteln. Bei nicht wenigen volkswirtschaftlichen Studien mit komplizierter Mathematik wird diese Grenze durchaus erreicht.

Außerdem schreibe ich journalistisch, nicht wissenschaftlich-präzise. Den Unterschied hat Sebastian Hauser mal sehr schön im Taz-Blog demonstriert. Die journalistische Schreibe vereinfacht weniger wichtige Sachverhalte, um besser lesbar zu bleiben.

Meine Grenze auf der Skala nach rechts: Ich denke, alles, was in der Wikipedia gut erklärt ist, brauch ich hier nicht noch einmal breit zu erklären. Leider hat die Wikipedia gerade bei Volkswirtschaftsthemen viele Schwachstellen oder besser: umfangreiche Schwachgebiete. Trotzdem: Dass Grundbegriffe bekannt sind und ein gewisses Grundverständnis von Wirtschaft vorhanden ist, setze ich bei meinen Blogtexten voraus. Noch besser gesagt: Ich setze voraus, dass das Interesse/die Wissbegierde da ist, sich ein paar Grundlagen selbständig anzueignen.

Nach der Frage, was Blogs sein sollen und nach der, was ich mit meinen Blogtexten will, verbleibt noch die, wo Wirtschaftsblogs (inklusive meiner) tatsächlich stehen. Eine empirische Frage, die leider in der Podiumsdiskussion auf der re:publica nicht explizit beantwortet wurde.

Tatsächlich verstehen sich die meisten Wirtschaftsblogs als Ergänzung und als Korrektur der Wirtschaftspresse und ordnen sich auf der Grafik oben eher links von Titeln wie FAZ, Handelsblatt und Wirtschaftswoche ein. Wirtschaftsblogs wollen zusätzlichen Tiefgang schaffen! Im Übrigen sieht man das auch gut an den „Blogs“ der Zeitungen selbst wie etwa Fazit oder Herdentrieb. Deren Anspruch ist ganz augenscheinlich, Hintergründe und Zusammenhänge zu erklären, die in den Zeitungen selbst zu kurz kommen.

Spekulationsblasen: Finale der Ökonomenblogparade ÖBP

Am 12. Mai endete die Ökonomenblogparade mit dem Thema Spekulationsblasen. Wieder sind interessante Beiträge der Blogger zusammengekommen. Es gab zudem einige ausführliche Kommentare. Ein Überblick.

Seifenblase

Seifenblase, Foto: Claudia Schmuck

Der Chaosökonom beschäftigte sich ausführlich mit der Frage, was Spekulationsblasen eigentlich sind. So lehnt er die Wikipedia-Definition ab, da sie davon ausgeht, dass es für Aktien oder Anleihen einen objektiven Fundamentalwert oder intrinsischen Wert gibt, und eine Spekulationsblasen dann vorliegt, wenn der Marktwert weit über diesem „wahren“ Wert liegt. Tatsächlich aber seien alle Werte nur subjektiv, ergeben sich durch die subjektiven Einschätzungen der Anbieter und Nachfrager auf dem Markt.

Für den Chaosökonom ist es wichtig, festzuhalten, dass Spekulationsblasen entstehen, wenn sich „eine ganze Menge Leute“ über zukünftige Entwicklungen irren. „Ein großer Teil der Ausgaben/ Investitionen fließt“ dann „ in Güter , die sich später nicht rentieren.“ Im Übrigen glaubt er, dass der Häusermarkt in Deutschland bereits überbewertet ist.

Die Herleitung des Chaosökonom zeigt immerhin, warum es so schwierig ist, Spekulationsblasen zu erkennen. Dazu müsste man nämlich die zukünftigen Entwicklungen genau wissen.

Warum sich aber häufig viele Leute gleichzeitig irren, damit beschäftigt sich Blogger Holger auf „Der Privatanleger“. Sein Ausgangspunkt sind „irrationale“ Anleger, die Wertpapiere deshalb kaufen, weil sie zuvor im Preis gestiegen sind und diese Entwicklung gedanklich fortschreiben.

Meiner Meinung nach sollte man dieses Verhalten allerdings nicht pauschal als „irrational“ bezeichnen. Besser scheint mir festzustellen, dass solche Anleger nur einfache Modellvorstellungen von den Wertpapiermärkten besitzen.

Dann kommen allerdings besser informierte „Arbitrageure“ (Holger) hinzu. Die wissen zwar, dass das Wertpapier bereits überbewertet ist, kaufen aber trotzdem, da sie an eine anhaltende Blase glauben. Der kleinanleger.com spricht in diesem Zusammenhang von der „Bigger-Idiot-Theorie“. Man kauft zu einem überhöhten Preis, weil man glaubt, dass es noch größere Dummköpfe gibt, an die man noch teurer verkaufen kann. Das verlängert natürlich die Blase.

Für Blogger Holger ist das aber immer noch nicht alles. Gezielte Falschinformationen und Betrug spielen seiner Meinung nach eine bedeutende Rolle in Spekulationsblasen und er gibt dafür Beispiele. Selbst staatliche Autoritäten würden Spekulationsblasen oftmals anheizen. Blogger Think Tank ergänzt diese Feststellung mit seiner Warnung, dass die gegenwärtig globalen Niedrigzinsen Spekulationsblasen provozieren.

Auch Andreas Plecko vom Wallstreet Journal Deutschland hebt die Verwandtschaft zwischen Spekulationsblasen und betrügerischen Systemen wie Schneeballsystemen hervor. Der Unterschied liege dabei lediglich in der Anfangsphase (und in der Behandlung vor Gericht). Denn im Gegensatz zu reinen Betrugsmodellen basierten Spekulationsblasen auf im Kern richtigen Ideen über technologischen bzw. wirtschaftlichen Wandel, die erst im Laufe der Blase übertrieben und pervertiert werden.

Kommentator Stoertebeker wiederum ruft im Umgang mit Spekulationsblasen zu Gelassenheit auf: „Platzende Blasen sind im Grunde das Kernstück einer pulsierenden Marktwirtschaft.“

1. Preis gewonnen

Der Wirtschaftswurm ist Sieger des „comdirect finanzblog awards“ 2013.

40 Blogs hatten sich beworben. Und ich hatte es ja bereits (hier) bekannt gegeben, dass ich für den „comdirect finanzblog award“ als einer von neunen nominiert war. Gestern war dann die Preisverleihung auf der re:publica in Berlin in der vollbesetzten Halle 5.

Und meine Freude war groß. Nachdem der dritte Preis an Christian Kirchner von menschen.zahlen.sensationen ging und der zweite Preis an Michael Schulte von Mr. Market vergeben wurde, durfte ich jubeln. Und feiern! Ulrich Hegge, Generalbevollmächtigter der comdirect, übergab mir den 1. Preis!

Das ist eine schöne Anerkennung für über 2 1/2 Jahre Bloggen und eine gute Motivation für die nächsten Jahre. Auch die Kommentatoren hier im Blog dürfen sich eine kleine Scheibe von diesem Preis abschneiden.

Der Sonderpreis ging übrigens an Olaf Storbeck, mit dem ich bereits zwei „Ökonomen live“ gemacht habe, und an Lothar Lochmaier.

Ein paar Fotos der Veranstaltung findet man bereits hier.

PS: Und hier kann man die Laudatio nachlesen.

Geh nicht ohne Gruß, empfiehl bitte den Beitrag weiter!

Die Vollbeschäftigung kommt! Bloß wann und wie?

„Die Vollbeschäftigung kommt!“ Das verkünden FAZ und FAS diese Woche in ihrem Themenschwerpunkt. Und ich glaube sogar, dass sie recht haben werden. Doch bis es soweit ist, kann es noch lange dauern. Und wenn es dann soweit ist, wird es auch nicht so toll sein, wie es uns die FAZ (hier) ausmalt.

FAZ-Redakteur Patrick Bernau setzt unter der Überschrift „Vollbeschäftigung? Unglaublich aber wahr“ vor allem auf die Demografie. Die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge gehen nun nach und nach in Rente. Die Nachwuchsjahrgänge, die neu ins Erwerbsleben treten, sind viel schwächer. So wurden 1947-71 mehr als 1 Million Kinder jedes Jahr in Deutschland geboren, 2011 waren es dagegen nur noch 660.000.

Doch die Demografie wirkt nur langsam, sehr langsam. Der Jahrgang 1971 wird erst 2038 das Rentenalter erreichen. Das sind noch 25 Jahre.

Zudem setzt das Szenario „Vollbeschäftigung durch Demografie“ voraus, dass die geburtenstarken Jahrgänge zwar nach und nach aus dem Erwerbsleben ausscheiden, aber als Rentner und Pensionäre weiterhin eifrig konsumieren und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hoch halten.

Das kann noch schwierig werden.

Natürlich könnte man Renten und Pensionen durch höhere Beiträge zur Rentenversicherung und höhere Steuern finanzieren. Dann würden wir zwar Vollbeschäftigung bekommen, hätten vielleicht auch hohe Bruttolöhnen, netto bliebe allerdings nicht mehr viel übrig.

Mit der kapitalgedeckten Rente glaubte man eine Zeit lang, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben. Unsere Rentenfonds investieren jetzt z.B. im sonnigen Süden und die Griechen und Spanier zahlen später, wenn wir alt sind, alles mit Zins und Zinseszins zurück.

Dann kam allerdings die Eurokrise.

Andere Lösungsmöglichkeiten für das Problem zielen darauf, den Anteil der arbeitenden Bevölkerung an der konsumierenden Bevölkerung wieder zu erhöhen bzw. zumindest nicht ganz so stark sinken zu lassen. Das ist der Fall, wenn man das Renteneintrittsalter erhöht. Aus der Möglichkeit, immer arbeiten zu können, würde so die Pflicht, lange arbeiten zu müssen. Den Anteil der arbeitenden Bevölkerung kann man gleichfalls erhöhen, wenn man die Einwanderung fördert.

Es bleibt jedoch ein Dilemma. In dem man versucht, den Anteil der arbeitenden Bevölkerung hoch und die Renten finanzierbar zu halten, schwächt man genau den Faktor, der die Vollbeschäftigung herbeiführt.

Wie man das Dilemma löst, ist letzlich eine politische Entscheidung. Vollbeschäftigung, so mein Eindruck, hat dabei keine hohe Priorität. Im gerade beginnenden Bundestagswahlkampf ist Vollbeschäftigung zumindest bislang kein Thema.

Verlängerung der Blogparade zu Spekulationsblasen

Noch mal in einem eigenen Beitrag, damit es nicht übersehen wird: Die Blogparade zu Spekulationsblasen wird noch bis zum 12. Mai verlängert. Ich komme in dieser und der nächsten Woche nicht dazu, die Zusammenfassung für das Finale zu schreiben. So bin ich z.B. am 6. und 7. auf der re:publika in Berlin (falls mich da einer treffen will).

Aus meiner Not könnt ihr aber eine Tugend machen, indem ihr weitere Beiträge zum Thema schreibt.

Konsequenzen eines Excel-Fehlers: Revision und Rechtfertigung

Auf meinen Beitrag zum Rechendesaster von Rogoff und Reinhard gab es zahlreiche Reaktionen. Ich möchte auf sie eingehen, in dem ich meine Position weiterentwickle und dadurch hoffentlich klarer mache.

So habe ich unglücklicherweise einen sarkastischen Ausbruch bei Stefan Sasse provoziert:

Staatsschulden machen irgendwann irgendwie irgendwem Probleme, aber wir können keinerlei Aussage darüber machen, wie genau alles zusammenhängt, außer dass es manchmal funktioniert, mit hohen Staatsschulden Wachstum zu generieren, und manchmal selbst mit moderaten Staatsschulden kein Wachstum entsteht? Wahnsinn. … Das sind Erkenntnisse, die geradezu einen Freifahrtschein für alle Ökonomen darstellen. Sie haben einfach immer Recht.

Nein, Stefan, das wollte ich überhaupt nicht sagen. Im konkreten Fall bin ich auch sehr wohl der Meinung, dass Rogoff und Reinhard Unrecht hatten mit ihrer Behauptung, eine Staatsverschuldung von über 90 % des BIPs führe in der Regel zu geringem Wirtschaftswachstum. Diese ihre These wurde nun widerlegt.

Aber man sollte – das ist auch meine Meinung – trotzdem nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Dass eine konkrete wissenschaftliche Hypothese sich als falsch herausgestellt hat, heißt noch lange nicht, dass das übergeordnete wissenschaftliche Paradigma, auf dem diese Hypothese aufbaute, falsch ist.

Was meine ich damit?

Um das zu erklären, kann ich mich auf Alex Hummels Blogbeitrag stützen. Alex hat meine Thesen nämlich mit dem Standardmodell der Makroökonomen, dem IS-LM-Modell verglichen. Nach diesem Modell hat eine Erhöhung der Staatsausgaben, ohne dass gleichzeitig die Steuereinnahmen erhöht werden, grundsätzlich zwei Effekte: das BIP steigt und das allgemeine Zinsniveau steigt.

Je größer der Einfluss auf die Zinsen ist, desto niedriger ist der Einfluss auf das BIP. In dem einen Grenzfall, nämlich wenn die Zinsen überhaupt nicht auf die zusätzliche Staatsverschuldung reagieren, ergibt sich ein maximaler Multiplikator für das BIP. In dem anderen Grenzfall, wenn die Zinsen nämlich extrem in die Höhe schießen, erhöht sich das BIP nicht. Die zusätzliche Staatsnachfrage verdrängt dann lediglich die private Nachfrage.

Reinhard, Rogoff und viele andere, darunter auch ich, sind nun der Meinung, dass das nicht alles sein kann, zumindest dann nicht, wenn man auch die mittlere und lange Frist betrachtet. Unter bestimmten Bedingungen bringt Neuverschuldung nicht nur keinen positiven Effekt, sondern ist sogar schädlich für die Wirtschaft. Wie könnte es sonst überhaupt zu Staatsbankrotten kommen?

Damit habe ich das wissenschaftliche Paradigma formuliert, das ich meine. Auf diesem Paradigma aufbauend ist es weiterhin sinnvoll, wenn Ökonomen sich auf die Suche nach den Bedingungen machen, unter denen Neuverschuldung mittel- und langfristig schädlich ist.

Die Suche von Reinhard und Rogoff hat offensichtlich keine brauchbaren Ergebnisse geliefert. Doch davon sollten sich Ökonomen nicht demotivieren lassen.

So erscheint es mir naheliegend, neben der Schuldenquote weitere Variable bei der Suche nach den Bedingungen einzubeziehen. Nur in diesem Zusammenhang ist mein Vorschlag aus dem letzten Blogbeitrag zu verstehen, die Höhe der aktuellen Nettoneuverschuldung zu berücksichtigen.